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Ihnen gemeinsam ist, dass gerade ihre Anhänger ihnen das schwer Erarbeitete meist verdreht haben. Allzu viele Marxisten machten aus Marx` Kritik des Kapitalismus, wie er zu seiner Zeit in Westeuropa und Nordamerika existierte, eine ewig gültige Theorie der Geschichte, und die Dichtungsbeflissenen sahen in Goethe einen großen Poeten, dessen wissenschaftliche Studien zwar amüsant, aber doch kaum mehr als drollige Verirrungen waren. Gemeinsam ist beiden, dass sie sich gegen diese Verdrehungen gewehrt haben und auch dies ohne richtigstellenden Erfolg.

Dieses Geschick hat bei beiden den gleichen „guten“ Grund: seit mehr als über 2000 Jahren, mindestens seit Plato, gilt im Okzident: Geist über Materie. Angenommen wird darüber hinaus, dass der Geist das Ideal der Wahrheit erringen, sich diesem Ideal zumindest annähern könne. Erhebt sich hier nicht die Frage, ob wir Heutigen nicht stetig zunehmenden Grund haben, an dieser Annahme zu zweifeln? Gewiss: unsere Erkenntnisse über die Natur, also über die Materie um uns und in uns, nehmen weiterhin rasant zu. Aber darf man heutzutage nicht auch fragen, ob unsere doch meist zutreffenden Erkenntnisse nicht dazu beitragen, dass wir mit der Natur immer größere Schwierigkeiten haben? Wohnt es unseren Naturwissenschaften etwa immer noch inne, uns die Natur als einen bewohnbaren Ort zu erhalten? Oder: Kann es nicht sein, dass die Natur sich an unserem auf Vorherrschaft drängenden Geist rächt und uns die Heimstatt auf dieser Erde unbewohnbar macht?

Jedenfalls wächst der Eindruck unter uns Heutigen, dass sich die Natur immer mehr dahin entwickelt, uns das Leben zu erschweren. Gewünschte Rohstoffe sind immer schwieriger von ihr zu gewinnen. Der von uns für notwendig gehaltene Umsatz an Energie nimmt immer weiter zu und entwickelt mehr und mehr Abwärme und/oder gefährliche Abfälle. Nicht zuletzt dadurch sterben immer mehr Pflanzen- und Tierarten aus. Dieser Misslichkeit versucht der dominante Geist mit einem seit langem für probat gehaltenem Mittel Herr zu werden: Ethik gilt es zu üben. Wir entwickeln Regeln, Gesetze, Normen und Werte, die dem Schutz der „Umwelt“ dienen sollen. Das läuft darauf hinaus, dass wir uns von unserem Verstand sagen lassen, dass wir uns zu bescheiden haben und dass dann die Natur es uns gestatten wird, sie weiterhin auszunutzen. Das ist doch wohl nicht mehr als ein bloß raffiniertes Abkommen auf Gegenseitigkeit. Gleichzeitig erwarten wir aber auch Wirtschaftswachstum. Und dies verlangt ein Mehr an Ausbeutung der Natur. Dass diese Spirale sich seit Jahren weiter und weiter nach oben dreht, ist Allgemeinwissen. Auch fehlt es nicht an der Einsicht, dass dieser Trend der Natur den Schaden zufügt, den wir unter dem Begriff „Umwelt“-Schaden subsumieren. Impliziert ein solcher Begriff aber nicht auch in aller Deutlichkeit die Trennung zwischen Natur und Mensch? Hier das Geistwesen Mensch, dort die „Umwelt“, die „bloße“ Natur!

Weder für Goethe noch für Marx hatte eine solche Trennung zwischen Natur und Mensch Gültigkeit. Ihre Gemeinsamkeit in dieser Hinsicht ging noch einen höchst bedeutsamen Schritt weiter: beide gaben der Natur, Marx würde gesagt haben, der Materie, den Primat. Sie war das Grundlegende für alles Empfinden, Erfahren, Erkennen des Menschen. Ohne selbst Natur zu sein und ihrem Fließen anzugehören, kann für Goethe und Marx der Mensch nicht nur nicht leben, kann er auch den Strom des Lebens nicht zu seinem Wissen „steigern“, um dies mit einem für Goethe so bedeutsamen Begriff zu sagen. Diese Gemeinsamkeit zwischen Goethes und Marx‘ Welterfassen ist selten bemerkt worden. Zu den wenigen, die das gesehen habe, gehören so unterschiedliche Geister wie Friedrich Nietzsche und Rosa Luxemburg[1].

Das Bewusstsein, im Strom des Lebens zu stehen, impliziert eine weitere Gemeinsamkeit zwischen beiden in den Ergebnissen ihres Denkens: sie haben diese Ergebnisse nicht als ewig gültige angesehen. Um dies zu erläutern, muss man, wie schon einleitend gesagt, ein wenig tiefer in den Verlauf ihrer Denkarbeit schauen.

Es ist geradezu ein Gemeinplatz, Goethe als Dichter zu preisen, aber fast alle, die dies tun, ignorieren, dass Goethe selbst sein naturwissenschaftliches Arbeiten, vor allem seine Farbenlehre, als den eigentlichen Bereich seines Bemühens betrachtet hat. In der Tat ist die Farbenlehre sein umfangreichstes Werk und war ihm wichtiger als „ … ein halb Dutzend Trauerspiele mehr geschrieben … “ zu haben[2]. Das Denkergebnis dieser seiner naturwissenschaftlichen Arbeit hat er als gültige Wahrheit herausgestellt und dennoch, – für uns Heutige völlig überraschend, – nicht als ewig gültig angesehen. Seine Arbeit hatte Gültigkeit, weil er sie mit der Wahrhaftigkeit seines sinnlich-geistigen Selbst und dessen Bezug den Naturgegenständen Licht und Farbe gegenüber erarbeitet hatte. Er hatte diese Studien nicht wie Newton unter Anleitung einer intellektuell raffinierten Hypothese studiert, die das Licht so bedrängte, dass es geradezu gezwungen war, das erwartete Resultat zu liefern. Goethe dagegen wusste aus seinem sinnlichen Empfinden heraus, dass sein Auge zusammen mit dem Licht die Farben gebar und studierte diesen Zusammenhang unter den vielfältigsten Bedingungen. Dieses Erforschen von Licht und Farbe war aber auch nicht ein bloß individuiertes Geschehen, sondern schloss auch den Anderen, das heißt in diesem Falle Newton, ein. Wir sehen, Wahrheit war für Goethe eben das Produkt einer Arbeit, die aus dem Zusammenwirken zwischen Selbst, dem Anderen (Newton) und der Sache (der Natur) erwuchs. Die Wahrheit seiner Farbenlehre wäre anders ausgefallen, hätte er sie aus einer anderen Konstellation heraus gewonnen als der, die aus ihm (Goethe), Newton (seinem Opponenten) und dem Licht (dem Naturgegenstand) bestand. Goethes Begriff von Wahrheit hat mit dem bloßen Zutreffen heute betriebener Wissenschaft also wenig zu tun[3]. Wahrheit ist für Goethe zudem flexibel und lässt Pluralismus – heute oft als verbindlicher Werte propagiert – ohne Schwierigkeiten zu, und dies selbst im Erkennen der Natur.

