Gewerkschaften und Klimagerechtigkeit [Rezension]
Wie stehen die Gewerkschaften zum Klimaschutz und zur sozial-ökologischen Transformation? Dieser Frage gehen in der Ausgabe 2025 der Reihe «Arbeitspolitik: Theorie, Praxis, Strategie» Wissenschaftler*innen, Expert*innen und gewerkschaftliche Praktiker*innen nach. Der Herausgeber Hans-Jürgen Urban, selber geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Honorarprofessor hat in diesem Band Beiträge rund um das Thema sozial-ökologische Transformation versammelt. Es geht um Probleme, die auftreten, wenn die Produktions- und Lebensweisen der kapitalistischen Gesellschaft mit den Reproduktionserfordernissen der Natur kollidieren.
«Nachhaltige Arbeit» ist das Thema, an das sich die Autor*innen und Interviewpartner*innen in diesem Band annähern. Im Mittelpunkt stehen dabei die Herausforderungen für die Interessenvertretungspolitik von Betriebsräten und Gewerkschaften. Eingeleitet wird der Band durch zwei grundlegende, aber in den Kernaussagen nicht neue wissenschaftliche Beiträge. Zum einen der titelgebende Aufsatz des Herausgebers und zum anderen «Umkämpfte Transformation» von Klaus Dörre. Beide Beiträge kreisen eher theoretisch um die Handlungsmöglichkeit von Gewerkschaften in der von beiden konstatierten sozial-ökologischen Krisensituation der deutschen Industriegesellschaft.Read more
Die Linke in der Schweiz
Rezensiert von Bernd Hüttner
Dominic Iten skizziert in dieser Einführung die politische und ökonomische Geschichte der Schweiz und leitet davon die Geschichte «der Linken» ab. Diese bildete sich in einer bereits 1848 errichteten Demokratie, aber in einer sich dezentral industrialisierenden Wirtschaft – was für sie zur Herausforderung wurde. Auch das männliche Bürgerrecht, die Kleinheit der Kantone, Sprachgrenzen und ein tief auch im Alltagsbewusstsein verankertes föderales Prinzip erwiesen sich für die flächendeckende Organisation der Arbeiter*innen als große Hürden. Erste lokale Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen hatte es gleichwohl bereits vor 1848 gegeben.
1888 wird die Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) gegründet, im Dezember 1918 findet der Landesstreik statt, bis heute eine der größten emanzipatorischen Mobilisierungen in der Geschichte der Schweiz. Bei den ersten Proporzwahlen 1919 wird die SPS zweitstärkste Partei im Nationalrat. Auf Grund des Konkordanzprinzips, das eine Einbindung aller großen Parteien in die Bundesregierung vorsieht, hat dies aber nur geringe Auswirkungen.
Die Geschichte der Schweizer Linken ist nicht nur in diesem schmalen Buch zu großen Teilen die Geschichte der SPS und die der großen Gewerkschaften – diese wiederum ist laut Iten die Geschichte einer weitgehenden Integration in die bürgerlichen Verhältnisse. Der Nachkriegsboom war die materielle Basis für einen Klassenkompromiss, der der Praxis der SPS die sozialistischen Einsprengel vollends austrieb und vielen einen enormen Konsum ermöglichte. Die sozialen Kämpfe verlagerten sich mit dem Ende der großen Fabriken ab Ende der 1960er-Jahre hin zu den Themen Geschlecht, Wohnen und Stadtentwicklung sowie Umwelt/Klima. Ihr politischer Ausdruck war und ist die neue Linke, die Jugendbewegung der 1980er, schließlich die zweite Frauenbewegung und aktuell die Klimagerechtigkeitsbewegung. 1991 findet mit großer Resonanz der erste Frauenstreik statt, 2019 zählt dieses Ereignis eine halbe Million Teilnehmer*innen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fusionieren viele Gewerkschaften.Read more
Sozialismus von unten?
Rezensiert von Herbert Klemisch
Ziel des u.a. von Klaus Dörre herausgegebenen Bandes ist es, eine Standortbestimmung vorzunehmen, ob emanzipatorische Projekte Elemente einer sozialistischen Utopie aufweisen und einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus darstellen. Denn Sozialismus wird, so der Konsens der Autor*innen, immer noch als Kategorie für eine anstrebenswerte Utopie definiert. Was verschiedene politische und gesellschaftliche Initiativen von unten leisten, dieser Frage gehen die Beiträge von Studierenden und Wissenschaftler*innen der Friedrich-Schiller-Universität Jena anhand von Fallstudien nach.
