Gewerkschaften und Klimagerechtigkeit [Rezension]
Wie stehen die Gewerkschaften zum Klimaschutz und zur sozial-ökologischen Transformation? Dieser Frage gehen in der Ausgabe 2025 der Reihe «Arbeitspolitik: Theorie, Praxis, Strategie» Wissenschaftler*innen, Expert*innen und gewerkschaftliche Praktiker*innen nach. Der Herausgeber Hans-Jürgen Urban, selber geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Honorarprofessor hat in diesem Band Beiträge rund um das Thema sozial-ökologische Transformation versammelt. Es geht um Probleme, die auftreten, wenn die Produktions- und Lebensweisen der kapitalistischen Gesellschaft mit den Reproduktionserfordernissen der Natur kollidieren.
«Nachhaltige Arbeit» ist das Thema, an das sich die Autor*innen und Interviewpartner*innen in diesem Band annähern. Im Mittelpunkt stehen dabei die Herausforderungen für die Interessenvertretungspolitik von Betriebsräten und Gewerkschaften. Eingeleitet wird der Band durch zwei grundlegende, aber in den Kernaussagen nicht neue wissenschaftliche Beiträge. Zum einen der titelgebende Aufsatz des Herausgebers und zum anderen «Umkämpfte Transformation» von Klaus Dörre. Beide Beiträge kreisen eher theoretisch um die Handlungsmöglichkeit von Gewerkschaften in der von beiden konstatierten sozial-ökologischen Krisensituation der deutschen Industriegesellschaft.Read more
Schlüsselbegriffe der Kultur- und Sozialgeographie (Rezension)
Mit diesem Buch legt eine jüngere Generation engagierter Geograph_innen eine zwar kurzes, aber trotzdem kompaktes und anschauliches Kompendium vor, das den state of the art der vom cultural turn erfassten Humangeographie umreißt. Einer Kultur- und Sozialgeographie, die kritisch-materialistisch und bisweilen (queer-)feministisch verstanden wird. Das Buch besteht aus 18 Beiträgen, die vier Abschnitten zugeordnet sind. Diese vier sind Grundlagen (mit Artikeln z.B. zu Raum oder Natur), Prozesse (z.B. Globalisierung, Entwicklung), Strukturen (z.B. Geschlecht, Grenzen, Urbanität) und Praktiken (Regieren, Arbeiten, Konsumieren, Reisen).
Die zwölf Autoren und neun Autorinnen gehen davon aus, dass Begriffe und auch Räume gesellschaftlich bedingt- wenn nicht konstruiert – sind, sie somit einen ausdrücklich diskursiven Charakter haben. Es also darum geht, auch in der Geographie die Perspektivität und (Selbst-)Reflexivität von Wissen und Gesellschaft wahrzunehmen. Sie verabschieden sich damit auch von einer essentialistischen Kulturgeographie. Die Beiträge liefern Fakten erst in zweiter Linie. Sie können jeweils für sich stehend gelesen werden und sind mehr an Deutungen und kritischen Reflektionen und Interpretationen interessiert. Jeder der Artikel ist mit erklärenden Kästen versehen, die Begriffe wie etwa Essentialismus, Repräsentation, Diaspora oder Wissensgesellschaft nähern erläutern. Die jeweiligen Literaturverzeichnisse wirken fast ein bisschen überdimensioniert, bestehen sie doch aus zwei bis fünf Dutzend Titeln, von denen zudem ein deutlicher Anteil englischsprachig ist. Ein detailliertes Sachregister schließt dieses empfehlenswerte und preisgünstige Studienbuch ab. Es ist wohl für Studierende in den ersten Semestern gedacht, aber auch für halbwegs belesene andere Interessierte - aus Akademie und sozialen Bewegungen – spannend.
Bernd Hüttner
Julia Lossau/Tim Freytag/Roland Lippuner (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Kultur- und Sozialgeographie, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2014, 279 Seiten, 34 Abb., 22,99 EUR
Diese Rezension erschien zuerst in Heft 2/2014 von FORUM Wissenschaft.
Zu "imperialer Lebensweise"
Unser Workshop anlässlich des 100. Jahrestages des Erscheinens der "Akkumulation des Kapitals" von Rosa Luxemburg hatte nicht zufällig eine Diskussion zur imperialen Lebensweise im Programm. Geplant war, dass Markus Wissen dazu redet. Das klappte dann zwar leider nicht, aber nunmehr liegt sein Beitrag auch zur Veröffentlichung vor. Dass er lesenswert ist, bedarf sicher keinerlei Begründung. Mit dem Blick auf die RLS-Transformationskonferenz im Juni 2014 stellen wir nun auch auf Deutsch jenen Beitrag (der Autorin) zur Verfügung, der die Diskussionsgrundlage auf unserem Workshop vom März war. Den Text gibt es ebenfalls in Englisch.