Auch Marx musste sich im Laufe der Jahre mehr und mehr darum bemühen, dass seine Zuhörer und Leser die Fluidität seiner Denkarbeit erfassten. Er sieht sich dazu aus Gründen genötigt, die jedoch einer völlig anderen Konstellation entwachsen waren als der Goethes. Marx wollte zunächst (z. B. mit Bruno Bauer) über Kunst arbeiten, sieht sich dann aber zunehmend durch die Entwicklung um ihn herum dazu gedrängt, Gesellschaft und Wirtschaft zu studieren. Kunst blieb zwar für ihn bis an sein Lebensende Gegenstand genauer Beobachtung, aber Zorn und Ärger über den furchtbares Leid anrichtenden Industriekapitalismus machen aus ihm einen Philosophen der Ökonomie. Als Adept der Philosophie, – darin war er schließlich promoviert worden, – sieht er sich getrieben, ähnlich einigen seiner Vorgänger wie Kant und Hegel, eine Kritik zu erstellen, und zwar eine solche der Politischen Ökonomie. In diesem Bemühen ist ihm der Wirtschaftstheoretiker Adam Smith mit seinem Werk „The Wealth of Nations“ der wichtigste Bezugspunkt.

Marx‘ Denkergebnis erleidet jedoch ein von ihm nicht erwartetes Schicksal, nicht unähnlich dem, das Goethe in einigen Zirkeln mit seinen Naturstudien erlebt hat: es wurde dogmatisiert. Was zur Anthroposophie in Goethes Fall verdreht wird[4], entwickelt sich zum Dogma des Marxismus unter der Mehrheit von Marx‘ Nachfolgern. Marx musste mehr und mehr betonen, dass er keine ewig gültige Wahrheit gefunden hatte[5]. Aber damit fand er ähnlich wenig Gehör wie Goethe mit der Art seines Wahrheitsanspruches hinsichtlich der Farbenlehre. Muss man da nicht folgendes fragen: was ist denn anderes zu erwarten gewesen angesichts einer Denktradition, die seit Tausenden von Jahren den Geist über die Materie stellt? Hatten doch Kant und Hegel, in dieser im Okzident nahezu universal akzeptierten Tradition stehend, williges Gehör mit dem Anspruch gefunden, Endgültiges im Denken erreicht zu haben!

Goethe und Marx begegnen dieser kulturgeschichtlichen Situation auf unterschiedliche Weise, aber weder dem einen noch dem anderen ist darin Erfolg beschieden gewesen.

Goethe nimmt es hin, als Künstler allerorten gefeiert, aber als Wissenschaftler entweder ignoriert oder belächelt zu werden. Er macht für Dezennien keinen öffentlichen Versuch mehr, gegen die für ihn falsche Wissenschaft anzugehen, bleibt aber seinem eigenen „unzutreffenden Wissen“ genauso treu wie seinem Künstlertum. Es würde hier zu weit führen, die Frage zu klären, wie sich das mit seinem Verständnis des Verhältnisses zwischen Kunst und Wissenschaft verträgt. Beide waren doch, vereinfacht gesagt, Kehrseiten ein und derselben Medaille für ihn. Kunst war der Bereich, in dem von der bloßen Natur Nichterschaffbares geschaffen wurde, während die Wissenschaften das von der Natur Erschaffene zu verstehen suchen.

Soweit ich sehe, hat Marx nur selten den Bezug zwischen Wissenschaft und Kunst zu eruieren versucht[6]. Auch ist mir nicht geläufig, dass er als Philosoph jemals die Bedingungen der Möglichkeit von Wissenschaft studiert hat. Meiner Lektüre nach hat er sich – und dies auch nur mit antizipatorischer Vorsicht – mit der Rolle von Wissen und Wissenschaft in der Weiterentwicklung des Kapitals beschäftigt. Dies aber auf keinen Fall mit der Gründlichkeit, die er seiner Kritik der Politischen Ökonomie seiner Gegenwart hat angedeihen lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre ihm das ein allzu spekulatives Unterfangen gewesen.

Er hält jedoch als konkrete Beobachtung fest, dass Wissenschaft im Kapitalismus nicht mehr nur angewandt wird, sondern zumindest Produktion und „Distribution“[7] selbst durchdringt und strukturiert[8]. Er sieht, dass schon bald Betriebswirtschaftslehre und die Wissenschaft des „Marketing“ die Überlegungen des Kapitalisten durchdringen werden. So sieht er es kommen, dass Wissenschaft zu einem geistigen Kapital wird, dessen raison d’etre nur darin liegt, bessere Mittel zu gewinnen, um vor allem wirtschaftlichen und politischen Profit zu erringen. Umfassender Sinn spielt in einem solchen Wissen keine Rolle mehr. Es hat als Instrument zu funktionieren, sonst nichts.

Für uns Heutige ist das, was von Marx allenfalls scharfsinnig antizipiert wurde, zur omnipräsenten Wirklichkeit geworden. Gewinn und Erfolg „beweisen“, dass man „es richtig gemacht hat“. Aber es muss doch wohl angefragt werden, ob das Erringen solch geistiger Tüchtigkeit nicht seine Kosten hat; und dann auch, worin diese bestehen und wie bedrohlich sie sind.

