Die Linke in der Schweiz

Rezensiert von Bernd Hüttner

Dominic Iten skizziert in dieser Einführung die politische und ökonomische Geschichte der Schweiz und leitet davon die Geschichte «der Linken» ab. Diese bildete sich in einer bereits 1848 errichteten Demokratie, aber in einer sich dezentral industrialisierenden Wirtschaft – was für sie zur Herausforderung wurde. Auch das männliche Bürgerrecht, die Kleinheit der Kantone, Sprachgrenzen und ein tief auch im Alltagsbewusstsein verankertes föderales Prinzip erwiesen sich für die flächendeckende Organisation der Arbeiter*innen als große Hürden. Erste lokale Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen hatte es gleichwohl bereits vor 1848 gegeben.

1888 wird die Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) gegründet, im Dezember 1918 findet der Landesstreik statt, bis heute eine der größten emanzipatorischen Mobilisierungen in der Geschichte der Schweiz. Bei den ersten Proporzwahlen 1919 wird die SPS zweitstärkste Partei im Nationalrat. Auf Grund des Konkordanzprinzips, das eine Einbindung aller großen Parteien in die Bundesregierung vorsieht, hat dies aber nur geringe Auswirkungen.
Die Geschichte der Schweizer Linken ist nicht nur in diesem schmalen Buch zu großen Teilen die Geschichte der SPS und die der großen Gewerkschaften – diese wiederum ist laut Iten die Geschichte einer weitgehenden Integration in die bürgerlichen Verhältnisse. Der Nachkriegsboom war die materielle Basis für einen Klassenkompromiss, der der Praxis der SPS die sozialistischen Einsprengel vollends austrieb und vielen einen enormen Konsum ermöglichte. Die sozialen Kämpfe verlagerten sich mit dem Ende der großen Fabriken ab Ende der 1960er-Jahre hin zu den Themen Geschlecht, Wohnen und Stadtentwicklung sowie Umwelt/Klima. Ihr politischer Ausdruck war und ist die neue Linke, die Jugendbewegung der 1980er, schließlich die zweite Frauenbewegung und aktuell die Klimagerechtigkeitsbewegung. 1991 findet mit großer Resonanz der erste Frauenstreik statt, 2019 zählt dieses Ereignis eine halbe Million Teilnehmer*innen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fusionieren viele Gewerkschaften.Read more


Sozialismus von unten?

Rezensiert von Herbert Klemisch

Ziel des u.a. von Klaus Dörre herausgegebenen Bandes ist es, eine Standortbestimmung vorzunehmen, ob emanzipatorische Projekte Elemente einer sozialistischen Utopie aufweisen und einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus darstellen. Denn Sozialismus wird, so der Konsens der Autor*innen, immer noch als Kategorie für eine anstrebenswerte Utopie definiert. Was verschiedene politische und gesellschaftliche Initiativen von unten leisten, dieser Frage gehen die Beiträge von Studierenden und Wissenschaftler*innen der Friedrich-Schiller-Universität Jena anhand von Fallstudien nach.
Dabei werden so unterschiedliche Prozesse wie die Berliner Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen», die gemeinsame Initiative von Gewerkschaften und Klimaaktivist*innen am Beispiel von «#wirfahrenzusammen» genauso unter die Lupe genommen, wie internationale Bewegungen, Netzwerke oder erfolgreiche parteipolitische Initiativen wie die KPÖ PLUS in Österreich. Diese zwölf Fallstudien bilden den Kern der Publikation.
Der Zeitgeist weht inzwischen in Europa, aber auch weltweit eher von rechts und unbestritten ist die gesellschaftliche Linke in keinem guten Zustand. In den Fallstudien wird aber aufgezeigt, dass trotz des politischen und gesellschaftlichen Gegenwinds kein Grund zur Resignation besteht. Denn es gibt, wie die angeführten Beispiele aufzeigen, emanzipatorische Gegenbewegungen.
Im einleitenden Beitrag arbeitet Dörre heraus, warum Sozialismus immer noch ein Programm gesellschaftlicher Aufklärung ist, um an den scheinbar unverrückbaren Fundamenten moderner kapitalistischer Gesellschaften rütteln. Zum anderen erfordern die diversen Krisen die Ausarbeitung von Alternativen, um mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und schließlich zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu kommen.Read more


