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Rezensiert von Bernd Hüttner

Dominic Iten skizziert in dieser Einführung die politische und ökonomische Geschichte der Schweiz und leitet davon die Geschichte «der Linken» ab. Diese bildete sich in einer bereits 1848 errichteten Demokratie, aber in einer sich dezentral industrialisierenden Wirtschaft – was für sie zur Herausforderung wurde. Auch das männliche Bürgerrecht, die Kleinheit der Kantone, Sprachgrenzen und ein tief auch im Alltagsbewusstsein verankertes föderales Prinzip erwiesen sich für die flächendeckende Organisation der Arbeiter*innen als große Hürden. Erste lokale Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen hatte es gleichwohl bereits vor 1848 gegeben.

1888 wird die Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) gegründet, im Dezember 1918 findet der Landesstreik statt, bis heute eine der größten emanzipatorischen Mobilisierungen in der Geschichte der Schweiz. Bei den ersten Proporzwahlen 1919 wird die SPS zweitstärkste Partei im Nationalrat. Auf Grund des Konkordanzprinzips, das eine Einbindung aller großen Parteien in die Bundesregierung vorsieht, hat dies aber nur geringe Auswirkungen.
Die Geschichte der Schweizer Linken ist nicht nur in diesem schmalen Buch zu großen Teilen die Geschichte der SPS und die der großen Gewerkschaften – diese wiederum ist laut Iten die Geschichte einer weitgehenden Integration in die bürgerlichen Verhältnisse. Der Nachkriegsboom war die materielle Basis für einen Klassenkompromiss, der der Praxis der SPS die sozialistischen Einsprengel vollends austrieb und vielen einen enormen Konsum ermöglichte. Die sozialen Kämpfe verlagerten sich mit dem Ende der großen Fabriken ab Ende der 1960er-Jahre hin zu den Themen Geschlecht, Wohnen und Stadtentwicklung sowie Umwelt/Klima. Ihr politischer Ausdruck war und ist die neue Linke, die Jugendbewegung der 1980er, schließlich die zweite Frauenbewegung und aktuell die Klimagerechtigkeitsbewegung. 1991 findet mit großer Resonanz der erste Frauenstreik statt, 2019 zählt dieses Ereignis eine halbe Million Teilnehmer*innen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fusionieren viele Gewerkschaften. Continue Reading »

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Rezensiert von Herbert Klemisch

Ziel des u.a. von Klaus Dörre herausgegebenen Bandes ist es, eine Standortbestimmung vorzunehmen, ob emanzipatorische Projekte Elemente einer sozialistischen Utopie aufweisen und einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus darstellen. Denn Sozialismus wird, so der Konsens der Autor*innen, immer noch als Kategorie für eine anstrebenswerte Utopie definiert. Was verschiedene politische und gesellschaftliche Initiativen von unten leisten, dieser Frage gehen die Beiträge von Studierenden und Wissenschaftler*innen der Friedrich-Schiller-Universität Jena anhand von Fallstudien nach.
Dabei werden so unterschiedliche Prozesse wie die Berliner Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen», die gemeinsame Initiative von Gewerkschaften und Klimaaktivist*innen am Beispiel von «#wirfahrenzusammen» genauso unter die Lupe genommen, wie internationale Bewegungen, Netzwerke oder erfolgreiche parteipolitische Initiativen wie die KPÖ PLUS in Österreich. Diese zwölf Fallstudien bilden den Kern der Publikation.
Der Zeitgeist weht inzwischen in Europa, aber auch weltweit eher von rechts und unbestritten ist die gesellschaftliche Linke in keinem guten Zustand. In den Fallstudien wird aber aufgezeigt, dass trotz des politischen und gesellschaftlichen Gegenwinds kein Grund zur Resignation besteht. Denn es gibt, wie die angeführten Beispiele aufzeigen, emanzipatorische Gegenbewegungen.
Im einleitenden Beitrag arbeitet Dörre heraus, warum Sozialismus immer noch ein Programm gesellschaftlicher Aufklärung ist, um an den scheinbar unverrückbaren Fundamenten moderner kapitalistischer Gesellschaften rütteln. Zum anderen erfordern die diversen Krisen die Ausarbeitung von Alternativen, um mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und schließlich zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu kommen. Continue Reading »

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Einen neue Publikation aus der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung erscheint in diesen Tagen.

