Sozialismus von unten?
Rezensiert von Herbert Klemisch
Ziel des u.a. von Klaus Dörre herausgegebenen Bandes ist es, eine Standortbestimmung vorzunehmen, ob emanzipatorische Projekte Elemente einer sozialistischen Utopie aufweisen und einen Beitrag zur Überwindung des Kapitalismus darstellen. Denn Sozialismus wird, so der Konsens der Autor*innen, immer noch als Kategorie für eine anstrebenswerte Utopie definiert. Was verschiedene politische und gesellschaftliche Initiativen von unten leisten, dieser Frage gehen die Beiträge von Studierenden und Wissenschaftler*innen der Friedrich-Schiller-Universität Jena anhand von Fallstudien nach.
Dabei werden so unterschiedliche Prozesse wie die Berliner Kampagne «Deutsche Wohnen und Co. enteignen», die gemeinsame Initiative von Gewerkschaften und Klimaaktivist*innen am Beispiel von «#wirfahrenzusammen» genauso unter die Lupe genommen, wie internationale Bewegungen, Netzwerke oder erfolgreiche parteipolitische Initiativen wie die KPÖ PLUS in Österreich. Diese zwölf Fallstudien bilden den Kern der Publikation.
Der Zeitgeist weht inzwischen in Europa, aber auch weltweit eher von rechts und unbestritten ist die gesellschaftliche Linke in keinem guten Zustand. In den Fallstudien wird aber aufgezeigt, dass trotz des politischen und gesellschaftlichen Gegenwinds kein Grund zur Resignation besteht. Denn es gibt, wie die angeführten Beispiele aufzeigen, emanzipatorische Gegenbewegungen.
Im einleitenden Beitrag arbeitet Dörre heraus, warum Sozialismus immer noch ein Programm gesellschaftlicher Aufklärung ist, um an den scheinbar unverrückbaren Fundamenten moderner kapitalistischer Gesellschaften rütteln. Zum anderen erfordern die diversen Krisen die Ausarbeitung von Alternativen, um mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und schließlich zu einer Transformation in Richtung Nachhaltigkeit zu kommen.Read more
Multiple Krise, faschistische Tendenzen, imperialistische Konflikte: Umbrüche im globalen Kapitalismus (Konferenz, 11.-13. Sept. 2025 in Wien)
Die nächste Konferenz der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) findet in Wien statt. Genauere Informationen zur Anmeldung folgen ab Mitte Juni auf der AkG Homepage.
Anlässe gibt es genug. Wir erleben vielfältige globale Konflikte, geopolitische Verschiebungen, innergesellschaftliche Spaltungen und Auseinandersetzungen. Wie können wir das genauer verstehen? Wie organisieren sich kritisch-emanzipatorische Kräfte angesichts dieser Gemengelage?
Der Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) ist es ein Anliegen, Raum für wissenschaftliche Debatten und Austausch zu bieten. Die Konferenz beginnt bereits am Donnerstagabend, 11. September mit einem öffentlichen Eröffnungspanel „Das neue Gesicht des Autoritarismus. Faschisierung, Rollback, Gegenkräfte?“. Es diskutieren – moderiert von Katharina Hayek und Alke Jenss – unter anderen Melehat Kutun, Margit Mayer und Benjamin Opratko. Am Freitagabend gibt es dann eine öffentliche Diskussionsveranstaltung zur Frage: „Was tun? Antifaschismus im 21. Jahrhundert“, moderiert von Dana Lüddemann und Niki Kubaczek, und unter anderen mit Simon Strick. Am Samstagabend diskutieren zum Abschluss unter anderen Andreas Bieler, Carolina Vestena, Peter Ullrich, moderiert von Ulrich Brand, unter dem Titel „Wissenschaft in Krisenzeiten: Konflikte, Strategien, Räume der Auseinandersetzung“.
