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Von Brigitte Kratzwald (www.commons.at)

Das von einem Schreibkollektiv verfasste Dossier ist die zweite Publikation des oekom Verlags zum Thema imperiale Lebensweise innerhalb weniger Monate. Nach der von Brand/Wissen vorgelegten theoretischen Abhandlung bricht das Dossier das Konzept auf alltägliche Handlungen herunter. Es möchte »die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Missständen und beunruhigenden Tendenzen aufzeigen und untersuchen«, jedoch auch Auswege zu einem guten Leben für alle weisen.
Der Begriff der imperialen Lebensweise verweist darauf, dass es tief in unserem Alltag, in unserem Denken, in materiellen Infrastrukturen und in politischen Institutionen verankerte Praktiken sind, die verhindern, dass das weit verbreitete Wissen um die Auswirkungen unserer Handlungen auch zu einer entsprechenden sozial-ökologischen Transformation führt. Im ersten Abschnitt wird dieses Konzept erläutert und marktorientierte Lösungsansätze wie die Green Economy als nicht ausreichend verworfen.
Darauf folgt ein historischer Rückblick auf die Entstehung der imperialen Lebensweise seit dem Beginn des Kolonialismus im 16. Jahrhundert, der zeigt, wie wir heute alle in diese Zusammenhänge verstrickt sind, oft genug als Opfer und TäterInnen. In je einem Kapitel zu den Themenfeldern Digitalisierung, Sorgearbeit, Geld und Finanzen, Bildung und Wissen, Ernährung und Landwirtschaft und Mobilität wird untersucht, wie sich die imperiale Lebensweise in unseren Alltagshandlungen äußert und welche Faktoren sie stabilisieren. Dem Bereich Bildung und Wissenschaft kommt dabei besondere Bedeutung zu. Das Wissen, das an unseren Schulen und Universitäten gelehrt und in die ganze Welt exportiert wird, ist wesentlich für die Ausbreitung der imperialen Lebensweise verantwortlich. Ergänzt werden die Erläuterungen durch großflächige, farbige Grafiken und Infokästen. Die hochformatige Broschüre bekommt dadurch ein ansprechendes Aussehen und weckt Neugierde auf die Lektüre.
Am Ende jedes Kapitels werden Vorschläge für Alternativen und politisches Engagement gemacht. Das letzte Kapitel fasst noch einmal die Erkenntnisse aus allen Themenbereichen zusammen und fragt, wie zu einem guten Leben für alle zu kommen sei. Es wird untersucht, wo »Hebelpunkte und Strategien sichtbar sind, um die imperiale Lebensweise zu überwinden«. Ein Glossar und ausführliche Literaturhinweise ergänzen die geballte Ladung an Information. Zusätzlich wird nach jedem Kapitel auf die Webseite aufkostenanderer.org mit weiteren Beispielen und Handlungsvorschlägen verwiesen, ebenso wie auf Initiativen, die sich mit den jeweiligen Themen beschäftigen. Insgesamt ein informatives Nachschlagewerk für Menschen, die sich in dem einen oder anderen Bereich für ein gutes Leben engagieren.

I.L.A. Kollektiv: Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert. Oekom Verlag, München 2017, 128 S., 19.95 EUR

