Feed on
Posts
Comments

Marx wieder komplett

karl_marxPop1Dieser Tage ist der Band 13 der Marx-Engels-Werke in einer überarbeiteten Auflage erschienen. Damit haben die Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Karl Dietz Verlag dem Projekt der Überarbeitung der „blauen Bände“ einen weiteren Mosaikstein hinzugefügt, womit auch die Gesamtausgabe wieder komplett lieferbar ist. Der Textkorpus blieb dabei natürlich erhalten, so dass die Kompatibilität zwischen den Auflagen erhalten bleibt. Rolf Hecker hat ein Vorwort hinzugefügt, in dem aus den neuesten Ergebnissen der MEGA-Forschung heraus der Kontext und die Rolle der in diesem Band wiedergegebenen Schriften beleuchtet wird.
Tatsächlich ist dieser Band nicht nur ein Mosaikstein der Werkausgabe, es ist auch eine kleine Perle. Für die ideengeschichtlich Interessierten ist sicher die 1859 veröffentlichte Schrift „Zur Kritik der Politischen Ökonomie – Erstes Heft“ wichtig. Hier werden die Konturen des dann acht Jahre später erscheinenden ersten Bandes des „Kapital“ (die vierte Auflage bildet dann die Grundlage des Bandes 23 der MEW) deutlich. Doch der Band wird vor allem durch die hier dokumentierten publizistischen Arbeiten von Marx und Engels auch für ein viel breiteres Publikum lesenswert. Den meisten Raum nehmen Artikel ein, die beide für die New York Daily Tribune in den Jahren 1859 und 1860 geschrieben hatten. Die beiden Autoren begegnen uns hier als Analytiker politischer und militärischer Entwicklungen – wie uns Marx im ersten Teil des Bandes als Kritiker von Theorie und Praxis der bürgerlichen Ökonomie begegnet. Im Zentrum stehen dabei die Auseinandersetzungen zwischen Preußen, Österreich und Frankreich. Die Texte kann man durchaus als eine unterhaltende Geschichtsstunde verstehen, in denen Machtverhältnisse, Interessen und Affären der handelnden Gruppen offen gelegt werden. Hier werden die Interessengegensätze der europäischen Mächte, die ein reichliches halbes Jahrhundert später im Ersten Weltkrieg münden schon sichtbar.

Dabei zeigen sich teilweise durchaus Parallelen zu ganz aktuellen Fragen. Ein Schwerpunkt der Berichte ist z.B. der Krieg zwischen Österreich und Frankreich um den Einfluss in Italien. In einer Bilanz dieses Krieges unter dem Titel „Was hat Italien gewonnen?“ schreibt Marx bezüglich des besiegten Österreich: „Wir befürchten jedoch, wenn es überhaupt Lehren daraus gezogen hat, daß es eher militärische als politische sind. Sollte sich Österreich als Konsequenz aus diesem Kriege zu irgendwelchen Veränderungen veranlaßt sehen, so werden es eher Veränderungen in der Ausbildung, der Disziplin und der Bewaffnung sein, als in seinem politischen System und seinen Regierungsmethoden.“ Und ein paar Sätze später betont er: „Es ist eine höchst bezeichnende Tatsache, daß die Neuregelung der italienischen Angelegenheiten entschieden wurde in einer kurzen Unterredung zwischen den Kaisern von Frankreich und Österreich, beides Ausländer, jeder an der Spitze einer ausländischen Armee. Außerdem wurde bei diesem Übereinkommen nicht einmal der äußere Schein einer fiktiven Beratung mit den Parteien gewahrt, die Gegenstand der Verhandlungen waren…“

Dies wurde Mitte 1859 geschrieben – die „Sicherheitsdoktrinen“ sind zwar komplexer und globaler geworden, die Philosophie hat sich nicht geändert.
Der vorliegende Band ist so eine Lektüre, die man unabhängig von anderen Werken aus Marx‘ oder Engels‘ Feder mit Gewinn lesen kann. Damit qualifiziert er sich bei einem Preis von 24,99 Euro und der gediegenen Ausstattung durchaus auch als Weihnachtsgeschenk.
Wer übrigens das Erscheinen weiterer überarbeiteter Bände der MEW unterstützen will, kann dies mit einer Spende tun. Auch dieser Band wurde auf diese Weise mit ermöglicht.

Facebook IconTwitter IconView Our Identi.ca Timeline