Für AkG-Mitglieder findet am Freitagvormittag eine interne Diskussion zur Rolle kritischer Wissenschaft und Perspektiven für die AkG statt gefolgt am frühen Nachmittag von der AkG Mitgliederversammlung.Read more
Pelagea - Berliner Materialien zur Frauenemanzipation
Der Argument-Verlag hat die Zeitschrift "Pelagea - Berliner Materialien zur Frauenemanzipation" frei als PDF verfügbar gemacht. Die Zeitschrift erschien als die des Sozialistischen Frauenbund Westberlin von 1970 bis 1984 in insgesamt 21 Ausgaben. Sie sind hier https://argument.de/produkt/pelagea/ online.
Mit LINKS die Welt retten? [Rezension]
Von Bernd Hüttner
Der 1974 geborene Klaus Lederer ist einer der beliebtesten Politiker Berlins. 2005 wurde er erstmals zum Berliner Landesvorsitzenden der damaligen PDS gewählt, von Dezember 2016 bis April 2023 war er Berliner Senator für Kultur und Europa sowie Stellvertreter der Regierenden Bürgermeister:innen Michael Müller bzw. Franziska Giffey. In seinem neuen In der Nacht zum 25. April 1974 gewann der 1. FC Magdeburg im Europapokal gegen Sporting Lissabon und erreichte als erster Fußballklub der DDR ein europäisches Finale.
Doch weltgeschichtlich viel bedeutender war ein Ereignis, das sich in dieser Nacht in Lissabon vollzog.Buch ist aber nicht die Regierungszeit und seine Rolle als Senator der Hauptgegenstand. Vielmehr soll sein Buch «… weder ein Manifest noch eine Programmschrift (...) sein» (S. 9), ist dann aber doch auf eine populare Art genau das.
Lederer schreitet mit großen Schritten durch die Geschichte des Kapitalismus, des Neoliberalismus und der sozialistischen Bewegung, erklärt verständlich deren Prinzipien, diskutiert aber auch die zeitgebundenen Einschränkungen der Theorien von Marx oder das Ende der DDR. Er schreibt darüber, wie Wachstum zum Selbstzweck wurde und was das heute für die ökologischen Grenzen des Planeten bedeutet. Damit markiert er, im Unterschied zu etlichen anderen linken Strömungen zwei Punkte: Wohlstand ist auch, aber eben nicht nur, eine Frage der Produktion und Verteilung materieller Güter, und zum anderen erfordert die Klimakrise eine Umkehr bei der Produktion, ein unendliches Wachstum ist nicht möglich, auch kein »grünes». Nebenbei bekommt dann kurz und umso treffender die linke Partei in unaufgeregten Worten (vgl. etwa S. 109) noch ihre Kritik ab, ebenso die «umtriebige Medienunternehmerin Sahra Wagenknecht» (S. 115).Read more
Ökofeminismus für heute
Eine Rezension von Lola Fischer-Irmler
Das Buch von Nadine Gerner und Lina Hansen verspricht eine Einführung in den Ökofeminismus zu sein, und ist dabei sogar noch so viel mehr als das.
Die Autorinnen unternehmen den ambitionierten Versuch, Theorie und Praxis ökofeministische Bewegungen der letzten Jahrzehnte für heutige feministische und Klimakämpfe >nutzbar zu machen. Dabei greifen sie auf eine Vielzahl von Beispielen zurück, zeichnen die Geschichte der ökofeministischen Bewegung nach und schaffen es anschauliche Bilder durch spannende Erzählungen und kreative Überschriften zu zeichnen. Sie scheuen sich dabei nicht, sich die Hände schmutzig zu machen und wühlen mitunter auch im Kompost zwischen Würmern und Pilzen. Unterfüttert wird das Buch mit vier kurzen Portraits inspirierender Ökofeminist*innen, unter anderem der kürzlich verstorbenen Maria Mies und einem von Wegbegleiter*innen kollektiv verfassten Vorwort.Read more
Care-Proteste als Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Transformationsstrategie
Die Kolleg*innen der RLS Brandenburg haben diese Publikation (ursprünglich eine Masterarbeit in Politikwissenschaften an der Universität Wien) mit ihrem Förderpreis 2022 ausgezeichnet. Der Verlag schreibt zum Buch:
Trotz der unübertroffenen Systemrelevanz wird Care-Arbeit noch immer weder (gut) bezahlt noch gewürdigt. Was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, wird in der neoliberalen Hegemonie abgewertet. Der anhaltende Pflegenotstand und die Corona-Pandemie haben dieses Selbstverständnis jedoch eingerissen.
