Gewerkschaften und Klimagerechtigkeit [Rezension]

Von Herbert Klemisch

Wie stehen die Gewerkschaften zum Klimaschutz und zur sozial-ökologischen Transformation? Dieser Frage gehen in der Ausgabe 2025 der Reihe «Arbeitspolitik: Theorie, Praxis, Strategie» Wissenschaftler*innen, Expert*innen und gewerkschaftliche Praktiker*innen nach. Der Herausgeber Hans-Jürgen Urban, selber geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Honorarprofessor hat in diesem Band Beiträge rund um das Thema sozial-ökologische Transformation versammelt. Es geht um Probleme, die auftreten, wenn die Produktions- und Lebensweisen der kapitalistischen Gesellschaft mit den Reproduktionserfordernissen der Natur kollidieren.
«Nachhaltige Arbeit» ist das Thema, an das sich die Autor*innen und Interviewpartner*innen in diesem Band annähern. Im Mittelpunkt stehen dabei die Herausforderungen für die Interessenvertretungspolitik von Betriebsräten und Gewerkschaften. Eingeleitet wird der Band durch zwei grundlegende, aber in den Kernaussagen nicht neue wissenschaftliche Beiträge. Zum einen der titelgebende Aufsatz des Herausgebers und zum anderen «Umkämpfte Transformation» von Klaus Dörre. Beide Beiträge kreisen eher theoretisch um die Handlungsmöglichkeit von Gewerkschaften in der von beiden konstatierten sozial-ökologischen Krisensituation der deutschen Industriegesellschaft.Read more


Wandel und Widerstand: Der kritische Agrarbericht 2026

Mit dem Kritischen Agrarbericht 2026 legt das AgrarBündnis gemeinsam mit zahlreichen Autor*innen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft erneut eine umfassende Analyse der agrar- und ernährungspolitischen Entwicklungen vor.

Die Bilanz ist ernüchternd: Statt die Agrar- und Ernährungswende konsequent umzusetzen, geraten Reformen ins Stocken – und in mehreren Bereichen werden Standards sogar aufgeweicht. Unter dem Stichwort „Bürokratieabbau“ werden derzeit zentrale Regeln und Instrumente des Ordnungsrechts in Frage gestellt – etwa bei Pestiziden, Düngerecht, Bodenmarkt, Tierschutz und der geplanten Lockerung der Regeln für Neue Gentechnik.

Damit geraten nicht nur das Vorsorgeprinzip, Umwelt- und Verbraucherschutz sowie faire und verlässliche Rahmenbedingungen für den Agrarmarkt unter Druck.

„Genau dafür müssen Landwirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik in den kommenden Jahren streiten und Mehrheiten organisieren: für eine Agrarförderung, die Geld dorthin lenkt, wo sie Landwirtschaft, Umwelt, Klima und Tierschutz nachweislich stärkt – und damit Betriebe und ländliche Regionen zukunftsfähig macht“, so Karin Jürgens, Geschäftsführerin des AgrarBündnisses.

Der kritische Agrarbericht 2026 steht unter dem Themenschwerpunkt „Wandel & Widerstand“ und diskutiert, wie Verständigung und Reformfähigkeit unter schwieriger werdenden politischen Bedingungen gelingen können.

Die Beiträge sind direkt und einzeln frei abrufbar unter kritischer-agrarbericht.de, die gedruckte Version (352 Seiten, 27 Euro) ist im lokalen Buchhandel bestellbar.


Sozialismus von unten?

