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ca(Von Philippe Kellermann ) „Das Leben ist sonderbar!“, schrieb der Anarchist Luigi Fabbri im März 1932 an seinen Gesinnungsgenossen Errico Malatesta: „der wahrscheinlich einzige, der einmal Deinen Namen trägt, wird ausgerechnet Priester. Aber wenigstens wird er die Lauterkeit des Glaubens erben, und das ist immerhin schon etwas“ (Errico Malatesta: Ungeschriebene Autobiografie, Nautilus, 2008, S.26). Was Fabbri hier in Bezug auf Malatestas Sohn anklingen lässt, hatte Michael Bakunin, Malatestas alter Lehrmeister, schon Jahrzehnte zuvor folgendermaßen erläutert: „Die Religion als Theologie ist ohne Zweifel eine große Dummheit, aber als Gefühl und als Streben ist sie ein Ausgleich und eine wenn auch sehr illusorische Kompensation für das Elend einer unterdrückten Existenz und ein sehr realer Protest gegen diese tägliche Unterdrückung. (…) Proudhon hatte recht, als er sagte, dass der Sozialismus kein anderes Ziel habe, als die illusorischen und mystischen Versprechungen, deren Verwirklichung von der Religion in den Himmel verlegt wird, tatsächlich und in vernünftiger Weise auf Erden wahr werden zu lassen. Diese Versprechungen beschränken sich im Grunde auf Folgendes: Wohlstand, volle Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten, Freiheit in Gleichheit und universeller Brüderlichkeit.“ (Michael Bakunin: Philosophische Betrachtungen [1870/71], Edition AV, 2010, S.123)
Nicht allgemein mit (religiösem) Glauben und Anarchismus, sondern spezifischer mit dem Verhältnis von Christentum und Anarchismus, bzw. der Strömung des „christlichen Anarchismus“ beschäftigt sich der gleichnamige, von Sebastian Kalicha im Verlag Graswurzelrevolution herausgegebene Sammelband. Er sei ein „facettenreiches, spannendes, geschichtsträchtiges und nicht zuletzt auch ein recht vitales Phänomen“, dieser christliche Anarchismus so Kalicha. Vom diesem „einen Eindruck“ zu vermitteln; und zwar der ganzen „Bandbreite christlich-anarchistischer Theorie und Praxis“ (S.7) wird als Ziel des Bandes benannt. Damit verbinde sich „bis zu einem bestimmten Grad“, so der Herausgeber weiter, die Hoffnung, „ein Bewusstsein für libertäres Christentum, für progressive und anarchistisch inspirierte Strömungen in der christlichen Community zu schaffen und so argumentativ gegen unreflektierte und reflexartige Schnellschlüsse gegen alles Religiöse und Christliche aufzutreten“ (S.8). Zwar solle niemand bekehrt werden, dafür aber ein „polemikfreier Diskurs rund um progressives Christentum und Anarchismus eröffnet und weitergeführt“ werden (S.9).
Neben einem das Thema insgesamt umreißenden Aufsatz des Herausgebers zu „Dimensionen libertärer Exegese“, versammelt Christlicher Anarchismus weitere sechs Aufsätze, die sich sowohl mit der Darstellung christlich-anarchistischer Praxis, wie auch Theorie beschäftigen – und mit dem abschließenden Beitrag zu Peter Chelčický sogar einen Blick auf einen Akteur des 14.Jahrhunderts wirft, in dessen „Herrschaftskritik“ sich „eine anarchistische Dimension“ aufgetan hätte (S.180).