Die multiple Krise des Kapitalismus spitzt sich zu. Insbesondere die ökologische Krise hat längst Kipppunkte erreicht und bedroht das planetare Leben. Die Covid-19-Pandemie und die steigenden Lebenshaltungskosten haben die soziale Krise verschärft. Sozialräumliche und sozioökonomische Ungleichheiten wachsen im Weltmaßstab und innerhalb der Gesellschaften; immer mehr Menschen sind auf der Flucht. Die Krise der Demokratie offenbart die autoritären Gehalte des neoliberalen Regierungsprojekts, das keines der großen gesellschaftlichen Probleme gelöst hat. Globale wirtschaftliche Gewichte haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gravierend verändert. Es scheint, dass die Ära der US-Hegemonie, die noch die neoliberale Globalisierung geprägt hat, zu Ende geht. Möglicherweise entsteht eine neue multipolare Weltordnung. Dieser Übergang verläuft nicht friedlich. Es finden bereits zahlreiche Kriege und Bürgerkriege statt, in denen auch um die Neuordnung der Hierarchie der kapitalistischen Staatenwelt gekämpft wird.
Herausgegeben wird der Band von Bernd BelinaAlex Demirovic, Susanne Heeg, Sebastian Klauke, Thomas Sablowski und Aisha Salih im Dampfboot Verlag, Münster.  Die Beiträge (Inhaltsverzeichnis) beleuchten gesellschaftliche Entwicklungen in den USA, der EU, Russland, China, Indien, Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Der Artikel zu den USA ist hier Open Access.

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Das Norbert Elias Center (NEC) der Europa-Universität Flensburg startet die „Transformation Working Paper Series“ – eine neue Open-Access-Reihe, die aktuelle Forschung zu gesellschaftlichem Wandel bündelt und zugleich herausragende wissenschaftliche Arbeiten von Studierenden sichtbar macht.
Die Serie präsentiert neben Beiträgen aus dem Forschungsumfeld des NEC insbesondere exzellente Abschlussarbeiten aus dem M.A.Transformationsstudien. Damit eröffnet sie Studierenden die Möglichkeit, ihre wissenschaftlichen Leistungen früh und prominent zu platzieren. Die Reihe macht sichtbar, auf welch hohem Niveau junge Forscher*innen gesellschaftliche Krisen, nachhaltige Zukunftsstrategien und sozial-ökologische Transformationen analysieren.
Die Beiträge untersuchen soziale, politische und ökologische Krisen sowie zentrale Akteure des Wandels – von Politik über Gerichte bis zu sozialen Bewegungen. Sie beleuchten Konflikte in Transformationsprozessen, Zukunftsszenarien und Strategien der sozial-ökologischen Transformation, etwa alternative Wirtschaftsformen, Suffizienz oder Reallabore. Zudem analysieren die Working Papers kritisch Wirtschaftssysteme und setzen sich mit Kapitalismus, Wachstum und Ungleichheit auseinander. Empirie und Theorie werden dabei interdisziplinär, praxisnah und reflektiert verbunden. Continue Reading »

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Andreas Knie, Professor für Soziologie an der TU Berlin, hat einen fulminanten kleinen Band vorgelegt. Darin geht er der Frage nach, wie in Deutschland eine Automobilgesellschaft entstanden ist und wie sie bis heute durch die Politik am Leben erhalten wird. Dabei weist er nach, dass es die gesellschaftlichen Einstellungen sind, die neben den Rahmenbedingungen zum Erfolg des Autos beitragen. Knie lässt uns teilhaben an den Erkenntnissen seines Berufslebens als Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin und mit Praxiserfahrungen, die er als Geschäftsführer des mittlerweile aufgelösten Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) gesammelt hat.
Anschaulich wird am Beispiel einer Familie, deren Einstellung zu Auto und Mobilität seit dem Beginn der 1990er Jahre er schildert. In dieser Beschreibung wird deutlich, wie stark das Auto den Alltag einer typischen Familie prägt, die zunächst im Kreuzberger Kiez und dann an der Peripherie Berlins wohnt. Hier wird deutlich, dass Familie, Arbeit, Urlaub und Großeinkauf nur mit dem Auto funktionieren. Allerdings mit dem Effekt, dass immer mehr Verkehr und parkende Autos die Straßen verstopfen, was das Autofahren eigentlich unattraktiv macht. Continue Reading »