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wolfdieternarr.de stellt die Gesammelten Schriften von Wolf-Dieter Narr bereit, einem der wichtigsten kritischen Intellektuellen der westdeutschen Nachkriegsgeschichte und des wiedervereinigten Deutschlands. Von 1971 bis 2002 war Wolf-Dieter Narr Professor für die empirische Theorie der Politik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.
Die aus Anlass des 80. Geburtstages von Wolf-Dieter Narr erstellte und online verfügbar gemachte Bibliographie umfasst Texte aus 50 Jahren und über 500 Titel, davon mehr als 200 im Volltext. Die Themenpalette ist breit. Im Anschluss u.a. an Marx, Weber und Adorno reichen die Arbeiten von grundlegenden Texten zur Staats- und Demokratietheorie und zu Frieden und Menschenrechten über Fragen der politischen Theorie und der Hochschul- und Wissenschaftspolitik bis zur Analyse und Kritik globalisierter Ökonomie, Psychiatrie, Überwachung sowie der Sozial- und Migrationspolitik.
Wolf-Dieter Narrs Schriften spiegeln die Geschichte und die Kämpfe kritischer Sozialwissenschaft und der gesellschaftlichen Linken in Deutschland von Mitte des 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21.
Jahrhunderts. Auch für gegenwärtige und zukünftige Versuche, die Welt kritisch zu verstehen und sie zu verändern, können Wolf-Dieter Narrs radikaldemokratische und herrschaftskritische Texte wichtige Impulse
geben. Aus diesem Grund stellt das Projekt wolfdieternarr.de eine Gesamtbibliographie seiner Texte und ein Online-Archiv möglichst vieler Titel als Volltext bereit. Bibliographie und Archiv werden laufend aktualisiert und ergänzt.
Parallel zum Launch von wolfdieternarr.de ist im Verlag Westfälisches Dampfboot ein Band mit ausgewählten Texten erschienen.
Wolf-Dieter Narr: Radikale Kritik und emanzipatorische Praxis. Ausgewählte Schriftenkommentiert von Wegbegleiter*innen; herausgegeben vom Komitee für Grundrechte und Demokratie, ISBN 978-3-89691-298-5, 218 Seiten, 25,00 EUR (Inhaltsverzeichnis als PDF).

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Das Team des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus bittet um Spenden und schreibt: „wir arbeiten mit Hochdruck an der Fertigstellung von Band 9/I des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (Maschinerie bis Mitbestimmung), der Anfang kommenden Jahres in den Druck geht und im März [2018] erscheinen wird.
Krankheit und Krisen haben zur Abweichung vom zweijährigen Erscheinungsrhythmus geführt und unsere prekäre finanzielle Lage verschärft, weil sich die knappen Mittel nun auf eine längere Produk­tionsdauer verteilen. Das hohe Maß engagierter und unbezahlter Arbeit und das finanzielle Engage­ment der Rosa-Luxemburg-Stiftung können die Existenz des Wörterbuchs allein nicht sichern. Wir sind zum größeren Teil auf Spenden angewiesen.
Bitte unterstützt die Finanzierung einer oder mehrerer Seiten des Wörterbuchs. Mit einer Spende von 100 € für Verdienende und 50 € für Studierende/geringe Einkommen für eine Seite kann die Endferti­gung abgesichert werden. Die Namen derer, die das Projekt unterstützen, werden, falls nicht anders gewünscht, in die Sponso­ren-Tafel zu Beginn des Bandes eintragen. Auf Wunsch übersenden wir eine Spendenbescheinigung zur Vorlage beim Finanzamt, welches das InkriT als gemeinnützig anerkennt (zu diesem Zweck brau­chen wir die Adresse).“ Der Spendenaufruf mit einem Vordruck kann hier als PDF abgerufen werden.

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Call for Papers für JEP 2018-4 (English version below)

Die revolutionäre ArbeiterInnenführerin und sozialistische Theoretikerin Rosa Luxemburg leistete einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des Imperialismus am Beginn des 20. Jahrhunderts. In Weiterentwicklung der Marx’schen Kritik der Politischen Ökonomie kam sie in Die Akkumulation des Kapitals (1913) zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus der ständigen Integration und Unterwerfung nichtkapitalistischer Sphären bedarf. Gewalt, Zwang und Überausbeutung seien demnach keine präkapitalistischen Residuen oder Abweichungen, sondern integraler Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise. Wiewohl von Zeitgenossen wie Otto Bauer, Gustav Eckstein und Eugen Varga stark kritisiert, erweisen sich ihre Analysen bis heute als aufschlussreich und bilden einen wichtigen Bezugspunkt rezenter marxistischer Theoriebildung. Anlässlich des hundertsten Todestages von Rosa Luxemburg plant das Journal für Entwicklungspolitik (JEP) eine Schwerpunktausgabe, die sich kritisch mit ihren originären Ideen beschäftigt.

