Die Linke in der Schweiz
Rezensiert von Bernd Hüttner
Dominic Iten skizziert in dieser Einführung die politische und ökonomische Geschichte der Schweiz und leitet davon die Geschichte «der Linken» ab. Diese bildete sich in einer bereits 1848 errichteten Demokratie, aber in einer sich dezentral industrialisierenden Wirtschaft – was für sie zur Herausforderung wurde. Auch das männliche Bürgerrecht, die Kleinheit der Kantone, Sprachgrenzen und ein tief auch im Alltagsbewusstsein verankertes föderales Prinzip erwiesen sich für die flächendeckende Organisation der Arbeiter*innen als große Hürden. Erste lokale Zusammenschlüsse von Arbeiter*innen hatte es gleichwohl bereits vor 1848 gegeben.
1888 wird die Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) gegründet, im Dezember 1918 findet der Landesstreik statt, bis heute eine der größten emanzipatorischen Mobilisierungen in der Geschichte der Schweiz. Bei den ersten Proporzwahlen 1919 wird die SPS zweitstärkste Partei im Nationalrat. Auf Grund des Konkordanzprinzips, das eine Einbindung aller großen Parteien in die Bundesregierung vorsieht, hat dies aber nur geringe Auswirkungen.
Die Geschichte der Schweizer Linken ist nicht nur in diesem schmalen Buch zu großen Teilen die Geschichte der SPS und die der großen Gewerkschaften – diese wiederum ist laut Iten die Geschichte einer weitgehenden Integration in die bürgerlichen Verhältnisse. Der Nachkriegsboom war die materielle Basis für einen Klassenkompromiss, der der Praxis der SPS die sozialistischen Einsprengel vollends austrieb und vielen einen enormen Konsum ermöglichte. Die sozialen Kämpfe verlagerten sich mit dem Ende der großen Fabriken ab Ende der 1960er-Jahre hin zu den Themen Geschlecht, Wohnen und Stadtentwicklung sowie Umwelt/Klima. Ihr politischer Ausdruck war und ist die neue Linke, die Jugendbewegung der 1980er, schließlich die zweite Frauenbewegung und aktuell die Klimagerechtigkeitsbewegung. 1991 findet mit großer Resonanz der erste Frauenstreik statt, 2019 zählt dieses Ereignis eine halbe Million Teilnehmer*innen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts fusionieren viele Gewerkschaften.Read more
Konversion – Wirtschaftsdemokratie für den sozialökologischen Umbau
Die neue Ausgabe des Jahrbuch „Ökonomie und Gesellschaft" hat das Thema „Konversion – Wirtschaftsdemokratie für den sozialökologischen Umbau". Sie wird von Peter Bartelheimer und Silke Oetsch im Metropolis-Verlag herausgegeben. Der 484 Seiten starke Titel ist auch Open Access: https://www.metropolis-verlag.de/dl/OpenAccess/1586.pdfArbeitskämpfe - Thema der Zeitschrift ila (Heft 476)
Wie überall auf der Welt wurden Streiks auch in Lateinamerika spätestens im 20. Jahrhundert zum zentralen Instrument der Arbeiter*innen. Und auch dort waren und sind streikende Kolleg*innen immer wieder von Repression betroffen. Am schlimmsten sicherlich unter den zivil-militärischen Diktaturen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren in den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas regierten. Doch die Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung kämpferischer Kolleg*innen war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der Militärs. Auch unter sogenannten „demokratischen“ Regierungen waren und sind sie an der Tagesordnung. So war das zivil regierte Kolumbien noch in jüngster Zeit weltweit das gefährlichste Land für organisierte Arbeiter*innen und andere soziale Gruppen, die für ihre Rechte eintreten.