Denknetz Jahrbuch 2024 [Rezension]

Eine Rezension von Bernd Hüttner

Die Linke in der Schweiz hat es schwerer als die vieler anderer Länder in Europa. In einem Land zu leben und politisch zu arbeiten, das strukturell so konservativ und einer der Hotspots des globalen Kapitalismus ist, ist eine Herausforderung. In der Schweiz beträgt das durchschnittliche Vermögen statistisch fast 700.000 Dollar pro EinwohnerIn, die reichsten fünf Prozent besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens und das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Das 2004 gegründete Denknetz ist der linke Think Tank der Schweiz. Als Einrichtung von «unten» lebt er finanziell von seinen 1.500 Mitgliedern und leistet gesellschaftstheoretische und politische Grundlagenarbeit. Neben Fach- und Regionalgruppen leistet das Denknetz eine umfangreiche Textproduktion, die online einsehbar ist. Das aktuelle Jahrbuch des Denknetz fordert im Vorwort Geduld und Nüchternheit ein, ohne die es auch keine Hoffnung geben könne. Falls die progressiven Kräfte keine Zukunftshoffnung aufbauen oder vermitteln könnten, dann würde das «Zukunftsvakuum» durch antidemokratische, wenn nicht faschistische Kräfte gefüllt. Die insgesamt 16 Artikel untersuchen in der ersten Sektion «die Krise» bzw. ihre Beschreibungen. Pascal Zwicky, Sekretär des Denknetz, führt den Begriff der «Polykrise» näher aus, bemängelt aber seine mangelnde herrschaftstheoretische Einbettung. Roland Herzog und Hans Schäppi halten «den Marxismus» als Instrument zur Analyse der gegenwärtigen Situation für geeignet. Geeignet, wenn er sich durch die feministische Kritik und eine Aneignung des Gedankenguts der politischen Ökologie zu einer «ökologischen, und care-orientierten, undogmatischen, feministischen und libertären» (S. 10) Lesart modernisiert habe.Read more


Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus

Eine Rezension von Sebastian Klauke

Ökosozialistisches Denken hat spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 wieder an Kontur und Einfluss gewonnen, wobei sich verschiedene Diskurse und Denkrichtungen überlagern, etwa zum «Green New Deal» und Degrowth sowie marxistische Beiträge. Der vorliegende Band gehört zur empfehlenswerten theorie.org-Reihe und wurde von drei Autor*innen konzipiert, wobei von ihnen nur die Einleitung und das Schlusskapitel geschrieben wurden.
Der erste Teil, menschengemachter Klimawandel, zeigt das Problem unserer Gegenwart im Rahmen globaler durchgesetzter kapitalistischer Reproduktionsbedingungen präzise auf. Die wichtigsten Parameter des Klimawandels werden eindrücklich aufgeführt. Im zweiten Teil, Natur und Gesellschaft im Kapitalismus, werden dann aber die Probleme des Buches deutlich: Begrifflichkeiten laufen durcheinander oder werden zumindest nicht präzise verwandt – etwa Gemeinschaft und Gesellschaft oder Klasse, Krise oder Katastrophe. Die Darstellung der Gedanken Marx‘ zum Kapitalismus gestaltet sich auch schwierig, zumindest wenn die Leser*in anderweitig erworbenes Wissen mitbringt, da der Text notwendig verkürzt (und anderswo hinsichtlich der Marxschen Kapitalismusanalyse bereits mehrfach besser dargelegt wurde), die historischen und geographischen Dimensionen der Ausführungen bleiben unkonkret und unpräzise. Die Dynamik geht verloren, vieles liest sich schematisch, der Sprachgebrauch ist mitunter anklagend. Eine Einordnung des Klimawandels als wesentliche Dimension der gegenwärtigen Krisenkonstellation unterbleibt. Die relevante Literatur zum Thema wird zwar für die eigene Argumentation herangezogen, aber leider nicht systematisiert, sondern nur punktuell ausgewertet. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet hier alle relevanten Titel.
Stark ist das dritte Kapitel zum fossilen Kapitalismus – hier wird nachgezeichnet, warum eigentlich Kohle und Öl so grundlegend und relevant für unsere Gesellschaftsordnung wurden; mit einer «natürlichen» oder «zufälligen» Entwicklung hat dies alles nichts zu tun. Es folgen kapitelweise Abrechnungen mit der Klimapolitik, der Klimabewegung, dem Green New Deal sowie Degrowth/Postwachstum-Perspektiven. Die Paradoxien, Widersprüche, Illusionen, Stärken wie Schwächen all dieser Ansätze werden trotz der Kürze korrekt benannt, aber das letzte Kapitel, zum ökologischen Sozialismus, bietet als Aufruf auch keine Lösung an. Die Arbeiter*innenklasse wird als wichtigster Akteur angerufen, Klassenpolitik beschworen. Die Stoßrichtung der Autor*innen ist nachvollziehbar, samt der durchschimmernden Verzweiflung angesichts des bisherigen Verlaufs aller Entwicklungen. Aber mehr als ein Appell zur zweifelsohne bestehenden Dringlichkeit bleibt am Ende nicht übrig.