Mit ihrer Neubewertung kapitalistischer Peripherien und ihrem Fokus auf Unterkonsumption beförderte Luxemburg die Diskussion zahlreicher Aspekte, die wir als besonders relevant für die kritische Entwicklungsforschung und die Dechiffrierung des imperialistischen „Weltdrangs“ erachten. Die drei wichtigsten Aspekte, die im Zentrum der kapitalistischen Aneignung nichtkapitalistischer Sphären im Globalen Süden stehen, sind Kapitalexpansion, militärische Macht und politische Gewalt. Diese Aspekte wurden insbesondere in den aktuellen Diskussionen um „Akkumulation durch Enteignung“ wieder aufgegriffen (vgl. David Harvey, Saskia Sassen). Obwohl Luxemburg die imperialistische Unterwerfung verurteilte, war sie dennoch der Überzeugung, dass nur der Kapitalismus eine Industrialisierung des Globalen Südens ermöglichen könne. Folglich stellt sich die Frage, ob Luxemburgs Werk auch für alternative, nichtwestliche Entwicklungsverständnisse anschlussfähig ist und inwiefern es antiimperialistische Kämpfe im Globalen Süden inspirieren konnte oder kann.

Beiträge von AutorInnen aus dem Globalen Süden sind für diese Ausgabe besonders erwünscht und werden bevorzugt behandelt.

Themenfelder: Imperialismustheorie • Unterkonsumption • Akkumulation durch Enteignung • Antiimperialistische Kämpfe • Die Rolle militärischer Macht und politischer Gewalt • Kapitalismus und Industrialisierung • Fallbeispiele aus dem Globalen Süden

Fristen: Die Einreichung eines Abstracts im Umfang von maximal 300 Wörtern (deutsch/englisch) muss bis zum 31. November 2017 an folgende E-Mailadresse erfolgen: cfp(ätt)mattersburgerkreis.at Im Abstract sollte spezifisch darauf hingewiesen werden, in welcher Form der Beitrag auf das Werk Rosa Luxemburgs Bezug nimmt. AutorInnen, deren Abstract ausgewählt wurde, erhalten Ende Jänner 2018 eine Bestätigung darüber. Die finale Einreichfrist für angenommene Beiträge (im Umfang von 6.000 Wörtern/40.000 Zeichen) ist der 4. Mai 2018.

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Special Issue Editor: Koen Smet

JEP 2018-4 Rosa Luxemburg, Imperialism and the Global South

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Peter Streiff (Stuttgart) rezensiert das neue Buch von Frank Adler und Ulrich Schachtschneider

Die beiden Herausgeber benennen die »Crux mit der ewigen Wachstumsorientierung« als Auslöser für ihr Buch, das verschiedene alternative Wege zur immer tiefer werdenden sozialen Spaltung westlicher Gesellschaften aufzeigen will. Denn für viele Menschen hätten die Entwicklungen der letzten Jahre zu einem Dilemma geführt, in dem sie derzeit nur die zwei Möglichkeiten »ökonomisch Wachsen mit ökologischem Desaster« oder »Nicht-Wachsen mit völkischem Nationalismus« sehen würden.

Ihre Sammlung von dringend benötigten gesellschaftlichen Alternativen bezeichnen die Herausgeber Frank Adler und Ulrich Schachtschneider als »Postwachstumspolitiken«, wobei es ihnen um demokratische Übergänge zu einem Leben und Wirtschaften geht, »deren Qualität und Stabilität nicht vom permanenten ökonomischen Wachstum abhängen«. Dafür zeigen 30 AutorInnen in 22 Beiträgen unterschiedliche konzeptionelle Ansätze und thematische Schwerpunkte auf. Einige der Beiträge machen Strategien von unten wie Tauschläden oder Initiativen des Selbermachens zum Thema, andere haben den Anspruch, grundlegende Reformen des gesamten institutionellen Rahmens vorzuschlagen, um eine notwendige Transformation hin zu einer Postwachstumsökonomie in Gang zu setzen.