Immer wieder wird in den Aufsätzen – wen verwundert das – auf die Bergpredigt verwiesen. So meint Alexandre Christoyannopoulos in einem eigens dieser gewidmeten Aufsatz, dass „die Bergpredigt ein idealer Entwurf – ein Manifest sozusagen – für jegliche wirklich authentische christliche Gemeinschaft“ (S.51) und gleichsam, „ein Manifest für eine christlich-anarchistische Gesellschaft“ (S.81) darstelle. Ebenfalls nicht verwunderlich der immer wieder kehrende Verweis auf Leo Tolstoi, wenngleich hier der Aktivist Simon Moyle einhakt: „Viele Menschen, die sich mit dem christlichen Anarchismus beschäftigen, tun dies durch die Linse des Tolstoischen Nicht-Widerstands. Ich stelle hingegen die Behauptung auf, dass die christlich-gewaltfreie Praxis eine aktive ist, und daher auch aktiven Widerstand gegen Böses beinhalten muss. Als NachfolgerInnen Jesu in einer Welt, die von Gott geliebt wird, ist konfessionell motivierter Rückzug keine gewissenhafte Glaubensentscheidung.“ (S.105) Manchmal werden Selbstverständlichkeiten mit einprägsamer Frische angesprochen, so von Tom Cornell: „Bei Matthäus 25,35 hören wir Jesus sagen ‚Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben’. Er sagte nicht ‚Denn ich war hungrig und ihr habt ein Komitee gegründet’! Natürlich: Strukturen sind wichtig. Wir streben nach einer Gesellschaft, in der es einfacher ist, Gutes zu tun. Aber die beste Struktur wird in sich zusammenbrechen, wenn die Menschen damit aufhören, diese Werte umzusetzen und persönliche Verantwortung für die Bedürfnisse ihrer Brüder und Schwestern zu übernehmen. Die Revolution des Herzens ist eine permanente Revolution.“ (S.144) Andermal erfahren wir von radialen Theologen wie Jacques Ellul, der als „Vordenker sowohl der Technikkritik, der Medienkritik als auch des christlichen, besonders biblischen Anarchismus“ von Lou Marin vorgestellt wird (S.147).
Der Band ist interessant und durchweg informativ. Sein Anliegen, den „christlichen Anarchismus“ vorzustellen, kann insofern als gelungen gelten, als dass – nicht zuletzt durch den eröffnenden Aufsatz des Herausgebers – deutlich gemacht wird, inwiefern Anarchismus und Christentum Schnittmengen besitzen und wechselseitige Anknüpfungspunkte existieren. Dessen ungeachtet finden sich manchmal eher merkwürdige Aussagen. So wenn es zu Dorothy Day, zentrale Figur der innerhalb der katholischen Kirche organisierten Catholic Workers heißt: „Dorothy war unerschütterlich, wenn es um ihren Pazifismus, um ihre klassisch gandhische Gewaltfreiheit, um ihre Liebe zu den Armen und den ArbeiterInnen sowie um ihre Liebe und Loyalität zur katholischen Kirche ging. Sie wurde wütend, wenn sie beobachtete, wie kirchliche Autoritäten und Vertretungen ihre eigenen Lehren missachteten. (…) Dorothy wollte, dass die Kirche die Notwendigkeit des Friedens, die Notwendigkeit der Gewaltfreiheit, die Notwendigkeit der Gerechtigkeit und das, was wir heute die ‚bevorzugte Option für die Armen’ nennen, mit Autorität lehren sollte. Sie war nicht so töricht, eben diese Autorität zu untergraben.“ (S.124) Da fragt man sich schon, was das mit Anarchismus zu tun hat. Und ist auch nachvollziehbar, wenn man wie der Anarchist Johann Bauer in einer anderen Publikation des Verlags der Graswurzelrevolution betonte, den „Katholizismus ethisch ‚überbieten’“ möchte (Johann Bauer: Ein weltweiter Aufbruch, Verlag Graswurzelrevolution, 2009, S.17), so stellt sich gerade in Bezug auf die Catholic Workers die Frage, wie das mit der Unterstützung einer hierarchisch strukturierten Institution, wie sie die katholische Kirche eine ist, möglich sein soll – zumindest als Anarchist. Die Ausführungen zu Day lesen so denn auch als das gerade Gegenteil der Bakunin’schen Kritik: „Im übrigen wissen wir aus der Geschichte, daß die Priester aller Religionen Verbündete der Tyrannei gewesen sind, mit Ausnahme der Priester verfolgter Kirchen. Und selbst diese Priester haben die Mächte, die sie unterdrückten, zwar bekämpft und verflucht, gleichzeitig aber ihre eigenen Gläubigen diszipliniert und dadurch immer wieder den Grundstein für eine neue Tyrannei gelegt. Die geistige Versklavung, welcher Art sie auch sei, wird immer mit natürlicher Konsequenz zur politischen und sozialen Versklavung führen.“ (Michael Bakunin: Die revolutionäre Frage [1868], 2000, S.65) Gerade dieser Kernaspekt der anarchistischen Religionskritik kommt meines Erachtens dann auch in Christlicher Anarchismus etwas zu kurz.
