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Von Andrea_s Exner

Die vielfältigen, miteinander zusammenhängenden Krisen stellen politische Aktivist:innen vor eine dreifache Herausforderung: Wie können Auseinandersetzungen, die sich an verschiedenen Brennpunkten entzünden, so verbunden werden, dass sie, erstens, auf konkrete Bedürfnisse Bezug nehmen, zweitens, den Alltag verbessern, und, drittens, zugleich dazu beitragen, die kapitalistische Wirtschaftsweise zu überwinden? Mit Blick auf diese Herausforderung sucht Gabriele Winker, emeritierte Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der TU Hamburg sowie Mitbegründerin des Netzwerks Care Revolution, nach Antworten.

Ihr neues Buch «Solidarische Care-Ökonomie» fokussiert dabei auf zwei Krisenstränge: die «Gefährdung von Sorgebeziehungen» und den «lebensbedrohlichen Klimawandel». Die Darstellung dieser Problembereiche besticht durch die gut lesbare und differenzierte Analyse. Danach erörtert Winker, wie diese Bereiche in der Perspektive einer solidarischen Care-Ökonomie verbunden werden können. Winker fasst die sozialen und ökologischen Krisen in dieser Hinsicht als Ausdruck der «Erschöpfung menschlicher und ökologischer Ressourcen». Diese Erschöpfung, so argumentiert die Autorin, beeinträchtigt die für eine politische Veränderung entscheidende Handlungsfähigkeit von Menschen, während sie im selben Maße wirksames kollektives Handeln dringlich notwendig macht. Kenntnisreich zeichnet Winker ein präzises Bild des Leidens in einer neoliberal geprägten Gesellschaft. Sie zeigt jedoch auch auf, wie Menschen sich Zumutungen verweigern und Auswege suchen. Von diesen Anknüpfungspunkten für eine «revolutionäre Realpolitik für Care und Klima» ausgehend, skizziert Winker vier strategische Zielrichtungen, die einander ergänzen: eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, den Aufbau einer solidarischen Unterstützungsstruktur durch ein bedingungsloses Grundeinkommen und eine soziale Infrastruktur, die Entwicklung demokratischer Beteiligungsformen in der Care-Arbeit und darüber hinaus, sowie die Unterstützung vielfältiger Lebensentwürfe durch Commons-Initiativen. Continue Reading »

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Die Zeitschrift Alternativy, ein vor allem aus dem akademisch-marxistischen Raum getragenes Projekt, befasst sich mit grundlegenden Fragen linken Denkens und Handelns. Die aktuelle Ausgabe 2/2021 hat in einem ersten Komplex den 100. Jahrestag der Einführung der Neuen ökonomischen Politik (NÖP) in Sowjetrussland zum Gegenstand. Ein weiterer Komplex widmet sich dem Beitrag von Friedrich Engels zur Entwicklung der marxschen Richtung. Diese Frage wird auch in einem Artikel aufgegriffen, in dem die Schrift Engels’ zur Dialektik der Natur unter dem Gesichtspunkt der COVID-19 Pandemie diskutiert wird. Der abschließende Teil befasst sich mit wunden Punkten der linken Bewegungsgeschichte – es geht um die Rolle der vorrevolutionären Intelligenz und ihr differenziertes Verhältnis zur Revolution, um das sozial-psychologische Profil der Anhänger der konterrevolutionären Weißen Bewegung, um den Roten Terror auf der Krim 1920-1921, die Rolle der ukrainischen Sozialdemokratie bei der Entstehung der Russländischen Sozialdemokratischen Partei Ende des 19. Jahrhunderts und die revolutionären Prozesse im Südwesten Russlands Anfang 1918. Angesichts der in Russland aktiv betriebenen Geschichtspolitik ist der hohe Stellenwert derartiger historisch angelegter Artikel verständlich. Weitere Beiträge analysieren die aktuelle ökonomische und soziale Entwicklung in Russland sowie Veränderungen in der Sozialstruktur in den Ländern Osteuropas. In der Rubrik „Praxis“ ist ein Beitrag aus LuXemburg abgedruckt, den Eric Blanc über die Streikschule der Rosa-Luxemburg-Stiftung geschrieben hatte. Continue Reading »