Das sind jedoch Fragen, die weder Marx und schon gar nicht Goethe aufwerfen. Aber das heißt nicht, dass Antworten auf diese Fragen nicht aus einem neuen Verstehen ihrer Denkweise erarbeitet werden können. Und dazu ist die von beiden geteilte Sicht vom Primat der Natur geeignet. Sie bringt uns einen Nutzen, der über Profit (und Kapital) hinausgeht, ihn „aufhebt“. Vielleicht geht ja mit dieser „Aufhebung“ auch eine neue Kritik der Politischen Ökonomie einher.

Goethes und Marx‘ Gegenstände des Wissens und auch deren Erarbeitung unterscheiden sich zumindest auf Anhieb deutlich voneinander. Bei Goethe führt das Erschaffen von Wissen vor allem zu einem Wissen von Naturphänomenen; das, und nicht die Abläufe von Wirtschaftsprozessen, ist für Goethe Wissenschaft. Marx richtet sein Augenmerk fast ausschließlich auf Wirtschaftsprozesse und dies im Sinne der Gesamtwirtschaft, also der Polit-Ökonomie. Die Naturwissenschaften im üblichen Sinne bleiben bei ihm am Rande des Interesses. Auch Teilbereiche der Wirtschaft, wie etwa die Betriebswissenschaft, finden nur innerhalb der Betrachtung der Gesamtwirtschaft sein Interesse. Für ihn als Philosophen verlangt Wahrheit Totalität.

Auch hinsichtlich des Antriebs zum Wissensgewinn scheinen Goethe und Marx sich zumindest ab ovo zu unterscheiden. Ich lasse hier beiseite, dass Goethe die Erkenntnisse Newtons zu Licht und Farben zunächst völlig missversteht. Er war durch die Lektüre höchst mangelhafter Sekundärliteratur irregeleitet worden. Immerhin aber drängt dieser Umstand ihn dazu, sich mit den Phänomenen Licht und Farbe, und dann auch mit der Person Newtons, enger zu beschäftigen. Später, als er seine Entdeckungen zu diesem Naturbereich zu Papier bringt, sagt er ganz am Anfang des Textes, dass ihn „die Lust zum Wissen“[9] tiefer und tiefer in diese Materie hat eindringen lassen. Dieser Antrieb ist es, der zu dem führt, was er dem Umfang und der Bedeutung nach, als sein größtes Lebenswerk ansieht.

Wer dieses Werk verstehen will, merkt sehr bald, dass er eine gewaltige Menge an Arbeit vor sich hat. Bloße Lektüre ist da nicht genug. Wie Goethe es explizit erwartet[10], muss der Student von Licht und Farben die dazu gehörigen Versuche mit eigener Hand machen. Er selbst hat Tausende in diesem Wissensbereich angestellt. Diese Versuche müssen dann aber auch noch hinsichtlich ihrer Grenzen und Bedeutung verstanden werden. Dieses Alles selbst zu machen ist für Goethe schon deswegen eine unabdingbare Vorbedingung des Begreifens von Licht und Farben, weil für ihn nur derjenige wirklich versteht, der das Zu-verstehende, materiell-konkret, also naturgemäß, das heißt sinnlich und mit Lust, erlebt hat.

Ob Marx zu seinem Begreifen der Ökonomie seiner Zeit von der gleichen Lust getrieben worden ist, darf bezweifelt werden. Ich denke jedoch, dass die ans Unfassbare grenzende Menge seines Arbeitens am Verstehen dieser Ökonomie die Frage stellen lässt, ob eine derartige riesige Arbeitsleistung ohne eine Art von Besessenheit zu erklären ist. Das muss man wohl bezweifeln, wirft aber die Frage auf, was es denn genau war, was ihn antrieb.

Mir scheint, dass ein auch nur einigermaßen gründliches Studieren des marxschen Werkes zumindest zwei Antriebsquellen zutage fördert, die wahrscheinlich für ihn kaum voneinander geschieden waren. Für uns Heutige mag da eine Verschiedenheit vorliegen, aber wohl nur deswegen, weil wir anders zu erfahren und zu denken gewohnt sind. So mag das Zentrum seines Augenmerks für uns in zwei Bereichen gelegen haben, und zwar in dem doppelten Widerspruch dieses Wirtschaftens, nämlich dem in materieller und, wie wir heute davon scheiden mögen, geistiger Hinsicht. Er sah einerseits das horrende Elend der arbeitenden Massen, das bei kapitalistischer Lohnarbeit nicht zu vermeiden war, und er sah gleichzeitig die Widersprüchlichkeit in den Schriften der Theoretiker dieser Wirtschaftsweise, die dieses Elend anrichtete. Damit ist gesagt, dass Marx aus Leidenschaft heraus in die Praxis und die Theorie der damaligen Wirtschaft und Politik eingriff. Er tat dies bestimmt nicht, weil er „davon etwas hatte“; weil er damit in der akademischen Welt oder bei den Machthabern reüssieren konnte.

Kein Zweifel kann also sein, dass Marx‘ Gegnerschaft dem Kapitalismus gegenüber unversöhnlich war. Da kommt ein Kompromiss für ihn nicht infrage und auch nicht für seine Nachfahren. Und in dieser unversöhnlichen Gegnerschaft trifft Marx sich mit der, die Goethe Newton und seinen Nachfolgern gegenüber bis an sein Lebensende hegte. Diese Kompromisslosigkeit erscheint vielen Heutigen als unverständlich. Und schon gar nicht wird begriffen, wenn es überhaupt gesehen wird, dass im Denken beider, also bei Goethe und bei Marx, trotz dieser Unversöhnlichkeit ein ehrlicher Pluralismus zuhause ist. Wie oben schon gesagt, ewige Wahrheiten gibt es für beide nicht. Für den Augenblick belasse ich es in diesem Zusammenhang bei zwei Hinweisen. Für Rosa Luxemburg, die ihren Marx und ihren Goethe kannte, galt die „Freiheit des Andersgläubigen“. Und Goethe hat mehr als einmal gesagt, dass seine Farbenlehre anders ausgefallen wäre, hätte er sie in anderem Kontext als dem geschrieben, der von Newton bestimmt war.