Und schließlich: Liebe und dem Nächsten dienen mögen ganz gute Sachen sein, dem Anarchismus geht es aber doch um viel mehr – bzw. anderes: Vernünftig, selbstbestimmt miteinander in Verbindung treten – ohne Rückgriff auf eine als unantastbar verstandene Schrift oder einen Gott sich legitimierend. Und steckt in der Zentralität der „Liebe“ im christlich-anarchistischen Diskurs auch eine ernsthafte Gefahr? Muss man alle Menschen „lieben“. Geht es nicht vielmehr um bescheideneres: Respekt? Kippt die Liebesforderung nicht schnell um in einen moralisierenden Zwang? Wie kaum ein anderer hat Max Stirner dieses Problem bearbeitet, wobei – und hier zeigt sich wieder die Komplexität unseres Themas – die Ausführungen zur Transformationsstrategie des christlichen Anarchismus wiederum in vielerlei Hinsicht an diesen erinnern (z.B. S.168). Stirner hatte selbst in Der Einzige und sein Eigentum (1844) geschrieben: Jesus „war kein Revolutionär, wie z.B. Cäsar, sondern ein Empörer, kein Staatsumwälzer, sondern einer, der sich emporrichtete. Darum galt es ihm auch allein um ein ‚Seid klug wie die Schlangen’ [Matthäus 10, 16], was denselben Sinn ausdrückt, als im speziellen Falle jenes ‚gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist’; er führte ja keinen liberalen oder politischen Kampf gegen die bestehende Obrigkeit, sondern, wollte unbekümmert um und ungestört von dieser Obrigkeit, seinen eigenen Weg wandeln. Nicht minder gleichgültig als die Regierung waren ihm deren Feinde, denn was er wollte, verstanden beide nicht, und er hatte sie nur mit Schlangenklugheit von sich abzuhalten. Wenn aber auch kein Volksaufwiegler, kein Demagoge oder Revolutionär, so war er und jeder der alten Christen um so mehr ein Empörer, der über alles sich erhob, was der Regierung und ihren Widersachern erhaben dünkte, und von allem sich entband, woran jene gebunden blieben, und der zugleich die Lebensquellen der ganzen heidnischen Welt abgrub, mit welchen der bestehende Staat ohnehin verwelken musste: er war gerade darum, weil er das Umwerfen des Bestehenden von sich wies, der Todfeind und wirkliche Vernichter desselben; denn er mauerte es ein, indem er darüber getrost und rücksichtslos den Bau seines Tempels aufführte, ohne auf die Schmerzen der Eingemauerten zu achten. Nun, wie der heidnischen Weltordnung geschah, wird’s so der christlichen ergehen? Eine Revolution führt gewiss das Ende nicht herbei, wenn nicht vorher eine Empörung vollbracht ist!“ (Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum [1844], Alber Verlag, 2009, S.321)
Kurz und knapp: Ein verdienstvolles Buch zu einem sicherlich zurecht umstrittenen Thema – es gibt sich gute Gründe dafür „Warum ich kein Christ bin“ (Kurt Flasch: Warum ich kein Christ bin, Beck Verlag, 2013) –, wobei andererseits vielleicht möglicherweise aufkommende Abwehrhaltungen von Seiten vermeintlich „anti-religiöser“ Anarchisten nur als Zeichen zu werten sind, sich mit Fragen nicht mehr auseinandersetzen zu wollen, die die historischen „Klassiker“ viel mehr – und auch dies zu Recht – umgetrieben hat.

Sebastian Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung. Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2013. 192 Seiten. 14,90 Euro.

Wir danken Philippe Kellermann herzlich für die Erlaubnis zur Erstpublikation dieser Rezension auf unserem Blog. Kellermann schreibt u.a. für grundrisse und kritisch-lesen.de. Von ihm erschien zuletzt u.a. Anarchismus, Marxismus, Emanzipation (Berlin 2012, als Hrsg.) und Anarchismusreflexionen. Zur kritischen Sichtung des anarchistischen Erbes (Interviewband, 2013).

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