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Bärbel und JörgViele halten die Dringlichkeit von radikaler Veränderung nicht aus. Sie resignieren, setzen bloß noch auf kleinste Schritte oder die großen Abkürzungen, verdrängen, was sie sehen oder flüchten in die Romantik träumerischer Utopien. Eines der zentralen Evolutionsgeheimnisse des Kapitalismus ist seine ständig erneuerte Fähigkeit zur Herstellung von solchen (und Tausend mehr) Möglichkeiten, derlei Fluchten so hinzuregeln, dass sie ihn verändern, aber seine Identität sichern. Die Linke hat, nicht erst seit Rosa Luxemburg, diese Frage von radikaler Veränderung gestellt, von Reform, Revolution, Transformation.

Jörg Huffschmid, geboren 1940, ist am Morgen des 5. Dezember 2009 an Krebs gestorben. Er ist diese vielen Fluchtwege nicht gegangen. Vor 4 Jahrzehnten ist wie ein scharfer Fanfarenstoss sein „Die Politik des Kapitals“ bei edition suhrkamp erschienen und hat mit so 100 000 Exemplaren geholfen, dass der Begriff „Kapital“ zurückkam aus der Verbannung der elenden Zensurzeit des alten CDU-Staates. Plötzlich riss das Nebelwerk der „sozialen Marktwirtschaft“ auf. Da waren plötzlich Name und Adresse, Hintergründe, Ursachen, Alternativen, Öffnungen. Seit damals ist die Beobachtung, Analyse, Kritik des Gegenwartskapitalismus, also die Begründung der Dringlichkeit seiner Veränderung und Überwindung, sein Thema gewesen. Und es war immer und immer verknüpft mit einer Fülle von Vorschlägen für eine Politik der Alternativen: an der Hochschule in Seminaren und Gegenunis, bei Demonstrationen und Unterschriftensammlungen, im BdWi, bei attac, auf Gewerkschaftsveranstaltungen oder natürlich „seiner“ bundesdeutsch / europäischen Memogruppe; im gesamten Spektrum linker Medien, in linken Projekten von Porto Alegre über New York oder Moskau, von Volterra bis London, Brüssel oder Paris. In der RLS. Die Linke war seine Heimat: die Wissenschafts- und Bildungslinke, die soziale-, die Gewerkschafts- und Bewegungslinke, die politische Linke des Sozialismus aber auch die Linke des Liberalismus und des humanistischen Bürgertums. Die kleine und die große Linke, die alte und die neue, die rote und die blasse, die europäische und die deutsche, die radikale und die reformerische, die sehnsüchtige, wütende, müde und die bittere Linke. Wer so viele Welten kennt, muss Dringlichkeit und Geduld gut verknüpfen können. So erklärt sich, warum Jörg Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ war, bei „Wissenschaft und Frieden“, der „Bremischen Stiftung für Rüstungskonversion“, in „Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung“ und natürlich bei Attac mitarbeitete. Überall als Autor, Beiratsmitglied oder Mitherausgeber. In der kurzen Zeit der linken Offensive an den westdeutschen Hochschulen wurde er Hochschullehrer und leitete bis 2005 das Institut für Europäische Wirtschaft, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der Universität Bremen.

Jörg veränderte. Er war sozusagen ein Transformationsgenerator. Wer mit ihm zu tun hatte, wurde unmerklich umgebaut, ob er wollte oder nicht. Er verband wissenschaftliche Autorität, politische Vernunft und menschliche Ausstrahlung. Er argumentierte, scharf, aber freundlich und oft ironisch. Er kritisierte dezidiert, aber begründet, nachvollziehbar, klug – er eröffnete seinem Gegenüber die Chance zu lernen. Nur eine Handvoll linker Ökonomen konnte sich mit seiner Fähigkeit messen, das kleine und große Alphabet der ökonomischen Wissenschaften so anschaulich durchzubuchstabieren. Abwertung und Nicht-Anerkennung oder Verächtlichmachung in der öffentlichen Auseinandersetzung waren ihm fremd. Zornig oder wütend habe ich ihn erlebt, aber nie verletzend. Der politische Kontrahent war ihm ein Gegenüber und ein tatsächliches Ärgernis, das er ihn auch spüren ließ – aber kein Grund zur öffentlichen Rhetorik der Feindseligkeit. Er sprach bestimmt, aber freundlich und uneitel. Er schrieb vorsichtig, genau. Er war misstrauisch und zog es vor, die Dinge sehr gründlich und wiederholt anzuschauen. Seine Urteile waren zurückhaltend und scheuten jede Spekulation. Er revidierte sie zuweilen. Kein Wunder, dass er unversehens Ratschläge für lesenswerte KrimiautorInnen verlauten ließ – er recherchierte im Zweifel. Nur selten und dann meist unernst und spitzbübisch ließ er zu, dass der (politische) Wunsch der Vater seiner Gedanken wurde. Und zuweilen ließ er die vordergründige Raison des Politischen fallen und votierte für den Eigensinn: damals, in den 70er und 80ern, konzipierte er – gegen die wirklichkeitsfremde Ratio der kommunistischen Parteien, aber mit dem Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF), dessen Beirat er in den 80ern angehörte –eine Reformalternative als kommunistisch-sozialistische Politikorientierung, also auch die Idee einer progressiven Kapitalismusvariante. Heute, in 2008/9, teilte er die verbreitete Rede vom gut absehbaren Ende des Neoliberalismus nicht und als aktuelle Hauptseite der jetzigen Krise des Kapitals bilanzierte er nüchtern und empirisch-konkret den Machtzuwachs bei wenigen Hauptakteuren des Finanzkapitals – gegen die vielen Dringlichkeiten der Veränderung und Hoffnung.