Katja Wagner, Maximilian Hauer, Maria Neuhauss: Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2025, 220 Seiten, 15 Euro


Mit LINKS die Welt retten? [Rezension]

Von Bernd Hüttner

Der 1974 geborene Klaus Lederer ist einer der beliebtesten Politiker Berlins. 2005 wurde er erstmals zum Berliner Landesvorsitzenden der damaligen PDS gewählt, von Dezember 2016 bis April 2023 war er Berliner Senator für Kultur und Europa sowie Stellvertreter der Regierenden Bürgermeister:innen Michael Müller bzw. Franziska Giffey. In seinem neuen In der Nacht zum 25. April 1974 gewann der 1. FC Magdeburg im Europapokal gegen Sporting Lissabon und erreichte als erster Fußballklub der DDR ein europäisches Finale.
Doch weltgeschichtlich viel bedeutender war ein Ereignis, das sich in dieser Nacht in Lissabon vollzog.Buch ist aber nicht die Regierungszeit und seine Rolle als Senator der Hauptgegenstand. Vielmehr soll sein Buch «… weder ein Manifest noch eine Programmschrift (...) sein» (S. 9), ist dann aber doch auf eine populare Art genau das.

Lederer schreitet mit großen Schritten durch die Geschichte des Kapitalismus, des Neoliberalismus und der sozialistischen Bewegung, erklärt verständlich deren Prinzipien, diskutiert aber auch die zeitgebundenen Einschränkungen der Theorien von Marx oder das Ende der DDR. Er schreibt darüber, wie Wachstum zum Selbstzweck wurde und was das heute für die ökologischen Grenzen des Planeten bedeutet. Damit markiert er, im Unterschied zu etlichen anderen linken Strömungen zwei Punkte: Wohlstand ist auch, aber eben nicht nur, eine Frage der Produktion und Verteilung materieller Güter, und zum anderen erfordert die Klimakrise eine Umkehr bei der Produktion, ein unendliches Wachstum ist nicht möglich, auch kein »grünes». Nebenbei bekommt dann kurz und umso treffender die linke Partei in unaufgeregten Worten (vgl. etwa S. 109) noch ihre Kritik ab, ebenso die «umtriebige Medienunternehmerin Sahra Wagenknecht» (S. 115).Read more


Unser Freund und Kollege Alexander Buzgalin ist tot

Wir erfuhren zuerst aus der russischen Wirtschaftszeitung Businessonline, dass der russische und sowjetische Wirtschaftswissenschaftler, der emeritierte Professor an der Staatlichen Universität Moskau und Direktor des Instituts für Sozioökonomie an der Moskauer Universität für Finanzen und Recht gestorben ist. Ein Schlaganfall riss Alexander im Alter von 69 Jahren aus seinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten, die eine konsequente Absage an jeglichen Nationalismus und Chauvinismus waren. Das machte der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Zusammenarbeit einfach, auch wenn Alexanders Ideen und Vorschläge oft enorm herausfordernd waren. Wir haben Alexander Buzgalin 1990 kennengelernt und trafen ihn oft dort, wo Linke aus Europa und aller Welt in den sozialen Bewegungen und wissenschaftlichen Netzwerken gemeinsam ihre politischen Wirkungsbedingungen analysieren und an gesellschaftlichen Alternativen arbeiten. Read more


... Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes ...

