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Die Zeitschrift Alternativy, ein vor allem aus dem akademisch-marxistischen Raum getragenes Projekt, befasst sich mit grundlegenden Fragen linken Denkens und Handelns. Die aktuelle Ausgabe 2/2021 hat in einem ersten Komplex den 100. Jahrestag der Einführung der Neuen ökonomischen Politik (NÖP) in Sowjetrussland zum Gegenstand. Ein weiterer Komplex widmet sich dem Beitrag von Friedrich Engels zur Entwicklung der marxschen Richtung. Diese Frage wird auch in einem Artikel aufgegriffen, in dem die Schrift Engels‘ zur Dialektik der Natur unter dem Gesichtspunkt der COVID-19 Pandemie diskutiert wird. Der abschließende Teil befasst sich mit wunden Punkten der linken Bewegungsgeschichte – es geht um die Rolle der vorrevolutionären Intelligenz und ihr differenziertes Verhältnis zur Revolution, um das sozial-psychologische Profil der Anhänger der konterrevolutionären Weißen Bewegung, um den Roten Terror auf der Krim 1920-1921, die Rolle der ukrainischen Sozialdemokratie bei der Entstehung der Russländischen Sozialdemokratischen Partei Ende des 19. Jahrhunderts und die revolutionären Prozesse im Südwesten Russlands Anfang 1918. Angesichts der in Russland aktiv betriebenen Geschichtspolitik ist der hohe Stellenwert derartiger historisch angelegter Artikel verständlich. Weitere Beiträge analysieren die aktuelle ökonomische und soziale Entwicklung in Russland sowie Veränderungen in der Sozialstruktur in den Ländern Osteuropas. In der Rubrik „Praxis“ ist ein Beitrag aus LuXemburg abgedruckt, den Eric Blanc über die Streikschule der Rosa-Luxemburg-Stiftung geschrieben hatte.

Analysen

Für ausländische Leser*innen ist wahrscheinlich die Analyse von David Epstein zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Russlands am interessantesten. Er befasst sich mit dem Wachstum der russländischen Wirtschaft und der Einkommen in den Jahren 1991-2019. Dabei hebt er hervor, dass nach einer Phase eines wenn auch schwachen Wachstums 1999-2008 die Wirtschaft praktisch stagniert. Das Bruttosozialprodukt erhöhte sich in den zehn Jahren seit 2008 lediglich um 9,8 %. Mitunter wird darauf verwiesen, dass die Sanktionen für diese Entwicklung verantwortlich sein. Dem wird aber von verschiedenen Seiten widersprochen; vielmehr heißt es, dass die Maßnahmen zur Importablösung eher wachstumsfördernd gewirkt hätten. Die Unfähigkeit der Regierung, der wirtschaftlichen Entwicklung Dynamik zu verleihen, war letztlich auch Hintergrund des vom Präsidenten erzwungenen Rücktritts der Regierung im Januar 2020. Der Autor ermittelt auf der Grundlage eigener Berechnungen, dass der Umfang der Industrieproduktion in Russland im Jahr 2019 lediglich 97,3 % des Niveaus von 1990 erreichte. Ähnlich problematisch ist seiner Auffassung nach die Situation bezüglich der Reallöhne. Unter Berücksichtigung der Krise 1991 hält er ein Wachstum der Reallöhne um jährlich 1,06 Prozent für wahrscheinlich. Allerdings sei es so, dass bei Berücksichtigung der Differenzierung der Einkommen für die Mehrheit der Bevölkerung dies ein Sinken des Realeinkommens im Vergleich zu 1990 bedeuten würde.

