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An der Moskauer Uni wurde unlängst ein Zentrum für marxistische Studien eröffnet

Der russische Marxismus ist in den westeuropäischen Diskussionen nicht gerade eine Referenz. Das hängt nicht nur mit Sprachschwierigkeiten und mehr oder weniger jahrzehntelang gepflegten Vorurteilen zusammen. Der Marxismus in den zwei Russlands (das eine bis 1917, das andere ab 1991) und in der Sowjetunion hat seinen eigenen Weg genommen, der sich auch in unterschiedlichen „Sprachen“ niederschlägt. Umgekehrt – die Fassung des Marxismus, mit der man im Westen groß wird, ist oft nicht geeignet, die Realität Russlands bzw. die Geschichte der Sowjetunion zu fassen.

Dabei liegen die Probleme, mit den sich die verschiedenen marxistischen Strömungen auseinanderzusetzen haben, gar nicht so weit auseinander: Sozialabbau, Privatisierung, politische Repression, Diskriminierungen, Beteiligung an militärischen Interventionen in den „Interessengebieten“ und anhaltende Kriegsgefahr fordern hier wie dort dazu heraus, die unterschiedlichen Gesellschaften aus marxscher Sicht einer Kritik zu unterziehen und davon ausgehend Organisationsformen für linke Bewegungen zu finden. Akteure und Subjekte der Gesellschaftsveränderung sind hier wie dort in theoretischer wie praktischer Hinsicht offene Probleme.

Die „Vielfalt der Kapitalismen“ muss dabei ernst genommen und in ihrer Einheit analysiert werden. Trotz der Sanktionen sind der „böse“ russische Staatskapitalismus und der „gute“ westliche bürgerliche Konzernkapitalismus auf das Engste verflochten. Hier wie dort verändert sich in diesem Kontext auch die Rolle des Staates und der Repressionsapparate. Auch wenn sich letzterer als „Wertegemeinschaft“ imaginiert – spätestens seit der Regierungsantritt Trumps ist wieder offensichtlich geworden, dass nationale Besonderheiten nicht nur im Verhältnis zwischen dem „Westen“ und Russland, sondern auch zwischen den USA und dem „Rest-Westen“ eine Rolle spielen. Das hindert allerdings nicht an einem intensiven Austausch zwischen US-amerikanischen und westeuropäischen MarxistInnen. Warum gibt es den nicht auch mit russländischen MarxistInnen in gleichem Maße?

Was wird in diesem Teil des Marx-Universums diskutiert?

Auch in Russland sind zwei Ebenen zu unterscheiden – der sich unmittelbar auf Marx beziehende und in diesem Sinne marxistische Diskurs und Diskurse, die von Marx inspiriert sind bzw. Elemente marxistischer Tradition einschließen. Dabei ist grundsätzlich zu vermerken, dass wenigstens bei der Generation, die noch in der Sowjetunion aufgewachsen ist, gewisse Reste marxistisch-leninistischer Bildung noch im Denken präsent sind. Wir wollen uns aber in den folgenden Bemerkungen auf das akademische und soweit möglich das politisch-aktivistische Feld konzentrieren. Dabei ist immer auch zu berücksichtigen, dass die Linke auch in Russland hochgradig fragmentiert ist. In den letzten Jahren führten unterschiedliche Positionierungen zum Bürgerkrieg in der Ukraine und zum Verhalten Russlands zu einer Vertiefung der Gräben.

Das erste Element wird u.a. durch die um Aleksandr Buzgalin und Boris Kagarlitzki repräsentierten Gruppen gebildet. Weiter gehören dazu WissenschaftlerInnen und AktivistInnen, die weitgehend isoliert arbeiten. Das zweite Element reicht von VertreterInnen feministischer und anderer auch in Westeuropa bekannten relativ neuer Strömungen über sozialdemokratisch-wohlfahrtsstaatliche Tendenzen bis hin zu VertreterInnen der „liberalen“ Schule, die in der Tradition der „Schocktherapie“ der 1990er Jahre stehen. Teils offen, teils verdeckt wird auch im zweiten Fall in der Analyse gesellschaftlicher Prozesse auf Versatzstücke des sowjetischen Marxismus bzw. Marxismus-Leninismus zurückgegriffen. Die jüngsten Auseinandersetzungen über die Reform der Alterssicherung in Russland machen deutlich, dass sich die „liberale“ Schule in der Regierung weitgehend durchsetzen konnte. Ihr Exponent Alexander Kudrin hatte schon länger die Führung eines für die Strategie im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik entscheidenden Think tanks inne und übernahm unlängst die Leitung des Rechnungshofes, der weitgehende Rechte gegenüber Regierung und Parlament hat.