Aber die Geschichte der Streiks in Lateinamerika ist nicht nur eine von Verfolgung und Gewalt. Viele Arbeitskämpfe waren erfolgreich. Aktive Kolleg*innen und Gewerkschaften konnten damit bessere Löhne, Gesundheitsschutz und Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen. Große Streiks konnten Diktaturen ins Wanken bringen, wie etwa die der Metallarbeiter im Großraum São Paulo 1978 bis 1980, oder leiteten einen politischen Wandel ein, wie in den letzten Jahren in Chile und Kolumbien.Read more
[CfP] Drecksarbeit – Dritte Tagung der GLHA (Dortmund, 13.-15. 11. 2024)
Drecksarbeit. Materialitäten, Semantiken und Praktiken von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart ist das Thema der dritten Tagung der German Labour History Association (GLHA). Diese findet vom 13.–15. November 2024 in Dortmund in Kooperation mit dem Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, der FernUniversität in Hagen, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Hans-Böckler-Stiftung, der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte statt.
Reisekosten und Unterkunft werden für Vortragende übernommen. Deadline für die Einreichung von Vorschlägen ist der 23. Oktober 2023.
Alles weitere im Call_Drecksarbeit_GLHA
Endlich bald: Gewerkschaftskonferenz
Die 1. Mai-Ausgabe der Frankfurter Rundschau titelte mit einem Interview mit Bernd Dreisbusch (ver.di) zu unserer Konferenz aus unserem Konferenz-Vorbereitungskreis, siehe Fotos.
In der Mai-Ausgabe der „Marxistischen Blätter“ findet sich außerdem ein Text von Fanny Zeise und mir zur Konferenz, den wir auch in das am 1. Mai online gegangene RLS-Dossier zum Thema Gewerkschaften gestellt haben.
Veranstaltungsbericht: Arbeitskämpfe in China
Am 10.12. haben wir gemeinsam mit dem Kritischen China-Forum eine Veranstaltung zu den Arbeitskämpfen in der Plattformökonomie in Deutschland und China durchgeführt, an der 60 Personen aus 19 Ländern teilnahmen. Ingeborg Wick hat dazu nun einen informativen Artikel in der Zeitschrift "express" veröffentlicht, auf den ich hier verweise:
Mein Boss, der Algorithmus
Internationales Online-Treffen diskutiert über Arbeitskämpfe und Organisationsansätze in der Plattformökonomie – von Ingeborg Wick
Im letzten Jahrzehnt hat sich die Plattformökonomie in vielen Ländern der Welt rasant entwickelt. Mit zunehmender Digitalisierung erfasst sie immer mehr Bereiche des Alltagslebens, der Wirtschaft und der Arbeitswelt. Sie hat neue Geschäftsmodelle geschaffen, die die Organisation von Arbeit und die Arbeitsbedingungen von Millionen Menschen betreffen. In manchen Branchen wie der Mobilität, dem Handel und der Gastronomie rückt sie mittlerweile ins Zentrum der Wertschöpfung vor. Dies gilt etwa für Essens- und Lebensmittel-Lieferdienste, deren jüngster Boom sich nicht zuletzt der weltweiten Lockdown-Politik nach Ausbruch der Covid19-Pandemie im Jahr 2020 verdankt. Sie hatte physische Kontakte in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen zugunsten von Online-Arbeit und -Kommunikation drastisch eingeschränkt.
Weiterlesen im PDF oder in der Ausgabe 3-4/2023 der Zeitschrift express.
RLS Gewerkschaftsnewsletter Dezember 2022
Mit:
- Organizing for Power
- Konferenz Gewerkschaftliche Erneuerung
- Mapping Amazon
- Podcast: Die Geschichte der Gewerkschaften
- Artikel: Fürs Gemeinwohl streiken
- Terminen
Erster Digitalisierungstarifvertrag im Handel überhaupt: H&M
Beim Bekleidungsdiscounter H&M wurde im Herbst 2022 erstmals überhaupt im Handel ein Digitalisierungstarifvertrag für die rund 14.300 Beschäftigten geschlossen. Die Tarifvertragsparteien formulieren folgende Leitgedanken und Zielsetzungen zur Zukunft des stationären Einzelhandels und zugleich zur Digitalisierung:
»Die gemeinsame menschengerechte Gestaltung der Digitalisierung ist erforderlich, um das Unternehmen zum Vorbild und Vorreiter zu machen, um gute Arbeitsbedingungen zu gewährleisten, den benötigten Fortschritt im Rahmen der Digitalisierung zu erreichen und das Unternehmen auf diese Weise langfristig zu sichern.« Weiter heißt es: »Technik soll dabei dienen und nutzen, Arbeitsplätze aber nicht ersetzen.«
Diesen »Geist« des Tarifvertrages mit Leben zu füllen, sei nun die Herausforderung der nächsten Jahre und werde sicherlich bei der Umsetzung des Tarifvertrages zu immer neuen Aushandlungsprozessen führen, so Cosimo-Damiano Quinto und Orhan Akman in ihrer mehr als lesenswerten Bilanz des mehrjährigen Prozesses hin zum Tarifvertrag in der Zeitschrift Sozialismus. Read more
Gewerkschafts-Newsletter
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
mit unserem September-Newsletter wollen wir euch über die aktuelle Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Themenfeld Gewerkschaften informieren. (Der Newsletter in Email-Form lässt sich hier bestellen.)