Diese Umwandlung und eine Chance auf Verbreiterung in der Gesellschaft könne aber laut Adler und Schachtschneider nur gelingen, wenn es eine wechselseitige Befruchtung von beiden Strategien, also »von treibender Mikro-Praxis und stützender Bewegungs- und Makropolitik« geben werde. Neben diesem wertvollen Ansatz überzeugen inhaltlich vor allem jene Beiträge, deren Nähe zur Degrowth-Bewegung unverkennbar ist und die für mehring1-LeserInnen viel Bekanntes beinhalten. Den formulierten Anspruch, »grundlegende Reformen vorzuschlagen«, lösen jedoch leider mehrere, eher theoretische Aufsätze kaum ein. Auch wenn bereits bekannte Konzepte wie das Grundeinkommen in neuem Licht erscheinen, wenn sie als »gastliches Umfeld für ein (Arbeits-)Leben jenseits des Produktivismus« benannt werden.

Vor allem der kompakt und anregend formulierte Ansatz des in Frankreich populären Konvivialismus sowie die Überlegungen zur »Wirtschaftsförderung 4.0«, die ein solides Geschäftsmodell mit sozialen Innovationen verknüpfen will, haben jedoch das Potenzial, für politische Debatten mit dem notwendigen Praxisbezug zu sorgen. Das Buch bietet, obwohl oft in wissenschaftlicher Sprache verfasst, eine lesenswerte Übersicht dadurch, dass die Beiträge ähnlich strukturiert sind und der Einstieg jeweils durch eine inhaltliche Zusammenfassung erleichtert wird.

Frank Adler/Ulrich Schachtschneider: Postwachstumspolitiken, Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft; 328 Seiten, oekom Verlag, München 2017, 328 Seiten, 24,95 Euro

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Eine Konferenz im vietnamesischen Hochland widmete sich der Frage, welche Bedeutung Marx heute für die Entwicklung Vietnams haben könnte. Die Vietnamesische Akademie für Gesellschaftswissenschaften Hanoi hatte dazu mit Unterstützung der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung WissenschaftlerInnen aus Vietnam, Laos, China, Südkorea, Japan und Deutschland eingeladen. Continue Reading »

Vor mehr als einem Jahr hatten wir einen Call for papers anlässlich des großen Geburtstages von Marx veröffentlicht. Das Echo war erfreulich und wir arbeiten intensiv an unserem Buch, das vor dem 5. Mai 2018 „auf den Markt“ kommen soll. Aber diese Erinnerung bzw. Information rechtfertigt keinen mehring1-Post. Dieser hier hat mit einem gewissen Stutzen darüber zu tun, dass in den zahlreichen Artikeln bzw. Schriften zum Marxschen „Kapital“ meist drei Momente ausgeblendet werden: Continue Reading »

Der Begriff „Ökosozialismus“ hatte in den 1980er Jahren einen guten Klang. Sein Denkgebäude war aus einer Verknüpfung ökologischer Kritik an der Industriegesellschaft mit einer Revision marxistischer Grundannahmen entstanden. Nach dem Ende des Realsozialismus und dem Austritt der ÖkosozialistInnen aus der Partei „Die Grünen“ wurde dieses Konzept nur noch von Einzelpersonen vertreten.

Der 1938 geborene Michael Löwy skizziert in seinem zuerst 2011 in Frankreich erschienenen Buch die von ihm und anderen vertretene, trotzkistisch inspirierte Version des Ökosozialismus. Diese kritisiert den Produktivismus anderer Strömungen der (staatlichen) Linken und stellt dieser Orientierung an mehr Waren jene an mehr verfügbarer Zeit entgegen. Marx habe das, so die hier propagierte Lesart, auch so gesehen und sei sozusagen der erste Ökosozialist gewesen. Hier finden sich also viele nützliche Gedanken, etwa jener, dass die Quantifizierung von allem und jedem einer der Grundprinzipien des expansiven Kapitalismus sei (und nicht etwa der Tauschwert…). Nach Löwy und anderen sei, so die zweite grundlegende Prämisse ökosozialistischen Denkens, die Arbeiterbewegung (was immer das heute dann genau sein soll) zentral für eine ökologische Transformation.

