Ökofeminismus für heute

Eine Rezension von Lola Fischer-Irmler

Das Buch von Nadine Gerner und Lina Hansen verspricht eine Einführung in den Ökofeminismus zu sein, und ist dabei sogar noch so viel mehr als das.

Die Autorinnen unternehmen den ambitionierten Versuch, Theorie und Praxis ökofeministische Bewegungen der letzten Jahrzehnte für heutige feministische und Klimakämpfe >nutzbar zu machen. Dabei greifen sie auf eine Vielzahl von Beispielen zurück, zeichnen die Geschichte der ökofeministischen Bewegung nach und schaffen es anschauliche Bilder durch spannende Erzählungen und kreative Überschriften zu zeichnen. Sie scheuen sich dabei nicht, sich die Hände schmutzig zu machen und wühlen mitunter auch im Kompost zwischen Würmern und Pilzen. Unterfüttert wird das Buch mit vier kurzen Portraits inspirierender Ökofeminist*innen, unter anderem der kürzlich verstorbenen Maria Mies und einem von Wegbegleiter*innen kollektiv verfassten Vorwort.Read more


Klassismus in der politischen Bildung

Eine Rezension von Bernd Hüttner

Die Debatte um Klassismus ist nun auch in der politischen Bildung angekommen: zum einen als Gegenstand und Thema in der Bildung, zum anderen als Herausforderung für die Praxis. Das heißt, es werden Fragen gestellt nach Zielgruppen, Methoden und auch nach dem Selbstverständniss der Dozent*innen. Der hier vorliegende Band enthält nach einer Einleitung 14 Beiträge und widmet sich vorrangig der Bedeutung von Klassismus in der außerschulischen politischen Bildung.

Die Formate der Texte sind unterschiedlich: Sie reichen von dialogischer (Selbst-)Reflexion über klassische Theorietexte und Prosa bis zu Berichten aus der Praxis einzelner Vorhaben an Hochschulen oder der Jugendarbeit. Inhaltlich werden dabei verschiedene Themen bzw. Praxisfelder ausgeleuchtet: sexuelle Bildung, queere Jugendbildung, Geschlechterbildung und Heteronormativität, Antisemitismus und Heteronormativität, Rassismus, (Dis-)Ability, Klassismus und Kinder.

Immer wieder, wenn auch nicht durchgängig, geht es implizit um das Selbstverständnis von Politischen Bildner*innen und ihre eigene Politisierung, etwa indem Einblicke in ausgewählte Empowerment-Projekte oder in die eigene Biografie gewährt werden («Die Klassenposition verändert sich im Laufe unseres Lebens, die Klassenherkunft bleibt jedoch unveränderbar»).

Die Sprache des Bandes ist sehr akademisch, obwohl das Buch nach den Worten der Herausgeber*innen «kein akademisches» sein will (S. 16). Leser*innen, die sich für Klassismus und/oder kritische politische Bildung interessieren, werden reichhaltige Impulse finden. Zudem werden sie dazu ermutigt, das Thema Klassismus in die eigene Praxis aufzunehmen, das eigene Handeln zu reflektieren und weiter zu entwickeln.Read more


Care-Proteste als Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Transformationsstrategie

Die Kolleg*innen der RLS Brandenburg haben diese Publikation (ursprünglich eine Masterarbeit in Politikwissenschaften an der Universität Wien) mit ihrem Förderpreis 2022 ausgezeichnet. Der Verlag schreibt zum Buch:

Trotz der unübertroffenen Systemrelevanz wird Care-Arbeit noch immer weder (gut) bezahlt noch gewürdigt. Was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, wird in der neoliberalen Hegemonie abgewertet. Der anhaltende Pflegenotstand und die Corona-Pandemie haben dieses Selbstverständnis jedoch eingerissen.