Dabei werden so unterschiedliche Prozesse wie die Berliner Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen», die gemeinsame Initiative von Gewerkschaften und Klimaaktivist*innen am Beispiel von «#wirfahrenzusammen» genauso unter die Lupe genommen, wie internationale Bewegungen, Netzwerke oder erfolgreiche parteipolitische Initiativen wie die KPÖ PLUS in Österreich. Diese zwölf Fallstudien bilden den Kern der Publikation.
Der Zeitgeist weht inzwischen in Europa, aber auch weltweit eher von rechts und unbestritten ist die gesellschaftliche Linke in keinem guten Zustand. In den Fallstudien wird aber aufgezeigt, dass trotz des politischen und gesellschaftlichen Gegenwinds kein Grund zur Resignation besteht. Denn es gibt, wie die angeführten Beispiele aufzeigen, emanzipatorische Gegenbewegungen.
Im einleitenden Beitrag arbeitet Dörre heraus, warum Sozialismus immer noch ein Programm gesellschaftlicher Aufklärung ist, um an den scheinbar unverrückbaren Fundamenten moderner kapitalistischer Gesellschaften rütteln. Zum anderen erfordern die diversen Krisen die Ausarbeitung von Alternativen, um mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und schließlich zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu kommen.Read more
Multiple Krise und neue Konstellationen des Kapitalismus
Einen neue Publikation aus der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung erscheint in diesen Tagen.
Die multiple Krise des Kapitalismus spitzt sich zu. Insbesondere die ökologische Krise hat längst Kipppunkte erreicht und bedroht das planetare Leben. Die Covid-19-Pandemie und die steigenden Lebenshaltungskosten haben die soziale Krise verschärft. Sozialräumliche und sozioökonomische Ungleichheiten wachsen im Weltmaßstab und innerhalb der Gesellschaften; immer mehr Menschen sind auf der Flucht. Die Krise der Demokratie offenbart die autoritären Gehalte des neoliberalen Regierungsprojekts, das keines der großen gesellschaftlichen Probleme gelöst hat. Globale wirtschaftliche Gewichte haben sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gravierend verändert. Es scheint, dass die Ära der US-Hegemonie, die noch die neoliberale Globalisierung geprägt hat, zu Ende geht. Möglicherweise entsteht eine neue multipolare Weltordnung. Dieser Übergang verläuft nicht friedlich. Es finden bereits zahlreiche Kriege und Bürgerkriege statt, in denen auch um die Neuordnung der Hierarchie der kapitalistischen Staatenwelt gekämpft wird.
Herausgegeben wird der Band von Bernd Belina, Alex Demirovic, Susanne Heeg, Sebastian Klauke, Thomas Sablowski und Aisha Salih im Dampfboot Verlag, Münster. Die Beiträge (Inhaltsverzeichnis) beleuchten gesellschaftliche Entwicklungen in den USA, der EU, Russland, China, Indien, Südostasien, Afrika und Lateinamerika. Der Artikel zu den USA ist hier Open Access.
Denknetz Jahrbuch 2024 [Rezension]
Eine Rezension von Bernd Hüttner
Die Linke in der Schweiz hat es schwerer als die vieler anderer Länder in Europa. In einem Land zu leben und politisch zu arbeiten, das strukturell so konservativ und einer der Hotspots des globalen Kapitalismus ist, ist eine Herausforderung. In der Schweiz beträgt das durchschnittliche Vermögen statistisch fast 700.000 Dollar pro EinwohnerIn, die reichsten fünf Prozent besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens und das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.