Auf einer tagespolitischeren Ebene ist das Buch eher eine Enttäuschung. Zwar werden z.B. Literatur und Denkanstöße einer ökologischen Linken im globalen Kontext vorgestellt, aber die praktischen Forderungen sind dann doch z.B. sehr von einer letztendlich kulturpessimistischen Kritik an Werbung, Gier und „Gewinnsucht“ geprägt oder weitergehend von der Vorstellung „Planung“ setze der „Verschwendung“ ein Ende. Wie nun definiert wird, was „Verschwendung“ ist und wer in welchem Umfang an dieser „Planung“ einer ja globalisierten Ökonomie beteiligt ist, dazu findet sich erstaunlich wenig. Frappierender noch ist die nicht genauer begründete und ja nicht minder zentrale Vorstellung „Kapitalismus“ und „Ökologie“ seien unvereinbar. Demnach wäre also ein ökologischer Kapitalismus per Definition nicht möglich. Hier war die Debatte vor 25 bis 20 Jahren weiter und sie ist es auch heute, wenn z.B. die Propaganda für einen solaren, oder grünen, CO2 reduzierten Kapitalismus von links kritisiert wird. Hier nur ein Beispiel.

Eine weitergehende Auseinandersetzung mit etwa ökofeministischen Ansätzen fehlt in dem Buch ebenso wie eine mit den psychologischen Aspekten kollektiven und individuellen Verhaltens. Beides wäre bei dem selbstgesetzten Anspruch des Buches aber unabdingbar.

Im Anhang werden noch diverse ökosozialistische Manifeste aus den letzten 20 Jahren dokumentiert.

Michael Löwy: Ökosozialismus – Die radikale Alternative zur ökologischen und kapitalistischen Katastrophe, LAIKA Verlag, Hamburg 2016, 978-3-944233-63-5, 192 Seiten, 21 EUR

Aufruf vom 28.02.17 (Foto Karl Dietz Verlag)

Betrachtet man die Bilder, die auf diversen Websites und in diversen Posts zu den russischen Revolutionen genutzt werden, begegnet man häufig Lenin. Im März 1917 ist Lenin aber gar nicht in Russland – und er kann die Ereignisse nicht beeinflussen. Auch der bolschewistische Parteiapparat kann das nicht; es sind bestenfalls die bolschewistischen ArbeiterInnen, die in den Massen aktiv sind. Organ der Massen in der Revolution sind die Sowjets, in denen Anhänger verschiedener Parteien gleichermaßen aktiv sind. Sie und ihr Handeln prägen den Monat März 1917, sie treiben die Revolution voran. Damit werden Erfahrungen der Revolution von 1905-1907 und der Pariser Kommune aufgegriffen.

Wir haben es mit drei entscheidenden Brüchen, Umbrüchen, Durchbrüchen zu tun.

  • Der erste Durchbuch war die Selbstüberwindung der Massen, mit dem gewohnten Verhalten als duldende Untertanen zu brechen.
  • Der zweite war der Sturz der Zarenherrschaft, praktisch die Errichtung der Republik, auch wenn Russland „staatsrechtlich“ erst am 1. September (14.09.17) Republik wird.
  • Der dritte und entscheidende Schritt war die Konstituierung der Sowjets als Akt der Selbstorganisation. Ohne diesen Schritt wären die Bolschewiki, wäre die kommunistische Richtung nur Sekte, wäre Lenin einfach nur ein Prophet unter vielen geblieben.