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Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen haben in Deutschland eine lange Geschichte. Gerade die Perspektive Betroffener spielt in der wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung bisher jedoch kaum eine Rolle. Das 140 Seiten starke Arbeitspapier 83 der Otto-Brenner-Stiftung zeigt: Betroffene im Wissenschaftsbetrieb sehen sich in der Konfrontation mit extrem rechten Vorkommnissen oftmals alleine gelassen und strukturelle Rahmenbedingungen erschweren eine routinierte institutionelle und organisationale Reaktion. Download hier. Über diese Seite ist auch ein Kurzfassung erhältlich.

Eine weitere aktuelle Publikation zum Themenkomplex ist die Broschüre Umgang mit rechten Anfeindungen gegen die Wissenschaft, herausgegeben vom Bundesverband Mobile Beratung e.V..

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Call for Abstracts für die 4. Konferenz der German Labour History Association vom 18.–20. November 2026.

Die vierte Tagung der GLHA befasst sich mit der Bildungsgeschichte von und für Arbeiter:innen in sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektive vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Die Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung sowie die mit ihr verbundenen sozialen und politischen Bewegungen (wie Sozialdemokratie oder proletarische Frauenbewegung) waren immer auch Bewegungen, die im Kern versuchten, durch Bildung Selbstermächtigung und alternative politische Handlungsformen zu erreichen. Gleichwohl unterlag Bildung von oder/und für Arbeiter:innen in der sozialen und politischen Praxis stets divergierenden, gesellschaftlichen und individuellen Interessen.

Veranstaltungsort: Franckesche Stiftungen, Halle/Saale.
Deadline für die Einreichung von Abstracts: Ein Abstract mit etwa 400  Wörtern und ein kurzes akademisches CV (maximal eine Seite) sind bitte bis zum 15. Januar 2026 zu senden an: Wiebke Wiede (wiede(ätt)uni-trier.de) und Stefan Müller (stefan.mueller(ätt)fes.de).

Alle Details im PDF des Call: Call_ArbeiterInnenbildung_GLHA-2026

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Mit der Verschärfung sozial-ökologischer Krisen nehmen auch die Auseinandersetzungen um ihre Lösungen zu. Häufig wird dabei eine Strategie der grünen Modernisierung verfolgt: Unsere kapitalistische Wachstumsgesellschaft kann so bleiben, wie sie ist, wenn wir sie technologisch und energetisch optimieren. Dieser Versuch, die vorherrschende Produktions- und Lebensweise zu stabilisieren, hat seinen Preis. Ob Rohstoffkonflikte im Globalen Süden, autoritäre Tendenzen in liberalen Demokratien, Umwälzungen in der Arbeitswelt oder die blockierte Mobilitätswende – die Beitragenden ergründen zentrale sozial-ökologische Transformationskonflikte der Gegenwart und wagen einen Ausblick, wie Transformation anders gedacht und gestaltet werden kann.

Kritische Analysen und Interventionen zur sozial-ökologischen Krise bietet diese Publikation des Promotionskollegs «Krise und sozial-ökologische Transformation» der RLS.

transcript Verlag, Bielefeld, Juli 2025, 264 Seiten, 39 Euro. ISBN 978-3-8376-7617-4. Die Publikation ist hier open access.

Auf der Grundlage einer mehrjährigen, umfangreichen ethnografischen Forschung beschreibt die Publikation, wie aus den griechischen Protesten (2008 – 2015) gegen die Krisenpolitik der „Troika“ langfristige Strukturen demokratischer Selbstorganisation hervorgegangen sind. Dabei wirft sie auch einen detaillierten Blick auf die griechische Protestgeschichte sowie auf sozialpolitische Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre. Die Autorin thematisiert dabei u.a., welche Kooperationen zwischen parlamentarischen und selbstorganisierten Akteur*innen stattgefunden haben und an welcher Stelle sie gescheitert sind.