Sammelband zum GOELRO-Jubiläum 1960

Das Suggestive der Formel „Kommunismus - Das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ lebt bis heute fort. Damit wurde der erste Versuch eines volkswirtschaftlichen Plans jenseits eines kriegswirtschaftlichen Regimes, der GOELRO-Plan, politisch umschrieben. Wie so oft ist auch hier zu konstatieren, dass er oft genannt, aber selten gelesen ist. Eine deutsche Übersetzung gibt es offensichtlich nicht. In der Sowjetunion erschien das Dokument erstmals wieder 1955 und dann zu den runden Jubiläen seiner Verabschiedung mit entsprechenden Kommentierungen.  Dieser Государственный план электрификации России – Staatsplan der Elektrifizierung Russlands – war genau genommen ein Plan der Elektrifizierung der RSFSR, wie dies in den Quellen auch korrekt ausgewiesen ist. Das ist auch nachvollziehbar, da die Sowjetunion 1920 noch nicht bestand (sie wurde im Dezember 1922 gegründet) – und die Weiterexistenz der Sowjetmacht auch in Russland noch keineswegs sicher war. Hintergrund der Schaffung von GOELRO war ein Vorschlag der Akademie der Wissenschaften, Wissenschaftler*innen zur Erforschung der Naturreichtümer Russlands heranzuziehen. Im April 1918 entwarf daraufhin Lenin einen „Plan wissenschaftlich-technischer Arbeiten“. Der entsprechende Beschluss des Rates der Volkskommissare (Ministerrat) betrachtete diese Arbeit als Teil der Lösung des Problems der richtigen Verteilung der industriellen Kapazitäten im Lande und der rationellsten Nutzung ihrer Wirtschaftskraft.  Anfang 1920 wurde dann die Staatliche Kommission zur Elektrifizierung Russlands - eben GOELRO - geschaffen.

Was war GOELRO, was sagt er uns für die heutigen Diskussionen zur Rolle von Planung in einer nachkapitalistischen Gesellschaft?

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Eine kürzere Fassung des Beitrages ist in OXI.Wirtschaft anders denken, Ausgabe 4/2023, erschienen.


Vormerken II: Literaturdiskussion über Sozialismus

Am Mittwoch, den 21.6.2023, werden wir eine Diskussion zu zwei Büchern über Sozialismus durchführen. Das ganze wird stattfinden in der RLS, Straße der Pariser Kommune 8a, Raum 0.04, von 10 Uhr bis gegen 15 oder 16 Uhr. Es geht um folgende beiden Bücher:

Die Vorstellung der Bücher findet statt auf Anregung von Heinz Bierbaum und wird nicht durch die Autoren erfolgen. Genauere Informationen erfolgen noch. Es wird auch eine Online-Teilnahme möglich sein.

 


PROKLA 207 ist erschienen

In Zeiten sich häufender und zuspitzender Krisen tun kritische Analysen Not, die über gesellschaftliche und geopolitische Kräfteverhältnisse informieren und ein im progressiven Sinne eingreifendes Handeln bewirken können. Die PROKLA würdigt mit dieser Ausgabe ein ehemaliges Redaktions- und heutiges Mitglied des Beirats, das sich seit Jahrzehnten um eine solche Praxis verdient macht: Alex Demirović, der am 17. Mai 2022 seinen 70. Geburtstag feierte. Die in einem starken Sinn demokratische und damit vernünftige Einrichtung von Gesellschaft ließe sich als sein politisches Leitmotiv bezeichnen.