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Es lebe die sozialistische Volksrepublik! (Foto: Karl Dietz Verlag Berlin)

Hinter Petrograd und anderen Zentren des Russischen Reiches liegt am 1. März (14. März) 1917 eine stürmische Woche: Am 23. Februar begann die Revolution mit Demonstrationen und Streiks, am 27. Februar findet die erste Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiterdeputierten statt. In diesen Tagen bildet sich zwischen ArbeiterInnen und Soldaten (damit mit den Bauern) eine neue politische Allianz. Arbeiter und Bauern, durch den Krieg als Soldaten Gleiche geworden, finden ihre gemeinsamen Interessen im gemeinsamen Handeln:

23.02.17: Demonstration und Streik in den Putilow-Werken mit 128 Tsd. TeilnehmerInnen, vor allem auch Frauen, die nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Internationalen Frauentag aktiv wurden. Unmittelbarer Auslöser war die Aussperrung von 40 Tsd. ArbeiterInnen durch die Unternehmensführung als Reaktion auf Streikversammlungen am Abend zuvor.

24.02.17: Es streiken mindestens 200 Tsd. Beschäftigte. Generalstreik.

25.02.17: Zusammenstöße mit der Polizei mit Toten und Verwundeten, Kosakenregimenter und Infanterieeinheiten laufen zur Revolution über.

26.02.17: Nachdem die Geheimpolizei Massenverhaftungen vorgenommen hatte, geht der Streik zum Aufstand über, Arbeiter bewaffnen sich und weitere Teile der Armee treten auf die Seite der Aufständischen, Kämpfe mit der Polizei.

27.02.17: Die Petersburger Garnison mit 60 Tsd. Soldaten schließt sich der Revolution an – damit hat der Zarismus seine Machtbasis verloren. Bildung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Vorsitzender wird der Menschewik Nikolos Tschcheidse. Continue Reading »

Am 23. Februar, also am 8.März 1917 nach heutiger Rechnung, kam es in Petrograd, der Hauptstadt des Russischen Imperiums zu Massenstreiks und –demonstrationen. Die Revolution hatte begonnen. Es waren zuerst vor allem von Arbeiterinnen, die gegen schlechte Versorgungslage und Lebensbedingungen protestierten. Am 27. Februar telegrafiert der Kriegsminster Beljajew: „Die Lage in Petrograd wird sehr ernst. Der militärische Aufruhr kann mit den wenigen Truppen, die ihrer Pflicht treu geblieben sind, nicht unterdrückt werden; im Gegenteil, viele Einheiten gehen allmählich zu den Rebellen über. Brandstiftungen haben begonnen, und es gibt keine Mittel, sie zu bekämpfen. Es ist unumgänglich, daß wirklich zuverlässige Truppen hierher geschickt werden, dazu in genügender Anzahl, um für gleichzeitige Aktionen in verschiedenen Stadtteilen zur Verfügung zu stehen.“ (Beljajew 1964 [1917]) Freilich – diese Truppen gab es kaum noch.

Nur eine Woche später, am 1. März (14. März) hatte die Revolution in den meisten wichtigen Städten gesiegt. Einen weiteren Tag später wurde die neue Provisorische Regierung unter Fürst G.J. Lwow gebildet. Der Zar dankte ab. Der Regierung gehörten Vertreter der „Konstitutionellen Demokraten“ (Kadetten), ein „Oktobrist“, ein Sozialist-Revolutionär (der frühere Trudowik Alexander Kerenski), ein „Zentrist“ und zwei Parteilose an. Es war also eine bürgerliche Regierung mit konservativem Einschlag. Geboren war sie, wie z.B. der rechte Duma-Abgeordnete V.V. Šul’gin in seinen Erinnerungen berichtet, nicht als Frucht strategischer Überlegungen, sondern völliger Ratlosigkeit angesichts der Massenbewegung. (vgl. Dimitriev and Ėmontova 1970, 516ff.) Continue Reading »