Mit solidarischen Grüßen,
Fanny Zeise, Fanni Stolz und Florian Wilde
Gewerkschaftliches Zukunftskonzept? [Rezension]
Eine Rezension zu Hans-Jürgen Urban: Gute Arbeit in der Transformation. Über eingreifende Politik im digitalen Kapitalismus, Hamburg 2019
Von Herbert Klemisch (Bonn)
Hans Jürgen Urban, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, entwickelt in diesem Buch Elemente einer gewerkschaftliche Strategie zur Gestaltung des digitalisierten Kapitalismus. Bei der vorgelegten Publikation handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Analyse, die in Schreibstil und Vokabular nicht immer leicht verdauliche Kost ist.
Die Abhandlung ist in fünf Teile gegliedert und beginnt nach einer thematischen Einbettung in das Feld der kapitalistischen Transformation mit dem gewerkschaftlichen Konzept «Guter Arbeit» als Basis. Im Hauptteil werden sechs arbeitspolitische Felder skizziert. Dies sind: Demografie und Renten, Leistungsverdichtung als zentrales Merkmal der modernen Arbeit, das Zusammenspiel von Arbeitszeit, Gesundheit und Autonomie, mit der Folge einer wachsenden Burnout-Gesellschaft. Die Digitalisierung wird in ihren Auswirkungen zwischen Rationalisierung und Humanisierung beschrieben, die mit Konflikten um die Gestaltung von Arbeitsbedingungen verbunden ist. Jedes Kapitel beginnt mit einem lesenswerten Analyseteil und wird abgeschlossen mit einem Ausblick, in dem eine Auseinandersetzung mit gewerkschaftlichen Positionen vorgenommen wird. In den beiden abschließenden Teilen stehen Überlegungen zur Arbeitsökologie, die in der ökologischen Gretchenfrage mündet: Wie hältst du es mit dem Wachstum?Read more
Care, Streiks und Arbeitsethos [Rezension]
Erwerbsförmige Sorgearbeit wird vor allem von Frauen ausgeübt und ist bekannt für schlechte Arbeitsbedingungen. Der Anteil von Teilzeitstellen ist weit überdurchschnittlich, was auch geringe, und nichtexistenzsichernde Löhne zur Folge hat. Erhöhter Stress, die oft unregelmäßigen Arbeitszeiten und andere Faktoren sind Ursachen für gesundheitliche Belastungen. Nicht zuletzt leidet der Bereich der Erziehungs- und Sozialdienste, in dem grob geschätzt eine Million Menschen arbeiten, unter geringer gesellschaftlicher Wertigkeit, die wiederum zu den genannten Problemen führt und mit diesen unabdingbar verknüpft ist.
Seit einigen Jahren regt sich dagegen aber Widerstand. So gab und gibt es immer wieder Streiks in Krankenhäusern, und 2009 und 2015 größere Streiks in den Kindertagesstätten. Diese sind letztendlich auch der Anlass für die Forschung gewesen, die hier in diesem Buch, aber auch anderswo ihren publizistischen Niederschlag finden. Die Schreibenden wollen Wissen weitervermitteln und zur Reflektion anregen.Read more
Gewerkschafts-Newsletter März 2018
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
mit diesem Newsletter wollen wir dich über die Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Themenfeld Gewerkschaften informieren.
Wir experimentieren erstmals mit einer neuen Format-Vorlage für den Newsletter und hoffen, dass alles funktioniert...