An weitesten ausgebaut präsentiert sich die postsowjetische Schule des kritischen Marxismus (immer noch gültig: ifg.rosalux.de/2010/10/04/ruth-stoljarowa-die-schule-des-kritischen-marxismus-in-russland/), die prominent von Aleksandr Buzgalin vertreten wird. Sie gruppiert sich um die Zeitschrift Alternativy, deren Materialien z.T. auch in deutschen Übersetzungen vorliegen. (www.alternativy.ru/de) Das Webportal Alternativy schließt außerdem einen blog ein. Die Themen der Zeitschrift umfassen praktisch alle Bereiche der Gesellschaftsanalyse. Schwerpunkte sind u.a. die Analyse des russischen Kapitalismus und des Kapitalismus in der Welt, Fragen zukünftiger Gesellschaftsgestaltung, Analysen zur Geschichte und zu kulturellen Entwicklungsprozessen. Die Ausgabe 3/2017 widmete sich ausführlich dem Jubiläum der Oktoberrevolution. Neben AutorInnen aus Russland schreiben auch solche aus dem Ausland, wobei die russländische Diskussion der Schwerpunkt ist. Die Jubiläumsausgabe aus Anlass ihres 25jährigen Bestehens umreißt mit ihren Rubriken den Anspruch der Zeitschrift: „Theorie: das Potenzial des kritischen Marxismus“, „Praxis: Alternativen“, „Geschichte: Lehren, die wir ziehen müssen“, „Porträts: sich auf die Schultern von Titanen stützend erheben“ (hier Porträts von Gramsci und Alexandr Bogdanov) und schließlich „Kritischer Marxismus. Die neue Generation“.

Zum Umfeld dieser Strömung gehören auch weitere Zeitschriften, so z.B. „Fragen der Politischen Ökonomie“ (Voprosy političeskoj ėkonomiki). Ihre Ausgabe 2/2018 hat den Schwerpunkt „Kritisch Marx folgen“ und stellt „neue Ausarbeitungen der postsowjetischen Schule des kritischen Marxismus und ihrer Freunde“ vor. Die Ausgabe 3 enthält Beiträge des Forums Marx-XXI, das im Mai stattgefunden hatte.

In Buzgalins Grundsatzartikel zum 200. Marxgeburtstag werden interessante Schnittpunkte möglicher gemeinsamer Diskussionen deutlich. Nachdem er dort seine Sicht auf die heutige Gesellschaft entwickelt hat (die in sachlicher und methodischer Hinsicht kritikwürdig ist) kommt er im abschließenden Teil zur Formulierung von „Imperativen“ der notwendigen Reformen, die die Grundlagen des kapitalistischen Systems nicht zerstören. Diese Imperative sind bekannt – mehr soziale Gerechtigkeit, Beförderung kreativer Arbeit, Zurückdrängung von Marktmanipulationen usw. Einen wichtigen Stellenwert nehmen dabei Fragen der Rolle von Kultur und Kunst in den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Völlig offen bleibt dabei, auf welcher Grundlage eigentlich diese Imperative realisierbar sein sollen, wenn die Situation so verfahren ist, wie er in den vorhergehenden Abschnitten darlegt. Hier liegt eine Gemeinsamkeit mit den Schwächen linker Konzepte auch in der EU. Gegenstand einer solchen Diskussion könnte sein: Aus der Welt der Entfremdung zu Reform, Transformation und Revolution – Wer sind die Akteure, welches die Wege?

Eine stärker bewegungsorientierte und weniger akademische Richtung des Denkens in Anschluss an Marx vertritt die Zeitschrift „Linke Politik“ (Levaja politika), die unter Leitung von Boris Kagarlickij steht. Herausgegeben wird die Zeitschrift vom IGSO (Institut für Globalisierung und soziale Bewegungen) Auch dieser Kreis wird von Intellektuellen geprägt, teilweise im universitären Milieu verankert. Das Journal zeichnet sich durch fundierte Analysen der Entwicklungen in Russland aus und organisiert auf dieser Grundlage interessante Diskussionen zu den praktischen Konsequenzen insbesondere für die linke Bewegung. So widmet sich die Ausgabe 30/2018 der Zeitschrift den Entwicklungen in der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (als stärkster Oppositionspartei) im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen.

Eine der Eigenheiten der russländischen Marx-Rezeption wird in dem vom IGSO herausgegebenen Band „Archaisierung und Traditionalisierung des heutigen politischen Raumes in Staaten des Zentrums und der Peripherie: Ursachen und Perspektiven“ deutlich. Diese Themenstellung steht für eine verschiedene geistige Strömungen in Russland gleichermaßen erfassende Debatte. Der russländische Kapitalismus entsteht nicht im Wege einer ursprünglichen Akkumulation im klassischen Sinne, sondern als Akt unmittelbar-staatlicher Umverteilung. Ähnlich verliefen die Dinge in China und nicht zuletzt deshalb ist das Interesse an den Entwicklungen dort relativ groß. In den „westlichen“ Ländern gewinnen rechtskonservative, christlich-fundamentalistische und neofaschistische Tendenzen zunehmend an Bedeutung, in Ländern Afrikas und Asiens wächst die Rolle des islamistischen Fundamentalismus. Die Tagung konstatierte eine „Krise der Aufklärung“ bzw. der „Moderne“ als gemeinsamen Nenner dieser Tendenzen. In länder- und regionenspezifischen Analysen wurden verschiedene Aspekte dieser Problematik diskutiert.

Mit dem IGSO und Levaja politika engstens verflochten ist das Internet-Journal „rabkor“ (rabkor.ru/), das regelmäßig Positionen zu aktuellen Entwicklungen bezieht. Unlängst erschien hier eine Analyse zur Rolle der russischen Gewerkschaften; angesichts der Entwicklungen im Zusammenhang mit der russischen Rentenreform ein Beitrag, der die Probleme einer linken Bewegung in Russland verständlicher macht.

(wird fortgesetzt)

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