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care-revDie Aktionskonferenz „Care Revolution“ – Her mit dem guten Leben – für alle weltweit (14.-16.3.2014) fand in Kooperation mit dem Feministischen Institut Hamburg (Prof. Gabriele Winker, Fellow am IfG) und dem AK Reproduktion in den Räumen der RLS statt. Es ging um die Bedingungen in zentralen Bereichen der sozialen Reproduktion: Gesundheit, Pflege und Assistenz, Bildung und Erziehung, Soziale Arbeit, Ernährung und Wohnen. Diskutiert wurde über Arbeitsbedingungen im privaten und öffentlichen Bereich, aber auch die Patient_innen-/Betreutenseite und ihre politische Organisierung standen im Fokus. Aus feministischer Perspektive ging es um die Möglichkeiten einer anderen Ökonomie, den Ausbau des Öffentlichen und eine Umverteilung von Reproduktionsarbeit. Im Zentrum standen der Austausch und die Vernetzung von Akteuren in unterschiedlichen Feldern sozialer Reproduktion, um gemeinsam politisch handlungsfähig zu werden. Mit 500 Teilnehmer_innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie über 60 beteiligten Initiativen aus einem breiten politischen und gesellschaftlichen Spektrum (von Gewerkschafts-Gruppen, solchen aus dem Bereich sozialer Bewegungen und dem Parteiumfeld, über Selbsthilfeorganisationen von pflegenden Angehörigen, Behinderten, Eltern, migrantischen Haushaltsarbeiterinnen, feministischen Gruppen, kleinen Verbänden bis hin zu links-akademischen Aktivistinnen) hat die Konferenz ihr Ziel, regional und spektrenübergreifend Vernetzungen herzustellen, mit großer Resonanz erreichen können. Eine übergreifende politische Plattform ist in Gründung. Ziel ist es, an den genannten Themen weiterzuarbeiten, kampagnenfähig zu werden und das Spektrum der beteiligten Akteure schrittweise zu erweitern.

Die Konferenz nahm die – in den letzten Jahren wissenschaftlich und politisch diskutierte – Diagnose einer Krise der sozialen Reproduktion (G. Winker, K. Jürgens, S. Federici, M. Candeias, H. Kahrs, K. Kipping, C. Möhring, u.v.a.) zum Ausgangspunkt: In der Krise des Neoliberalismus wird eine fortgeschrittene Erschöpfung des Sozialen deutlich. Institutionen der öffentlichen Daseinsvorsorge sind nach Jahrzehnten schrittweiser Privatisierung stark zusammengeschmolzen. Soziale Dienstleistungen müssen durch privat einzukaufende Angebote ergänzt werden. Gleichzeitig wird Reproduktionsarbeit wieder in die Haushalte verschoben, führt dort zu Doppelt- und Dreifachbelastung – insbesondere bei Frauen. Burnout, hohe Krankenstände, aber auch neue soziale Spaltungen, massiver Zeitstress, Überforderung und Unzufriedenheit mit der alltäglichen Lebensführung sind nur einige der Folgen. Viele setzen sich in den letzten Jahren für Veränderungen ein, im Bereich Gesundheit und Pflege, Kinderbetreuung und Bildung, für bezahlbaren Wohnraum, gegen Armut und für Zeitsouveränität. Wichtige gewerkschaftliche Auseinandersetzungen, solche sozialer Bewegungen und lokaler Initiativen werden hier geführt – bleiben bislang aber oft unverbunden.

Gemessen am Anspruch, „sozialistische Transformation aus der Perspektive der Lebensweise und des Alltags zu denken“ (IfG und KAV-Selbstverständnis-Papier) kann die Konferenz als ausgesprochen erfolgreich bewertet werden. Jenseits der Schaffung eines Ortes des Austauschs und der Reflexion, fand ein Einstieg in konzeptionelle Debatte über Transformationsperspektiven im Bereich sozialer Reproduktion – sowohl zu konkreten Eingriffen in sozialpolitische Auseinandersetzungen als auch Debatten über Einstiegsprojekte in eine „doppelte Transformation“ statt. Einzelnen KooperationspartnerInnen kam bereits im Vorbereitungsprozess die Rolle ‚organischer Intellektueller’ zu, insofern sie ausgehend von konkreten Alltagserfahrungen unterschiedlicher politischer und sozialer AkteurInnen vertiefte Einsicht in die gesellschaftlichen Ursachen oftmals als privat erscheinender Probleme aufzeigen konnten, und so Perspektiven eines schrittweisen Umbaus erkennbar werden. Dies konnte auf der Konferenz vertieft und systematisiert werden. Politisch interessant war beispielsweise, dass Workshops, die Lebensweisenfragen und die ungelösten Probleme individueller Reproduktion im Alltag zum Gegenstand hatten, auf überwältigendes Interesse gestoßen sind. Die Frage, wie ein verbreitetes Gefühl individueller Überforderung im Alltag ‚politisierbar’ und im politischen Bewusstsein mit sozial-strukturellen Dimensionen wie einer Prekarisierung von Arbeit und Leben verknüpfbar wird, gilt es (u.a. im Rahmen der Transformationskonferenz des IfG und von Cross-Solidarity II) weiterzuverfolgen.

Ein Indiz für die angenehme und kooperationsorientierte Atmosphäre auf der Konferenz, wie in der Vorbereitung, war das Zustandekommen einer Konferenz-Resolution. Diese war bereits im Vorfeld mit den KooperationspartnerInnen intensiv diskutiert und bearbeitet worden. Auf der Konferenz selbst bestand für alle beteiligten Gruppen und TeilnehmerInnen erneut die Möglichkeit in einer Art „stiller Diskussion“ Ergänzungen oder Einwände gegen bestimmte Forderungen und Formulierungen zu den verschiedenen Thesen zu notieren. Diese wurden von einer Redaktionsgruppe für das Abschlussplenum am Sonntag eingearbeitet, so dass dort eine überarbeitete Version vorlag. Diese wurde schließlich in einer offenen Aussprache im Abschlussplenum erneut diskutiert und nach letzten Ergänzungen und konstruktiver Debatte mit mehreren hundert Leuten ohne Einspruch (!) verabschiedet. Weniger der Inhalt der Resolution ist hier bemerkenswert, als der greifbare politische Wille über ein sehr breites Spektrum hinweg zu einer gemeinsamen politischen Positionierung gegen neoliberale Austeritätspolitik und für eine Stärkung des Öffentlichen zu kommen. (Der einzige Konfliktpunkt, der nicht ausgeräumt werden konnte war, ob ein Bedingungsloses Grundeinkommen als explizite Forderung aufgenommen werden sollte. Der Position der AG BGE stand Widerstand v.a. aus dem gewerkschaftlichen Spektrum gegenüber. Mit der BGE wurde aber vereinbart, dies auf dem Nachbereitungstreffen noch mal aufzurufen.) Das Ziel der Konferenz, die Gründung eines politischen Netzwerks konnte auf den Weg gebracht werden.

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