Das 2004 gegründete Denknetz ist der linke Think Tank der Schweiz. Als Einrichtung von «unten» lebt er finanziell von seinen 1.500 Mitgliedern und leistet gesellschaftstheoretische und politische Grundlagenarbeit. Neben Fach- und Regionalgruppen leistet das Denknetz eine umfangreiche Textproduktion, die online einsehbar ist. Das aktuelle Jahrbuch des Denknetz fordert im Vorwort Geduld und Nüchternheit ein, ohne die es auch keine Hoffnung geben könne. Falls die progressiven Kräfte keine Zukunftshoffnung aufbauen oder vermitteln könnten, dann würde das «Zukunftsvakuum» durch antidemokratische, wenn nicht faschistische Kräfte gefüllt. Die insgesamt 16 Artikel untersuchen in der ersten Sektion «die Krise» bzw. ihre Beschreibungen. Pascal Zwicky, Sekretär des Denknetz, führt den Begriff der «Polykrise» näher aus, bemängelt aber seine mangelnde herrschaftstheoretische Einbettung. Roland Herzog und Hans Schäppi halten «den Marxismus» als Instrument zur Analyse der gegenwärtigen Situation für geeignet. Geeignet, wenn er sich durch die feministische Kritik und eine Aneignung des Gedankenguts der politischen Ökologie zu einer «ökologischen, und care-orientierten, undogmatischen, feministischen und libertären» (S. 10) Lesart modernisiert habe.Read more
Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus
Eine Rezension von Sebastian Klauke
Ökosozialistisches Denken hat spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 wieder an Kontur und Einfluss gewonnen, wobei sich verschiedene Diskurse und Denkrichtungen überlagern, etwa zum «Green New Deal» und Degrowth sowie marxistische Beiträge. Der vorliegende Band gehört zur empfehlenswerten theorie.org-Reihe und wurde von drei Autor*innen konzipiert, wobei von ihnen nur die Einleitung und das Schlusskapitel geschrieben wurden. 
Der erste Teil, menschengemachter Klimawandel, zeigt das Problem unserer Gegenwart im Rahmen globaler durchgesetzter kapitalistischer Reproduktionsbedingungen präzise auf. Die wichtigsten Parameter des Klimawandels werden eindrücklich aufgeführt. Im zweiten Teil, Natur und Gesellschaft im Kapitalismus, werden dann aber die Probleme des Buches deutlich: Begrifflichkeiten laufen durcheinander oder werden zumindest nicht präzise verwandt – etwa Gemeinschaft und Gesellschaft oder Klasse, Krise oder Katastrophe. Die Darstellung der Gedanken Marx‘ zum Kapitalismus gestaltet sich auch schwierig, zumindest wenn die Leser*in anderweitig erworbenes Wissen mitbringt, da der Text notwendig verkürzt (und anderswo hinsichtlich der Marxschen Kapitalismusanalyse bereits mehrfach besser dargelegt wurde), die historischen und geographischen Dimensionen der Ausführungen bleiben unkonkret und unpräzise. Die Dynamik geht verloren, vieles liest sich schematisch, der Sprachgebrauch ist mitunter anklagend. Eine Einordnung des Klimawandels als wesentliche Dimension der gegenwärtigen Krisenkonstellation unterbleibt. Die relevante Literatur zum Thema wird zwar für die eigene Argumentation herangezogen, aber leider nicht systematisiert, sondern nur punktuell ausgewertet. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet hier alle relevanten Titel.
Stark ist das dritte Kapitel zum fossilen Kapitalismus – hier wird nachgezeichnet, warum eigentlich Kohle und Öl so grundlegend und relevant für unsere Gesellschaftsordnung wurden; mit einer «natürlichen» oder «zufälligen» Entwicklung hat dies alles nichts zu tun. Es folgen kapitelweise Abrechnungen mit der Klimapolitik, der Klimabewegung, dem Green New Deal sowie Degrowth/Postwachstum-Perspektiven. Die Paradoxien, Widersprüche, Illusionen, Stärken wie Schwächen all dieser Ansätze werden trotz der Kürze korrekt benannt, aber das letzte Kapitel, zum ökologischen Sozialismus, bietet als Aufruf auch keine Lösung an. Die Arbeiter*innenklasse wird als wichtigster Akteur angerufen, Klassenpolitik beschworen. Die Stoßrichtung der Autor*innen ist nachvollziehbar, samt der durchschimmernden Verzweiflung angesichts des bisherigen Verlaufs aller Entwicklungen. Aber mehr als ein Appell zur zweifelsohne bestehenden Dringlichkeit bleibt am Ende nicht übrig.