Das Neue im Alten und das Alte im Neuen

Angesichts der gerade wieder aufkommenden Diskussion zur Planung in einer zukünftigen Gesellschaft verdienen die beiden Beiträge zu Fragen der NÖP besondere Beachtung. Nun mag dieses Thema angesichts der Entwicklung in Russland selbst abseitig erscheinen. Obwohl gerade linke Aktivistinnen und Aktivisten in besonderem Maße von Repression betroffen sind, die Gewerkschaften weiterhin schwach sind, und keine der bestehenden Parteien in der Lage wäre, noch ein Interesse daran hat, linken und gewerkschaftlichen Prozess tatsächlich zu bündeln, verdient dieses Thema Aufmerksamkeit. Nicht nur, weil es auch mit dem Jubiläum des GOELRO zusammenfällt. Dieses wurde übrigens durchaus auch in breiteren Kreisen russländischen Gesellschaft zur Kenntnis genommen und gewürdigt. Die Neue ökonomische Politik, die vordergründig als Anerkennung der Existenz von Warenbeziehungen im Sowjetstaat erscheint, zeigt bis heute, welche Widersprüche bei der Überwindung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse in Rechnung zu stellen sind. Nicht zuletzt werden in Vietnam und China mehr oder weniger offen Bezüge zwischen der aktuellen Politik und der NÖP hergestellt. Als politischer Ausdruck einer Übergangsperiode stellt sie bis heute Fragen daran, wie eigentlich politische Kräfte, die unter bürgerlichen Verhältnissen in gesellschaftlicher Opposition stehen (unabhängig von ihrer Stellung im parlamentarischen System) Politik betreiben und ihr Selbstverständnis, ihre Strukturen und ihre politischen Konzepte so gestalten müssen, dass sie diesen Übergang auch überzeugend gestalten können. Die Bewertung der NÖP und ihre Kritik bedeutet somit notwendigerweise in marxschen Sinne auch die Kritik des Marxismus (in seinen verschiedenen Strömungen) und des Handelns und Denkens zentraler Personen der linken Bewegungen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts; vor allem natürlich Lenins. Insoweit geht die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der NÖP über das pragmatisch politische dieses Ansatzes hinaus. Aber zurück zu den Artikeln.

Der Beitrag von Michail Voejkov beginnt mit der These, dass die Neue ökonomische Politik keinesfalls von Lenin initiiert wurde, sondern von den Menschewiki. Zutreffend ist der Hinweis, dass Trotzki der erste in den Reihen der Bolschewiki war, der eine derartige Idee vertreten hatte. Der Autor stellt sich das Ziel, als grundlegendes Problem den Widerspruch zwischen den marktwirtschaftlichen Elementen der Entwicklung der Wirtschaft und dem sowjetischen politischen System zu untersuchen. Dabei sieht er das Imperativ der Gleichheit, dass der ganzen sowjetischen Periode eigen gewesen sei, als Hauptproblem.

Er leitet seinen Artikel mit einer kurzen Darlegung der Politik der Bolschewiki bis 1921 ein dann stellt er die Frage wer die neue ökonomische Politik erdacht. Damit greift er revolutionstheoretische Fragestellungen auf, die den Charakter der russischen Revolution betreffen. Er verweist darauf, dass die Menschewiki immer davon ausgegangen waren, dass es sich dabei um eine bürgerliche Revolution handeln müsste. Sie betrachteten die NÖP als ihren Sieg. Weiter legt er die Widersprüche, die mit der Einführung der NÖP sowohl auf dem geistig kulturellen Feld als auch im politischen Raum entstanden, dar. Dabei stützt er sich auf eine Vielzahl interessanter Quellen und setzt sich mit verschiedenen Konzeptionen zur Rolle von Lenin, Trotzki und der bereits erwähnten Menschewiki auseinander. In einem weiteren Abschnitt stellt er die Frage, worin eigentlich der Kern dieses Politikansatzes liegt. Für ihn ist dies die Schaffung eines normal funktionierenden Geld- und Kreditsystems. Dabei hebt er die Rolle von Grigori Sokolnikov hervor, der führend an der Reform des Finanzsystems (er war Finanzminister) Sowjetrusslands beteiligt war. Allerdings sei die Bedeutung dieses Elements der neuen ökonomischen Politik anfangs kaum erkannt worden. Im Artikel wird dann der Verlauf der Geldreform unter Sokolnikv dargestellt. Dieser Abschnitt ist insoweit auch für heutige Leserinnen und Leser interessant, als dass damit theoretische Fragen des Verhältnisses von Geldware und Geldrepräsentanten sowie der Sicherung der Stabilität des Geldumlaufs aufgeworfen wurden. Auch verweist der Autor darauf, dass die Geldreform Ergebnis einer sehr intensiven Diskussion unter sowjetischen Ökonom*innen gewesen ist. Übrigens kann diese heute auf der Grundlage einer Vielzahl von Dokumentensammlungen gut nachvollzogen werden. Viele Beiträge dieser Zeit waren nach den stalinschen Repressionen bis Anfang der Neunzigerjahre nicht oder nicht ohne weiteres zugänglich. Bereits 1930 bildete die Vorstellung das Geld und Kreditbeziehungen dem Sozialismus fremde Kategorien sei, den Ausgangspunkt der Wirtschaftspolitik in diesem Feld für Jahrzehnte.