Care-Leistende sind sich einig: Profit pflegt keine Menschen! Es braucht eine auf Solidarität und Gemeinwohl gerichtete Gegenhegemonie, um neo­liberaler Krisenpolitik und Ausbeutung den Riegel vorzuschieben. Malika Guellil diskutiert in ihrem Buch (124 Seiten, 12,80 Euro) das Potenzial, das von Care-Protesten für eine Transformationsstrategie ausgeht, die die neo­liberal-kapitalistischen Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse umzukehren versucht. Sie will dabei das Bewusstsein über menschliche Interdependenzen und daraus resultierende Forderungen nach Inklusion schaffen, Geschlechterverhältnisse verstärkt in den Mittelpunkt rücken sowie die Hegemonie des Neoliberalismus dekonstruieren.

Um diese Entwicklungen umzukehren, muss eine Care-Revolution entfacht werden, um den Wohlfahrtsstaat und die Demokratie zu sichern. Es geht auch um die Möglichkeit einer Verbindung mit den Klimaprotesten. Care-Umdenken ist Bestandteil der sozialökologischen Transformation.

Leseprobe beim VSA-Verlag (PDF).


Warum Klasse zählt [Rezension)

Von Sebastian Klauke

Gelegentlich bekommt man in den verschiedenen, vor allem akademischen geprägten Diskussionen schon den Eindruck, dass Deutschland und andere westliche Staaten keine Klassengesellschaften seien oder Klasse eine weniger folgenreiche analytische Ebene für das Verständnis der gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse sei. Umso erfreulicher und überaus nützlich ist die vorliegende Übersetzung eines Artikels und eines Interviews des 2019 viel zu früh an Krebs verstorbenen US-amerikanischen marxistischen Soziologen Erik Olin Wright.

In sprachlich wunderbarer Klarheit legt er seinen eigenen Ansatz der Klassenanalyse dar, der für eine integrative Perspektive dreier Ebenen wirbt: Klasse aus individueller Sicht, Klasse verstanden als ‚Chancenhortung‘ und schließlich Klasse ‚als Ausbeutung und Herrschaft‘. Hier verbindet Wiright die Marxsche Perspektive mit der von Max Weber. Das anschließende Interview gibt Aufschluss über seinen eigenen Werdegang, insbesondere in intellektueller Hinsicht und verdeutlich nochmals die wichtigsten Punkte seiner Klassentheorie. Deutlich wird, dass Wright ganz offen als Marxist die soziologische Klassenforschung vorantrieb und dennoch in den Vereinigten Staaten durchaus anerkannt war. Den Band beschließt ein Nachwort des Soziologen Oliver Nachtwey, der Wright in bestem Sinne kritisch würdigt und auch klar die Lücken seiner Theorie benennt: das sind in erster Linie die Geschlechterverhältnisse. Zugleich bietet Nachtwey einen biographischen Abriss, der auch die analytische Entwicklung Wrights umfasst. Alles in allem ein gelungener, lesenswerter Band, der plausibel den Stellenwert von Klassentheorie und -analyse vor Augen führt. Das Buch ist gleichermaßen als Diskussionsgrundlage für akademische wie auch bewegungsorientierte Zusammenhänge geeignet. Dass das Buch im Suhrkamp Verlag erschienen ist, lässt an frühere Zeiten denken, als der Verlag die Heimat vieler solcher Veröffentlichungen war. Möge der Band große Verbreitung finden, er hat es in jeder Hinsicht verdient.

Eric Olin Wright: Warum Klasse zählt. Mit einem Nachwort von Oliver Nachtwey, aus dem Amerikanischen von Philipp Hölzing, Suhrkamp, Berlin 2023, 111 Seiten, 16 Euro.


Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales [Rezension]

Eine Rezension von Bernd Hüttner

«Der Sozialstaat ist unbezahlbar.» «Die Löhne sind zu hoch.» «Wachstum kommt allen zugute.» «Private Unternehmen sind effizienter als der Staat.» «Hohe Steuern bremsen die Wirtschaft.» Derlei Behauptungen sind überall in den Medien und der Politik zu lesen und zu hören. Sie haben mehr Markt zum Ziel, und sie sind Ausdruck eines seit mindestens Anfang der 1980er zunehmend politisch gewollten und staatlich durchgesetzten neoliberalen «Zeitgeistes», der auf unternehmerische «Freiheit», Konkurrenz, Privateigentum und «Eigenverantwortung» setzt. Als Resultate hatte er für sehr viele vor allem mehr Ungleichheit und mehr Vereinzelung und weniger soziale Sicherheit und gesellschaftlich weniger Umverteilung «nach unten» zur Folge.

