PROKLA 207 ist erschienen

In Zeiten sich häufender und zuspitzender Krisen tun kritische Analysen Not, die über gesellschaftliche und geopolitische Kräfteverhältnisse informieren und ein im progressiven Sinne eingreifendes Handeln bewirken können. Die PROKLA würdigt mit dieser Ausgabe ein ehemaliges Redaktions- und heutiges Mitglied des Beirats, das sich seit Jahrzehnten um eine solche Praxis verdient macht: Alex Demirović, der am 17. Mai 2022 seinen 70. Geburtstag feierte. Die in einem starken Sinn demokratische und damit vernünftige Einrichtung von Gesellschaft ließe sich als sein politisches Leitmotiv bezeichnen.

Die Redaktion hat deshalb Freund*innen und Weggefährt*innen gebeten, Alex zu seinem 70. Geburtstag mit Beiträgen zu würdigen, die zentrale von ihm bearbeitete Themen aufgreifen, sich dabei auf seine Arbeiten beziehen, eine kritische Zeitdiagnose beinhalten und strategische Fragen der gesellschaftlichen und politischen Linken diskutieren.

Joachim Hirsch würdigt in seinem Beitrag, der frei zugänglich ist, das Engagement von Alex Demirović für die Kritische Theorie, die materialistische Staatstheorie und die sozialistische Utopie. Demirović hat durch seine Poulantzas-Rezeption wesentlich zur Rekonstruktion einer materialistischen Staatstheorie beigetragen. Neben der theoretischen Orientierung hat er sich für eine linkssozialistische Parteipolitik eingesetzt. Dabei hält er an der sozialistischen Vision einer freien und humanen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus fest.

Das Editorial zum Heft 207 «Der nonkonformistische Intellektuelle. Gesellschaftstheorie und sozialistische Strategie» und das Inhaltsverzeichnis finden sich hier online.


tl;dr#9: Dialektik der Aufklärung

Die «Dialektik der Aufklärung» ist eines der Schlüsselwerke der Kritischen Theorie und des westlichen Marxismus. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfassten die «Philosophischen Fragmente» 1942 und 1943 im kalifornischen Exil und publizierten es 1947 in Amsterdam. Das Buch führt Ergebnisse der freudo-marxistischen Diskussion über Autorität und Antisemitismus und materialistische Analysen herrschender Kulturpraktiken zu einer neuen Kapitalismustheorie zusammen. Unter dem Eindruck von Faschismus, Stalinismus und autoritären Tendenzen in den USA fragen die Autoren, warum das Projekt der Aufklärung, das seinen Höhepunkt in den Schriften von Marx gefunden hat, gescheitert ist. Auf dem entwickeltsten Stand wissenschaftlicher Erkenntnis und Kämpfe um demokratische Institutionen konnte ein Umschlag in Irrationalität, Wahn, Krieg und Völkermord stattfinden. Wie ist diese Niederlage der Aufklärung zu erklären? Wie lässt sich der Prozess der Aufklärung wieder aufgreifen, ohne erneut in Regression umzuschlagen? Über gesellschaftlichen Fortschritt und die Bedeutung von Dialektik, über das Verhältnis zwischen Natur und Naturbeherrschung diskutiere ich in dieser Folge mit Prof. Dr. Rahel Jaeggi, Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Direktorin des Center for Humanities and Social Change.

https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/tldr9-dialektik-der-aufklarung

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Studienwerk publiziert Doktorand_innenjahrbuch

Das Studienwerk der RLS hat in Zusammenarbeit mit einem stipendiatischen Kollektiv das neue Format eines Doktorand_innenjahrbuches entwickelt. Seit einigen Wochen liegt der erste Jahrgang (1/2011) vor. Dieser umfasst insgesamt 34 Aufsätze von Promotionsstipendiat_innen der RLS, die in 2010 und 2011 im Rahmen der Doktorand_innenkolloquien des Studienwerks ihre Dissertationsprojekte vorgestellt haben. Die unterschiedlichen Arbeiten wurden im Jahrbuch 13 thematischen Kategorien wie „Arbeit“ oder „Gewalt und Erinnerung“, „Transformation von Staatlichkeit“ oder „Emanzipation und Utopie“ übersichtlich zugeordnet. Insgesamt bietet das Jahrbuch auf diese Weise ein Panorama der interdisziplinären Arbeitsfelder und Themen, zu denen unsere Stipendiat_innen promovieren. Es gibt den Volltext des Jahrbuches zum Download und mehr zum Inhalt bei rosalux.de.


Foucault, Habermas et al.: Mal wieder Widerstand und Ungehorsam

Dresden jährlich im Februar: Nazis kommen zu einem ihrer europaweit größten Treffen zusammen. Das fordert Menschen überregional zu Ungehorsam und Widerstand heraus. Die örtliche Polizei versucht die antifaschistischen Aktivitäten mit fragwürdigen Mitteln zu kriminalisieren (Stichwort: "Handygate"). Die Debatte ist bestimmt durch ordnungspolitisches Gehetze von mitte-rechts. Das war schon anders. In den späten 1970ern und frühen 1980er Jahren gab es in Westeuropa angesichts der entstehenden, später sogenannten Neuen Sozialen Bewegungen wichtige Impulse in der Debatte um Widerstand und Ungehorsam. Foucault etwa entpersonalisierte das stragtegische Feld von Ungehorsam und Widerstand:

Darum gibt es im Verhältnis zur Macht nicht den einen Ort der Großen Weigerung - die Seele der Revolte, den Brennpunkt der Rebellionen, das reine Gesetz des Revolutionärs. Sondern es gibt einzelne Widerstände: mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände, die nur im strategischen Feld der Machtbeziehungen existieren können. (…) Und wie der Staat auf der institutionellen Integration der Machtbeziehungen beruht, so kann die strategische Codierung der Widerstandspunkte zur Revolution führen.“ Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen, Frankfurt a.M. 1977
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CfP: Kritische Gesellschaftstheorie

Die PROKLA plant Ende 2011 (Heft 4/2011: "Gesellschaftstheorie im Anschluss an Marx") und Anfang 2012 (Heft 2/2012: Perspektiven der Gesellschaftskritik heute) zwei Hefte zu kritischer Gesellschaftstheorie herauszubringen, für die die Redaktion geeignete Beiträge sucht. Der Call for Papers verrät genaueres.