Die 15 Beiträge dieses lesenswerten Buches kreisen um das Verhältnis von Bildung zu sozialer Ungleichheit. Dabei wird von der letztlich sozialdemokratischen Grundthese ausgegangen, soziale Ungleichheit vertrage sich nicht mit der Vorstellung, dass Demokratie auf politischer Gleichheit beruhe, ja stehe im Widerspruch dazu. Der Gedanke, dass Armut und Abwertung durchaus gewollt ist, und auch zur Disziplinierung aller anderen dient, wird nicht deutlich genug ausgesprochen.
In vielen der Artikel wird die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen angesprochen und kritisiert, ebenso die soziale Vererbung von Bildung eindrücklich nachgewiesen. Diese resultiert zum einen aus der Selektion bei den Bildungsübergängen (meist schon im Alter von zehn Jahren) und noch mehr aus der auf Kinder aus der Mittel- und Oberschicht ausgerichteten kulturellen Grammatik des Unterrichts und des gesamten «Systems Schule» (und später auch der Hochschulen). Continue Reading »

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Unsere Broschüre „Nulltarif. Luxus des Öffentlichen im Verkehr: Widersprüchlicher Fortschritt einer Idee im ÖPNV“ erschien vor fast einem Jahr, kurz nach dem ersten Lockdown. Und kurz vor dessen Beginn hatte Luxemburg den Nulltarif für den gesamten öffentlichen Verkehr innerhalb seiner Landesgrenzen eingeführt. Zu den Folgen der Pandemie gehört, dass erste Luxemburger Erfahrungen nicht wie erhofft gesammelt, ausgewertet und diskutiert werden können. Mehr

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Mit diesen Diskussionsthesen finden die hier gemeinsam mit Gabi Zimmer veröffentlichten Reflektionen zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft ihren Abschluss. Weiter

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Jan Toporowski, ein langjähriger Partner der RLS, dessen Spuren auch auf mehring1 zu finden sind, hat diesen Text vor einigen Jahren geschrieben. Dass er nunmehr übersetzt und hier eingestellt ist, hat mit der Debatte zu tun, die insbesondere um den Leitantrag des Vorstandes der „stiftungsnahen Partei“ an ihren 7. Parteitag kreist. Toporowski gehörte zu jenen, die Jeremy Corbyn solidarisch-kritisch begleiteten und insbesondere mit politökonomischen Analysen helfen wollten, eine erfolgreiche linke Politik zu entwickeln. weiter

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Selbstverständlich haben wir in unsere Analyse die offizielle Bilanz der Bundesregierung und ihre Untersetzung auf den Websites der Bundesministerien, die Beschlüsse der Ratstagungen und ebenso die Reflektionen der emanzipativ-solidarischen Kräfte kritisch einbezogen. Ferner geht unsere Bilanz von den offiziellen „Spielregeln“ aus: Der Lissabonner Vertrag mehr

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Wie vor 20 Jahren beim ersten Weltsozialforum (WSF) in Porto Alegre (Brasilien) fand auch das diesjährige WSF parallel zum Weltwirtschaftsforum (WEF) statt, beide digital. Allerdings fehlte Ende Januar das Medienecho für das WSF und im weiteren Unterschied zum WEF soll es kein WSF im Mai geben. Dennoch verdient das linke Event mit ca. 6.000 registrierten Teilnehmer*innen aus 144 Ländern und mit, dank facebook, Instagram, youtube und vielen Websites, de facto insgesamt über 10.000 Partizipierenden Beachtung. Vor allem aber erfordert es gründliche Analyse, jedenfalls seitens der Sozialist*innen. Mehr

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Von Peter Streiff

Als Enteignung wird meist die kapitalistische Praxis verstanden, mittels gewaltsamer Methoden oder trickreicher Handelsverträge kommunalen Besitz in Privateigentum umzuwandeln. Aber auch die antikapitalistischen Auseinandersetzungen und Kämpfe, die auf Vergesellschaftung von Privateigentum setzen, könnten als Enteignung verstanden werden. Dies schreibt die «Widerspruch»-Redaktion in der Einleitung zu ihrem neuen Heft und skizziert damit ein breit angelegtes Themenfeld.

In insgesamt 20 Beiträgen diskutieren unterschiedliche AutorInnen sowohl methodisch als auch theoretisch verschiedene Ansätze zur Eigentums- und Enteignungsfrage. Dabei wird inhaltlich unter anderem auf Karl Marx, Rosa Luxemburg und die Commons-Forscherin Elinor Ostrom Bezug genommen, mit David Harvey die «Akkumulation durch Enteignung» diskutiert und feministische Debatten gegen die Aneignung des weiblichen Körpers und der unbezahlten Sorgearbeit beleuchtet.