Care-Leistende sind sich einig: Profit pflegt keine Menschen! Es braucht eine auf Solidarität und Gemeinwohl gerichtete Gegenhegemonie, um neoliberaler Krisenpolitik und Ausbeutung den Riegel vorzuschieben. Malika Guellil diskutiert in ihrem Buch (124 Seiten, 12,80 Euro) das Potenzial, das von Care-Protesten für eine Transformationsstrategie ausgeht, die die neoliberal-kapitalistischen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse umzukehren versucht. Sie will dabei das Bewusstsein über menschliche Interdependenzen und daraus resultierende Forderungen nach Inklusion schaffen, Geschlechterverhältnisse verstärkt in den Mittelpunkt rücken sowie die Hegemonie des Neoliberalismus dekonstruieren.
Um diese Entwicklungen umzukehren, muss eine Care-Revolution entfacht werden, um den Wohlfahrtsstaat und die Demokratie zu sichern. Es geht auch um die Möglichkeit einer Verbindung mit den Klimaprotesten. Care-Umdenken ist Bestandteil der sozialökologischen Transformation.
Leseprobe beim VSA-Verlag (PDF).
[CfP] Care in Bewegung; Jena 23./24. Mai 2024
Sarah Uhlmann (Uni Kassel) und Mike Laufenberg (Uni Jena) organisieren am 23./24. Mai 2024 den Workshop Care in Bewegung: Strategien, Organisierung und Kämpfe um soziale Reproduktion an der Uni Jena. Ziel des Workshops ist, die Verbindung von Care-Forschung, Social Reproduction Theory und sozialer Bewegungsforschung systematischer voranzubringen. Eine Publikation ist geplant. Die Deadline für die Einreichung von Beitragsvorschlägen ist der 1. Dezember 2023. Details im PDF des CfP Care in Bewegung_23-24. Mai 2024
Care ins Zentrum rücken [Rezension]
Das Buch gibt einen Überblick über die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Care-Initiativen im deutschsprachigen Raum, an einigen davon sind die Herausgeberinnen selbst beteiligt. Die vorgestellten Initiativen sind in verschiedenen Feldern aktiv, in der Forschung, in der Politik, als Aktivist*innen oder Praktiker*innen, was sich häufig auch überschneidet. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Bedeutung von Care-Tätigkeiten aufzuzeigen, dazu gehört etwa auch die Erfassung der dafür verwendeten Zeit. Über 60 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden entfallen auf – bezahlte und unbezahlte – Carearbeit. Diese Tätigkeiten seien unerlässlich für die menschliche Existenz, trotzdem kämen sie in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften kaum vor und das gelte es zu ändern, worauf bereits der Titel des Buches hinweist. «Care-Arbeit für sich selbst, für andere und für die natürliche Mitwelt muss in die Mitte des ›Ganzen der Wirtschaft›.»
Der erste der drei Abschnitte des Buches handelt unter der Überschrift «Anfangen» von den Pionierinnen der Carebewegung. So feierte etwa das «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften» im Vorjahr sein 30-jähriges Jubiläum. Auch Initiativen wie «Care Revolution», «Wirtschaft ist Care» oder das österreichische Netzwerk «fair sorgen! Wirtschaften fürs Leben» haben sich bereits etabliert.Read more
Lohn für Hausarbeit. Chronik eines internationalen Frauenkampfs (1972–1977) [Rezension]
Rezension von Nadine Gerner
Mit «Lohn für Hausarbeit» gibt Friederike Beier die Übersetzung einer umfangreichen feministischen Forschungsarbeit von Louise Toupin heraus, welche nicht stimulierender für aktuelle feministische Debatten rund um Care Arbeit sein könnte. Die Chronik zeichnet nicht nur die Hochzeit der Kampagne um einen Lohn für Hausarbeit nach, sondern auch die internationale soziale Bewegung um eine damals wie heute radikale, feministische Forderung. Das Buch beleuchtet die Jahre 1972-1977 des Internationalen Feministischen Kollektivs (IFK), ein transnationales Netzwerk, das Bündnisse über Differenzen hinweg schmiedete. Mit der Allianzbildung der damaligen Frauenbewegung mit Schwarzen Frauen oder Lesben praktizierte und theoretisierte das IFK bereits das, was später dann unter Intersektionalität verstanden werden sollte.