Katja Wagner, Maximilian Hauer, Maria Neuhauss: Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2025, 220 Seiten, 15 Euro
Mit LINKS die Welt retten? [Rezension]
Von Bernd Hüttner
Der 1974 geborene Klaus Lederer ist einer der beliebtesten Politiker Berlins. 2005 wurde er erstmals zum Berliner Landesvorsitzenden der damaligen PDS gewählt, von Dezember 2016 bis April 2023 war er Berliner Senator für Kultur und Europa sowie Stellvertreter der Regierenden Bürgermeister:innen Michael Müller bzw. Franziska Giffey. In seinem neuen In der Nacht zum 25. April 1974 gewann der 1. FC Magdeburg im Europapokal gegen Sporting Lissabon und erreichte als erster Fußballklub der DDR ein europäisches Finale.
Doch weltgeschichtlich viel bedeutender war ein Ereignis, das sich in dieser Nacht in Lissabon vollzog.Buch ist aber nicht die Regierungszeit und seine Rolle als Senator der Hauptgegenstand. Vielmehr soll sein Buch «… weder ein Manifest noch eine Programmschrift (...) sein» (S. 9), ist dann aber doch auf eine populare Art genau das.
Lederer schreitet mit großen Schritten durch die Geschichte des Kapitalismus, des Neoliberalismus und der sozialistischen Bewegung, erklärt verständlich deren Prinzipien, diskutiert aber auch die zeitgebundenen Einschränkungen der Theorien von Marx oder das Ende der DDR. Er schreibt darüber, wie Wachstum zum Selbstzweck wurde und was das heute für die ökologischen Grenzen des Planeten bedeutet. Damit markiert er, im Unterschied zu etlichen anderen linken Strömungen zwei Punkte: Wohlstand ist auch, aber eben nicht nur, eine Frage der Produktion und Verteilung materieller Güter, und zum anderen erfordert die Klimakrise eine Umkehr bei der Produktion, ein unendliches Wachstum ist nicht möglich, auch kein »grünes». Nebenbei bekommt dann kurz und umso treffender die linke Partei in unaufgeregten Worten (vgl. etwa S. 109) noch ihre Kritik ab, ebenso die «umtriebige Medienunternehmerin Sahra Wagenknecht» (S. 115).Read more
Postwachstum - Leben über den Verhältnissen?
Leben im Überfluss? Ist der Zwang zum Wachstum eigentlich ein Naturgesetz? Ruinieren Klimadebatten, die alternative Wirtschafts- und Care-Formen einfordern, Wohlstand, soziale Teilhabe und Arbeitsplätze? Und kann sich der Globale Süden ohne fossiles Wachstum aus der Armut befreien? Klimabewegte, (öko-)feministische und ökosozialistische Versuche zur Beantwortung drängender Fragen bietet das neue Heft der Zeitschrift WIDERSPRUCH.
Jede der Ausgaben dieser in Zürich halbjährlich erscheinenden Zeitschrift ist einem Schwerpunktthema gewidmet. Dieses wird mit rund fünfzehn Beiträgen theoretisch oder praxisbezogen analysiert und problematisiert sowie assoziativ oder anhand von Fallbeispielen beschrieben. Es werden Auswege aus Sackgassen entworfen und Antworten von Bewegungen porträtiert. Es lohnt sich deshalb, verschiedene Beiträge quer durchs Schwerpunktthema zu lesen.
Jedes Heft enthält zudem Beiträge zu aktuellen Diskussionen und Rezensionen von Neuerscheinungen auf dem linken Buchmarkt.Read more
Konflikte um Infrastrukturen
Eine Rezension von Herbert Klemisch
Die Diskussion um Mängel der öffentlichen Daseinsvorsorge entzündet sich aktuell an vielen Gegenstandsbereichen. Da ist das marode Straßen- und Schienennetz, schlechte Luft und fehlende Wohnungen besonders in den Metropolen, die mangelhafte Gesundheitsversorgung sowie die Defizite der Mobilität im ländlichen Raum oder die mangelhafte Versorgung mit Kindergarten-, Schul und Ausbildungsplätzen. Die Gesellschaft ist in eine Phase zugespitzter Infrastrukturkonflikte eingetreten.
