Feed on
Posts
Comments

Der Begriff „Ökosozialismus“ hatte in den 1980er Jahren einen guten Klang. Sein Denkgebäude war aus einer Verknüpfung ökologischer Kritik an der Industriegesellschaft mit einer Revision marxistischer Grundannahmen entstanden. Nach dem Ende des Realsozialismus und dem Austritt der ÖkosozialistInnen aus der Partei „Die Grünen“ wurde dieses Konzept nur noch von Einzelpersonen vertreten.

Der 1938 geborene Michael Löwy skizziert in seinem zuerst 2011 in Frankreich erschienenen Buch die von ihm und anderen vertretene, trotzkistisch inspirierte Version des Ökosozialismus. Diese kritisiert den Produktivismus anderer Strömungen der (staatlichen) Linken und stellt dieser Orientierung an mehr Waren jene an mehr verfügbarer Zeit entgegen. Marx habe das, so die hier propagierte Lesart, auch so gesehen und sei sozusagen der erste Ökosozialist gewesen. Hier finden sich also viele nützliche Gedanken, etwa jener, dass die Quantifizierung von allem und jedem einer der Grundprinzipien des expansiven Kapitalismus sei (und nicht etwa der Tauschwert…). Nach Löwy und anderen sei, so die zweite grundlegende Prämisse ökosozialistischen Denkens, die Arbeiterbewegung (was immer das heute dann genau sein soll) zentral für eine ökologische Transformation.

Auf einer tagespolitischeren Ebene ist das Buch eher eine Enttäuschung. Zwar werden z.B. Literatur und Denkanstöße einer ökologischen Linken im globalen Kontext vorgestellt, aber die praktischen Forderungen sind dann doch z.B. sehr von einer letztendlich kulturpessimistischen Kritik an Werbung, Gier und „Gewinnsucht“ geprägt oder weitergehend von der Vorstellung „Planung“ setze der „Verschwendung“ ein Ende. Wie nun definiert wird, was „Verschwendung“ ist und wer in welchem Umfang an dieser „Planung“ einer ja globalisierten Ökonomie beteiligt ist, dazu findet sich erstaunlich wenig. Frappierender noch ist die nicht genauer begründete und ja nicht minder zentrale Vorstellung „Kapitalismus“ und „Ökologie“ seien unvereinbar. Demnach wäre also ein ökologischer Kapitalismus per Definition nicht möglich. Hier war die Debatte vor 25 bis 20 Jahren weiter und sie ist es auch heute, wenn z.B. die Propaganda für einen solaren, oder grünen, CO2 reduzierten Kapitalismus von links kritisiert wird. Hier nur ein Beispiel.

Eine weitergehende Auseinandersetzung mit etwa ökofeministischen Ansätzen fehlt in dem Buch ebenso wie eine mit den psychologischen Aspekten kollektiven und individuellen Verhaltens. Beides wäre bei dem selbstgesetzten Anspruch des Buches aber unabdingbar.

Im Anhang werden noch diverse ökosozialistische Manifeste aus den letzten 20 Jahren dokumentiert.

Michael Löwy: Ökosozialismus – Die radikale Alternative zur ökologischen und kapitalistischen Katastrophe, LAIKA Verlag, Hamburg 2016, 978-3-944233-63-5, 192 Seiten, 21 EUR

Facebook IconTwitter IconView Our Identi.ca Timeline