Rezensiert von Herbert Klemisch

Ziel des u.a. von Klaus Dörre herausgegebenen Bandes ist es, eine Standortbestimmung vorzunehmen, ob emanzipatorische Projekte Elemente einer sozialistischen Utopie aufweisen und einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus darstellen. Denn Sozialismus wird, so der Konsens der Autor*innen, immer noch als Kategorie für eine anstrebenswerte Utopie definiert. Was verschiedene politische und gesellschaftliche Initiativen von unten leisten, dieser Frage gehen die Beiträge von Studierenden und Wissenschaftler*innen der Friedrich-Schiller-Universität Jena anhand von Fallstudien nach.
Dabei werden so unterschiedliche Prozesse wie die Berliner Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen», die gemeinsame Initiative von Gewerkschaften und Klimaaktivist*innen am Beispiel von «#wirfahrenzusammen» genauso unter die Lupe genommen, wie internationale Bewegungen, Netzwerke oder erfolgreiche parteipolitische Initiativen wie die KPÖ PLUS in Österreich. Diese zwölf Fallstudien bilden den Kern der Publikation.
Der Zeitgeist weht inzwischen in Europa, aber auch weltweit eher von rechts und unbestritten ist die gesellschaftliche Linke in keinem guten Zustand. In den Fallstudien wird aber aufgezeigt, dass trotz des politischen und gesellschaftlichen Gegenwinds kein Grund zur Resignation besteht. Denn es gibt, wie die angeführten Beispiele aufzeigen, emanzipatorische Gegenbewegungen.
Im einleitenden Beitrag arbeitet Dörre heraus, warum Sozialismus immer noch ein Programm gesellschaftlicher Aufklärung ist, um an den scheinbar unverrückbaren Fundamenten moderner kapitalistischer Gesellschaften rütteln. Zum anderen erfordern die diversen Krisen die Ausarbeitung von Alternativen, um mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und schließlich zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu kommen.Read more


Denknetz Jahrbuch 2024 [Rezension]

Eine Rezension von Bernd Hüttner

Die Linke in der Schweiz hat es schwerer als die vieler anderer Länder in Europa. In einem Land zu leben und politisch zu arbeiten, das strukturell so konservativ und einer der Hotspots des globalen Kapitalismus ist, ist eine Herausforderung. In der Schweiz beträgt das durchschnittliche Vermögen statistisch fast 700.000 Dollar pro EinwohnerIn, die reichsten fünf Prozent besitzen drei Viertel des gesamten Vermögens und das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Das 2004 gegründete Denknetz ist der linke Think Tank der Schweiz. Als Einrichtung von «unten» lebt er finanziell von seinen 1.500 Mitgliedern und leistet gesellschaftstheoretische und politische Grundlagenarbeit. Neben Fach- und Regionalgruppen leistet das Denknetz eine umfangreiche Textproduktion, die online einsehbar ist. Das aktuelle Jahrbuch des Denknetz fordert im Vorwort Geduld und Nüchternheit ein, ohne die es auch keine Hoffnung geben könne. Falls die progressiven Kräfte keine Zukunftshoffnung aufbauen oder vermitteln könnten, dann würde das «Zukunftsvakuum» durch antidemokratische, wenn nicht faschistische Kräfte gefüllt. Die insgesamt 16 Artikel untersuchen in der ersten Sektion «die Krise» bzw. ihre Beschreibungen. Pascal Zwicky, Sekretär des Denknetz, führt den Begriff der «Polykrise» näher aus, bemängelt aber seine mangelnde herrschaftstheoretische Einbettung. Roland Herzog und Hans Schäppi halten «den Marxismus» als Instrument zur Analyse der gegenwärtigen Situation für geeignet. Geeignet, wenn er sich durch die feministische Kritik und eine Aneignung des Gedankenguts der politischen Ökologie zu einer «ökologischen, und care-orientierten, undogmatischen, feministischen und libertären» (S. 10) Lesart modernisiert habe.Read more


Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus

Eine Rezension von Sebastian Klauke

Ökosozialistisches Denken hat spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie 2020 wieder an Kontur und Einfluss gewonnen, wobei sich verschiedene Diskurse und Denkrichtungen überlagern, etwa zum «Green New Deal» und Degrowth sowie marxistische Beiträge. Der vorliegende Band gehört zur empfehlenswerten theorie.org-Reihe und wurde von drei Autor*innen konzipiert, wobei von ihnen nur die Einleitung und das Schlusskapitel geschrieben wurden.
Der erste Teil, menschengemachter Klimawandel, zeigt das Problem unserer Gegenwart im Rahmen globaler durchgesetzter kapitalistischer Reproduktionsbedingungen präzise auf. Die wichtigsten Parameter des Klimawandels werden eindrücklich aufgeführt. Im zweiten Teil, Natur und Gesellschaft im Kapitalismus, werden dann aber die Probleme des Buches deutlich: Begrifflichkeiten laufen durcheinander oder werden zumindest nicht präzise verwandt – etwa Gemeinschaft und Gesellschaft oder Klasse, Krise oder Katastrophe. Die Darstellung der Gedanken Marx‘ zum Kapitalismus gestaltet sich auch schwierig, zumindest wenn die Leser*in anderweitig erworbenes Wissen mitbringt, da der Text notwendig verkürzt (und anderswo hinsichtlich der Marxschen Kapitalismusanalyse bereits mehrfach besser dargelegt wurde), die historischen und geographischen Dimensionen der Ausführungen bleiben unkonkret und unpräzise. Die Dynamik geht verloren, vieles liest sich schematisch, der Sprachgebrauch ist mitunter anklagend. Eine Einordnung des Klimawandels als wesentliche Dimension der gegenwärtigen Krisenkonstellation unterbleibt. Die relevante Literatur zum Thema wird zwar für die eigene Argumentation herangezogen, aber leider nicht systematisiert, sondern nur punktuell ausgewertet. Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet hier alle relevanten Titel.
Stark ist das dritte Kapitel zum fossilen Kapitalismus – hier wird nachgezeichnet, warum eigentlich Kohle und Öl so grundlegend und relevant für unsere Gesellschaftsordnung wurden; mit einer «natürlichen» oder «zufälligen» Entwicklung hat dies alles nichts zu tun. Es folgen kapitelweise Abrechnungen mit der Klimapolitik, der Klimabewegung, dem Green New Deal sowie Degrowth/Postwachstum-Perspektiven. Die Paradoxien, Widersprüche, Illusionen, Stärken wie Schwächen all dieser Ansätze werden trotz der Kürze korrekt benannt, aber das letzte Kapitel, zum ökologischen Sozialismus, bietet als Aufruf auch keine Lösung an. Die Arbeiter*innenklasse wird als wichtigster Akteur angerufen, Klassenpolitik beschworen. Die Stoßrichtung der Autor*innen ist nachvollziehbar, samt der durchschimmernden Verzweiflung angesichts des bisherigen Verlaufs aller Entwicklungen. Aber mehr als ein Appell zur zweifelsohne bestehenden Dringlichkeit bleibt am Ende nicht übrig.

Katja Wagner, Maximilian Hauer, Maria Neuhauss: Klima und Kapitalismus. Plädoyer für einen ökologischen Sozialismus, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2025, 220 Seiten, 15 Euro


Mit LINKS die Welt retten? [Rezension]

Von Bernd Hüttner

Der 1974 geborene Klaus Lederer ist einer der beliebtesten Politiker Berlins. 2005 wurde er erstmals zum Berliner Landesvorsitzenden der damaligen PDS gewählt, von Dezember 2016 bis April 2023 war er Berliner Senator für Kultur und Europa sowie Stellvertreter der Regierenden Bürgermeister:innen Michael Müller bzw. Franziska Giffey. In seinem neuen In der Nacht zum 25. April 1974 gewann der 1. FC Magdeburg im Europapokal gegen Sporting Lissabon und erreichte als erster Fußballklub der DDR ein europäisches Finale.
Doch weltgeschichtlich viel bedeutender war ein Ereignis, das sich in dieser Nacht in Lissabon vollzog.Buch ist aber nicht die Regierungszeit und seine Rolle als Senator der Hauptgegenstand. Vielmehr soll sein Buch «… weder ein Manifest noch eine Programmschrift (...) sein» (S. 9), ist dann aber doch auf eine populare Art genau das.