Die Autor*innen präsentieren in diesem Buch die Ergebnisse des Forschungsprojektes «Gemeinwohl-relevante öffentliche Güter», das an der Universität Tübingen von 2020 bis 2023 durchgeführt wurde. In den Beiträgen wird aus sozialwissenschaftlicher Sicht rekonstruiert, wie de Politisierungs- und Transformationsprozesse in einzelnen Handlungs- oder Politikfeldern verlaufen. Im abschließenden Kapitel wird ausgelotet, wie die Perspektive einer staatlichen Gewährleistung bestimmter Leistungen bei Infrastrukturkonflikten aussehen kann. Dabei werden insbesondere die Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten sogenannter schwacher Interessen diskutiert.Read more
Unser Freund und Kollege Alexander Buzgalin ist tot
Wir erfuhren zuerst aus der russischen Wirtschaftszeitung Businessonline, dass der russische und sowjetische Wirtschaftswissenschaftler, der emeritierte Professor an der Staatlichen Universität Moskau und Direktor des Instituts für Sozioökonomie an der Moskauer Universität für Finanzen und Recht gestorben ist. Ein Schlaganfall riss Alexander im Alter von 69 Jahren aus seinen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten, die eine konsequente Absage an jeglichen Nationalismus und Chauvinismus waren. Das machte der Rosa-Luxemburg-Stiftung die Zusammenarbeit einfach, auch wenn Alexanders Ideen und Vorschläge oft enorm herausfordernd waren. Wir haben Alexander Buzgalin 1990 kennengelernt und trafen ihn oft dort, wo Linke aus Europa und aller Welt in den sozialen Bewegungen und wissenschaftlichen Netzwerken gemeinsam ihre politischen Wirkungsbedingungen analysieren und an gesellschaftlichen Alternativen arbeiten. Read more
Mit Rosa und Gramsci frei und anders denken – im Lesesaal der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Der Lesesaal im ersten Stock des Stiftungsgebäudes erschien mir wie Neville Longbottom der Raum der Wünsche im fünften Band von Harry Potter. Den Raum der Wünsche findet nur, wer ihn wirklich braucht. Als der etwas schusselige Zauberschüler eines Abends das Schloss auf der Suche nach einem Ort durchstreifte, wo eine Gruppe Gleichgesinnter Zaubersprüche lernen und praktizieren könnte, um sich im Falle eines Angriffs von Lord Voldemort und seinem Gefolge verteidigen zu können, wurde er fündig.
Wir in Berlin müssen uns zwar nicht gegen einen mörderischen Magier zur Wehr setzen, aber immerhin gegen die herrschenden Kräfte, die sich global vernetzen, von rechts vereinnahmen lassen und in deren Strukturen sich der zunehmend begrünte, aber weiterhin zerstörerische Kapitalismus nahtlos einzufügen scheint. Soziale Gleichheit, ökologische Gerechtigkeit, Post-Kolonialismus, Anti-Faschismus, kurz ein Gutes Leben für Alle, bleibt unter diesen Umständen ein Phantom – von wenigen gesehen, vielleicht sogar gefürchtet, von vielen gejagt oder vielmehr ersehnt.
Den Lesesaal der RLS entdeckte ich in einem Moment, in dem ich diesen am meisten benötigte: Nach isolierten Monaten während der Pandemie, zu Beginn meiner Promotion und inmitten meines aktivistischen Engagements, das genauso wie mein wissenschaftliches Tun in den privaten und digitalen Raum gezwängt wurde, wo mir die Luft zum Atmen ausging. Read more
Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales [Rezension]
Eine Rezension von Bernd Hüttner
«Der Sozialstaat ist unbezahlbar.» «Die Löhne sind zu hoch.» «Wachstum kommt allen zugute.» «Private Unternehmen sind effizienter als der Staat.» «Hohe Steuern bremsen die Wirtschaft.» Derlei Behauptungen sind überall in den Medien und der Politik zu lesen und zu hören. Sie haben mehr Markt zum Ziel, und sie sind Ausdruck eines seit mindestens Anfang der 1980er zunehmend politisch gewollten und staatlich durchgesetzten neoliberalen «Zeitgeistes», der auf unternehmerische «Freiheit», Konkurrenz, Privateigentum und «Eigenverantwortung» setzt. Als Resultate hatte er für sehr viele vor allem mehr Ungleichheit und mehr Vereinzelung und weniger soziale Sicherheit und gesellschaftlich weniger Umverteilung «nach unten» zur Folge.