Unversöhnlichkeit und Pluralismus sind zwar im Denken beider, also bei Goethe und bei Marx, unverkennbar, aber die Frage, wie und an welcher Stelle ihres Denkens diese Haltungen sich vereinbaren lassen, bedarf einer etwas genaueren Inspektion ihres Denkens. Zunächst muss man davon Notiz nehmen, dass Goethe und Marx nicht dasselbe im Auge haben, wenn sie von Wissen sprechen.

In Bezug auf Goethe könnte man auf ersten Blick meinen, Wissen und Wissenschaft hätten für ihn nur Selbstzweck gehabt, eng verwandt mit irgendwelchen Übungen in l’art pour l’art. Wir werden jedoch hier schon bald sehen, dass Nutzen und Zweck des Wissens ihm beim Erforschen der Natur durchaus wichtig waren. Marx dagegen beschäftigt sich, von Ausnahmen abgesehen, fast nur mit dem Wissen, das auf nichts anderem als auf Zweck und Nutzen zielt. Schon bald erahnt er, wie gerade eben kurz erwähnt, dass Wissen in der Wirtschaft nicht nur angewandt wird, sondern sich zum mentalen Kapital des Denkens in der Wirtschaft entwickelt[11]. Dabei kann von einer „Lust zum Wissen“ nicht mehr die Rede sein. Diese Lust würde dem Wissen von vorne herein die Qualität des Kapitals entzogen haben. Es kann nur zu einem Kapital werden, wo es zu nichts anderem als zu einem Mittel wird, das über sich hinausdrängt; wo es Mehrwert erzeugt.

Damit ist offensichtlich, dass das in diesem Zusammenhang von Marx gemeinte Wissen nur Instrument sein kann. Das heißt aber nicht, dass Goethe einfach nur einen gegenteiligen Begriff von Wissen hat, bei dem Nutzen mit dem Wissen nichts zu tun hat. Vielmehr verbindet Goethes Art zu wissen Freude und Nutzen miteinander; Wissen ist für ihn aber nie nur Instrument, nie nur Mittel.

Damit sind wir an einen Punkt gelangt, an dem sich zeigen lässt, dass das von Goethe gemeinte Wissen fast allen Heutigen völlig fremd geworden ist. Zum Beispiel geht keine der mir bekannt gewordenen Studien zu Goethes Naturwissenschaft darauf ein, was Goethe schon im allerersten Abschnitt seines so grundlegenden Aufsatzes „Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt“ sagt, nämlich dass der Nutzen des Wissens von der Natur ihm höchst wichtig ist. Gleichzeitig unterstreicht er jedoch auch, welche Freude und Befriedigung ihm schon die Erforschung der Natur bereitet. Bei dieser Arbeit wird ihm immer wieder bestätigt, dass er mit seinen Sinnen, also mit seiner inneren Natur das erschafft, was Natur für den Menschen ist. Erkannte Natur ist mehr als bloße Natur. Andersherum gesagt: Naturwissen beweist ihm immer wieder, dass er mit diesem Wissen Teil der Natur ist, allerdings ein „gesteigerter“ Teil der Natur. Diese Art des Wissen „hebt die Natur“ in sich „auf“, ohne sie hinter sich zu lassen. Auch sein wissendes Auge bleibt ihm „sonnengleich“ – und nützlich.

Dies versteht nur, wer wie Goethe mit seiner eigenen inneren Natur, und das heißt mit seinen Sinnen, also mit Auge, Nase und Hand, die Natur erforscht, aber nicht derjenige, der sich Goethes Naturwissenschaft nur anliest. Jedenfalls muss man aus den Studien derer, die Goethes Naturforschung nur aus der Lektüre seiner Schriften kennen, den Eindruck gewinnen, dass sie zwar Goethe keinen instrumentalistischen Umgang mit der Natur unterstellen, aber dann dazu neigen, seinem Naturwissen nur den Rang kultivierter Spielerei zuzuschreiben. Offenbar wollen sie auch gar nicht auf den Nutzen zu sprechen kommen, der doch für Goethe so wichtig war. Dies scheint anzuzeigen, dass sie Naturwissenschaft, heute wohl jede Art von Wissen, nur instrumentalistisch verstehen können, und dies auch noch verschweigen. „Rein“ ist für sie Wissenschaft nur dann, wenn sie „wertfrei“ ist.

Die Neigung, jedes Wissen, ja alle Wissenschaft, ausschließlich instrumentalistisch zu begreifen, taucht schon zu Marx‘ Zeiten auf. Er musste sich bereits damit auseinandersetzen, zumal dieses Verständnis von Wissenschaft auch seine „Kritik der Politischen Ökonomie“ betraf. Sie wurde, – und wird noch heute – [12], als Rüstzeug, als omnilateral einsetzbares analytisches (dialektisch entwickelt!) Instrument verstanden. Welch ein Missverständnis von Dialektik! Abgesehen von Marx‘ explizitem Widerstand gegen ein so geartetes und verabsolutiertes Verständnis, kann heute Jedermann im Abschnitt „Die Methode der Politischen Ökonomie“ der „Grundrisse“ nachlesen, wie orts- und zeitgebunden er diese Methode verstanden hat, also keineswegs als einer Art „Genereller Theorie“. Allerdings sind die „Grundrisse“ erst 1939 bzw. 1941 in Moskau im Druck erschienen[13]. Spätestens seitdem muss man davor zurückscheuen, den „Marxismus“ als ewig gültige Wahrheit anzusehen. Wie kann denn auch die Einsicht in den Primat der Materie über den Geist auf einmal ein geistiges Produkt wie Marx‘ Denken über alles Materiell-Konkrete stellen? Dies ist aber bei den „Marxisten“ heute gang und gäbe. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig zu bedenken, dass Marx diese Schrift, die den Abschnitt „Die Methode …“ enthält, selbst nie in Druck gegeben hat, und zwar aus der Befürchtung heraus, dass sie als die Forschungsmethode begriffen werden konnte[14]. Marx war es klar, dass man ohne die Kunst des Verstehens immer wieder neu zu üben, nichts verstehen kann. Ohne diese Kunst wird der zu-verstehenden Sache und/oder den zu-verstehenden Menschen Gewalt angetan. Sie werden nicht verstanden, bloß interpretiert, d. h. über den Leisten der dem Forscher eigenen Begriffswelt geschlagen.