Lederer schreitet mit großen Schritten durch die Geschichte des Kapitalismus, des Neoliberalismus und der sozialistischen Bewegung, erklärt verständlich deren Prinzipien, diskutiert aber auch die zeitgebundenen Einschränkungen der Theorien von Marx oder das Ende der DDR. Er schreibt darüber, wie Wachstum zum Selbstzweck wurde und was das heute für die ökologischen Grenzen des Planeten bedeutet. Damit markiert er, im Unterschied zu etlichen anderen linken Strömungen zwei Punkte: Wohlstand ist auch, aber eben nicht nur, eine Frage der Produktion und Verteilung materieller Güter, und zum anderen erfordert die Klimakrise eine Umkehr bei der Produktion, ein unendliches Wachstum ist nicht möglich, auch kein »grünes». Nebenbei bekommt dann kurz und umso treffender die linke Partei in unaufgeregten Worten (vgl. etwa S. 109) noch ihre Kritik ab, ebenso die «umtriebige Medienunternehmerin Sahra Wagenknecht» (S. 115).Read more


Wie geht Steuergerechtigkeit? [Rezension]

Von Herbert Klemisch

Die soziale Schieflage in Deutschland wird immer größer. Eine wichtige Ursache hierfür ist das Steuersystem. Es legt fest, wie wir Renten, Gesundheit, Straßen, Schulen oder die Energiewende finanzieren. Allerdings ist das System ungerecht, denn Geringverdienende zahlen beispielsweise beinahe die Hälfte der anfallenden Steuern und Abgaben. Die Kinder von Multimillionären erben hingegen nahezu steuerfrei.
Die Autoren, beide Mitglieder der AG «Finanzmärkte und Steuern» bei Attac wollen daran etwas ändern. Sie haben mit diesem Band, wie sie es nennen, ein Konzept zur Rückverteilung von Reichtum zu mehr Gerechtigkeit und Klimaschutz vorgelegt. Darin stellen sie u.a. die Frage, wieviel Armut und Ungleichheit eine Demokratie verträgt und was ein Steuersystem für eine soziale und nachhaltige Gesellschaft leisten kann.
Im ersten Teil des Bandes werden in vier Kapiteln Grundlagen abgehandelt, von einer kurzen Geschichte der Steuern über die neoliberale Weltordnung, die Transformation des Kapitalismus hin zu einer Philosophie der Gerechtigkeit. Der zweite Teil des Buches erläutert dann in sieben Kapiteln die Grundlagen des Konzepts der Autoren. Beginnend mit dem Kapitel 5 folgt die eigentliche Analyse des bundesdeutschen Steuersystems mit Ausflügen in internationale Regelungsbereiche. Zugegeben: dies ist eine ziemliche Herkulesaufgabe. Leider bewegen sich die Autoren in diesem zweiten Teil des Buches immer wieder zwischen einer Darstellung des Status Quo und eigenen Forderungen. Zu den zentralen politischen Forderungen gehört u.a. die Aufnahme des Gini-Index in die Verfassung. Der Gini-Index ist das am häufigsten verwendete Verteilungsmaß. Ein handwerklicher Fehler besteht darin, dass dieser für Hentschel und Eibl so wichtige Indikator nirgendwo im Buch verständlich definiert wird.Read more


Konflikte um Infrastrukturen

Eine Rezension von Herbert Klemisch

Die Diskussion um Mängel der öffentlichen Daseinsvorsorge entzündet sich aktuell an vielen Gegenstandsbereichen. Da ist das marode Straßen- und Schienennetz, schlechte Luft und fehlende Wohnungen besonders in den Metropolen, die mangelhafte Gesundheitsversorgung sowie die Defizite der Mobilität im ländlichen Raum oder die mangelhafte Versorgung mit Kindergarten-, Schul und Ausbildungsplätzen. Die Gesellschaft ist in eine Phase zugespitzter Infrastrukturkonflikte eingetreten.
Die Autor*innen präsentieren in diesem Buch die Ergebnisse des Forschungsprojektes «Gemeinwohl-relevante öffentliche Güter», das an der Universität Tübingen von 2020 bis 2023 durchgeführt wurde. In den Beiträgen wird aus sozialwissenschaftlicher Sicht rekonstruiert, wie de Politisierungs- und Transformationsprozesse in einzelnen Handlungs- oder Politikfeldern verlaufen. Im abschließenden Kapitel wird ausgelotet, wie die Perspektive einer staatlichen Gewährleistung bestimmter Leistungen bei Infrastrukturkonflikten aussehen kann. Dabei werden insbesondere die Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten sogenannter schwacher Interessen diskutiert.Read more