Die Redaktion hat deshalb Freund*innen und Weggefährt*innen gebeten, Alex zu seinem 70. Geburtstag mit Beiträgen zu würdigen, die zentrale von ihm bearbeitete Themen aufgreifen, sich dabei auf seine Arbeiten beziehen, eine kritische Zeitdiagnose beinhalten und strategische Fragen der gesellschaftlichen und politischen Linken diskutieren.

Joachim Hirsch würdigt in seinem Beitrag, der frei zugänglich ist, das Engagement von Alex Demirović für die Kritische Theorie, die materialistische Staatstheorie und die sozialistische Utopie. Demirović hat durch seine Poulantzas-Rezeption wesentlich zur Rekonstruktion einer materialistischen Staatstheorie beigetragen. Neben der theoretischen Orientierung hat er sich für eine linkssozialistische Parteipolitik eingesetzt. Dabei hält er an der sozialistischen Vision einer freien und humanen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus fest.

Das Editorial zum Heft 207 «Der nonkonformistische Intellektuelle. Gesellschaftstheorie und sozialistische Strategie» und das Inhaltsverzeichnis finden sich hier online.


Buchtitel

Ein anderer Blick auf Zentralasien

BuchtitelZentralasien wird heute meist als Krisenregion wahrgenommen und kaum mit innovativen linken Politiken in Verbindung gebracht. Gerade ist im Metropol-Verlag die (Teil)Übersetzung eines interessanten Buches erschienen, das „Konzepte des Sowjetischen“ in Zentralasien behandelt und dieses Vorurteil erschüttern könnte. Das Original erschien im Jahr 2016 in Bischkek, der Hauptstadt Kirgisiens. Es fasste die Ergebnisse eines Projektes zusammen, an dem die NGO Shtab über mehrere Jahre gearbeitet hatte. Ursprünglich ging es, so schreiben die Herausgeber*innen im Vorwort der Originalausgabe, darum zu bestimmen, was heute eine linke Agenda in Zentralasien sein könnte. Es zeigte sich, dass man dabei nicht um eine Positionierung zum Sowjetischen nicht herumkommen würde. Insbesondere ging es ihnen darum zu ergründen, in welchem Maße die heutigen Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen, zum Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung, zum Arbeitsrecht oder zum Internationalismus dem Sowjetischen entsprechen oder nicht. Welchen Platz sollte das sowjetische Erbe in einem postsowjetischen linken Projekt einnehmen? Lohnt es sich für Linke, die Reste sowjetischer Sozialstaatlichkeit zu verteidigen – oder sollten sie alles tun, um im gesellschaftlichen Bewußtsein nicht mit dem sowjetischen Sozialismus in Verbindung gebracht zu werden? Bini Adamczak hebt in ihrem Vorwort zur deutschsprachigen Übersetzung gerade diesen „immanenten“ Charakter der hier entwickelten Kritik des Sowjetischen, die eben nicht „scheinbar über den Dingen schwebt“, hervor. Alle diese Fragen wurden Gegenstand mehrerer Publikationen, die die Ergebnisse der Debatten zusammenfassten. Sie trugen die Titel „Die Zukunft zurückgeben“ und „Das utopische Bischkek“. Die entsprechende Website ist leider nicht mehr zu erreichen, die Publikationen sind aber an anderen Stellen, allerdings in russischer Sprache, zu finden.Read more


Enteignen fürs Gemeinwohl – Widerspruch, H. 75 [Rezension]

Von Peter Streiff

Als Enteignung wird meist die kapitalistische Praxis verstanden, mittels gewaltsamer Methoden oder trickreicher Handelsverträge kommunalen Besitz in Privateigentum umzuwandeln. Aber auch die antikapitalistischen Auseinandersetzungen und Kämpfe, die auf Vergesellschaftung von Privateigentum setzen, könnten als Enteignung verstanden werden. Dies schreibt die «Widerspruch»-Redaktion in der Einleitung zu ihrem neuen Heft und skizziert damit ein breit angelegtes Themenfeld.