Damit müsste der Pluralismus bei Marx deutlich vor Jedermanns Auge treten. Jeder Mensch denkt anders, und darin liegt gerade das Glück, voneinander lernen und uns gegenseitig belehren zu können. Dies ist indes ein Pluralismus, der mit Unversöhnlichkeit Hand in Hand geht, und zwar gerade deswegen, weil er ähnlich wie bei Goethe, das menschliche Subjekt als Schöpfer des Wissens von Welt und des Arbeitens in der Welt immer mitbedenkt. Ein subjektloses und, dann auch noch unscharf, „objektiv“ genanntes Wissen und Schaffen[15] kann es weder für Goethe noch für Marx geben. Aber dies wird von dem, was heute als Wissenschaft gilt, angenommen. Newton, der sowohl der deutschen Philosophie so viel bedeutet hat, als auch zum Erzfeind Goethes geworden ist, war einer der großen Advokaten dieser Vorgehensweise.

Für Kant und auch Hegel war Newton trotzdem der Vollender der Wissenschaften schlechthin, also für diejenigen Philosophen, die Marx (und Engels) als ihre Vorläufer (bei all ihrer Kritik an ihnen) hoch verehrten. Der Philosophie selbst gegenüber kritisch zu sein, kam offenbar beiden nicht in den Sinn. Goethe jedoch hatte für diese Philosophen, ja für Philosophie im Allgemeinen, kaum ein Organ. Er war dezidierter Nicht-Philosoph[16]. Das veranlasst uns zu fragen, was denn für Goethe an der Philosophie so verkehrt war.

Für Goethe lag das Falsche an der Philosophie im Kern darin, Wissen in ein alles einschließendes System zu bringen. Das bedeutete für ihn, wenn wir es in der hier benutzten Terminologie fassen dürfen, das Wissen von den Gegenständen in eine vor allem geistig durchgängige Ordnung zu bringen. Ihre mentale Kohärenz rangiert in der Philosophie höher als ihr materiell-konkreter Zusammenhang, der sich oft genug nicht herstellen lässt[17]. Dazu waren Goethe jedoch die Dinge, die Natur, das Leben zu großartig. Ihnen gehörte der Primat, nicht dem Denken. Ob man Goethe deswegen einen Materialisten nennen kann, bleibe hier dahingestellt. Nicht von ungefähr kommt es indes, dass er im Titel seines oben erwähnten Aufsatzes der materiell-konkreten Sache, also dem Objekt vor dem Subjekt Erwähnung tut. Er schreibt: „Der Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt“, und nicht umgekehrt! Auch diese für idealistisches Denken so ungewöhnliche Reihenfolge wurde von den mir bekannt gewordenen Studenten der goetheschen Wissenschaft außeracht gelassen[18].

Es mag also angebracht und nützlich sein, außer den Ähnlichkeiten auch die zweifellos markanten Unterschiede zwischen Goethe und Marx herauszustellen. Wie gerade gesagt, war Goethe definitiv kein Philosoph, sondern ein Dichter und Naturforscher (Nach seiner eigenen Meinung über sich müsste man diese Reihenfolge gar umdrehen). Genauso zweifellos war Marx‘ Denken das eines Philosophen. Im Verlauf seines Lebenswerkes wurde er dann zu dem Philosophen der Ökonomie und wusste sich selbst als solcher noch in der, wenngleich „kritischen“, Nachfolge insbesondere von Kant und Hegel. Sein lebenslanges Interesse an der Kunst blieb zwar bestehen, wurde aber zweitrangig.

Es scheint aber nicht in erster Linie dieser anders gelagerte Fokus des täglichen Arbeitens gewesen zu sein, der Marx und Goethe voneinander trennte, sondern der gerade herausgestellte unterschiedliche Rang, den sie der Philosophie beimaßen. Diesen Unterschied sollten wir jedoch nicht so verstehen, wie wir das heute tun. Ist doch derzeit kaum ein moderner Philosoph zu benennen, der mit solcher Leidenschaft seinem Philosophieren nachging wie Marx dies tat. Und es darf wohl umgekehrt gefragt werden, ob ein heutiger Dichter so entschieden wie Goethe seinen Blick auf die Natur gerichtet hält und dabei auch noch so scharf sein eigenes Denken durchleuchtete wie er. Goethe und Marx vereint indes offenbar die Leidenschaft, mit der sie sich ihrer Gegenstände annehmen. Goethe trieb die Lust zu seinen Naturstudien, und Marx wollte mit Leidenschaft wissen, wie es denn dazu kam, ja unvermeidlich war, dass der Kapitalismus die Massen ins Elend stürzte. Marx wollte Schaden verhindern, Goethe das Schöne und Gute vermehren. Zeigt sich hier nicht ein Verbindendes in Unterschiedlichkeit zwischen Beiden?

Und stellt sich an dieser Stelle für uns Heutige nicht auch die Frage, wie wir denn in eine Lebens- und Denkweise geraten konnten, in der wir so offensichtlich nicht mehr das Abwenden von Schaden mit dem Genuss des Schönen und Guten verbinden können?

Zum Bedenken dieser Frage wollen wir uns nochmal daran erinnern, dass Marx‘ Versuch Schaden abzuwenden, schon zu seinen Lebzeiten im Ansatz missverstanden wurde und dass sein philosophisch begründetes Abwenden dieser Missverständnisse nicht von Erfolg gekrönt war. Ein hier nur skizzenhaftes Bild des geistigen Milieus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird schnell plausibel machen, warum selbst die aufgeklärte Öffentlichkeit Marx missverstand und Marx‘ eigener Versuch, in dieser Hinsicht eine Korrektur anzubringen, kaum gelingen konnte.