Das hier vorliegende Buch besteht, gegliedert in acht Kapitel, gut zur Hälfte aus Kolumnen, die von 2015 bis 2019 in der Zeitschrift lunapark21 bzw. von 2020 bis 2023 dann in der Zeitschrift OXI. Wirtschaft anders denken erschienen sind. In diesen wurden neoliberale Behauptungen über Arbeit, Staat, Finanzen und Soziales unter die Lupe genommen. Verfasst wurden sie von den hauptamtlichen Gewerkschaftern Schreiner und Eicker-Wolf, die jahrelang zusammen auch den Blog Blickpunkt WiSo verantwortet haben. Die beiden wollten mit ihren Texten aufzeigen, weshalb diese Behauptungen falsch sind oder in die Irre führen; wem sie schaden und wem sie nutzen und auch, welche Denkmuster und Annahmen hinter ihnen stehen. Es lohnt sich, gegen derlei Behauptungen und Feindbilder zu streiten. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie im vermeintlich objektiven Gewand der Wissenschaft daherkommen. Die Dominanz des Neoliberalismus und des Kapitals ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, angreifbar. Es ist möglich und nötig, neoliberale Märchen anzugreifen, wie sie in Bildern vom zu teuren Hängemattenstaat, von halsstarrigen Gewerkschaften oder von faulen Armen existieren.Read more
[CfP] Care in Bewegung; Jena 23./24. Mai 2024
Sarah Uhlmann (Uni Kassel) und Mike Laufenberg (Uni Jena) organisieren am 23./24. Mai 2024 den Workshop Care in Bewegung: Strategien, Organisierung und Kämpfe um soziale Reproduktion an der Uni Jena. Ziel des Workshops ist, die Verbindung von Care-Forschung, Social Reproduction Theory und sozialer Bewegungsforschung systematischer voranzubringen. Eine Publikation ist geplant. Die Deadline für die Einreichung von Beitragsvorschlägen ist der 1. Dezember 2023. Details im PDF des CfP Care in Bewegung_23-24. Mai 2024
Degrowth - CfA des Widerspruch (Zürich)
Die Schweizer Zeitschrift «Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik» sucht für Ihre Nr. 82 kürzere und längere Beiträge, Essays, Thesenartikel, Statistiken, Karten usw. (von 3000 bis max. 25'000 Zeichen) sowie Tagungsberichte und Rezensionen zum Thema «Degrowth». Vorschläge sind bitte bis 30. Oktober 2023 einzureichen. Alles weitere im sog. PDF_Aufrisspapier.
Linker Aufbruch über Prigozhin hinaus?
Während in den Medien die Folgen der Prigozhin-Affäre verhältnismäßig breit dargestellt werden, bleiben die Kriegsgegner*innen und die Linken weitgehend außer Betracht. Nun sind die spektakulären Seiten, wie etwa die Entlassung eines Generalmajors nach Kritik an der Armeeführung, attraktiver als Berichte über die Kleinarbeit von Gruppen, die unter ständig wachsendem Druck der Sicherheitsorgane stehen. Neben kleinräumigen (und oft kreativen) Protesten ist die Unterstützung von politisch Verfolgten, politischen Gefangenen, Wehrdienstverweigerern und Kriegsopfern ein wichtiges Feld der Tätigkeit der verschiedensten Antikriegsbewegungen. Die Auslandssektionen des Feministischen Widerstands organisieren alleine oder mit Partner*innen in ihren jeweiligen Gastländern Protestaktionen gegen den Krieg. Gleichzeitig wird versucht, abhängig von der politischen Verortung der jeweiligen Organisation, die Debatten zu grundsätzlichen Fragen alternativer bzw. linker Politik und Theorie weiter zu führen. In den letzten Wochen wurden z.B. die Auseinandersetzungen im Iran, in Israel und in Frankreich aufmerksam verfolgt.
Aus den damit verbundenen Debatten stechen ein Ereignis und eine Analyse hervor, die die Situation der russländischen Linken gut auf den Punkt zu bringen scheinen.Read more