Das hier vorliegende Buch besteht, gegliedert in acht Kapitel, gut zur Hälfte aus Kolumnen, die von 2015 bis 2019 in der Zeitschrift lunapark21 bzw. von 2020 bis 2023 dann in der Zeitschrift OXI. Wirtschaft anders denken erschienen sind. In diesen wurden neoliberale Behauptungen über Arbeit, Staat, Finanzen und Soziales unter die Lupe genommen. Verfasst wurden sie von den hauptamtlichen Gewerkschaftern Schreiner und Eicker-Wolf, die jahrelang zusammen auch den Blog Blickpunkt WiSo verantwortet haben. Die beiden wollten mit ihren Texten aufzeigen, weshalb diese Behauptungen falsch sind oder in die Irre führen; wem sie schaden und wem sie nutzen und auch, welche Denkmuster und Annahmen hinter ihnen stehen. Es lohnt sich, gegen derlei Behauptungen und Feindbilder zu streiten. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie im vermeintlich objektiven Gewand der Wissenschaft daherkommen. Die Dominanz des Neoliberalismus und des Kapitals ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, angreifbar. Es ist möglich und nötig, neoliberale Märchen anzugreifen, wie sie in Bildern vom zu teuren Hängemattenstaat, von halsstarrigen Gewerkschaften oder von faulen Armen existieren.Read more


[CfP] Care in Bewegung; Jena 23./24. Mai 2024

Sarah Uhlmann (Uni Kassel) und Mike Laufenberg (Uni Jena) organisieren am 23./24. Mai 2024 den Workshop Care in Bewegung: Strategien, Organisierung und Kämpfe um soziale Reproduktion an der Uni Jena. Ziel des Workshops ist, die Verbindung von Care-Forschung, Social Reproduction Theory und sozialer Bewegungsforschung systematischer voranzubringen. Eine Publikation ist geplant. Die Deadline für die Einreichung von Beitragsvorschlägen ist der 1. Dezember 2023. Details im PDF des CfP Care in Bewegung_23-24. Mai 2024


Was kommt nach Corona? [Sammelbesprechung]

Andreas Nölke, Professor für Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie an der Universität Frankfurt/Main hat in Neue Politische Literatur. Berichte aus Geschichts‐ und Politikwissenschaft, Ausgabe 2/2023 in einem Aufsatz 26 Bücher zur Corona-Krise und ihren Folgen besprochen. Das Abstract:

"Die Corona-Pandemie hat zum tiefsten wirtschaftlichen Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Wirtschaftliche Krisen haben in der Vergangenheit häufig einen Richtungswechsel in der Entwicklung des Kapitalismus bewirkt. Was sind die Folgen der Corona-Krise? Der Rezensionsaufsatz nimmt eine Bestandsaufnahme von 26 Büchern vor, die seit 2020 zum Thema Corona und Wirtschaft in Wirtschaftswissenschaft, kritischer Gesellschaftsforschung, Politischer Ökonomie und verwandten Disziplinen erschienen sind. Auch wenn die meisten Bücher klare Aussagen zur weiteren Entwicklung unseres Wirtschaftssystems vermeiden, lässt sich in der Zusammenschau der Beiträge ein gemeinsames Leitmotiv identifizieren. Sehr deutlich ist, dass in der nahen Zukunft ein weniger liberales Wirtschaftssystem erwartet wird. Deutlich gestärkt sehen die meisten Analysen jedenfalls den Staat, der in Zukunft wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen wird, nicht nur zur sozialen und ökonomischen Stabilisierung nach der Pandemie, sondern auch bei der Bekämpfung des Klimawandels. Ob sich dieser Wandel auch in mehr sozialer Sicherheit und weniger Ungleichheit ausdrücken wird, bleibt aber unklar".

Der Text ist hier als PDF online.


