Kalicha (Hg.): Christlicher Anarchismus, Nettersheim 2013 (Rezension)
(Von Philippe Kellermann ) „Das Leben ist sonderbar!“, schrieb der Anarchist Luigi Fabbri im März 1932 an seinen Gesinnungsgenossen Errico Malatesta: „der wahrscheinlich einzige, der einmal Deinen Namen trägt, wird ausgerechnet Priester. Aber wenigstens wird er die Lauterkeit des Glaubens erben, und das ist immerhin schon etwas“ (Errico Malatesta: Ungeschriebene Autobiografie, Nautilus, 2008, S.26). Was Fabbri hier in Bezug auf Malatestas Sohn anklingen lässt, hatte Michael Bakunin, Malatestas alter Lehrmeister, schon Jahrzehnte zuvor folgendermaßen erläutert: „Die Religion als Theologie ist ohne Zweifel eine große Dummheit, aber als Gefühl und als Streben ist sie ein Ausgleich und eine wenn auch sehr illusorische Kompensation für das Elend einer unterdrückten Existenz und ein sehr realer Protest gegen diese tägliche Unterdrückung. (…) Proudhon hatte recht, als er sagte, dass der Sozialismus kein anderes Ziel habe, als die illusorischen und mystischen Versprechungen, deren Verwirklichung von der Religion in den Himmel verlegt wird, tatsächlich und in vernünftiger Weise auf Erden wahr werden zu lassen. Diese Versprechungen beschränken sich im Grunde auf Folgendes: Wohlstand, volle Entfaltung aller menschlichen Fähigkeiten, Freiheit in Gleichheit und universeller Brüderlichkeit.“ (Michael Bakunin: Philosophische Betrachtungen [1870/71], Edition AV, 2010, S.123)
Nicht allgemein mit (religiösem) Glauben und Anarchismus, sondern spezifischer mit dem Verhältnis von Christentum und Anarchismus, bzw. der Strömung des „christlichen Anarchismus“ beschäftigt sich der gleichnamige, von Sebastian Kalicha im Verlag Graswurzelrevolution herausgegebene Sammelband. Read more