Das erste Kapitel dient zur Einordnung in den historischen Kontext und die politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit. Besonders herausragend ist der Überblick über die Vordenker*innen der Hausarbeitsdebatte (z.B. Christine Delphy oder Margaret Benston). Das zweite Kapitel stellt die scheinbar materielle reformistische Forderung nach einem Lohn in den Mittelpunkt und begründet deren durchaus revolutionäres Potential mit Hilfe marxistischer Theorie. Kapitel drei widmet sich explizit dem IFK, welches von Padua aus, über England bis in die USA und nach Québec in Kanada florierte und so zu einem transnationalen Netzwerk bzw. einer »Keimzelle einer Fraueninternationale« (S. 150) heranwuchs. Read more
Die Verhandlung von Diversität im Weltsozialforum [Rezension]
Eine Rezension von Sarah Binz
Was bedeutet «Solidarität» in der Praxis der seit 2001 regelmäßig stattfindenden Weltsozialforen (WSF), bei denen sich Akteur:innen aus sozialen Bewegungen versammeln, um Mittel und Wege alternativer globaler Kommunikation und Zusammenarbeit zu entwickeln? Der Anthropologe Nikolas Schall untersucht diese Frage mit Mitteln der engagierten, eingebetteten Ethnografie: bereits im Vorfeld des WSF 2016 in Montreal nahm er an Organisationstreffen teil, er war in digitale Kommunikationskanäle eingebunden und schließlich bei der Veranstaltung vor Ort aktiv; Feldnotizen wechseln sich ab mit Interviewpassagen, methodologischen und theoretischen Reflexionen. Dies ergibt ein gut lesbares, abwechslungsreiches Buch, was bei Dissertationen nicht immer vorausgesetzt werden kann.
Schalls Umgang mit Solidarität, einem notorisch schwierig zu bestimmenden Forschungsgegenstand, ist pragmatisch-praktisch. So vermeidet er eine normative Definition des Begriffes und kann sich stattdessen ganz den vielfältigen Diskussionen und Praktiken widmen, welche von Akteur:innen des WSF mit Solidarität verbunden werden. Zentral sei für diese ein implizites Verständnis von Solidarität als Prinzip des präfigurativen Handelns – das bedeutet, dass Solidarität zunächst in den alltäglichen Umgangsweisen der Organisator:innen und Teilnehmer:innen verankert und gefördert werden soll, etwa über quotierte Redelisten, die Vermeidung von Repräsentation, kooperative Arbeitsweisen, die Festschreibung diskriminierenden Verhaltens und, im Fall beobachteter Übergriffe, Aufforderungen zur Intervention an alle Anwesenden. Solidarität ist damit im Kontext des Weltsozialforums eher als Mittel zu betrachten, um bestimmte Verständigungsweisen zu ermöglichen, denn als ein Zweck im Sinne konkret formulierbarer inhaltlicher Forderungen. Diskurse und Praxisformen, wie Schall sie schildert, sind denen hiesiger aktivistischer Kreise sehr ähnlich, was vor allem mit dem wenig diversen, überwiegend weißen akademischen Hintergrund fast aller Organisator:innen des WSF zu tun haben mag.Read more
Aktiv gegen Klassismus [Rezension]
Von Bernd Hüttner
Seit der Finanzkrise 2008/9 wird vermehrt über Ungleichheit, Reichtum und Kapitalismus debattiert. Selbst die Begriffe «Klasse» und «Klassengesellschaft» werden nun auch jenseits der Linken (wieder) verwendet. Klassen definieren sich - nach gängiger linker Lesart - über Besitz und Einkommen. Bei der Klassenzugehörigkeit geht es jedoch dem ökonomischen auch um kulturelles (Bildungsabschlüsse) und soziales Kapital (›Vitamin B‹). Selbst der Name, der Wohnort, die Sprache und der Geschmack können Marker für Klasse sein. In diesem Zusammenhang ist in den letzten Jahren vermehrt von «Klassismus» die Rede.