Philosophie, zumindest die von Kant und Hegel, glaubte seinerzeit, einen letztgültigen Bezugsrahmen für das Erkennen von Welt gefunden zu haben. Unter diesem Gesichtswinkel wird vielleicht verständlich, dass auch Marx‘ philosophische Kritik der Politischen Ökonomie als letztgültig aufgenommen wurde. In seinem Hauptwerk „Das Kapital“ war nicht zu lesen, dass es nur für einen geographisch und historisch begrenzten Raum Gültigkeit beanspruchte. Es war für Marx wohl selbstverständlich, dass das Verstehen geschichtlicher Ereignisse nicht selbst geschichtslos sein konnte[19]. Wie oben gesagt, wollte Marx nicht einmal eine raum- und zeitlos gültige Forschungsmethode propagieren. So deutbare Abschnitte im „Rohentwurf“, also z. B. den zur „Methode der Politischen Ökonomie“, hat er deswegen nicht in „Das Kapital“ übernommen, obwohl ihm dies später vielleicht hätte helfen können, sich vor Missverständnissen zu schützen.

So blieben denn Marx‘ Versuche, gegen Missverständnisse seines Lebenswerkes anzugehen, nicht gegen die Gefahr gefeit, im Sinne der damals vorrangigen Philosophie verstanden zu werden. Seine Einsicht, oder besser, seine wahrscheinlich tief empfundene Überzeugung vom Primat der Materie gegenüber der Forderung nach dem Primat des Geistes konnte er nicht an die weitere Öffentlichkeit vermitteln. Offensichtlich ist damit gesagt, dass der Grund für dieses Scheitern darin liegt, dass Marx für den Primat der Materie philosophisch, also verkürzt gesagt, mit dem Primat des Geistes, argumentierte. Aber selbst heute bleibt es weitestgehend erfolglos, Marx-Anhänger von diesem marxschen Dilemma zu überzeugen. Und dies vor allem in dem Maße, als diese Überzeugungsversuche selbst wieder bloß philosophisch vorgebracht werden.

Weist das nicht in bemerkenswerter Weise auf eine Grenze der Gültigkeit der Philosophie hin? Der Urgrund für den Primat der Materie lässt sich offenbar nicht erfassen mit Hilfe eines Geistes, der für sich selbst den Primat verlangt. Wie oben schon anders gesagt, deutet vieles darauf hin, dass Goethe aus dieser Wahrnehmung heraus, von Philosophie Abstand hielt. Vielleicht darf man dann aber doch sagen, dass Goethe insofern ein Materialist war, als er eben nicht zu einem materialistischen Philosophen wurde. Bei seinem Studium der Natur gab er jedenfalls der Natur insofern kompromisslos den Primat, als er seinem eigenen Schauen und Bedenken, also der Natur in ihm selbst den Vorrang zuerkannte. Anders gesagt: Das Studium der Natur war ihm nur möglich und gültig, weil er diese Studium selbst als einen Naturvorgang erlebte. In dieser Tätigkeit vollzieht sich der Geist als Teil der Natur. Diese „Aufhebung“ ist dem Menschen nur dadurch möglich, dass er selbst „gesteigerte Natur“ ist, also eine Natur ist, die ein Anderes in ihrer bloßen Natur umfasst, und der dieses Umfassen nur möglich ist, solange sie selbst Natur ist, also in dem zuhause ist, was Natur ausmacht. Kurz: Ohne selbst Natur zu sein, gibt es keinen Geist für den Menschen.

Diesen Gedanken hat Marx zwar nicht untersucht. Aber er hat, wie oben gesagt, antizipiert, dass das Wissen sich selbst zu einer Art von Kapital entwickeln würde. Wo diese Art von Wissen absolute Dominanz erreicht, wird die Natur genauso absolut unterdrückt. Und dies haben wir im Globalkapitalismus geschafft.

Gedanken über ein Wissen solcher Art konnte und brauchte sich Goethe offensichtlich nicht zu machen. War doch nicht einmal ein Industriekapitalismus im gerade untergehenden Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation entstanden. Das hat aber nicht dazu geführt, dass dasjenige an Goethes Denken, vor allem das auf die Naturforschung gerichtete, zu seiner Zeit verstanden oder gar akzeptiert worden wäre. Besonders als Goethe begann, sich mit Newtons „Optick“ auseinanderzusetzen, und dies auch noch in ablehnender Weise, war es um sein Ansehen bei den „zünftigen“ Naturwissenschaftlern geschehen. Der Weg zum Heute war bei den Naturwissenschaftlern bereits eingeschlagen. Deswegen hatte Goethe bald zur Kenntnis zu nehmen, dass sein Naturwissen allenfalls als Resultat eines Hobbyforschers belächelt wurde. Später, etliche Jahrzehnte nach seinem Tod, erwuchs Goethe dann indes eine scheinbare Gefolgschaft in der steinerschen Anthroposophie. Diese aber pervertierte die Grundlage des goetheschen Naturforschens durch eine nahezu abstruse Geisteshaltung, Theosophie genannt. Gegen eine solche Interpretation seiner Naturforschung hätte Goethe sich selbstverständlich gewehrt; sie verdarb ja gerade Goethes Grunderfahrung der menschlichen Erkenntnisfähigkeit von Natur, nämlich das Sein des Menschen als gesteigerter Natur. Solchen, aber auch anderen Fehldeutungen[20] goethescher Naturwissenschaft, brauchen wir hier nicht nachzugehen.

