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In Hamburg findet derzeit die Internationale Bauaustellung statt. Die bekannte Stadtsoziologin Saskia Sassen sitzt im Kuratorium dieser IBA und hat am 25. Mai in der tageszeitung ein Interview dazu gegeben. Daraufhin hat jetzt der Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg einen offenen Brief an Sassen geschriebe, der die Rolle der IBA bei Gentrifzierungsprozessen untersucht. Weiter geht es hier sehr unmittelbar um die Möglichkeiten, Grenzen und das Selbstverständnis kritischer Wissenschaften.

Sehr geehrte Saskia Sassen,
in einem Interview in der tageszeitung vom 25. Mai haben Sie sich ausführlich zu ihrer Rolle als Kuratorin der Internationalen Bauausstellung (IBA) im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg geäußert. In diesem Gespräch betonen Sie, dass in Wilhelmsburg von Gentrifizierung keine Rede sein kann. Dabei verzichten Sie fast durchgehend darauf, diese Behauptung mit Fakten zu belegen – abgesehen davon, dass Sie den Akteuren der Bauausstellung bei fast jeder Antwort „guten Willen“ attestieren und deren „erklärtes Ziel“ betonen, die „ansässigen Anwohner“ nicht zu vertreiben.
Wir haben uns über diese Aussagen sehr gewundert. Wir kennen zumindest einige Ihrer Texte, die wir bislang so verstanden haben, dass Sie auf die wachsende soziale Polarisierung hinweisen möchten, die durch die Entwicklung der „globalen Städte“ entstehen kann. In dem Gespräch mit der tageszeitung verweisen Sie unter anderem auf Ihre Erfahrungen in Lateinamerika oder darauf, dass Sie „die Gentrifizierung in ihrer vollen Brutalität in New York gesehen haben.“ Sicherlich sind diese Erfahrungen bedeutend. Aber die Lebenssituation von Menschen, die aus ihren Wohnungen geräumt werden oder Leuten, die einen immer höheren Anteil ihres Einkommens für ihre Miete ausgeben, wird dadurch nicht besser, dass man sie darauf hinweist, dass es anderswo noch schlimmer sein kann.

Wir bezweifeln Ihre Aussage nicht, dass Sie viel von der Welt gesehen haben. Aber in Ihrer Rolle als Kuratorin der Bauausstellung haben Sie offensichtlich die Augen geschlossen. Denn eine einfache Recherche hätte genügt, um festzustellen, dass es in unserer Stadt in den 2000er Jahren Mietsteigerungen gab, die alle anderen bundesdeutschen Städte übertreffen. Selbst die exorbitanten Mietsteigerungen in München werden durch die Hamburger Entwicklungen überboten. Dabei hätten Sie nicht einmal mit VertreterInnen der Recht-auf-Stadt-Bewegung oder mit unserer Initiative sprechen müssen. Selbst in den Veröffentlichungen der IBA wird konstatiert, dass die Mieten in Wilhelmsburg weitaus stärker gestiegen sind als in vergleichbar armen Stadtteilen Hamburgs. In der Tat gilt vor allem für die Quartiere der Elbinseln, in denen die Bauausstellung die stärksten Aktivitäten aufzuweisen hat, dass die Preise bei Neuvermietungen sich im vergangenen Jahrzehnt fast verdoppelt haben. Gleichzeitig sind die Löhne der unteren Beschäftigtengruppen ebenso wie die Einkommen der Erwerbslosen stagniert. Diese Entwicklung unter Hinweis auf „Lateinamerika“ als „Aufwertung ohne Verdrängung“ zu bezeichnen, können wir nur zynisch nennen.

Wir bringen diese Entwicklungen sehr wohl mit der IBA in Verbindung. Sie ist schließlich ein strategisches Instrument, das auch außerhalb der eigenen Bauprojekte im Rahmen der Wachsenden Stadt und des Sprungs über die Elbe das Image des Stadtteils aufpolieren soll. Dass ein verändertes Image Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt hat, der, wie das Wort schon andeutet, über durch Marktmechanismen gesteuert wird, darüber sind wir uns sicherlich einig. Vor diesem Hintergrund wundern wir uns schon, dass allein die Nennung einer „Aufwertung ohne Verdrängung“ als grundlegendes Ziel genügt, um nicht mehr genauer hinzuschauen.