Kurz: dem Kapital traute er aus guter Kenntnis mehr zu als die meisten. Daher auch seine zahllosen, in der Welt auch der linken ökonomischen Wissenschaft solitären Texte und Reden über das Rüstungskapital und dessen schreckliche Manöver, die für ihn zu Recht zusammenfassten, was er lebenslang verabscheute. Dass in solchen Einschätzungen auch die Erfahrung eines – Zeit seines Lebens radikaloppositionell agierenden – Westlinken steckt, ist offensichtlich. Natürlich teilte auch Jörg einen Hang der Ökonomenzunft: bei aller Vorsicht und Zurückhaltung nutzte er doch gerne die Gelegenheiten zur Weissagung. Wer ihm zuhörte, fühlte sich orientiert. Ökonomen produzieren Sicherheit, sie können nicht anders. Die jährlichen Herausgebersitzungen der „Blätter“ waren schon deshalb Balsam auf die Wunden linker Verwirrnis. Allerdings erwiesen sich auch Jörgs Prognosen zu Zeiten als bedenkenswerte Abweichungen von der Wirklichkeit. Doch für andere Formen der Aneignung von Wirklichkeit als die wissenschaftliche nahm er sich immer (wenn es irgendwie ging) noch Zeit und absolvierte öfters atemberaubende Museums- und Ausstellungs- und Rotweintouren. Da war er vorsichtiger in der Einschätzung.  Zwischen öffentlichem und privatem Leben unterschied er. Darum ist hier kein Ort, über Bärbel zu sprechen.

Seit sich die RLS als größer werdende Stiftung etablieren konnte, unterstützte Jörg sie. Er war jahrelang Vertrauensdozent und mühte sich um die Stärkung der Politischen Ökonomie. An Dutzenden und Aberdutzenden Veranstaltungen, Tagungen, Workshops, Kongressen der Stiftung nahm er teil und breitete sie oft mit vor, brachte seine Erfahrungen über eine sich als politisch verstehende Wissenschaft ein, für die in seiner Disziplin die von ihm, Rudolf Hickel und Herbert Schui vor fast 35 Jahren gegründete „Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ stand. Er war vielfach in den Publikationen der Stiftung vertreten und repräsentierte sie herausragend auf Veranstaltungen im Ausland. Im neuen wissenschaftlichen Beirat der Stiftung war er Mitglied, die Bildung des Instituts für Gesellschaftsanalyse begleitete er mit vielen hoffnungsvollen Vorschlägen.Vor allem zu den Fragen der Eigentumsanalyse, der Privatisierung, der Wirtschafts- und Finanzpolitik und dann der Krisenanalyse war er präsent. Wovon und wohin die die großen Wendungen der globalen kapitalistischen Macht getrieben werden und welche Rolle dabei ein Europa spielen kann, für dessen Entwicklung die Linke im mächtigen, von neuer Imperialität träumenden Bundesdeutschland ein Schlüsselfaktor darstellt, hat ihn immer beschäftigt.

Nun ist Jörg tot. Wir haben viele Möglichkeiten, wie wir um ihn trauern.

20 Responses to “Jörg Huffschmid. 1940 – 2009.”

  1. Danke für diesen liebevollen Nachruf.
    Kersten Artus

  2. stephan sagt:

    ein mensch der sich seiner sache verschrieben hatte, mein beileid den hinterbleibenen

  3. Johannes M. Becker sagt:

    Ein würdevoller Aufruf.
    Einer großen Persönlichkeit der Linken angemessen.
    Merci!

  4. Carolina Montenegro sagt:

    Muchas gracias por todo Herr Huffschmid! Mein Beileid an Ihre Familie und Freunde.

  5. Dr. Sylvia Burkert sagt:

    Wieder ist die Welt ärmer geworden!

  6. Kai Mosebach sagt:

    Ich bin bestürzt ob der Tatsache, dass mit Jörg Huffschmid die kapitalismuskritische Linke in Deutschland einen der klügsten und produktivsten Köpfe verloren hat. Obwohl ich Jörg nur von einigen Treffen kannte, bewunderte ich seine Offenheit, seine Freundlichkeit und Solidarität mit den „Elenden dieser Welt“ (frei nach Bourdieu). Ich wünsche seiner Familie in dieser schweren Zeit viel Kraft. Die Welt ist ärmer geworden.