Degrowth-Konferenz 2014
Dass es mit dem auf Ausbeutung, Mord und Naturzerstörung basierenden westlichen Wachstumsmodell nicht ewig so weitergehen kann, ist selbst überzeugten Kapitalismusbefürwortern mittlerweile klar. Aber Schrumpfen klingt nicht gut, und die gute alte Wachstumskritik kommt labeltechnisch auch ziemlich sperrig rüber. Wenn schon nicht das locker luftige "Décroissance", dann doch wenigstens "Degrowth": Unter diesem Label wird 2014 eine große Konferenz in Leipzig in Form von wissenschaftlichen, praxisorientierten und künstlerischen Beiträgen an drei Themensträngen arbeiten: 1. Gesellschaft organisieren. Emanzipatorische Politik. Partizipation. Institutionen. 2. Sozial-ökologisch Wirtschaften. (Re)Produktivität. Commons. Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur. 3. Gemeinschaft leben. Buen vivir. Creative Commons. Wissen & Technologie. Mehr lesen
Nachgereichte Rezension
Die Rezension fiel einem Nachruf zum Opfer ...
Frank Adler, Ulrich Schachtschneider, Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus, Konzepte für gesellschaftliche Wege aus der Ökokrise, 978-3-86581-213-1, 2010 oekom, München, 318 Seiten, 24,90 Euro.
Die Namen der Autoren versprechen eine gewinnende Lektüre: Dr. Frank Adler, Verfasser sehr lesenswerter Beiträge zur Industriesoziologie in der DDR, zum sozialen Wandel und zu sozialer Ungleichheit in Ostdeutschland und Ulrich Schachtschneider, der mit mehreren Publikationen zur Nachhaltigkeitsproblematik Aufmerksamkeit erregte.
Das Buch wird den hohen Erwartungen voll gerecht: es ist eine außergewöhnliche Arbeit – vom Anliegen und den Zielen, vom Herangehen, von den Darlegungen, der Sorgfalt und der Qualität her.Read more
Drei tolle Wiwi- (wirtschaftswissenschaftliche) Tage in Istanbul
Es war faszinierend, was unter dem Motto "Die ökologische Ökonomie voranbringen. Theorie und Praxis" an der Bogozici-Universität ablief (- am gleichem Ort, wo Ende Mai die Europäische Assoziation für Geschichte des ökonomischen Denkens tagte): Ca. 350 Wirtschaftswisschaftler/innen aus mehr als 40 Ländern konnten über 90 vielfältige Veranstaltungen mit ca. 250 Redner/innen, davon etwa 20 aus den MOE-Ländern, erleben. Da zuvor Arbeitsgruppen auswählten, welches "Paper" vorgestellt werden darf, kann von einem noch größerem Input-Angebot ausgegangen werden. Das bekräftigt Peter Söderbaums These: "Die ökologische Ökonomie wird zur sozialen Bewegung." Das deutliche Bemühen der Europäischen Assoziation für ökologische Ökonomie ESEE, Einfluß auf das Denken und Handeln von sozialen und offiziell-politischen Akteuren, von Lehrenden, Forschenden, Studierenden und Lernenden zu nehmen und die Wirtschaftswissenschaften zu demokratisieren, liefern weitere Argumente dafür. Die "De-growth"-Streiter/innen sehen sich zumindest teilweise als eine gewisse Avantgarde und sorgten mit ihrem pre-conference-workshop und einer großen Anzahl von Veranstaltungen dafür, dass man sich "zu dem Thema" verhielt. Read more
Jenseits des Wachstums?! Nach dem Kongress
Perspektiven einer sozial-ökologischen Transformation
Die ökologischen wie ökonomischen Grenzen des gegenwärtigen „Wachstumsmodells“ sind erreicht. 2500 Besucher des gemeinsam von Attac, Rosa-Luxemburg-, Friedrich-Ebert-, Heinrich-Böll- und Otto-Brenner-Stiftung organisierten Kongresses „Jenseits des Wachstums?!“ waren sich darin einig: das Problem ist dringlich. Wir können nicht so weiter machen wie bisher, wollen wir unseren Planeten auch in Zukunft bewohnen. Die RLS war mit 30 Personen an der Organisation beteiligt, stellte über 25 Referentinnen, 42 Programmbeiträge und einen großen Anteil der Finanzierung bereit.
Doch schon bei der Frage, „was wächst da eigentlich?“, wurden Differenzen deutlich.Read more
Zu "Green Growth", Giddens und "Gerechtigkeit für Karl Polanyi!"
Mitte April haben die Kalifornische Universität Berkeley und der Rat der Green Growth Leaders, zu dem u. a. Erik Rasmussen und Anthony Giddens gehören, den Bericht „Shaping the Green Growth Economy“ veröffentlicht. Dort werden sechs verschiedene Definitionen[1] von „Grünem Wachstum“ ausgemacht und erklärt, dass „grüne Strategien Wachstum bewirken können“. Die Verfasser/innen definieren „Grünes Wachstum“ als ein Ergebnis, „das einem Transformationssystem erwächst“ (Rasmussen 2011) und ein Wachstum mit sich transformierenden Energiesystemen sein soll:Read more
XL-Konfusion – konjunkturelle Widersprüche
„Der XL-Aufschwung trägt weiter.“ Deutsche Unternehmen sprechen vom „besten Jahresauftakt aller Zeiten“, vermeldet die FAZ am 5.5.2011 auf der ersten Seite ihres Wirtschaftsteils. „Auftragseingang der Industrie sinkt überraschend“, vermeldet die FAZ einen Tag später in einer kleinen Notiz versteckt. Ähnlich konfuse und widersprüchliche Meldungen kann man fast täglich in der Financial Times Deutschland, dem Handelsblatt oder der Süddeutschen Zeitung lesen. Diese Widersprüche erreichen freilich nie die große Öffentlichkeit. Sie stören das schöne Bild.Read more
Zeit der Übergänge - aber wohin?