"Bonzos Auge"

Es ist zweifellos ein Verdienst der Rosa-Luxemburg-Stiftung und wesentlich ihres Referenten für Antisemitismus und jüdisch linke Geschichte und Gegenwart, Florian Weis, die drei Bände „Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken“ herausgegeben zu haben. Im 2. Band ist u. a. von Paul Friedländer die Rede (S. 35, 36). Doch das ist nicht jener Paul Friedländer, der im Zentrum des Buches „Bonzos Auge“ steht. Aber auch dieser mit dem Kosenamen Bonzo gehört zu den Jüdinnen und Juden in der internationalen

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Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales [Rezension]

Eine Rezension von Bernd Hüttner

«Der Sozialstaat ist unbezahlbar.» «Die Löhne sind zu hoch.» «Wachstum kommt allen zugute.» «Private Unternehmen sind effizienter als der Staat.» «Hohe Steuern bremsen die Wirtschaft.» Derlei Behauptungen sind überall in den Medien und der Politik zu lesen und zu hören. Sie haben mehr Markt zum Ziel, und sie sind Ausdruck eines seit mindestens Anfang der 1980er zunehmend politisch gewollten und staatlich durchgesetzten neoliberalen «Zeitgeistes», der auf unternehmerische «Freiheit», Konkurrenz, Privateigentum und «Eigenverantwortung» setzt. Als Resultate hatte er für sehr viele vor allem mehr Ungleichheit und mehr Vereinzelung und weniger soziale Sicherheit und gesellschaftlich weniger Umverteilung «nach unten» zur Folge.

Das hier vorliegende Buch besteht, gegliedert in acht Kapitel, gut zur Hälfte aus Kolumnen, die von 2015 bis 2019 in der Zeitschrift lunapark21 bzw. von 2020 bis 2023 dann in der Zeitschrift OXI. Wirtschaft anders denken erschienen sind. In diesen wurden neoliberale Behauptungen über Arbeit, Staat, Finanzen und Soziales unter die Lupe genommen. Verfasst wurden sie von den hauptamtlichen Gewerkschaftern Schreiner und Eicker-Wolf, die jahrelang zusammen auch den Blog Blickpunkt WiSo verantwortet haben. Die beiden wollten mit ihren Texten aufzeigen, weshalb diese Behauptungen falsch sind oder in die Irre führen; wem sie schaden und wem sie nutzen und auch, welche Denkmuster und Annahmen hinter ihnen stehen. Es lohnt sich, gegen derlei Behauptungen und Feindbilder zu streiten. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie im vermeintlich objektiven Gewand der Wissenschaft daherkommen. Die Dominanz des Neoliberalismus und des Kapitals ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, angreifbar. Es ist möglich und nötig, neoliberale Märchen anzugreifen, wie sie in Bildern vom zu teuren Hängemattenstaat, von halsstarrigen Gewerkschaften oder von faulen Armen existieren.Read more


[CfP] Care in Bewegung; Jena 23./24. Mai 2024

Sarah Uhlmann (Uni Kassel) und Mike Laufenberg (Uni Jena) organisieren am 23./24. Mai 2024 den Workshop Care in Bewegung: Strategien, Organisierung und Kämpfe um soziale Reproduktion an der Uni Jena. Ziel des Workshops ist, die Verbindung von Care-Forschung, Social Reproduction Theory und sozialer Bewegungsforschung systematischer voranzubringen. Eine Publikation ist geplant. Die Deadline für die Einreichung von Beitragsvorschlägen ist der 1. Dezember 2023. Details im PDF des CfP Care in Bewegung_23-24. Mai 2024