Aus der Sicht des Autors stellt sich damit einer Frage, die ihn zu seinem Ausgangspunkt, den Positionen der Menschewiki, zurückführt. Die „kapitale Frage des ganzen Themas“ sei die, ob sich Sowjetrussland nach dem gleichen Schema wie die „kapitalistische Ökonomie überhaupt“ entwickeln könne. Er stellt die Frage: was heißt es, auf dem Boden des Marktes zu stehen? Er gibt die Antwort: kapitalistische Ansätze zu entwickeln. So endet der Artikel bedauerlicherweise mit einer extremen Verkürzung. Die These, dass Markt Kapitalismus bedeutet, wird nicht belegt; und ist im Übrigen auch historisch falsch. Wenn er meint, dass es den Markt nur „konsequent und in vollem Umfang“ gäbe, ist das selbst heute eine der Realität entgegenstehende Behauptung.

Alexander Buzgalin wählt einen anderen Ausgangspunkt für die Reflexion des Jubiläums. Er hebt den Aspekt hervor, dass die frühere Sowjetunion ein Land gewesen sei, dass soziales Schöpfertum massenhaften, Millionen Menschen erfassenden Enthusiasmus hervorgebracht hat. Er verweist auf die Revolution in den Feldern Bildungswissenschaft und Kultur, die ja ebenfalls in den zwanziger Jahren durchgesetzt wurde. Dies sei das erste und wichtigste.  An zweiter Stelle hebt er die innerparteilichen Diskussionen, die in den 1920er Jahren noch möglich waren, hervor. Drittens schließlich betrachtet er die neue ökonomische Politik als Einheit von Ökonomie, Politik und Kultur.

Zu den dunklen Seiten der neuen ökonomischen Politik zählt er die Entstehung einer eigentümlichen Kleinbürgerlichkeit, die er als Grundlage des Stalinismus betrachtet. Die Gespenster der Vergangenheit, Bürokratismus, Machtgier, Patriarchat, entstellten das sowjetische System.

Auf die Frage, ob man etwas von der neuen ökonomischen Politik für das 21. Jahrhundert lernen könne, antwortet er mit dem Verweis darauf, dass mit diesem Ansatz der Raum für eine Utopie geschaffen wurde. Er verbindet diese These mit dem GOELRO, der als Plan der Modernisierung des Landes fast gleichzeitig in Kraft trat. Diese Verbindung von Markt und Plan, langfristiger Perspektivplanung der wissenschaftlich technischen Entwicklung, integrativer Planung, eines Systems indirekter Regulatoren, kommerziell arbeitender staatlicher Unternehmen, genossenschaftliche Zusammenschlüsse in Stadt und Land betrachtet er als ein neues Modell der sozialökonomischen Organisation. Am wichtigsten sei dabei der letztgenannte, die Frage der Genossenschaft. Dabei verweist er darauf, dass sich Sowjetrussland in einer komplizierten inneren und äußeren Situation befand. Die Erfolge der Industrialisierung und im sozialen Bereich konnten nur durch die in der neuen ökonomischen Politik erreichte massenhafte Initiative erreicht werden. Die Verbindung dieser verschiedenen Elemente sieht er als entscheidende Erfahrung der NÖP die auch heute noch Gültigkeit habe.

Warum aber endete sie? Seiner Auffassung nach war dies nötig, weil für den Übergang zum sozialistischen Aufbau andere Methoden nötig gewesen wären. Warum aber wurde sie durch ein stalinistisches System abgelöst? Der subjektive Faktor sei dabei nicht der wichtigste gewesen. Es habe nur eine minimale Chance bestanden, anders als durch eine straffe Zentralisierung der Ressourcen dem inneren und äußeren Druck zur Restaurierung kapitalistischer Verhältnisse etwas entgegenzusetzen. Die entscheidende Lehre der neuen ökonomischen Politik sei der offene Wettbewerb zwischen den Elementen des Kommunismus auf der einen Seite und des realen, unter der Kontrolle der Gesellschaft stehenden Marktes und Kapitals auf der anderen. Daran sei heute nicht zu denken. Man müsse sich auf ein Minimum beschränken: auf „die erfolgreiche Entwicklung einer gemischten Wirtschaft, deren entscheidender Kern strategische Programme technologischer und kultureller Entwicklungen“ sei.