In der BRD hat die Atomkatastrophe von Fukushima das Ende der schwarz-gelben Koalition eingeläutet. Momentan schwangen die wacheren unter den bürgerlichen Meinungsmachern zumindest punktuell mit den Kapitalismuskritikern auf derselben Wellenlänge. So Jürgen Kaube, der eine knappe Woche nach dem Beginn der Katastrophe seinen FAZ-Leitartikel mit dem bedrückten Staunen darüber eröffnete, "in wie vielen Fragen, die ihre Selbsterhaltung betreffen, die Menschheit keinen Schritt vorankommt". Angesichts der neuerlichen Nuklearkatastrophe stieß ihm auf, "dass alles, was gerade erörtert wird, genau so auch schon vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren diskutiert wurde. Es gibt kein einziges neues Argument.Read more
Was zum Teufel wächst da eigentlich?
Regelmäßig kehren in Krisenzeiten die Wellen der Wachstumskritik zurück.
Regelmäßig bleibt unklar, worauf sie sich jeweils bezieht. Häufig geraten die Ebenen der Kritik durcheinander. 1. Da geht es zunächst um Wachstum durch Kapitalverwertung, um Mehrwertproduktion, Profit, seine Wiederanlage, also Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter. Theoretisch kann sich Kapital verwerten (relativ) entkoppelt vom stofflichen Verbrauch, etwa bei warenförmigen Dienstleistungen oder digitalen Gütern. Empirisch war wachsende Verwertung bisher allerdings immer mit steigenden Ressourcen- und Energieverbrauch verbunden. 2. Etwas anderes liegen die Dinge beim Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP).Read more
Der Mythos ökonomischer Erholung
Blühende Landschaften. Aufschwung XXL. Laut der jüngsten Zahlen zum vierten Quartal 2010 ist die Eurozone um unaussprechliche 0,4% gewachsen. Frankreich „wächst“ mit 0,3%, Italien und Spanien stagnieren, Griechenland und Irland schmieren ab. Auch Großbritannien schrumpft, ebenso wie Japan. Letztere kennen das – sie haben bereits eine ganze Dekade Zero-Growth erlebt. Aber keine Sorge: es lag nur am Wetter.
Tatsächlich ist die Akkumulation auf erweiterter Stufenleiter seit einigen Jahren schon nicht mehr gewährleistet.Read more
Wachstumsdebatte reloaded
Vor fast 40 Jahren sah der "Club of Rome" das Ende des Wachstums voraus. Nun erfüllt sich die Prognose – und die alte Debatte beginnt von vorn.
Ein Beitrag von Harald Schumann im tagesspiegel:
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/die-grenzueberschreitung/1851786.html?ajaxelementid=%23commentLoginArea&pageNumber=2
Harald Schumann wird auch bei auto.mobil.krise in Stuttgart dabei sein: http://www.auto-mobil-krise.de/files/2010/05/A.M.K-die-linke-Autotagung.pdf
Wachstumsdiskussion - aus einem anderen Blickwinkel
Hinter den Diskussionen um die Rolle des BIP als Maß von wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand stehen grundlegende wirtschaftliche und politische Interessen. Der Begriff des Wachstums selbst verdeckt dies oft. Im kern geht es viel stärker um die Frage des Messens - also des politischen Prozesses der Bestimmung von Maßstäben von Wirtschaftspolitik und deren Umsetzung in politisches Handeln. Ber Beitrag behandelt daher "Kennziffernfragen als Machtfragen". Kennziffernfragen sind Machtfragen
Voller Punktsieg der Neoliberalen – Regierung setzt ihre Koalitionsvereinbarung um
Wenn sich der morgige Tag dem Ende zuneigen wird, werden wir konstatieren können, dass die Neoliberalen ihre Phase der Unsicherheit überwunden haben. Und sage niemand, er habe es nicht gewusst: die Koalitionsvereinbarung der Regierung Merkel hat die Richtung vorgegeben, die Linie wird umgesetzt. Vielleicht ist es deshalb so ruhig im Lande. Der Mythos, man könne nur durch Ausgabensenkungen aus der Haushaltskrise kommen, scheint gesellschaftlicher Konsens geworden zu sein, wenn auch nur mit Zähneknirschen akzeptiert. Das zeigt z.B. eine Zusammenstellung bei stern.de, in der LeserInnen ihre Sparvorschläge vorstellen. Read more