Bei den vorliegenden «Beiträgen zu sozialistischer Politik», wie es im Untertitel heißt, sei bewusst eine möglichst offene Perspektive gewählt worden, um Enteignung als «vielschichtiges Phänomen» zu diskutieren. Dass Enteignungskämpfe immer noch primär von oben geführt werden, widerspiegle sich zwar im Verhältnis der vorliegenden Beiträge, so die Redaktion, denn erfolgreiche «Kämpfe und Zukunftsvorstellungen von Selbstermächtigung und anderen Eigentumsverhältnissen» seien doch noch eher dünn gesät. Continue Reading »

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Der nunmehr siebente gemeinsame Text mit Gabi Zimmer zum deutschen Vorsitz im EU-Rat informiert und reflektiert zu Ereignissen von Mitte November 2020 bis zu Silvester. Dass er lang ist, hat drei Gründe: 1. Die letzte Phase der Ratspräsidentschaft war besonders ereignisreich. 2.  Unser Text bereitet ein spezifisches politisches Resümee der Ratspräsidentschaft vor. 3. Er soll in einen abschließenden Text zu Schlussfolgerungen für die Linken in Deutschland und in der EU münden. Da geht es auch um Empfehlungen für DIE LINKE.. mehr

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Ausgangspunkt dieser Studie ist die interessante – und politisch bedeutsame – Beobachtung, dass es zwar seit Jahren eine enorme Beschäftigung kritischer Wissenschaft und sozialer Bewegungen mit Städten und Urbanisierung gibt, etwas vergleichbares aber für ländliche Räume bei weitem nicht stattfindet. Diesem Umstand will die vorliegende Publikation abhelfen und Debatten kritischer Sozialwissenschaften zum Thema im englischsprachigen Raum nach Deutschland «importieren».
Die drei AutorInnen benennen zuerst die für sie wichtigen Konzepte einer kritischen Landforschung: Politische Ökonomie, politische Ökologie und auf Diskursanalyse und der Kritik von Repräsentation und Zuschreibungen beruhende. Danach fächern sie die Trends auf, die heute ländliche Räume dominieren: Ungleiche Entwicklung, Globalisierung und Ernährungsregimes; Strukturwandel und Industrialisierung der Landwirtschaft; Armut; Wandel der Geschlechterverhältnisse und in vielen, gerade touristisch geprägten Regionen, Gentrifizierung. Machtverhältnisse werden benannt, und auch Populismus als Phänomen vor allem absteigender ländlicher Regionen beschrieben. In einem dritten Schritt werden Selbstorganisation und (neue) soziale Bewegungen, Commons, Munizipalismus und ein «Recht auf Dorf» als alternative Entwicklungsstrategien skizziert. Continue Reading »

Unsere Serie auf mehring1 fortsetzend bzw. von Zeit zu Zeit zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft informierend und reflektierend veröffentlichen Gabi Zimmer und ich einen weiteren Text, dem noch drei weitere folgen werden. Mehr

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Von Bernd Hüttner

Seit der Finanzkrise 2008/9 wird vermehrt über Ungleichheit, Reichtum und Kapitalismus debattiert. Selbst die Begriffe «Klasse» und «Klassengesellschaft» werden nun auch jenseits der Linken (wieder) verwendet. Klassen definieren sich – nach gängiger linker Lesart – über Besitz und Einkommen. Bei der Klassenzugehörigkeit geht es jedoch dem ökonomischen auch um kulturelles (Bildungsabschlüsse) und soziales Kapital (›Vitamin B‹). Selbst der Name, der Wohnort, die Sprache und der Geschmack können Marker für Klasse sein. In diesem Zusammenhang ist in den letzten Jahren vermehrt von «Klassismus» die Rede.
Unter Klassismus verstehen die Herausgeber*innen dieses Bandes eine «Unterdrückungsform», eine «Abwertung, Ausgrenzung und Marginalisierung entlang von Klasse». Klassismus beschreibe «die Diskriminierung aufgrund von Klassenherkunft oder Klassenzugehörigkeit» und «richtet sich gegen Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse, zum Beispiel gegen einkommensarme, erwerbslose oder wohnungslose Menschen oder Arbeiter*innenkinder» (S. 11). Klassismus ist für Seeck und Theissl kein moralischer oder kulturalisierender Begriff, der auf Teilhabe an etwas abzulehnendem orientiert, sondern ein kritischer im Rahmen einer Theorie, die sich ganz bewusst für eine parteiische Position entscheidet. Sie haben 26 sehr verschiedene Beiträge zusammengetragen. Der Bogen reicht von Interviews und aktivistischen Erfahrungen über theoretische Diskussionen bis hin zu persönlichen Essays. Continue Reading »