Degrowth - CfA des Widerspruch (Zürich)

Die Schweizer Zeitschrift «Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik» sucht für Ihre Nr. 82 kürzere und längere Beiträge, Essays, Thesenartikel, Statistiken, Karten usw. (von 3000 bis max. 25'000 Zeichen) sowie Tagungsberichte und Rezensionen zum Thema «Degrowth». Vorschläge sind bitte bis 30. Oktober 2023 einzureichen. Alles weitere im sog. PDF_Aufrisspapier.


Zum Ende der Oxi – ein kurzer Rückblick

Von Sebastian Klauke

Mit der September Ausgabe, ironischerweise mit dem Schwerpunktthema Krise, endet die Monatszeitung Oxi – ein herber Verlust für die linke Zeitungslandschaft in Deutschland, vor allem wenn es um einschlägige Publikationen zum Thema Ökonomie geht. Die nötige Zahl der Abonnements von 5.000 konnte nicht erreicht werden, so dass die kleine, aber feine Redaktion um Chefredakteurin Kathrin Gerlof die Druckausgabe einstellte, wie es mit dem oxiblog weitergeht, wird die Zukunft zeigen.

Das Ende der Zeitung ist bedauerlich, war sie doch eine echte Bereicherung und Plattform vor allem für die breite Debatte darum, was heterodoxes wirtschaftliches/ökonomisches Denken und Handeln anbelangt. Gerlof und den anderen Beteiligten ist für ihre allmonatliche Hingabe zu danken, ebenso für den Mut, das Vorhaben überhaupt 2016, damals noch in Kooperation mit dem damaligen «Neuen Deutschland» angegangen zu sein.

Besonders schön war, dass Oxi nicht den tagesaktuellen Moden folgten musste (und wollte), sondern je eigene Themenschwerpunkte präsentierte. Hinzu kamen feste Kolumnen, die teilweise über die Jahre auch wechselten, aber immer gut in Erinnerung blieben. Zuletzt schrieben Christiane Kliemann, Elmar Wigand und Uta Meier-Gräwe: erstere über den Irrsinn der ökologischen Zerstörungen im Rahmen der kapitalistischen Verhältnisse, immer verbunden mit der Hoffnung, dass es doch anders ginge, er als Kritiker von Lobbyismus und Union Busting und letztere über die Untiefen der Care-Arbeit, der Haushaltsökonomie und die blinden Flecken im Bereich der Geschlechterverhältnisse. Zuvor waren die beiden Gewerkschafter Patrick Schreiner und Kai Eicker-Wolf langjährige Kolumnisten gewesen und schrieben über ökonomische «Selbstverständlichkeiten» und deren Infragestellung. Unvergessen auch Regine Beyß, die über ihr Leben in einer Kommune reflektierte und tiefe Einsichten vermittelte.Read more


Linker Aufbruch über Prigozhin hinaus?

Während in den Medien die Folgen der Prigozhin-Affäre verhältnismäßig breit dargestellt werden, bleiben die Kriegsgegner*innen und die Linken weitgehend außer Betracht. Nun sind die spektakulären Seiten, wie etwa die Entlassung eines Generalmajors nach Kritik an der Armeeführung, attraktiver als Berichte über die Kleinarbeit von Gruppen, die unter ständig wachsendem Druck der Sicherheitsorgane stehen. Neben kleinräumigen (und oft kreativen) Protesten ist die Unterstützung von politisch Verfolgten, politischen Gefangenen, Wehrdienstverweigerern und Kriegsopfern ein wichtiges Feld der Tätigkeit der verschiedensten Antikriegsbewegungen. Die Auslandssektionen des Feministischen Widerstands organisieren alleine oder mit Partner*innen in ihren jeweiligen Gastländern Protestaktionen gegen den Krieg. Gleichzeitig wird versucht, abhängig von der politischen Verortung der jeweiligen Organisation, die Debatten zu grundsätzlichen Fragen alternativer bzw. linker Politik und Theorie weiter zu führen. In den letzten Wochen wurden z.B. die Auseinandersetzungen im Iran, in Israel und in Frankreich aufmerksam verfolgt.