Darüber hinaus geht sie in ihrer Arbeit der Frage nach, welche gesellschaftstransformatorischen Potentiale die in der jüngsten politischen und ökonomischen Krise entstandenen selbstorganisierten Strukturen aufweisen. Besonders ausführlich stellt sie dies anhand von vier Fallstudien– selbstverwaltete Fabrik, Genossenschaftszeitung, selbstorganisierte Sozialklinik, selbstverwalteter Markt ohne Mittelleute – dar,  wie diese einzelnen Projekte versuchen, gesellschaftliche Teilbereiche wie Industrie/Produktion, Kultur, Gesundheit und Nahrungsmittelversorgung anders zu organisieren. Das Buch macht die Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstorganisation in Griechenland sichtbar, diese dienen aber gleichzeitig auch als Paradigmen für Versuche gesellschaftlicher Neuorganisation in anderen nationalen Kontexten.

Dilan Köse: Krisenproteste in Griechenland. Transformatorische Potenziale der Selbstorganisation; transcript Verlag, Bielefeld 2025, 348 Seiten, 49 Euro.

Hier im Open Acces

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Am 15. Mai 1525 wurde das Heer der aufständischen Thüringer Bauern in der Schlacht bei Frankenhausen von einem Fürstenheer vernichtend geschlagen. Ihr Anführer, der radikale protestantische Prediger Thomas Müntzer, wurde gefangengenommen und am 27. Mai in Mühlhausen hingerichtet. Er teilte damit das Schicksal von Tausenden seiner Mitkämpfer, die dem Blutbad der fürstlichen Söldner – angeführt von Landgraf Philipp von Hessen, der zwei Jahre später die noch heute nach ihm («dem Großmütigen») benannte Universität in Marburg gründete – zum Opfer fielen. Damit war die bäuerliche Aufstandsbewegung in Thüringen niedergeschlagen. Auch wenn andernorts – vor allem im süddeutschen Raum – die Kämpfe noch weitergingen, zeichnete sich die endgültige Niederlage nun ab. Schätzungen gehen von rund 100.000 getöteten Bauern aus, häufig erst nach Ende der eigentlichen Kampfhandlungen. Ihre politischen Ziele konnten die Aufständischen nirgendwo durchsetzen. Die drückenden Abgaben wurden vielerorts noch einmal erhöht, die Hörigkeitsverhältnisse und Schollenbindung verschärft, das bäuerliche Gemeineigentum weiter zurückgedrängt. Städte, die sich der Bauernbewegung angeschlossen hatten, wurden mit hohen Kontributionen belegt und verloren ihre alten Rechte und Freiheiten.
500 Jahre später sorgen bäuerliche Unruhen wieder für Schlagzeilen. Treckerblockaden und stilisierte Galgen mit aufgehängten Strohpuppen sorgen für spektakuläre Nachrichtenbilder. Bäuerinnen und Bauern – so scheint es – sind ohnehin schon in einer wirtschaftlich schwierigen Lage, nun bedroht der Abbau der Dieselsubventionen vollends ihr Existenz. Doch stimmt dieses apokalyptische Bild? Welche wirtschaftlichen Risiken und Probleme lasten tatsächlich auf den Landwirt*innen? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Landwirtschaft und Klimakrise? Continue Reading »

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Die nächste Konferenz der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) findet in Wien statt. Genauere Informationen zur Anmeldung folgen ab Mitte Juni auf der AkG Homepage.

Anlässe gibt es genug. Wir erleben vielfältige globale Konflikte, geopolitische Verschiebungen, innergesellschaftliche Spaltungen und Auseinandersetzungen. Wie können wir das genauer verstehen? Wie organisieren sich kritisch-emanzipatorische Kräfte angesichts dieser Gemengelage?

Der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) ist es ein Anliegen, Raum für wissenschaftliche Debatten und Austausch zu bieten. Die Konferenz beginnt bereits am Donnerstagabend, 11. September mit einem öffentlichen Eröffnungspanel „Das neue Gesicht des Autoritarismus. Faschisierung, Rollback, Gegenkräfte?“. Es diskutieren – moderiert von Katharina Hayek und Alke Jenss – unter anderen Melehat Kutun, Margit Mayer und Benjamin Opratko. Am Freitagabend gibt es dann eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zur Frage: „Was tun? Antifaschismus im 21. Jahrhundert“, moderiert von Dana Lüddemann und Niki Kubaczek, und unter anderen mit Simon Strick. Am Samstagabend diskutieren zum Abschluss unter anderen Andreas Bieler, Carolina Vestena, Peter Ullrich, moderiert von Ulrich Brand, unter dem Titel „Wissenschaft in Krisenzeiten: Konflikte, Strategien, Räume der Auseinandersetzung“.