Stattdessen stellt sich, wie eben schon angezeigt, die Frage, ob ein Überdenken des goetheschen Begriffs von Erkennen und Wissen uns nicht dazu verhelfen könnte, sowohl Schaden von der heutigen Gesellschaft abzuwenden (das marxsche Projekt) als auch einen Weg aufzuzeigen, auf dem die Gesellschaft sich in freudigem Einklang mit der allumfassenden Natur (Goethes Hoffnung) zu bringen vermag. Ein Zweifel kann ja am folgenden Zusammenhang nicht sein, nämlich dass unser gegenwärtiger Umgang mit der Natur diese für uns bald unbehausbar macht. Darüberhinaus ist nicht zu sehen, dass es in unserer Naturwissenschaft selbst angelegt ist, diese Unbehausbarkeit zu vermeiden. „Umweltschäden“ beruhen ja nicht auf unzutreffender Wissenschaft! Damit scheint aber auch angezeigt zu sein, dass wir zur Verhinderung eines solchen Schadens die Naturwissenschaft von außerhalb ihrer selbst eingrenzen müssten. Diese Einsicht ist jedoch nur von scheinbarem Wert, denn dieses Eingrenzen kann nur von einer Ethik geleistet werden, die sich gegen Lust und Wollen des heutigen Menschen richtet. Der heutige Mensch will (so meint er jedenfalls) das Immer-mehr von Konsumption, und dies weil ihn nichts befriedigt, d. h. satt macht. Das aber ist es, was das Wachsen der Produktion und dadurch nolens-volens das von „Umweltschäden“ erzwingt. Vom heutigen Denken und Wissen her ist kein anderer Ausweg sichtbar als der der ethischen Kontrolle des menschlichen Begehrens. Eine solche Kontrolle verlangt jedoch ihrerseits die Einführung kostspieliger Mechanismen wie das Erlassen und Durchsetzen von Gesetzen, die Schaffung von Behörden, die Erziehung des dazu gehörigen Personals etc., etc. Und dies erfordert im Endeffekt vor allem ein Mehr an umzusetzender Energie, denn die in diesen Bereichen notwendige, aber unproduktive Arbeit muss ja finanziert werden.

Hier wird m. E. deutlich, dass die innere Natur des heutigen Menschen, also die Getriebenheit des „Nimmersatts“ und das ihm innewohnende Denken und Wissen die Ursache dafür sind, dass wir der Natur um uns die Art von Schaden zufügen, die uns aus dieser Natur vertreiben wird. Oder anders formuliert: Ist da nicht ein gründliches und neues Verstehen von Goethe und Marx zu erhoffen, um auf den Weg in eine begehbare Zukunft zu gelangen?

Nach den hier angestellten Beobachtungen und Überlegungen sollte es einigermaßen klar sein, dass das Auffinden eines solchen Weges davon abhängt, ob die heutige Gesellschaft, oder besser: ob der heutige Mensch, zu dem Empfinden, nicht einfach zu der philosophisch-intellektuellen Einsicht gelangt, dass der Natur der Primat über dem menschlichen Geist zukommt. Es geht also nicht bloß darum, mit Marx das Denken Hegels vom Kopf auf die Füße zu stellen, sondern eine seit über 2000 Jahren eingefleischte Idee, nämlich „Geist über Materie“, zu überwinden. Dies wird nicht dadurch gelingen, dass man das Lesen der Schriften von Marx und/oder das Studium der naturwissenschaftlichen Forschungen Goethes empfiehlt, sondern dies verlangt, dass der Einzelne es leid ist, falschen Antrieben, also einer verdrehten inneren Natur zu gehorchen.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal zu dem zurückkehren, was Marx als zukunftseröffnende Kraft in seiner Gesellschaft identifizierte und was Goethe als grundlegenden Antrieb zur Tat ansah.

Marx sah im Leid des ausgebeuteten Proletariats die treibende Kraft, die mit dem gezielten Hieb einer Revolution die lebenserhaltende Zukunft herbeiführt. Einzig dadurch konnte für sein Empfinden dem Kapitalismus und seinem Elend der Garaus gemacht werden und eine bewusste und materiell gegründete Geschichte ihren Anfang nehmen.

Aus Goethes Schaffen, vor allem aus seiner Erforschung der Natur, kann der Mensch seinen Bezug zur Natur in ihm und um ihn wieder herstellen. Er wird es dann erleben, was Befriedigung aus tätigem Umgang mit der Natur bedeutet. Und aus einer solchen körperlich empfundenen Einsicht heraus wird er ein Forschen, Wissen und Handeln zurückweisen, das nur auf den Gewinn einsetzbarer Mittel abzielt und ihn in dem Augenblick dieses Gewinnens doch nur wieder der Befriedigung seiner eigenen inneren Natur beraubt.

Eine solche Befriedigung ist zwar zunächst nur in jedem Einzelnen empfindbar. Sie erfüllt sich im vollen Sinne nur dann, wenn sie auch im Mitmenschen auf Zustimmung stößt. Der Mensch als gesteigerte, eben „Andere Natur“, wird den Mitmenschen, der ja Teil der Natur um ihn herum ist, nicht von dieser Befriedigung ausschließen. Nur in diesem Verbund, also dem zwischen Natur, „Anderer Natur“ und anderen „Anderen Naturen“ kann es einen Weg aus dem zerstörerischem Jetzt in eine Zukunft geben.

Praktisch heißt das, dass sich unser Leben dann in seiner Gesamtheit ändern wird, und das schließt eine völlig neue Form von Politik ein. Sie wird zunächst einmal alle diejenigen zusammen bringen, die das Leid des Kapitalismus leid sind. Mitmachen an der im Kapitalismus „gepflegten“ Politik verbietet sich dann selbstverständlich. Dies würde nur, wenn nicht dem Garaus unserer Spezies dienen, dann doch ihrer zunehmenden Verelendung.

Hier sei, falls nötig, auch betont, dass nicht schon jetzt vorherbestimmt werden kann, welche Form des politischen Umgangs sich diejenigen geben werden, die sich in unversöhnlicher Gegnerschaft dem Jetzt gegenüber vereinigt haben. Das muss sich aus dem Umgang der Menschen entwickeln, die in den diversen Lebensbereichen, also in Produktion, Handel, Erziehung, Kunst etc. tätig sind. Nur aus ihrer Praxis heraus und nicht aus einem antizipatorischen Theoretisieren kann neue Politik und damit neues Leben erwachsen.

 


 

[1] Siehe Nietzsche, 1955, 2. Band, pp. 1 024f; hier lobt er Goethe dafür, mit der philosophischen Tradition seit Kant gebrochen zu haben. Nietzsche erwähnt Marx nicht, der jedoch der gleichen Tradition entstammt, siehe hierzu Sixel, 2013, pp. 15ff. Bzgl. Rosa Luxemburg siehe Krippendorf, 1999, p. 7. Jüngst ist der Philosoph Felix Heidenreich in höchst interessanter Weise auf die Gemeinsamkeiten zwischen Goethes und Marx‘ Welterfassen eingegangen. Leider unterscheidet er dabei nicht immer deutlich genug zwischen Geistes – Arbeit und Geistes – Kapital. Siehe Heidenreich, 2015, pp. 137ff.