Aus den damit verbundenen Debatten stechen ein Ereignis und eine Analyse hervor, die die Situation der russländischen Linken gut auf den Punkt zu bringen scheinen.Read more


Feministische Ökonomiekritik [CfP für Prokla 214]

Die feministische Diskussion rund um den Zusammenhang von Vergeschlechtlichung, Patriarchat und Kapitalismus hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Das lässt sich anhand des Zeitraums zwischen unserem 2014 erschienenen Heft zum Materialistischen Feminismus (Heft 174) und heute gut nachvollziehen: Noch vor knapp zehn Jahren diagnostizierten wir, dass sich antifeministische Strategien und Kämpfe verschärfen, gleichzeitig aber das gesellschaftstheoretische Handwerkszeug, das zu deren Analyse herangezogen wurde, vorwiegend von kulturalistischen, eher poststrukturalistisch gefärbten Zugangsweisen und liberalen Feminismen beeinflusst schien. Häufig, so wurde kritisiert, geriet der Zusammenhang von Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise aus dem Blick.

Wir finden heute eine andere Situation vor. Nicht erst im Kontext der Coronapandemie (siehe bereits PROKLA 197 zu Krisen der Reproduktion) wurde deutlich, dass die krisenhafte gesellschaftliche Ungleichverteilung der Reproduktions- und Care-Arbeit als integraler Bestandteil von gesellschaftlichen Krisendynamiken gelesen werden muss. Auf der theoretischen Ebene verbinden materialistisch-feministische Theorien eine Kritik an patriarchalen Strukturen und Geschlechterverhältnissen in der Regel mit einer spezifischen Analyse der mit ihnen vermittelten ökonomischen Verhältnisse und der Strukturlogik des Kapitals. Zuletzt sind etwa im Zuge der Debatten um soziale Reproduktion, Care und feministische Kapitalismuskritiken auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Arbeiten in Anschluss an die Social Reproduction Theory entstanden, die wiederum zu postkolonialen, ökologischen und intersektionalen Zugängen produktive Bezüge herstellen.

Die PROKLA 214 will zur Klärung des Ökonomieverständnisses und der Ökonomiekritik innerhalb des feministischen Denkens beitragen: Was leisten sie, welche Leerstellen und welche Grenzen weisen sie auf?

Hier geht es zum ausführlichen Call for Papers für PROKLA 214 (1/2024). Frist für die Exposees ist der 7. August 2023.


Care ins Zentrum rücken [Rezension]

Von Brigitte Kratzwald

Das Buch gibt einen Überblick über die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Care-Initiativen im deutschsprachigen Raum, an einigen davon sind die Herausgeberinnen selbst beteiligt. Die vorgestellten Initiativen sind in verschiedenen Feldern aktiv, in der Forschung, in der Politik, als Aktivist*innen oder Praktiker*innen, was sich häufig auch überschneidet. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Bedeutung von Care-Tätigkeiten aufzuzeigen, dazu gehört etwa auch die Erfassung der dafür verwendeten Zeit. Über 60 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden entfallen auf – bezahlte und unbezahlte – Carearbeit. Diese Tätigkeiten seien unerlässlich für die menschliche Existenz, trotzdem kämen sie in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften kaum vor und das gelte es zu ändern, worauf bereits der Titel des Buches hinweist. «Care-Arbeit für sich selbst, für andere und für die natürliche Mitwelt muss in die Mitte des ›Ganzen der Wirtschaft›.»

Der erste der drei Abschnitte des Buches handelt unter der Überschrift «Anfangen» von den Pionierinnen der Carebewegung. So feierte etwa das «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften» im Vorjahr sein 30-jähriges Jubiläum. Auch Initiativen wie «Care Revolution», «Wirtschaft ist Care» oder das österreichische Netzwerk «fair sorgen! Wirtschaften fürs Leben» haben sich bereits etabliert.Read more


Zwischen den Epochen: Interregnum

François Sabado reflektiert die Spaltung und Krise der franz. NPA als Ausdruck des Endes einer ganzen Epoche – mit Überlegungen, die auch für unsere Reflexionen von Interesse sein könnten, auch wenn sie nicht gerade optimistisch stimmen:

Die Krise der NPA kam nicht aus heiterem Himmel. Sie markiert das Ende einer Epoche, nicht nur für uns, sondern für die gesamte Arbeiterbewegung in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern.

