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Georg Bollenbeck

Vor wenigen Tagen, am 2. Oktober, ist Georg Bollenbeck, langjähriger Vertrauensdozent der RLS und gemeinsam mit Clemens Knobloch Protagonist des durch die RLS geförderten Graduiertenkollegs Demokratie und Kapitalismus” gestorben. Clemens Knobloch hat für “seinen” Fachbereich 3 (Sprach-Literatur- und Medienwissenschaften” der Siegener Hochschule ein Nachwort geschrieben, am selben Ort ist auch der Nachruf von Jürgen Kaube nachzulesen.  2009/2010 war er Fellow am Freiburger Institute for Advanced Studies, das ihm einen Nachruf widmete.

Georgs wissenschaftliche und publizistische Arbeit möchte ich hier nicht aufzählen, als nur Lernender vor allem aus seinen gesellschafts- und herrschaftsanalytisch unterlegten, kulturkritischen und diskursanalytischen Arbeiten steht mir das nicht an. Es war seine politische und wissenschaftskritische Vita (die naturgemäß in solchen Nachrufen wenig Platz hat), die uns immer wieder zusammenbrachte: im BdWi schon in den 70er und dann vor allem 80er Jahren, als er immer dann, wenn es um die Schärfung kritischer Postionen in der großen Zeit der “geistigen Wende” ging, präzise und radikal formulierte und zugleich nie versäumte, den Respekt vor den Kontrahenten zu formulieren, die es nach seiner Meinung auch verdienten. Auch wenn das allerdings nicht sehr viele der intellektuellen Propagandisten des Neoliberalismus waren, so spielte dieses Beharren auf Qualität für seine – unter Linken ganz ungewöhnliche  – hohe Anerkennung in der Wissenschaft eine entscheidende Rolle. In der 89’er – Debatte der intellektuellen Linken sind mir die deutlichen Interventionen von Bollenbeck und Knobloch sehr in Erinnerung geblieben, die gegen den neuen Hang Agenten der politischen Macht zu werden Front machten. Der Preis sei zu hoch, quittierte ein ArtikelTüröffner vor verschlossenen Türen? Intellektuelle und ihre Aufgaben” im “Forum Wissenschaft” 4/1993 S.8ff.:

Soziologisch gesehen sind Intellektuelle Türöffner. Über den Transport von Theorien, Bedürfnissen, Zielen, Deutungen können sie einer neuen Macht, einer neuen Ideologie den Weg zur Zustimmung bahnen. Sobald der Weg offen – oder endgültig versperrt – ist, haben sie ausgedient. Denn wenn sie sich in den Machtapparat einreihen, hören sie auf, Intellektuelle zu sein. Sie wickeln sich selbst ab, warum denn auch nach ’89 die Westpresse nur mit denjenigen OstIntellektuellen Schlitten fahren mußte, die staatsfern-kritische Sozialisten  waren und ergo Ansehen hatten. Sollte es wirklich keine Türen mehr geben, die zu öffnen sich lohnte?

Als es später darauf ankam, ein linkes Studienwerk und die dazu gehörende Initialmenge linker VertrauensdozentInnen zusammenzubringen, zögerte er keine Sekunde. Seine Maßstäbe als Vertrauensdozent waren hoch, das Vergnügen intellektueller, freundlich-neugieriger wie konfliktfreudiger Zuarbeit und glänzend ironischer Verve ließ er sich nicht nehmen. Und wo, im Zweifel, die einen über eine coole Arroganz die Zähne knirschten, fassten andere Mut, sich nicht von dem Argumentationsglitzer der Macht niederdrücken zu lassen. Das RLS-Graduiertenkolleg “Kapitalismus und Demokratie” trieb er professionell und anspruchsvoll, auch kritisch voran.

Institutionsideen und Organisationspolitiken, die zur Vernetzung und Verdichtung des Kräftefelds der Intellektuellen der Linken beitragen konnten, waren von ihm immer hochgeschätzt – Georg nahm schon 1992 an der “Herbstakademie” des BdWi in Volterra über “Sprache-Macht-Politik” teil, deren Kontrahenten und Mitstreiter (Prof. Dr. Wolfgang Bergsdorf, Ministerialdirektor im Bundespresseamt und Berater des Bundeskanzlers sowie Prof. Dr. Dieter Schlenstedt von der einstigen Akademie der Wissenschaft der DDR und Präsident des Pen-Ost) er gleich mit nach Italien brachte. Über den italienisch verspätet eintreffenden morgendlichen Begleitschutz von Bergsdorf staunten wir alle. Als es (wieder in Italien) siebzehn Jahre später um Krise.Kunst.Kultur.Kritik – also um Transformation ging, war er erneut dabei und entwickelte enthusiastisch die Idee und den Begriff des Sinngenerators“, die er dann in der Zeitschrift LuXemburg 1/2010 der RLS (“Für eine unbescheidene Linke. Krise – Hegemonie – Sinngenerator“) publizierte, nachdem er das alles zuvor bereits bei der Versammlung der Vertrauensdozenten noch einmal ausprobiert hatte.

Die Mosaiklinke… bräuchte einen imaginativen Sinngenerator, der ihren Energien eine neue Qualität verleiht; ein Sinngenerator, der eingesetzt wird, wenn es um den Zusammenhang von Gesellschaftsanalyse, Programmatik und Praxis geht. Seine Aufgabe besteht darin, die nötige philosophische und gesellschaftsanalytische Reintellektualisierung der Linken zu fördern, ihre große EGeorg denkt sich in der Villa den Sinngenerator auszählung mit Wahrheitsanspruch zu aktualisieren und schließlich eine Weltdeutung mit Handlungsanbindung zu befördern. Man könnte den Sinngenerator als eine regulative Idee bezeichnen. Ohne politische Akteure, die ihn nutzen, existiert er nicht, und ohne seine Ausrichtung auf den Zusammenhang von Gesellschaftsanalyse, Programmatik und Praxis produziert er keinen Nutzen für diese Akteure.

In vielerlei Hinsicht sind wohl in diesem Text in der nach Rosa Luxemburg benannten Zeitschrift Selbstverständnisse und Sinngebungen des politisch-intellektuellen  Lebens Georg Bollenbecks widergespiegelt – auch als Sinngenerator wird er uns fehlen.

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