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bringt nun auch der Historiker Jürgen Osterhammel in die Spalten des Merkur, der ungeachtet seines Unterzeilenbeinamens „Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken“ oftmals lesenswert ist. „Große Transformationen“ sind das Thema der Geschichtskolumne des Merkur 7/2011 (S.625-631). Osterhammel ist durch seine Arbeiten zum Imperialismus und vor allem durch seinen Band „Die Verwandlung der Welt“ (2009) bekannt geworden. Das Wesen von Transformationen im Unterschied zu bloßem Wandel sieht Osterhammel in der Irreversibilität der Umgestaltung. In der großen Transformation in den Jahrzehnten um 1800 sieht er keinen linearen Prozess, sondern „ein Zusammenspiel von zahlreichen kleinen Veränderungen“ (628), die in „Häufigkeitsverdichtungen“ einmünden, aber nicht zu „Kippunkten“ kumulieren. Diese Veränderungen können für sich „kontinuierlich oder diskontinuierlich verlaufen, additiv oder kumulativ, reversibel oder irreversibel, mit stetigem oder wechselndem Tempo“ (Osterhammel, 2009). Gegenüber der heutigen neuen Rede von „Wende“, „Epochenbruch“ oder „Transformation“, wie sie auch unter Bezug auf Osterhammel der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem neuen Hauptgutachten „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ (2011, S.91ff)  pflegt, hebt er in seiner Bilanz fünf Unterschiede hervor zu der gegenwärtig anstehenden neuen großen Transformation,  die er in dem „ökologische(n) Umbau des Industriesystems“ (627) sieht.

  1. Der Faktor Zeit spiele heute eine grundlegend andere Rolle: England habe 80 Jahre benötigt zum Übergang in eine Industriegesellschaft, das China der heutigen Zeit komprimiere seine Entwicklung noch weit stärker. Die Umstellung auf erneuerbare Energien operiere mit vergleichbaren Horizonten. „Die evolutionäre Gelassenheit früherer Transformationen ist dahin, Zeit wird zu einem zentralen politischen Streitpunkt.“ (628f.)
  2. Der Staat sei – ganz im Unterschied zu Transformation um 1800 – mittlerweile zu einem Hauptakteur geworden.
  3. Heute operieren die Akteure mit einer ganz anderen Voraussicht und Planungsgewißheit, gestützt auf Analysen und Prognosen, Marktforschung und Zukunftsannahmen.
  4. Im Unterschied zu den Folgen der ersten Transformation klaffe heute zwischen der wirtschaftlich-organisatorischen Leistungsfähigkeit und der militärischen Kapazität keine vergleichbare Lücke
  5. Der Aspekt der Nachhaltigkeit (die Frage der natürlichen Ressourcen“) spielte primär eine geopolitische Rolle.
  6. Die erste große Transformation sei insgesamt nicht visionsgesteuert gewesen – das aber habe sich geändert.

Osterhammel glaubt nicht an eine „gehaltvolle Prognose für zukünftige Transformationen.“ (630) Stringente Zusammenhänge zwischen politischer Liberalisierung oder Demokratisierung und Industriealisierung sieht er nicht. Krisenerscheinungen und „Schadenseffekte“ wie einst „die relative Verelendung“  (ein Trend, der sich aber „nach wenigen Jahrzehnten“ (629)  umgekehrt habe!) könnten freilich vermutet werden, ohne Visionen als Mischung von Angst und Hoffnung käme kein Umbau aus.

 

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