Mit solidarischen Grüßen,
Florian Wilde und Fanny Zeise
Studie über Situation der Beschäftigten an Hochschulen (Rezension)
Sybille Nobel-Sagolla rezensiert in der Regionalbeilage Bremen/Niedersachsen der Oktoberausgabe von verdi publik das Buch "Zwischen W3 und Hartz IV. Arbeitssituation und Perspektiven wissenschaftlicher Mitarbeiter"
Tenor der Rezension: "Auch Akademiker brauchen ver.di"
An den Hochschulen in Niedersachsen und Bremen arbeiten mehr als 30.000 wissenschaftliche Beschäftigte. Kettenverträge, prekäre materielle Lage und unsichere Zukunft prägen häufig ihre Situation. So sind etwa 80 Prozent der jungen Akademiker auf immer wieder erneut befristete Verträge angewiesen. Rund 40 Prozent haben halbe Stellen, arbeiten aber fast Vollzeit. All das ist eigentlich beste Voraussetzung für einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad. Tatsächlich haben aber nur rund fünf Prozent einen Mitgliedsausweis.
Wie lässt sich beim akademischen Nachwuchs das Interesse an gewerkschaftlicher Organisation wecken? Mit dieser Fragestellung hat der ver.di-Landesbezirk Niedersachsen-Bremen eine Studie zu „Arbeitssituation und Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses“ in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sind jetzt in dem Buch „Zwischen W3 und Hartz IV“ nachzulesen. Ratschlag der Autorinnen an die Gewerkschaft: mehr Initiative zeigen und Überzeugungsarbeit leisten. Read more
Europa neu begründen!
GewerkschafterInnen und WissenschaftlerInnen rufen auf:
Europa neu begründen! Den Marsch in den Ruin stoppen! Die Krise durch Solidarität und Demokratie bewältigen!
So kann, so darf es nicht weitergehen. Das Projekt Europa steht auf der Kippe. Europa befindet sich in einer Existenzkrise. Schon vor Ausbruch der Krise wurden die Weichen falsch gestellt: durch die einseitig auf Geldwertstabilität fixierte Euro-Konstruktion und verfehlte Schulden- und Defizitkriterien, durch falsche wirtschaftspolitische Koordinierung und die sträfliche Vernachlässigung der Sozialunion. Forciert wurde die Krise durch neoliberale Deregulierungspolitik und gewissenlose Gier der Finanzeliten, die gegen Krisenländer spekulieren und eine finanzmarktkonforme Politik erzwingen wollen. Mit dem neoliberalen Leitbild der Unterordnung unter die Dominanz der (Finanz-)Märkte trägt die EU nicht zur Lösung, sondern zur Verschärfung der Krise bei. Weiterlesen und unterzeichnen
Redwashing bei Apple
Diverse Kampagnen für “saubere” Elektronik (z.B. Greenpeace) bewegen die großen Markenkonzerne seit einiger Zeit, sich über ihre Ökobilanz Gedanken zu machen (z.B. “The story behind Apple’s environmental footprint”). “Greenwashing” lautete schnell der Vorwurf: Die ökologische Produktion sei nur vorgespiegelt in Hochglanzbroschüren und basiere auf schräg interpretierten Daten. Aber die Marken bleiben empfindlich, Imagebeschmutzung ist das schärfste Schwert der auf die Einflussmöglichkeiten konsumentensouveränen Handels orientierten bürgerlichen Konsumkritik. Die Empfindlichkeit verhält sich dabei proportional zum “Wert” der Marke im Bewußtsein der (potentiellen) Kunden. Da ist Apple eindeutig spitze. Dabei bisher nebensächlich: Die Grenzen zwischen der Kritik der menschlichen Naturverhältnisse im weitesten Sinne und den Kämpfen um menschlichere Arbeitsverhältnisse sind fließend. In jeder Ökokritik schwingt soziale Kritik mit. Das hat jetzt offensichtlich auch die imagebeschmutzungsempfindliche Marke Apple erkannt und eröffnet ein neues Kapitel der Politurarbeit am eigenen Image: “Supplier Responsibility at Apple”. Weiterlesen