Bei der Frage, ob es eine rot-rot-grüne Alternative zum herrschenden System gibt bzw. was heute links ist, wird gern »das Kommunistische« als Gespenst an die Wand gemalt. Und in der Tat wirkt es für viele Menschen zunächst als Bedrohung individueller Freiheit, die im Namen des Kommunismus in der Sowjetunion und vielen ihrem Modell folgenden Ländern systematisch unterdrückt wurde. Aber da der real existierende Kapitalismus die soziale Spaltung weltweit erneut auf die Spitze treibt, kommt auch das Gespenst in ganz anderer Hinsicht nicht zur Ruhe. Denn »das Kommunistische« war und ist auch die schärfste Kampfansage gegen jede Ordnung des Privateigentums. Es trägt in sich die Hoffnung, dass Gemeineigentum und freie gemeinschaftliche Arbeit zur Befreiung von Ausbeutung jedweder Art beitragen können. Deshalb stellt dieser Band die kommunistische Idee selbst auf den Prüfstand. Er prüft, welche Experimente, Ansätze und Initiativen, die als kommunistisch bezeichnet werden können, für die aktuellen Kämpfe trag­fähig sind. Denn es geht um eine freie Gemeinschaftlichkeit der Gleichen – im Produzieren und Kommunizieren, im Austausch wie auch im Leben überhaupt. Der Band im Volltext als PDF

Zwar waren die ArbeiterInnen (ganz genau gesagt Arbeiterinnen), vor allem die IndustriearbeiterInnen, das auslösende Moment der Revolutionen 1917. Die bildeten aber mit knapp 4 Mio. Menschen (bei etwa 18 Mio. LohnarbeiterInnen) eine sehr dünne Schicht, die in drei Industriezentren konzentriert war. Der Erfolg des Umbruchs hing letztlich also von den Bauern ab, die auch die überwiegende Masse der Soldaten stellte.

Die Agrarfrage ist im 19. und frühen 20. Jahrhundert die zentrale Achse der sozialen und geistigen Auseinandersetzungen in Russland. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die russische Linke von Anfang an gezwungen war, sich dazu zu positionieren. Im Kern ging es um die Frage, ob Kapitalismus überhaupt unter den russischen Verhältnissen möglich ist. Daraus leitete sich die Frage ab, wer die Hauptkraft der Überwindung des Zarismus sei und welche Richtung die Gesellschaft dann gehen solle. Waren die Bauern oder die Arbeiter das entscheidende, vorwärtstreibende Element? Sollten die patriarchalen Verhältnisse der Obščina (auch Obschina) oder die Fabrik als realistische Perspektive betrachtet werden? Im 3. Kapitel von „Zur russischen Revolution“ unterzieht Luxemburg die Agrarpolitik der Bolschewiki einer grundsätzlichen Kritik. Insbesondere moniert sie, dass nicht sofort sozialistische Verhältnisse auf dem Lande etabliert wurden, sondern mit der Übergabe des Bodens in die private Bewirtschaftung durch Einzelbauern „dem Sozialismus auf dem Lande eine neue mächtige Volksschicht von Feinden geschaffen“ worden sei.

Die russische Dorfgemeinschaft

Die Obščina war eine Form der Landbewirtschaftung, in der sich der Boden in Verfügung der Dorfgemeinschaft befand. Die Dorfgemeinschaft war Adressat der staatlichen Politik, der Steuererhebung usw. sowie der Leistungen für die Grundherren. Die inneren Verhältnisse regelte sie selbst. Dazu gehörte auch und vor allem die jährliche Umverteilung des Bodens unter den Gemeindemitgliedern bei gemeinsamer Nutzung von Wald und anderen Flächen, die Unterhaltung von Wegen u.a. Die Gemeindemitglieder bewirtschafteten auf dieser Grundlage ihre eigenen Höfe, setzten eigene Gerätschaften und Zugvieh, später auch LohnarbeiterInnen zur Bearbeitung der ihnen zufallenden Flächen ein. Das gewährleistete lange Zeit einen gewissen sozialen Ausgleich im Dorf. Daher ist auch von „ausgleichender Bodennutzung“ die Rede. Continue Reading »

