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RosaHellblauFalle_kunstmann1918 schrieb „The Ladys Home Journal“, ein amerikanisches Frauenmagazin: „Die allgemein akzeptierte Regel ist Pink für den Jungen und Blau für das Mädchen. Das liegt daran, dass Pink stärker ist, während Blau feiner und eleganter ist“. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie geschlechtliche Zuschreibungen (ebenso wie Körper- und Schönheitsnormen) sich im Laufe der Zeit verändern, mithin veränderbar sind.

Aber das Gegenteil ist heute der Fall: Im Freundeskreis und in den Medien wird viel über einen Backlash bei den Geschlechterrollen debattiert, gerade unter Kindern: Rosa Prinzessinnen, Sterne und ähnliches für die Mädchen, Actionfiguren und Roboter für die Jungs scheinen sich immer weiter auszubreiten. Schnerring/Verlan wollen mit ihrem Buch diesem Trend entgegenwirken. Ihre These lautet: Es gibt keine geschlechterneutrale Wirklichkeit, aber sehr wohl eine geschlechtergerechte Erziehung. Diese ist dringend notwendig, erfordert allerdings Knowhow.

Nützliches Knowhow geben die beiden, die selbst drei jüngere Kinder haben, auch wenn die gewählte Sprache teilweise etwas akademisch ist. Sie meinen, man kann sehr wohl Einfluss nehmen oder „Nein“ sagen. Sie geben zu bedenken, dass Kinder sich kaum „frei entscheiden“ können, wenn sie in Schule, Elternhaus, Medien und durch ihr Spielzeug von Klischees umgeben sind.

Die zusehends steigende Verunsicherung der Eltern über ihre Rolle, kombiniert mit der Sparpolitik bei der Bildung führen zu einer Wiederkehr traditioneller Bilder in der Erziehung. Der Aspekt ökonomischer Rahmenbedingungen wird im Buch aber – jenseits des Themas „Kindheit und Werbung“ – nur gestreift.

Schnerring/Verlan setzen sich differenziert und ausführlich mit den gängigen Argumenten auseinander, die in diesen Debatten immer wieder zu hören sind: „Das sind die Gene“ oder das sei eben doch angeboren, oder „mein/e [Name des Kindes einsetzen] will es ja so, da kann ich nichts machen“. Sie entlarven zum Beispiel die These „Mädchen können schlechter Mathe“ in wenigen Sätzen. Wenn Mädchen Mathe weniger zugetraut wird, fühlen sie sich bei diesem Fach unwohl. Sie verwenden viel ihrer Kraft darauf, trotzdem zu funktionieren und ihre Angst zu unterdrücken, und machen deswegen Fehler. Resultat: Mädchen haben schlechtere Noten in Mathematik.

Solche sehr konkreten Beispiele, sowie zuweilen skurrile und lustige aus dem Leben der AutorInnen und ihrer Kinder, finden sich zuhauf in diesem Buch und machen es dadurch gut handhabbar. Es ist lesenswert für alle, die sich privat – und erst recht beruflich – mit Kindern auseinandersetzen. Es zeigt, dass Geschlecht durch Denken, Reden und Handeln – immer wieder – hergestellt wird. Geschlechter sind also weniger von der Natur, sondern von sozialen Handlungen bestimmt – und deswegen sind Geschlechterverhältnisse auch änderbar.

Ein gutes Buch zu einem eminent wichtigen Thema. Eine Schlussfolgerung jenseits der bisher referierten kann lauten: Wer Zeit mit seinen Kindern verbringt und authentisch mit ihnen spricht, tut ihnen weit mehr Gutes (und gibt ihnen womöglich mehr von der aller Ortens angemahnten „Förderung“), als wenn ihnen nur bedingt brauchbares und womöglich teures Spielzeug zur Verfügung gestellt wird.

Bernd Hüttner

Almut Schnerring/ Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle, Verlag Antje Kunstmann, München 2014, 256 Seiten, 16,95 EUR

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