Für AkG-Mitglieder findet am Freitagvormittag eine interne Diskussion zur Rolle kritischer Wissenschaft und Perspektiven für die AkG statt gefolgt am frühen Nachmittag von der AkG Mitgliederversammlung. Continue Reading »

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Eine Rezension von Bernd Hüttner

Seit 2016 Rückkehr nach Reims von Didier Eribion auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen ist, das Original war bereits 2009 veröffentlicht worden, spielen Fragen von Herkunft, «Bildungsaufstieg» und Klassenwechsel in literarischen Werken und im Feuilleton eine größere Rolle. Der Suhrkamp-Verlag vermarktete ab 2017 dann auch entsprechend die Werke von Annie Ernaux und Éduard Louis. Ernaux, die als «Ethnologin meiner Selbst» mehrere Bücher publiziert hat, erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur.

In der Bundesrepublik hatten diese Titel, und von der Anlage her ähnliche literarische Werke, etwa von Christian Baron, Deniz Ohde, Daniela Dröscher oder Gabriele Kögl ebenfalls eine große Bedeutung. Die mit dieser Debatte zusammenhängende, aber durch sie nicht ausgelöste Diskussion zu Klassismus, wurde anhand etlichen eher als Sachbuch zu bezeichnenden Publikationen oder wenigen Anthologien auch in der politischen Linken geführt.

All diesen literarischen Titeln und auch einzelnen Beiträgen in den Sammelbänden zu Klassismus ist gemein, dass in ihnen die AutorInnen ihr Herkunftsmilieu bzw. wie sie dieses Verlassen beschreiben und, in wenigen Fällen, auch die zeitweise, freiwillige oder zwangsweise Rückkehr dorthin. Die literarische Bearbeitung dieser Klassenreise unterliegt jedoch einem Paradox, und zwar auf zweierlei Art (S. 33). Erstens gibt einem und einer das Verlassen das Herkunftsmilieus erst die Instrumente in die Hand, ebendieses (und die anschließende Klassenreise) überhaupt und erst recht: kritisch zu beschreiben. Zum anderen vollzieht sich der «Aufstieg» der KlassenwechslerInnen in und durch denjenigen Bildungsinstitutionen, deren diskriminierende Effekte sie selbst auch erlebt haben – und nun beschreiben. Continue Reading »

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Eine Rezension von Bernd Hüttner

Die Linke in der Schweiz hat es schwerer als die vieler anderer Länder in Europa. In einem Land zu leben und politisch zu arbeiten, das strukturell so konservativ und einer der Hotspots des globalen Kapitalismus ist, ist eine Herausforderung. In der Schweiz beträgt das durchschnittliche Vermögen statistisch fast 700.000 Dollar pro EinwohnerIn, die reichsten fünf Prozent besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens und das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Das 2004 gegründete Denknetz ist der linke Think Tank der Schweiz. Als Einrichtung von «unten» lebt er finanziell von seinen 1.500 Mitgliedern und leistet gesellschaftstheoretische und politische Grundlagenarbeit. Neben Fach- und Regionalgruppen leistet das Denknetz eine umfangreiche Textproduktion, die online einsehbar ist. Das aktuelle Jahrbuch des Denknetz fordert im Vorwort Geduld und Nüchternheit ein, ohne die es auch keine Hoffnung geben könne. Falls die progressiven Kräfte keine Zukunftshoffnung aufbauen oder vermitteln könnten, dann würde das «Zukunftsvakuum» durch antidemokratische, wenn nicht faschistische Kräfte gefüllt. Die insgesamt 16 Artikel untersuchen in der ersten Sektion «die Krise» bzw. ihre Beschreibungen. Pascal Zwicky, Sekretär des Denknetz, führt den Begriff der «Polykrise» näher aus, bemängelt aber seine mangelnde herrschaftstheoretische Einbettung. Roland Herzog und Hans Schäppi halten «den Marxismus» als Instrument zur Analyse der gegenwärtigen Situation für geeignet. Geeignet, wenn er sich durch die feministische Kritik und eine Aneignung des Gedankenguts der politischen Ökologie zu einer «ökologischen, und care-orientierten, undogmatischen, feministischen und libertären» (S. 10) Lesart modernisiert habe. Continue Reading »