Unter Klassismus verstehen die Herausgeber*innen dieses Bandes eine «Unterdrückungsform», eine «Abwertung, Ausgrenzung und Marginalisierung entlang von Klasse». Klassismus beschreibe «die Diskriminierung aufgrund von Klassenherkunft oder Klassenzugehörigkeit» und «richtet sich gegen Menschen aus der Armuts- oder Arbeiter*innenklasse, zum Beispiel gegen einkommensarme, erwerbslose oder wohnungslose Menschen oder Arbeiter*innenkinder» (S. 11). Klassismus ist für Seeck und Theissl kein moralischer oder kulturalisierender Begriff, der auf Teilhabe an etwas abzulehnendem orientiert, sondern ein kritischer im Rahmen einer Theorie, die sich ganz bewusst für eine parteiische Position entscheidet. Sie haben 26 sehr verschiedene Beiträge zusammengetragen. Der Bogen reicht von Interviews und aktivistischen Erfahrungen über theoretische Diskussionen bis hin zu persönlichen Essays.Read more
Bruch mit der Kapitallogik [Rezension]
In der Schweiz gibt es 3,8 Millionen Autos, ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird weggeworfen. Die Gegenwart, noch verschärft durch Corona, ist gekennzeichnet von einem eklatanten Auseinanderklaffen von Möglichkeiten und vergleichsweise trister, wenn nicht katastrophaler Realität. In vielen Bereichen ist das Produktivitätsoptimum erreicht, die Menschheit ist reich an Ressourcen, technischer Expertise und sozialen Erfahrungen. Dieser Reichtum wird aber nur von wenigen angeeignet, Hunger und Klimawandel existieren weiter und die Ungleichheit steigt überall an. Politisch gibt es global, trotz vieler Proteste, z.B. nehmem am 14. Juni 2019 in der Schweiz eine halbe Million Menschen am Frauenstreik teil, einen reaktionären Rollback («Trumputinismus»). In den Ländern des globalen Nordens tritt erst langsam ins Bewusstsein, dass der Großteil der geleisteten Arbeit unbezahlt stattfindet, Care in Indikatoren wie dem Bruttoinlandsprodukt nicht vorkommt und diese damit, wie die (neo-)klassische Volkswirtschaftslehre insgesamt, für eine emanzipatorische Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse unbrauchbar sind.
Dringend nötig aus vielerlei Gründen sei deswegen, so Ringger und Wermuth, der Bruch mit der Kapitallogik. Nur so sei mehr Gemeinwohl, Solidarität und Kooperation möglich. Ihr Vorschlag ist eine Erneuerung und Ausweitung des «Service Public», was wohl nur unzureichend mit «öffentlicher Dienst» eingedeutscht werden kann. Sie buchstabieren dies auch anhand u.a. der Sektoren Wohnen, Mobilität, Gesundheit und Pflege aus. Finanziert werden soll das ganze durch eine andere Steuerpolitik, die Reiche stärker belastet und z.B. durch eine einmalige Klima-Corona-Abgabe, die mit einer vergleichsweise moderaten Besteuerung (3 Prozent auf Vermögen von über 1 Million Franken) immense Summen erbringen würde.Read more
Equal Care [Rezension]
Von «Pflege-Ketten» (care chains) sprechen Gesellschaftswissenschaftler*innen und verweisen darauf, dass auch Menschen in Pflegeberufen oder als Sorgende im Privaten Unterstützung, mitunter Fürsorge brauchen. Das schafft Abhängigkeiten in einem Teil unseres Lebens, der uns in jedem Alter begleitet, ganz gleich wo wir sozial stehen: Bei Geburt und Älterwerden, Krankheit, Leben mit Kindern, an allen Ecken des Alltags, ob Haushalt oder «Arbeitsplatz». Wie darin Geben und Nehmen verteilt sind und wie sich das fair oder für alle nachhaltig gestalten lassen kann, beschreibt das Buch «Equal Care» von Almut Schnerring und Sascha Verlan. Ihre Beobachtungen und Vorschläge dürften akut auf ein geschärftes Bewusstsein für Wert und Wertschätzung von «Kümmerarbeit» stoßen. Auch wenn das Thema bereits vor SARS-CoV-2 als «dringend» auf der Agenda von Umverteilungs-Konzepten stand, treten traditionelle Schieflagen und neue Ungleichheiten jetzt noch einmal deutlicher hervor.