Das einzige Beispiel zur Wohnraumpolitik in Wilhelmsburg, das Sie benennen, ist das sogenannte „Weltquartier“. Auch hier haben wir uns sehr über Ihre Aussagen gewundert. Das „Weltquartier“ ist ein Projekt, in dem Wohnungen, wie Sie es ja auch beschreiben, umfassend saniert worden sind. Die BewohnerInnen wurden während der Sanierungsphase überwiegend in anderen Wohnungen untergebracht. Ein unbekannter Anteil der BewohnerInnen ist wieder in das noch unabgeschlossene Bauprojekt zurückgezogen. Diese Menschen erhalten dann neue Mietverträge, die nach unseren Recherchen bei der m²-Kaltmiete um bis zu 20 Prozent über den alten Mietpreisen liegen. Die Behauptung, es ginge hier „um nur wenige Cent“, ist eine Falschinformation, die von grober Unkenntnis der Situation in diesem Quartier zeugt. Zudem erhöht sich die zu zahlende Gesamtmiete bei vielen Betroffenen durch die Vergrößerung der Wohnfläche wesentlich stärker als oben angegeben. Im Gegensatz zu dem, was Sie behaupten, haben sich zunächst sehr viele MieterInnen der Kündigung ihrer Mietverträge verweigert – ein gutes Druckmittel, das den Bauprozess, wie man heute sieht, stark verzögert hat und was dazu beigetragen haben mag, dass die SAGA/GWG Konzessionen bei Abfindungen, Umzugshilfen und beim Rückkehrrecht machen musste. Diese Entwicklung hat viel mit der Aufmerksamkeit und der Selbstorganisation der MieterInnen dieses Quartiers zu tun, aber nichts mit „Partizipation“. Denn eine Beteiligung der MieterInnen beim Gesamtkonzept des Umbaus dieses Quartiers hat an keiner einzigen Stelle stattgefunden, obgleich Vermieter und Bauausstellung nicht müde werden, dies zu behaupten. Ob es im „Weltquartier“ zu einer Verdrängung kommen wird oder nicht, kann seriös heute noch nicht behauptet werden – das ist bei Gentrifizierungsprozessen, die über viele Jahre oder sogar Jahrzehnte wirken, nichts Neues. Aber die Zahlen zu diesem Quartier – die einzigen Zahlen, die Sie in Ihrem Interview nennen – sind unseres Erachtens nach völlig aus der Luft gegriffen. Sie wurden auch nirgends durch die Internationale Bauausstellung veröffentlicht.

Unter der Überschrift „Wir haben die Leute geschützt“ legitimieren Sie insgesamt die Hamburger und Wilhelmsburger Stadtentwicklungspolitik, und Sie delegitimieren die KritikerInnen, indem Sie von „jungen Leuten aus der Anti-Gentrifizierungsbewegung“ sprechen, die nicht genügend fundiert argumentieren. Ihr Interview ist aus unserer Sicht ein Beispiel für eine Haltung, mit der Sie sich selbst als kritische Wissenschaftlerin unglaubwürdig machen. Angesichts der flächendeckend steigenden Mieten bedeuten die Neubauten auf dem Gelände der Bauausstellung wohl kaum einen Schutz: Die Kaltmiete beträgt dort fast das Dreifache dessen, was noch vor zehn Jahren in Wilhelmsburg bezahlt wurde. Und dass die EinwohnerInnen eines früher von ArbeiterInnen geprägten Stadtteils, die Erwerbslosen, die neuen ArbeitsmigrantInnen, die NiedriglohnbezieherInnen auf die millionenschweren Eigentumswohnungen ausweichen werden, das wird niemand ernsthaft annehmen können. Haben Sie sich mal mit den BewohnerInnen des Korallusviertels unterhalten, die durch den Immobilienkonzern GAGFAH genötigt werden, immer höhere Mieten für immer schlechtere Wohnungen zu bezahlen? Und haben Sie mit einer einzigen MieterIn aus dem “Weltquartier“ gesprochen?

Kritische Wissenschaft zeichnet sich aus unserer Sicht durch eine Parteinahme für genau diese Menschen aus. Sie hingegen ergreifen ausschließlich Partei für die Funktionäre der Bauausstellung. Kritische Wissenschaft geht aufrichtig mit den Fakten um, Sie verzichten fast durchgehend auf Nachweise für Ihre Behauptungen. Warum eine kritische Stadtforscherin eigentlich sehr offensichtliche Anwerbepolitiken für Angehörige der sogenannten Mittelschichten und aus der symbolischen Aufwertung resultierende Mietsteigerungen einfach ignoriert und belegfrei einer „Aufwertung ohne Verdrängung“ das Wort redet, bleibt uns schleierhaft. Ebenfalls unklar ist es für uns, warum es anscheinend noch nicht einmal die Position einer renommierten Stadtforscherin möglich macht, gegenüber den sie einladenden Stadtentwicklungsprojekten zumindest eine minimale kritische Distanz zu bewahren.

Weil uns an der Vorstellung von kritischer Wissenschaft etwas liegt und wir hoffen, auch über die Stadtentwicklung in Wilhelmsburg und der Veddel ins Gespräch kommen zu können, plädieren wir für eine Auseinandersetzung jenseits von Loyalitäten und Drittmittelförderung, die es dann auch wieder möglich macht, offensichtlich neoliberale Stadtentwicklungsprojekte als solche zu benennen. Wir hoffen in diesem Sinne auf eine lebhafte Diskussion über Stadtentwicklung auch in den global cities des Nordens und auf eine Wissenschaft, die sich weniger leicht zur Komplizin von Stadtentwicklungsstrategien macht und so die andernorts beklagten Ausschließungen weiter verschärft.

Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmburg

Dieser offene Brief wird unterstützt von folgenden Initiativen aus dem Recht auf Stadt Netzwerk Hamburg: Avanti – Projekt undogmatische Linke, BUKO-Arbeitsschwerpunkt Stadt Raum Hamburg, Centro Sociale, Gängeviertel Hamburg, Keimzelle Hamburg

Weitere Informationen zu den Umstrukturierungen in Wilhelmsburg: akuwilhelmsburg.blogsport.eu/

[UPDATE] Saskia Sassen hat eine Antwort geschrieben: saskiasassen.com/to-aku.php

[UPDATE 2] Es geht weiter… der AKU Wilhelsmburg hat auf den Text von Saskia Sassen am 1. August 2013 geantwortet (mehr).

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