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Eine Rezension von Sebastian Klauke

Ökosozialistisches Denken hat spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 wieder an Kontur und Einfluss gewonnen, wobei sich verschiedene Diskurse und Denkrichtungen überlagern, etwa zum «Green New Deal» und Degrowth sowie marxistische Beiträge. Der vorliegende Band gehört zur empfehlenswerten theorie.org-Reihe und wurde von drei Autor*innen konzipiert, wobei von ihnen nur die Einleitung und das Schlusskapitel geschrieben wurden.
Der erste Teil, menschengemachter Klimawandel, zeigt das Problem unserer Gegenwart im Rahmen globaler durchgesetzter kapitalistischer Reproduktionsbedingungen präzise auf. Die wichtigsten Parameter des Klimawandels werden eindrücklich aufgeführt. Im zweiten Teil, Natur und Gesellschaft im Kapitalismus, werden dann aber die Probleme des Buches deutlich: Begrifflichkeiten laufen durcheinander oder werden zumindest nicht präzise verwandt – etwa Gemeinschaft und Gesellschaft oder Klasse, Krise oder Katastrophe. Die Darstellung der Gedanken Marx‘ zum Kapitalismus gestaltet sich auch schwierig, zumindest wenn die Leser*in anderweitig erworbenes Wissen mitbringt, da der Text notwendig verkürzt (und anderswo hinsichtlich der Marxschen Kapitalismusanalyse bereits mehrfach besser dargelegt wurde), die historischen und geographischen Dimensionen der Ausführungen bleiben unkonkret und unpräzise. Die Dynamik geht verloren, vieles liest sich schematisch, der Sprachgebrauch ist mitunter anklagend. Eine Einordnung des Klimawandels als wesentliche Dimension der gegenwärtigen Krisenkonstellation unterbleibt. Die relevante Literatur zum Thema wird zwar für die eigene Argumentation herangezogen, aber leider nicht systematisiert, sondern nur punktuell ausgewertet. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet hier alle relevanten Titel.
Stark ist das dritte Kapitel zum fossilen Kapitalismus – hier wird nachgezeichnet, warum eigentlich Kohle und Öl so grundlegend und relevant für unsere Gesellschaftsordnung wurden; mit einer «natürlichen» oder «zufälligen» Entwicklung hat dies alles nichts zu tun. Es folgen kapitelweise Abrechnungen mit der Klimapolitik, der Klimabewegung, dem Green New Deal sowie Degrowth/Postwachstum-Perspektiven. Die Paradoxien, Widersprüche, Illusionen, Stärken wie Schwächen all dieser Ansätze werden trotz der Kürze korrekt benannt, aber das letzte Kapitel, zum ökologischen Sozialismus, bietet als Aufruf auch keine Lösung an. Die Arbeiter*innenklasse wird als wichtigster Akteur angerufen, Klassenpolitik beschworen. Die Stoßrichtung der Autor*innen ist nachvollziehbar, samt der durchschimmernden Verzweiflung angesichts des bisherigen Verlaufs aller Entwicklungen. Aber mehr als ein Appell zur zweifelsohne bestehenden Dringlichkeit bleibt am Ende nicht übrig.

Katja Wagner, Maximilian Hauer, Maria Neuhauss: Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2025, 220 Seiten, 15 Euro

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Ausgangspunkt des Bandes ist, dass multiple Krisen auch Bildung herausfordern einen Umgang mit und eine Rolle in gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu finden. Da inspirierende Impulse hierzu derzeit insbesondere aus sozialen Bewegungen kommen, werden in einer qualitativen Studie die Bildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung beleuchtet. Davon ausgehend wird skizziert, was politische Bildung im Kontext sozial-ökologischer Transformation aus kritischer gesellschaftstheoretischer Perspektive bedeuten kann. Es werden zudem Anknüpfungspunkte für eine politisch gedachte transformative Bildung herausgearbeitet.
Der Band, der auf der Dissertation der Autorin beruht, ist hier auch open access zugänglich.

Julia Lingenfelder: Politische Bildung und sozial-ökologische Transformation. Impulse aus Bildungspraxen der Klimagerechtigkeitsbewegung, Wochenschau Verlag, Frankfurt/Main 2025, 416 Seiten, 54 Euro.

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