In insgesamt 20 Beiträgen diskutieren unterschiedliche AutorInnen sowohl methodisch als auch theoretisch verschiedene Ansätze zur Eigentums- und Enteignungsfrage. Dabei wird inhaltlich unter anderem auf Karl Marx, Rosa Luxemburg und die Commons-Forscherin Elinor Ostrom Bezug genommen, mit David Harvey die «Akkumulation durch Enteignung» diskutiert und feministische Debatten gegen die Aneignung des weiblichen Körpers und der unbezahlten Sorgearbeit beleuchtet.

Bei den vorliegenden «Beiträgen zu sozialistischer Politik», wie es im Untertitel heißt, sei bewusst eine möglichst offene Perspektive gewählt worden, um Enteignung als «vielschichtiges Phänomen» zu diskutieren. Dass Enteignungskämpfe immer noch primär von oben geführt werden, widerspiegle sich zwar im Verhältnis der vorliegenden Beiträge, so die Redaktion, denn erfolgreiche «Kämpfe und Zukunftsvorstellungen von Selbstermächtigung und anderen Eigentumsverhältnissen» seien doch noch eher dünn gesät.Read more


Transformation des Kapitalismus [Rezension zu Engels200]

Von Herbert Klemisch, Wissenschaftsladen Bonn

Am 28 November 2020 wäre Friedrich Engels, neben Karl Marx populärster Kritiker des Kapitalismus, 200 Jahre alt geworden. Die Herausgeber Lucas, Pfriem und Westhoff würdigen den ebenso großen wie umstrittenen Denker, Publizisten und Politiker im jetzt erschienenen Buch «Arbeiten am Widerspruch». In dem Sammelband bearbeiten die Autorinnen und Autoren vier zentrale Aspekte des vielfältigen Werks des Wuppertaler Fabrikantensohns.
Die Aufsatzsammlung ist in vier Abschnitte gegliedert: «1. Leben, Suchen, Emanzipieren», «2. Weltanschauung, Religion, Materialismus», «3. Arbeiten, Leben, Geschlechterverhältnisse», «4. Wissenschaft, Utopie, Zukunft». Was hinter diesen Überschriften steckt, wird deutlicher, wenn man sich den aktuellen Problemen zuwendet, von denen die meisten Aufsätze ausgehen. Das sind neben Umwelt- und Klimakrise, die Wohnungspolitik, die Technikentwicklung und das Verhältnis Mensch-Natur, die Geschlechterverhältnisse, die Dominanz marktradikaler («neoliberaler») Wirtschaftspolitik und -theorie, die Wahrnehmung einer gesamtgesellschaftlichen Transformationssituation.
Die wichtigsten Schriften von Engels, auf die Bezug genommen wird, sind u.a. die «Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie» (1844), «Die Lage der arbeitenden Klasse in England» (1845), «Zur Wohnungsfrage» (1872/1873), «Dialektik der Natur» (1873-1883; 1885/1886), «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft» (französisch 1880, deutsch 1882), «Der Ursprung der Familie, des Eigentums und des Staats» (1884).Read more


Facetten eines "unvollendeten Projektes"

 Der Titel des vom Büro Peking der RLS und der Schule für Marxismus der Universität Peking veranstalteten Workshops "Sozialismus und Moderne in China" war sehr allgemein und lies nicht von vornherein stürmische Debatten erwarten. Für viele in Westeuropa ist das Urteil über die chinesische Entwicklung ohnehin klar – China gehe, so eine verbreitete Auffassung, den Weg des Staatskapitalismus. Welchen Raum für Sozialismus soll es dabei also geben? Freilich ist diese auf den ersten Blick schlüssige These gleichzeitig inhaltsleer. Denn was bedeutet Staatskapitalismus? Die marxsche Tradition ist bei weitem nicht so starr, wie man ihr unterstellt. Schon Lenin wollte mit der Errichtung der Neuen Ökonomischen Politik einen Staatskapitalismus in Sowjetrussland durchsetzen – aber nicht als Kopie der Verhältnisse in Deutschland oder anderen imperialistischen Mächten, sondern einen „Staatskapitalismus unter der Diktatur des Proletariats“. Er versuchte damit die Frage zu beantworten, wie Länder, die nicht aus einem entwickelten Kapitalismus in eine nachkapitalistische Ordnung übergehen wollen, dies bewerkstelligen könnten. Wenn heute in China diese Frage aufgeworfen wird, wird also ein altes und ungelöstes Problem wieder angesprochen. In der Sowjetunion wurde der von Lenin angedeutete Weg abgebrochen, bevor er konsequent beschritten wurde, in anderen Ländern wurde er nicht einmal ernsthaft in Betracht gezogen. Die vor allem zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diskutierten Theorien der Übergangsperiode in den Ländern des europäischen Realsozialismus wie auch in den „Entwicklungsländern sozialistischer Orientierung“ konnten keine praktischen Erfolge zeitigen und wichen oft auch brisanten Fragen aus. Read more