Als 1989 die Berliner Mauer fiel und die Sowjetunion zerbrach, dachten wir, dies sei nur das Ende des Stalinismus. … Mit der Zeit stellten wir fest, dass es nicht nur das Ende des Stalinismus war, sondern das Ende des historischen Impulses, der von der Oktoberrevolution ausgegangen war.

Noch später erkannten wir, dass wir es mit dem Ende von allem zu tun haben, was Mitte des 19.Jahrhunderts zur Entstehung der Arbeiterbewegung geführt hat: parlamentarische Demokratie, Nationalstaat, Gewerkschaftsbewegung, politische Arbeiterbewegung, die revolutionären Strömungen eingeschlossen: Alles ist in der Krise, auch die traditionellen bürgerlichen Parteien, es ist das Ende einer Epoche.

Alle sozialen Errungenschaften und Kompromisse, die bis in die 1980er Jahre hinein erreicht wurden, werden vom Neoliberalismus schrittweise abgeschafft. …

Es gibt durchaus soziale Kämpfe und Widerstände, aber das große Problem ist, dass wir eine substanzielle Krise des sozialistischen Projekts haben. Das ist der Unterschied zu früher. Es gibt keine Verbindung zwischen dem Heute und dem Morgen.«

Den ganzen Artikel in SoZ online lesen.


Von den Schwierigkeiten, gegen den Sturm zu segeln

Seit den 1990er begleite ich die PDS, später dann Die Linke intellektuell. In einem aktuellen Artikel in der Berliner Zeitschrift Debatte Initial (Volltext PDF) beziehe ich mich auf aktuelle politikwissenschaftliche Studien, die das Wahlverhalten in westlichen liberalen Demokratien über die letzten sechzig Jahre systematisch ausgewertet haben. Zu den augenscheinlich bleibenden Wandlungen gehört, dass sich ein umfassender Umbau der parteipolitischen Orientierungen und Dominanzstrukturen vollzogen hat.
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PROKLA 207 ist erschienen

In Zeiten sich häufender und zuspitzender Krisen tun kritische Analysen Not, die über gesellschaftliche und geopolitische Kräfteverhältnisse informieren und ein im progressiven Sinne eingreifendes Handeln bewirken können. Die PROKLA würdigt mit dieser Ausgabe ein ehemaliges Redaktions- und heutiges Mitglied des Beirats, das sich seit Jahrzehnten um eine solche Praxis verdient macht: Alex Demirović, der am 17. Mai 2022 seinen 70. Geburtstag feierte. Die in einem starken Sinn demokratische und damit vernünftige Einrichtung von Gesellschaft ließe sich als sein politisches Leitmotiv bezeichnen.

Die Redaktion hat deshalb Freund*innen und Weggefährt*innen gebeten, Alex zu seinem 70. Geburtstag mit Beiträgen zu würdigen, die zentrale von ihm bearbeitete Themen aufgreifen, sich dabei auf seine Arbeiten beziehen, eine kritische Zeitdiagnose beinhalten und strategische Fragen der gesellschaftlichen und politischen Linken diskutieren.

Joachim Hirsch würdigt in seinem Beitrag, der frei zugänglich ist, das Engagement von Alex Demirović für die Kritische Theorie, die materialistische Staatstheorie und die sozialistische Utopie. Demirović hat durch seine Poulantzas-Rezeption wesentlich zur Rekonstruktion einer materialistischen Staatstheorie beigetragen. Neben der theoretischen Orientierung hat er sich für eine linkssozialistische Parteipolitik eingesetzt. Dabei hält er an der sozialistischen Vision einer freien und humanen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus fest.

Das Editorial zum Heft 207 «Der nonkonformistische Intellektuelle. Gesellschaftstheorie und sozialistische Strategie» und das Inhaltsverzeichnis finden sich hier online.