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Von Herbert Klemisch, Wissenschaftsladen Bonn

Am 28 November 2020 wäre Friedrich Engels, neben Karl Marx populärster Kritiker des Kapitalismus, 200 Jahre alt geworden. Die Herausgeber Lucas, Pfriem und Westhoff würdigen den ebenso großen wie umstrittenen Denker, Publizisten und Politiker im jetzt erschienenen Buch «Arbeiten am Widerspruch». In dem Sammelband bearbeiten die Autorinnen und Autoren vier zentrale Aspekte des vielfältigen Werks des Wuppertaler Fabrikantensohns.
Die Aufsatzsammlung ist in vier Abschnitte gegliedert: «1. Leben, Suchen, Emanzipieren», «2. Weltanschauung, Religion, Materialismus», «3. Arbeiten, Leben, Geschlechterverhältnisse», «4. Wissenschaft, Utopie, Zukunft». Was hinter diesen Überschriften steckt, wird deutlicher, wenn man sich den aktuellen Problemen zuwendet, von denen die meisten Aufsätze ausgehen. Das sind neben Umwelt- und Klimakrise, die Wohnungspolitik, die Technikentwicklung und das Verhältnis Mensch-Natur, die Geschlechterverhältnisse, die Dominanz marktradikaler («neoliberaler») Wirtschaftspolitik und -theorie, die Wahrnehmung einer gesamtgesellschaftlichen Transformationssituation.
Die wichtigsten Schriften von Engels, auf die Bezug genommen wird, sind u.a. die «Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie» (1844), «Die Lage der arbeitenden Klasse in England» (1845), «Zur Wohnungsfrage» (1872/1873), «Dialektik der Natur» (1873-1883; 1885/1886), «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft» (französisch 1880, deutsch 1882), «Der Ursprung der Familie, des Eigentums und des Staats» (1884). Continue Reading »

Von Herbert Klemisch

Der Industriesoziologe Günter Voß arbeitet sich mit diesem Buch an dem Werk von Shoshana Zuboff «Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus» ab. Er referiert die Ergebnisse dieses über 700 seitigen Standardwerks und konfrontiert die zentralen Thesen mit den von Voß selbst geprägten Begriffen des «Arbeitskraftunternehmers» und des «arbeitenden Kunden».

Die sozioökonomische Studie von Zuboff behauptet nicht weniger als die sukzessive Herausbildung einer neuen Logik kapitalistischer Wertschöpfung. Waren die Ressourcen des traditionellen Kapitalismus menschliche Arbeitskraft, Boden und Geld, so sind die neuartigen Ressourcen des Kapitalismus des 21. Jahrhunderts nach Zuboff die vielfältigen persönlichen Hervorbringungen von Menschen bei ihren täglichen Handlungen und deren digitale Erfassung. Dies bedeutet ein von Zuboff als «Verhaltensüberschuss» bezeichnetes, unerschöpfliches, aber bis vor kurzem ökonomisch nicht systematisch beachtetes Potenzial von Informationen, das sich abgreifen, datentechnisch aufbereiten und sich nach und nach als neuer Rohstoff erweiterten ökonomischen Verwertungen zuführen lässt. Die Pioniere einer solchen neuen kapitalistischen Ökonomie sind die hinlänglich bekannten Konzerne des Big Tech wie Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft sowie einige chinesische Unternehmen.

Voß verortet die Effekte der Digitalisierung auf das Subjekt in Anlehung an die alten Konzepte einer kapitalistischen Landnahme, die sich auf die jeweiligen Subjekte als Nutzende richtet. Richtete sich Landnahme früher auf die Inbesitznahme von Ländern, Gütern, Waren und Arbeitskraft, so sei es heute der Nutzer, der seinen Rohstoff als Beschäftigte oder private Person dem Landnahmeprozess zur Verfügung stellt. Es geht letztlich um die Gestaltung der persönlichen Lebensführung, auf die sich die Digitalisierung durchgreifend auswirkt. Continue Reading »

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