Was kommt nach Corona? [Sammelbesprechung]

Andreas Nölke, Professor für Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie an der Universität Frankfurt/Main hat in Neue Politische Literatur. Berichte aus Geschichts‐ und Politikwissenschaft, Ausgabe 2/2023 in einem Aufsatz 26 Bücher zur Corona-Krise und ihren Folgen besprochen. Das Abstract:

"Die Corona-Pandemie hat zum tiefsten wirtschaftlichen Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Wirtschaftliche Krisen haben in der Vergangenheit häufig einen Richtungswechsel in der Entwicklung des Kapitalismus bewirkt. Was sind die Folgen der Corona-Krise? Der Rezensionsaufsatz nimmt eine Bestandsaufnahme von 26 Büchern vor, die seit 2020 zum Thema Corona und Wirtschaft in Wirtschaftswissenschaft, kritischer Gesellschaftsforschung, Politischer Ökonomie und verwandten Disziplinen erschienen sind. Auch wenn die meisten Bücher klare Aussagen zur weiteren Entwicklung unseres Wirtschaftssystems vermeiden, lässt sich in der Zusammenschau der Beiträge ein gemeinsames Leitmotiv identifizieren. Sehr deutlich ist, dass in der nahen Zukunft ein weniger liberales Wirtschaftssystem erwartet wird. Deutlich gestärkt sehen die meisten Analysen jedenfalls den Staat, der in Zukunft wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen wird, nicht nur zur sozialen und ökonomischen Stabilisierung nach der Pandemie, sondern auch bei der Bekämpfung des Klimawandels. Ob sich dieser Wandel auch in mehr sozialer Sicherheit und weniger Ungleichheit ausdrücken wird, bleibt aber unklar".

Der Text ist hier als PDF online.


Zum Ende der Oxi – ein kurzer Rückblick

Von Sebastian Klauke

Mit der September Ausgabe, ironischerweise mit dem Schwerpunktthema Krise, endet die Monatszeitung Oxi – ein herber Verlust für die linke Zeitungslandschaft in Deutschland, vor allem wenn es um einschlägige Publikationen zum Thema Ökonomie geht. Die nötige Zahl der Abonnements von 5.000 konnte nicht erreicht werden, so dass die kleine, aber feine Redaktion um Chefredakteurin Kathrin Gerlof die Druckausgabe einstellte, wie es mit dem oxiblog weitergeht, wird die Zukunft zeigen.

Das Ende der Zeitung ist bedauerlich, war sie doch eine echte Bereicherung und Plattform vor allem für die breite Debatte darum, was heterodoxes wirtschaftliches/ökonomisches Denken und Handeln anbelangt. Gerlof und den anderen Beteiligten ist für ihre allmonatliche Hingabe zu danken, ebenso für den Mut, das Vorhaben überhaupt 2016, damals noch in Kooperation mit dem damaligen «Neuen Deutschland» angegangen zu sein.

Besonders schön war, dass Oxi nicht den tagesaktuellen Moden folgten musste (und wollte), sondern je eigene Themenschwerpunkte präsentierte. Hinzu kamen feste Kolumnen, die teilweise über die Jahre auch wechselten, aber immer gut in Erinnerung blieben. Zuletzt schrieben Christiane Kliemann, Elmar Wigand und Uta Meier-Gräwe: erstere über den Irrsinn der ökologischen Zerstörungen im Rahmen der kapitalistischen Verhältnisse, immer verbunden mit der Hoffnung, dass es doch anders ginge, er als Kritiker von Lobbyismus und Union Busting und letztere über die Untiefen der Care-Arbeit, der Haushaltsökonomie und die blinden Flecken im Bereich der Geschlechterverhältnisse. Zuvor waren die beiden Gewerkschafter Patrick Schreiner und Kai Eicker-Wolf langjährige Kolumnisten gewesen und schrieben über ökonomische «Selbstverständlichkeiten» und deren Infragestellung. Unvergessen auch Regine Beyß, die über ihr Leben in einer Kommune reflektierte und tiefe Einsichten vermittelte.Read more