Mancher Text hilft Mancher/Manchem, Probleme besser zu verstehen, obwohl er den vor der Lektüre erhofften Beitrag nicht recht erbringt. Das schlussfolgerte zumindest die Autorin eines mehring1-Sommerausklangsposts , die sich über ein lesenswertes Diskussionsangebot der Redaktion der Zeitschrift PROKLA sehr wunderte. Das Wundern hat nicht nur damit zu tun, dass im Text der Begriff „Globalisierung“ nicht auftaucht. Es hat vor allem damit zu tun, dass ein spezifisches Herangehen an Probleme und Diskussionen, das für die linke globalisierungskritische Bewegung typisch ist, vermisst werden muss: Eigene Probleme im Kontext mit menschheitlichen Existenzfragen diskutieren, dabei deutlich an globale linke Diskussionen anknüpfen und sich direkt auf Aktionen der internationalistischen Linken beziehen. Dieses Herangehen verstellt keineswegs die offensive Auseinandersetzung mit Fragen, die hier und heute zu klären sind, sondern zielt auf solidarische Praxis, auf die gemeinsame Arbeit an gesellschaftlichen Alternativen von unten aus. Es bedeutet Vernetzung von emanzipativ-solidarisch Aktiven und Sensibilisierten wie ihrer Zusammenschlüsse – auf Arbeit an politischen Bündnissen. Es ist mit dem Bemühen verknüpft, das Soziale und Ökologische in all ihrer Vielfalt als Zusammengehörendes zu verstehen und gerecht zu gestalten – weil es um die Lebensverhältnisse der Menschen und vor allem der sozial und global Schwächsten geht. Das Herangehen hat nicht zuletzt mit einem spezifischen Selbstverständnis von WissenschaftlerInnen in den sozialen Bewegungen zu tun (von denen Viele wie z. B. Susan George, Patrick Bond, Ana Ester Cecena und Walden Bello Partnerinnen und Partner der RLS sind). Der ursprünglich zapatistische Slogan „Suchend schreiten wir voran“, der nicht zuletzt die Bereitschaft und Fähigkeit zu Selbstkritik reflektiert, ist ihre Maxime. Weiterlesen

Parteien hatten es im zaristischen Russland schwer. Nach der Niederlage der Revolution 1905-1907 gab es mit der Duma zwar ein Parlament, das aber nach einem Dreiklassenwahlrecht bestimmt wurde und die armen Bevölkerungsschichten sowie die Städte benachteiligte. Aktives und passives Wahlrecht waren mit Grundbesitz verbunden. Die Fraktionen waren eher Strömungs- als Parteifraktionen. Selbst Parteien wie die bürgerlich-liberalen „Konstitutionellen Demokraten“ („Kadetten“) sind nicht registriert, existieren also faktisch nicht als Organisation. (Vgl. Šelochaev 2005, 103)

Parteien spielen in der Februarrevolution erst einmal keine Rolle. Vor allem im linken Spektrum waren die meisten ParteipolitikerInnen entweder im Gefängnis, in der Verbannung oder in der Emigration. Trotzdem wurden diese Organisationen zu wichtigen Ausgangspunkten für die nach dem Aufstand folgenden Entwicklungen. Erst nach dem Februar kann tatsächlich eine Parteienlandschaft im modernen Sinne entstehen.

Kräfteverhältnisse im Spiegel der parlamentarischen Präsenz

Beginnen wir mit der parlamentarischen Präsenz. In den Quellen schwankt die Zahl der Mitglieder der einzelnen Fraktionen. Das Wahlergebnis 1912 und das Bild am Vorabend der Revolution 1917 unterscheiden sich beträchtlich. Spaltungen und Fraktionswechsel aus z.T. schwer nachvollziehbaren Gründen sind an der Tagesordnung. Zudem erscheinen die Fraktionen in der Literatur mit z.T. unterschiedlichen Bezeichnungen. Hedeler/Schützler/Striegnitz zählen zu Beginn des Jahres 1917 vierzehn Fraktionen (vgl. Hedeler, Schützler, und Striegnitz 1997, 425), während Wikipedia im Ergebnis der Wahlen 1912 nur neun Gruppen ausweist. (Wikipedia 2016) Anfang 1917 stellt sich die Situation wie folgt dar, wobei wir zu den Gruppierungen und ihrer Stärke einer jüngeren Veröffentlichung zur Geschichte der Duma folgen. (Vgl. Šelochaev 2006, 704) Continue Reading »

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