  7. […] Jörg Huffschmid, geboren 1940, ist am Morgen des 5. Dezember 2009 an Krebs gestorben. Über seine Mitarbeit bei Presom war er auch Teil des ppg-Netzwerks. Mehr lesen […]

  8. Prof. Dr. Choon-Kweon Koo sagt:

    Die kritische Sozialwissenschaft verliert einen der grossen Sterne. Joerg wird uns sehr fehlen.

  9. BLACKY sagt:

    RIF
    ES TRIFFT IMMER DIE BESTEN!!!!!!!!

  10. Alex sagt:

    Ich kannte Herrn Huffschmid nur aus einem Seminar an der Uni Wien. Erst jetzt erfahre ich, was für einen grossartigen Menschen ich dort vor mir hatte.

    Mein Beileid gilt der Familie und Freunden!

  11. Jürgen Bodelle sagt:

    Danke, Jörg, für all das Großartige, das Du für die Allgemeinheit geleistet hast. Die Kraft Deiner Analysen, Deine Weitsicht werden uns fehlen – doch Du hast uns Deine Schüler hinterlassen und bist nicht ganz gegangen. Danke.

  12. Julia sagt:

    Ich hatte die Ehre in seinem letzten Seminar teilnehmen zu dürfen.
    Da habe ich ihn als jenen hoch intelligenten, liebevollen, begeisterten Menschen erlebt wie in diesem so gefühlvollem Nachruf dargestellt.
    Die Welt hat einen inspirierenden Geist und großartigen Menschen verloren.
    Mein Beileid an die Hinterbliebenen

  13. weser_knecht sagt:

    ein schöner nachruf, der immerhin nicht – wie die Grabrede eines kürzlich ebenfalls verstorbenen bekannteren linken Gewerkschafters aus Bremen – verschweigt, dass Huffschmid der DKP nahestand (ihr gar womöglich angehörte. Aber zwei Dinge fallen auf. Diese Generation von Linken war materiell gut abgesichert. Sie wurden Professoren in einem Alter, in dem heutige Militante davon nur träumen können und froh sind, wenn sie ihre Miete bezahlen können. Sie haben Häuser, (der erwähnte Gewerkschafter ein Segelboot etc.).
    Zweitens: Wenn das Wirken der Verstorbenen so wichtig war, was geschieht dann mit ihren schriftlichen Hinterlassenschaften? Und damit meine ich weniger ihre Büchersammlungen (die dürften eher langweilig und bei vielen sehr ähnlich sein), sondern ihre Notizen, ihre Korrespondenzen, also den Unikaten an Dokumenten. Wer sichert die für die Nachwelt, wer sieht sich da in der Pflicht, diese Dinge für die Zukunft zu erhalten? Darüber hätte ich gerne mal gesprochen.

  14. Brunner Gerd sagt:

    Mein mitleid den Angehörigen. Ich
    lernte Jörg in Schlaining kennen
    und war über seine Ausführungen
    über die korrupte, kriminelle Wirt-
    schaft im Zeichen der Finanzmärkte sehr beeindruckt.
    Elmar Altvater und Birgit Mahn-
    kopf werden sicher weiter in die-
    ser Spekulationswüste die Politik analysieren.

  15. […] Kongress zum Gedenken von Jörg Huffschmid tragen bei Axel Troost, Hans-Jürgen Urban, Dominique Plihon, Rudolf […]

  16. Georg sagt:

    Erst jetzt habe ich erfahren, dass Jörg Huffschmid verstorben ist. Ich bin glücklich, sein letztes Seminar an der Uni Wien erlebt haben zu dürfen. Selten habe ich jemanden erlebt, der komplexe Strukturen und Hintergründe so auf den Punkt bringen konnte.

    Jörg Huffschmid ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich mich im weiteren Verlauf des Studiums mit Politischer Ökonomie beschäftige und sie in die Diplomarbeit als zentrales Element einbauen möchte.

    Menschlich habe ich ihn als unglaublich sympathisch und offen empfunden.

  17. […] sowie Dissertationen eingereicht werden. Die Arbeiten sollten aus den folgenden – auch von Jörg Huffschmid bearbeiteten – Themenbereichen stammen: – Politische Ökonomie – Finanzmarktpolitik – […]

  18. […] Kongress zum Gedenken von Jörg Huffschmid tragen bei u.a. Axel Troost, Hans-Jürgen Urban, Dominique Plihon, Rudolf […]

  19. […] sein, seine Arbeit fortzusetzen. Näheres zu Jörg Huffschmid findet sich in einem Nachruf hier,  ebenso eine Übersicht zu seinen […]

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