Feministische Ökonomiekritik [CfP für Prokla 214]

Die feministische Diskussion rund um den Zusammenhang von Vergeschlechtlichung, Patriarchat und Kapitalismus hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Das lässt sich anhand des Zeitraums zwischen unserem 2014 erschienenen Heft zum Materialistischen Feminismus (Heft 174) und heute gut nachvollziehen: Noch vor knapp zehn Jahren diagnostizierten wir, dass sich antifeministische Strategien und Kämpfe verschärfen, gleichzeitig aber das gesellschaftstheoretische Handwerkszeug, das zu deren Analyse herangezogen wurde, vorwiegend von kulturalistischen, eher poststrukturalistisch gefärbten Zugangsweisen und liberalen Feminismen beeinflusst schien. Häufig, so wurde kritisiert, geriet der Zusammenhang von Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise aus dem Blick.

Wir finden heute eine andere Situation vor. Nicht erst im Kontext der Coronapandemie (siehe bereits PROKLA 197 zu Krisen der Reproduktion) wurde deutlich, dass die krisenhafte gesellschaftliche Ungleichverteilung der Reproduktions- und Care-Arbeit als integraler Bestandteil von gesellschaftlichen Krisendynamiken gelesen werden muss. Auf der theoretischen Ebene verbinden materialistisch-feministische Theorien eine Kritik an patriarchalen Strukturen und Geschlechterverhältnissen in der Regel mit einer spezifischen Analyse der mit ihnen vermittelten ökonomischen Verhältnisse und der Strukturlogik des Kapitals. Zuletzt sind etwa im Zuge der Debatten um soziale Reproduktion, Care und feministische Kapitalismuskritiken auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Arbeiten in Anschluss an die Social Reproduction Theory entstanden, die wiederum zu postkolonialen, ökologischen und intersektionalen Zugängen produktive Bezüge herstellen.

Die PROKLA 214 will zur Klärung des Ökonomieverständnisses und der Ökonomiekritik innerhalb des feministischen Denkens beitragen: Was leisten sie, welche Leerstellen und welche Grenzen weisen sie auf?

Hier geht es zum ausführlichen Call for Papers für PROKLA 214 (1/2024). Frist für die Exposees ist der 7. August 2023.


Care ins Zentrum rücken [Rezension]

Von Brigitte Kratzwald

Das Buch gibt einen Überblick über die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Care-Initiativen im deutschsprachigen Raum, an einigen davon sind die Herausgeberinnen selbst beteiligt. Die vorgestellten Initiativen sind in verschiedenen Feldern aktiv, in der Forschung, in der Politik, als Aktivist*innen oder Praktiker*innen, was sich häufig auch überschneidet. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Bedeutung von Care-Tätigkeiten aufzuzeigen, dazu gehört etwa auch die Erfassung der dafür verwendeten Zeit. Über 60 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden entfallen auf – bezahlte und unbezahlte – Carearbeit. Diese Tätigkeiten seien unerlässlich für die menschliche Existenz, trotzdem kämen sie in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften kaum vor und das gelte es zu ändern, worauf bereits der Titel des Buches hinweist. «Care-Arbeit für sich selbst, für andere und für die natürliche Mitwelt muss in die Mitte des ›Ganzen der Wirtschaft›.»

Der erste der drei Abschnitte des Buches handelt unter der Überschrift «Anfangen» von den Pionierinnen der Carebewegung. So feierte etwa das «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften» im Vorjahr sein 30-jähriges Jubiläum. Auch Initiativen wie «Care Revolution», «Wirtschaft ist Care» oder das österreichische Netzwerk «fair sorgen! Wirtschaften fürs Leben» haben sich bereits etabliert.Read more