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Erwerbsförmige Sorgearbeit wird vor allem von Frauen ausgeübt und ist bekannt für schlechte Arbeitsbedingungen. Der Anteil von Teilzeitstellen ist weit überdurchschnittlich, was auch geringe, und nichtexistenzsichernde Löhne zur Folge hat. Erhöhter Stress, die oft unregelmäßigen Arbeitszeiten und andere Faktoren sind Ursachen für gesundheitliche Belastungen. Nicht zuletzt leidet der Bereich der Erziehungs- und Sozialdienste, in dem grob geschätzt eine Million Menschen arbeiten, unter geringer gesellschaftlicher Wertigkeit, die wiederum zu den genannten Problemen führt und mit diesen unabdingbar verknüpft ist.

Seit einigen Jahren regt sich dagegen aber Widerstand. So gab und gibt es immer wieder Streiks in Krankenhäusern, und 2009 und 2015 größere Streiks in den Kindertagesstätten. Diese sind letztendlich auch der Anlass für die Forschung gewesen, die hier in diesem Buch, aber auch anderswo ihren publizistischen Niederschlag finden. Die Schreibenden wollen Wissen weitervermitteln und zur Reflektion anregen.

Bei Streiks in den Erziehungs- und Sozialdiensten entsteht kein oder nur geringer Schaden für den Arbeitgeber, sondern eher für die zu Pflegenden, die Kranken, oder für die Eltern der Kinder, deren Tagesstätte bestreikt wird. Also müssen die Eltern bei Arbeitskämpfen informiert und mit einbezogen werden. Das bei sehr vielen in diesen Feldern Arbeitenden vorherrschende Arbeitsethos behindert oft Widerstand und Arbeitskämpfe. Dieses Arbeitsethos einer «fürsorglichen Praxis» besteht aus einem starken Pflicht- und Verantwortungsgefühl für die Hilfebedürftigen, wenn nicht von der bezahlten Pflegearbeit abhängigen Personen. Solche Tätigkeiten wurden lange im privaten Rahmen und unbezahlt ausgeführt, was nun dazu führt, dass viele dort arbeitenden sich scheuen, etwas für sich zu fordern, da sie nicht als «egoistisch» dastehen wollen. Hinzu kommt die Vereinzelung, etwa in der Pflege oder der persönlichen Assistenz, oder die Tatsache, dass 60 Prozent der Arbeiter_innen in Kindertagesstätten in solchen mit kirchlicher Trägerschaft arbeiten, und dort ganz andere Regularien gelten, was Mitbestimmung oder Tarifverträge angeht.

Nach einer ausführlichen Einleitung folgen vier Artikel zu Kindertagesstätten, und je drei zu Arbeits- und Streiksituationen in Krankenhäusern bzw. in der Pflege und der persönlichen Assistenz. Vier generalisierende Artikel, die z.B. dafür plädieren, die Verletzung des Arbeitsethos als Motivation anzusehen, statt den Arbeitsethos in erster Linie als Hinderungsgrund, runden diesen Band ab. Dieser ist überwiegend in einer soziologischen Sprache geschrieben, die nicht so leicht zugänglich ist. Seine Beiträge beruhen aber oft auf Interviews mit «betroffenen» Arbeiter_innen oder Streikenden, deren Zitate so immerhin ein gewisses Gegengewicht bieten.

Ingrid Artus / Peter Birke / Stefan Kerber-Clasen / Wolfgang Menz (Hrsg.): Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen; VSA Verlag, Hamburg 2018, 336 Seiten, 26,80 EUR (Leseprobe / Inhaltsverzeichnis als PDF)

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