Man muss sich die Thesen der beiden Autoren nicht zu eigen machen – aber es zeigt sich, dass die Befassung mit diesem scheinbar abgeschlossenen Kapitel doch durchaus aktuelle Fragen berührt und in nicht weniger aktuelle Kontroversen führt. So untersucht im gleichen Heft Ivan Udalov das in Chile unter Allende entwickelte computergestützte Planungssystem Cybersyn und diskutiert die Anwendung kybernetischer Verfahren zu dieser Zeit. Er meint, dass mit der Weiterentwicklung der Computertechnik in den letzten Jahrzehnten die Hoffnung gerechtfertigt ist, dass derartige Netze den Weg der Menschheit auf dem Pfad des Fortschritts erleichtern werden.

Theoriediskussion

Zwei weitere Artikel befassen sich im Nachklang des 200. Geburtstages von Friedrich Engels mit dem Werden seiner Auffassungen, dem „Anfang des Weges“ und mit dem Einfluss Engels‘ auf die Entwicklung der neueren marxistischen Auffassungen in Russland, die „postsowjetische Schule des kritischen Marxismus“. Letzteres geschieht aus der Sicht eines chinesischen Marxisten, Prof. Chen Hong von der Pädagogischen Universität Hainan.. Er hebt als besondere Merkmale dieser Strömung des Marxismus folgende Punkte hervor: erstens, dass er die Frage des Kapitalismus als Teil einer einheitlichen ökonomischen Formation stellt, zweitens die Betonung des Paktes das der Übergang zu einer neuen Gesellschaft, zum Sozialismus, die dialektische Negation nicht nur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse sondern des gesamten Systems der Ausbeutung und sozialökonomischen Entfremdung, die sowohl für die vorbürgerliche, als auch für die bürgerliche Produktionsweise charakteristisch ist. Der Autor meint, drittens, dass ein diese Richtung auszeichnende Zug darin besteht, dass sie sich mit den Problemen der auf neuer Grundlage erfolgenden Aufhebung und Entwicklung der gesellschaftlichen Aneignung in der Sphäre befasst, die von Ihnen als „Kreatoshäre“, d. h. Sphäre des gemeinsamen oder Mit-Schöpfertums bezeichnet wird. Viertens unterstreicht er, dass die Schule in Rechnung stellt, dass in der Phase des späten Kapitalismus innerhalb desselben Elemente der neuen Gesellschaft herausbilden, Elemente des „Reiches der Freiheit“. Gemeint sind damit Elemente der Planung und der gesellschaftlichen Regulierung, Entwicklung eines öffentlichen Sektors und allgemein zugänglicher Güter, teilweise Umverteilung des Mehrwerts zugunsten der Werktätigen oder für Ziele, die den Interessen der Entwicklung der gesamten Gesellschaft entsprechen. Diese Positionen seien in der marxistischen Diskussion umstritten und würden von einigen Wissenschaftler*innen als illegitim betrachtet. Abschließend betont der Autor, dass diese Fragen auch in China intensiv diskutiert werden.

Tatsächlich findet sich in der vorliegenden Nummer der Zeitschrift auch eine Auseinandersetzung eines der Köpfe dieser Schule, Andrej Kolganov, mit einem Kritiker, der ihr ein Abgehen von den Grundlagen des Marxismus unterstellt. Kurz gesagt meint dieser, dass ein schöpferisches Herangehen an den Marxismus Barrieren zwischen der jungen Generation und den Originaltexten Marx‘ und Engels‘ errichte.

Vorschau

In den nächsten Ausgaben soll es um die Themen „30 Jahre ohne UdSSR – 30 Jahre Diskussion“ und „Der Kampf und Sozialismus und die Arbeiterbewegung im 21. Jahrhundert: von Russland bis Lateinamerika“ gehen.

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