Denn Care- oder Fürsorge-Arbeit ist das Zentrum der Gesellschaft und die Basis jeder Ökonomie. Sie ist oft unsichtbar, in der Regel kaum durch Technik ersetz- oder rationalisierbar, und sie wird zu 80 Prozent von Frauen erledigt. Sie führt, dem Gender Care Gap sei «Dank», zu einer geringeren Rente derjenigen, die sie ausführen. Schließlich erfährt sie allgemein, egal ob sie bezahlt wird oder nicht, wenig Wertschätzung. Ein gutes Drittel aller berufstätigen Frauen ist im Care-Sektor tätig. Die Arbeitsbedingungen sind dort oft schlecht und lassen wenig Selbst-Sorge zu. Diese geschlechtsspezifische Zuweisung – es gibt z.B. 2,6 Millionen Alleinerziehende, 2,2 Millionen davon sind Frauen – hat auch viel mit dementsprechend hinleitender Erziehung zu tun, die bereits bei Kleinkindern einsetzt. Der «Care Gap beginnt im Kinderzimmer», so die Autor*innen in ihrem zweiten Kapitel.Read more
Männlichkeiten und (Post-)Wachstum [Rezension]
Diese Publikation fügt der Debatte um Postwachstum und die aktuelle Situation des Kapitalismus einen lange unterbelichteten Aspekt hinzu: den des Verhältnisses von hegemonialer Männlichkeit, Wachstum und Kapitalismus. Dieses soll näher beleuchtet und untersucht werden. In diesem Such- und Diskussionsprozess wird neues gedacht und diskutiert, und bereits bekanntes neu in Verbindung gebracht.
Die hegemoniale Männlichkeit beruhe, so die Grundannahme auf Erfolg, Macht, Kontrolle, Expansion und der Unterdrückung und (rassistischen) Kolonisierung aller «anderen», vor allem von Frauen und nicht-hegemonialen Männern. Dieses Modell werde aber «von innen» und «von außen» in Frage gestellt: Durch den Widerstand der «anderen», durch die Pluralisierung der sexuellen Orientierungen und durch die Verweigerung vieler Männer, bei diesem Modell weiter mitzumachen. Der Männer, die Sorge für sich selbst und andere übernehmen wollen, die positive Emotionen, gegenseitiges Angewiesensein und soziale Beziehungen wertschätzen und propagieren, individuell im klassischen «privaten Raum», im Beruf, und in der Gesellschaft. Der Neoliberalismus untergrabe nicht zuletzt durch Flexibilisierung und Lohnsenkungen den bisher dominanten kulturell-sichtbaren Habitus des männlichen Alleinernährers. Zu fragen sei auch, welche Konturen von Männlichkeit eine Postwachstumsgesellschaft aufweisen müsse, bzw. welche den Weg dorthin unterstützen und fördern könnten?Read more
Call for Papers: Plattformkapitalismus und die Krise der sozialen Reproduktion

Wir laden zur Einsendung von Abstracts für den Sammelband „Plattformkapitalismus und die Krise der sozialen Reproduktion“ ein. Der Sammelband interessiert sich für den Aufstieg digitaler Plattformen im Kontext einer Transformation und Krise der sozialen Reproduktion. Auch wenn selten in diesem Kontext diskutiert, intervenieren Plattformen wie Helpling, Deliveroo, Care.com, Airbnb, Uber und viele weitere direkt oder indirekt in das Feld der sozialen Reproduktion. Dies betrifft verschiedene Bereiche wie Pflege, Ernährung oder Betreuung von Kindern ebenso wie die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung oder die gesamtgesellschaftliche Organisation sozialer Reproduktion. Das Buchprojekt versammelt vielfältige theoretische und empirische Beiträge, die unterschiedliche Perspektiven auf den Zusammenhang digitaler Plattformen und die Krise sozialer Reproduktion werfen.