Marx, Gerechtigkeit, Demokratie

Der Tagungsband

Vor einem Jahr fand im Rahmen der Projekte des Instituts für Philosophie der Vietnamesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften (VASS) aus Anlass der Marx-Jubiläen in Buon MeThuot eine erste Konferenz zur Rolle der sozialen Gerechtigkeit im Werk von Karls Marx statt. Sie stand unter dem Titel „Karl Marx‘ Ideen zur Verteilungsgerechtigkeit und ihre Relevanz für die Gegenwart“ und wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Für die diesjährige Konferenz, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wählten die VeranstalterInnen einen fast gleichlaufenden Titel: „Karl Marx zum Verhältnis von sozialer Gerechtigkeit und Demokratie und eines Bedeutung für die Gegenwart“. Tatsächlich waren es dann aber doch zwei verschiedene Veranstaltungen, die aufeinander aufbauten und sich ergänzten. Unter verschiedenen Blickwinkeln wurde versucht, die Widersprüche der vietnamesischen Gesellschaft zu verstehen und darauf aufbauend nachhaltige Lösungen zu finden. Der Gini Index als Maß der Ungleichheit für Vietnam liegt nach Angaben für das Jahr 2014 bei 34,8; das scheint günstig. Allerdings wurde vermerkt, dass dies kein realistisches Bild sei, Schattenwirtschaft und Korruption würden Umverteilungsprozesse in Gang setzen, die kaum sichtbar werden.Read more


"Marxismus und Philosophie" - Jahrestagung der Ernst-Bloch-Assoziation

Marx brachte die Gesellschaft und ihre Geschichte wieder in den Fokus der Philosophie. Seine Nachfolgenden griffen Aspekte der neuen Sicht auf, wir diskutieren, was davon aktuell noch Bestand haben kann. Wo ist die wirksame und sinnvolle Weiterentwicklung der kritischen Gesellschaftsanalyse. Wo sind die Bausteine dazu und wer hat sie? Orientierung und Antrieb für das Geschäft der dringend erforderlichen Transformation. Grenzüberschreitungen von Marx zu Bloch, Benjamin, Korsch, Kofler und Lukács sollen die Weiterungen und Erweiterungen in der Philosophie in Folge und Nachfolge von Karl Marx anläßlich des Marx-Jubiläums aufzeigen. Hierbei geht es nicht um die »richtige« Marx-Auslegung, sondern darum, den Theoriefundus für die heutige Situation fruchtbar zu machen. Linker Aktivismus benötigt dringend die theoretische Auffrischung und Revitalisierung der utopischen wie der praktischen Erkenntnis. Wir benötigen eine progressive Perspektive. Die Philosophie Ernst Blochs bietet eine fundierte Ausgangsplattform für das erforderliche »offene« Denken, gerade auch überkommener linker Inhalte. Die Gegenüberstellung theoretischer Bemühungen von Mitstreitern- und -denkern soll hierbei die Blickwinkel weiten und  mehr Präzision für die Diskussion ermöglichen.

Termin: 2.-4. November 2018 in Hamburg

Das vollständige Programm ist hier zu finden. Anmeldung bei: Doris Zeilinger (doris.zeilinger(ädd)@gmx.de)