[2] Eckermann, 1984, p. 105.

[3] Zum Unterschied zwischen „wahr“ und „zutreffend“ siehe Sixel, 2003, pp. 96ff, 104f, 148, 169f, 177f.

[4] Es sei nicht bestritten, dass die Anthroposophie auf den Gebieten Landwirtschaft, Pädagogik, Medizin, Pharmazie und anderen, höchst Bemerkenswertes geleistet hat. Aber das lässt sich auch über andere Bereiche sagen. Kapitalismus und die heute dominante Naturwissenschaft waren mal hervorragende Fortschritte. Das heißt aber nicht, dass sie heute noch des allgemeinen Fortschritts fähig wären. Sie bedürfen, wie die Anthroposophie, der grundlegenden Korrektur.

[5] Siehe Sixel, 2013, pp. 38f und dort auch die Anmerkung 26.

[6] Bzgl. einer der wenigen Ausnahmen, siehe Marx, o.J., pp. 30f.

[7] Marx benutzt den Begriff „Distribution“ nicht für die Vermarktung von Produkten, sondern für die Verteilung von Mehrwert, Investitionsgütern und auch Menschen über den Bereich des Wirtschaftsprozesses. Siehe Marx, o.J., pp. 10f; siehe auch Sixel, 2013, 57ff.

[8] Siehe hierzu z. B. Marx, o. J., pp. 587, 593ff; siehe auch Sixel, 2013, p.39.

[9] Goethe, 1988, Bd. I, p. 55.

[10] Siehe Goethe, 1988, Bd. II, pp. 30ff, 50ff, 60ff.

[11] Hinsichtlich des Wissens und seiner materiellen Aspekte, siehe Sixel, 2003, pp. 116 – 123.

[12] Siehe noch einmal oben die Anmerkung 4. Ein Blick in die Verlautbarungen der Partei „DIE LINKE“ bestätigt das nahezu ausnahmslos. Siehe dazu auch eine ansonsten so verdienstvolle Materialsammlung wie die von Horst Paucke, 2015.

[13] Siehe Sixel, 2013, p. 124, Anmerkung 7.

[14] Siehe Sixel, 2013, p. 126, Anmerkung 8.

[15] In der Umgangssprache werden die Adjektive „objektiv“ und „subjektiv“ oft mit der Bedeutung „wahr“ bzw. „falsch“ benutzt. Wörterbücher zeigen an, dass das ein nicht-gültiger Gebrauch dieser Begriffe ist.

[16] Siehe Sixel, in: Eidam/Hermenau/Stederoth, 1998, pp. 135ff.

[17] Hierzu sei beispielhaft auf die „Unbestimmtheitsrelation“ hingewiesen, die Werner Heisenberg herausgestellt hat.

[18] Siehe z. B. den Hinweis Volker Harlans auf diesen Aufsatz Goethes. In der Angabe des Titels dieses Aufsatzes stellt er die Reihenfolge der Wörter „Objekt“ und „Subjekt“ einfach um. Siehe Harlan, 2002, p. 40.

[19] Siehe Marx in: MEW, Bd. XIX, pp. 111f, 401f.

[20] Siehe z. B. die Äußerungen zu Goethes Naturwissenschaften von Werner Heisenberg, Walter Heitler oder Carl-Friedrich v. Weizsäcker. Philosophisch mögen diese Schriften dieser Physiker sehr anspruchsvoll sein, lassen aber nicht darauf schließen, dass sie die Versuche Goethes zur Farbenlehre selbst angestellt und von daher Goethes Denken verstanden haben. Siehe Heisenberg, 1967, pp. 38ff; Heitler, 1970, p. 18; v. Weizsäcker, in Trunz, 1948ff, Bd. XIII, p. 538. Siehe auch Sixel, 2003, pp. 252f.

 


 

Bibliografie:

Eckermann, Johann: Gespräche mit Goethe, hg. von Regine Otte, München 1984.

Goethe, Johann Wolfgang v.: Farbenlehre, 5 Bde., Stuttgart 1988.

Harlan, Volker: Das Bild der Pflanzen in Wissenschaft und Kunst, Stuttgart, Berlin 2002.

Heidenreich, Felix: Bedeutsamkeitsproduktion, in: Lettre International, Nr. 111, Berlin 2015.

Heisenberg, Werner: Das Naturbild Goethes und die technisch-naturwissenschaftliche Welt, in: Goethe, Neue Folge des Jahrbuchs der Goethe-Gesellschaft, hg. von Wachsmut, Andreas B., 29. Band, Weimar 1967.

Heitler, Walter: Die Naturwissenschaft Goethes. Eine Gegenüberstellung Goethescher und modern-exakter Naturwissenschaft, in: Berliner Germanistentag, Vorträge und Berichte, hg. von Borck, Karl-Heinz & Rudolf Henn, Heidelberg 1970.

Krippendorf, Ekkehard: Goethe – Politik gegen den Zeitgeist -, Frankfurt, Leipzig 1999.

Marx, Karl: Grundrisse, Frankfurt, Wien o. J.

Marx, Karl, in: MEW, Berlin 1956ff, Bd. XIX.

Nietzsche, Friedrich: Werke in 3 Bänden, hg. Von Karl Schlechta, München 1984.

Paucke, Horst: Karl Marx und Friedrich Engels über das Verhältnis von Natur und Gesellschaft, Standpunkte 8, Neubrandenburg 2015.

Sixel, Friedrich W.: Goethe – Nicht-Philosoph aus Koketterie?, in: Heinz Eidam, Frank Hermenau, Dirk Stederoth, Hg. : Kritik und Praxis, Festschrift für Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Lüneburg 1998.

Sixel, Friedrich W.: Die Natur in unserer Kultur, Würzburg 2003.

Sixel, Friedrich W.: Marx Neu Verstehen, Norderstedt 2013.

Weizsäcker, Carl-Friedrich v.: Nachwort [zur Farbenlehre], in: Trunz, Emil (Hg): Goethes Werke, Bd. XIII, pp. 537 – 554, Hamburg 1948ff.

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