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Joachim Maiworm rezensiert das Buch Alex Demirović (Hrsg.): Wirtschaftsdemokratie neu denken; Münster 2018

Angesichts der anhaltenden kapitalistischen Vielfach-Krise sollte eine zentrale Forderung der historischen Arbeiterbewegung – die Demokratisierung der Ökonomie – eigentlich bei betroffenen und politisch engagierten Menschen dauerhaft ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Seit den 1920er Jahren, als vor allem sozialdemokratische Gewerkschafter*innen Idee und Konzepte für eine Wirtschaftsdemokratie entwickelten, gerät das Thema dagegen immer wieder in Vergessenheit, um dann periodisch neu zu erwachen und nach einer Aktualisierung zu drängen.
Ein aktueller Sammelband versucht nun das Interesse am Gegenstand einmal mehr zu beleben. Das «klassische» Grundproblem der Idee der Wirtschaftsdemokratie liegt auch dem vom Frankfurter Sozialwissenschafter Alex Demirović herausgegebenen Buch als Ausgangsfrage zugrunde: Wie lässt sich ein evolutionäres «Hineinwachsen» demokratischer Bürgerrechte in die von autoritären Praktiken geprägte Sphäre der Ökonomie denken?
Die versammelten Texte basieren dabei auf der Prämisse, dass die Defizite und die Erosion der Mitbestimmung in den Betrieben und Unternehmen eine kritische Überprüfung des tradierten Konzeptes der Wirtschaftsdemokratie nötig macht. Denn in den 1920er Jahren noch als Übergang in eine sozialistische Gesellschaftsordnung gedacht, mutierte die Mitbestimmung nach 1945 zu einer zentralen Stütze der Integration der Arbeiter*innen in die betriebliche Herrschaft («Sozialpartnerschaft»).
Da die gesetzlich festgelegte Mitbestimmung mit Demokratisierungsprozessen so rein gar nichts zu tun hat, weil in einem ungleichen Machtverhältnis mit der Kapitalseite gebunden, werden in dem Buch weiterreichende theoretische und praktische Ansätzen ausgelotet. So geht es unter anderem um die Frage, wie weit die Demokratisierung der Wirtschaft verfassungsrechtlich gehen kann (Enteignung, Vergesellschaftung), Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Alternativökonomie und zur Vernachlässigung von Geschlechterdemokratie in der Debatte werden vorgestellt, die Potenziale von demokratischen Unternehmen in Belegschaftsbesitz sowie des Gesundheits- und Bildungswesens reflektiert und über Erfahrungen von «Arbeiterkontrolle» und Selbstverwaltung im internationalen Rahmen berichtet.
Als Problem zeigt sich, dass «Wirtschaftsdemokratie» wegen der zahlreichen thematischen Anknüpfungspunkte zu einem Container-Begriff zu werden droht, dem beliebige Bedeutungen beigemessen werden können. Der Band bietet aber genügend analytischen Stoff für eine intelligente Auseinandersetzung über Anachronismus und Aktualität des Themas.

Alex Demirović (Hrsg.): Wirtschaftsdemokratie neu denken; Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2018, 341 Seiten, 35 EUR

Der Band von Alex Demirović ist hier kostenlos als PDF-Download erhältlich.

Der Text ist die Kurzfassung einer Rezension für die Website/den Verein Business Crime Control.

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