Bohème als Blaupause des Neoliberalismus [Rezension]
Die Kunst und das historische Bild des Künstlers (und das der Bohème), das von Originalität, Genialität und Unabhängigkeit geprägt ist, dient heute als Vorbild für die postmodernen Angestellten und Freelancer, zumindest jene der Wissenschaft und der Kreativwirtschaft, wenn nicht darüber hinaus. Diese Arbeitenden sind kreativ, belastbar, sie sind flexibel und denken und agieren eigenverantwortlich.
In der Praxis bedeutet Künstler_in-Sein heute aber für die meisten Unsicherheit und Abhängigkeit, nicht zuletzt auch Abhängigkeit von Zufall und Glück. In Österreich sind laut offizieller Statistik dreiviertel der in Frage kommenden auf das außerhalb der Kunst erzielte Einkommen angewiesen. Diese Prekarisierung wird dann durch einen Freiheitsmythos ideologisch und persönlich versüßt. Die Grazer Künstlerin und Ethnologin hat für ihre Diplomarbeit zehn Künstler_innen aus Graz interviewt, von denen sie sechs in ihrer Arbeit näher vorstellt. Darunter sind erfolgreiche und weniger erfolgreiche.
Sie tippt viele Themen an. Da ist zum einen Graz, die mit 280.000 Einwohner_innen zweitgrößte Stadt Österreichs, die unter anderem durch den seit 1968 jährlich stattfindenden „steirischen herbst“ ein avantgardistisches Image hat. Dieses wurde durch die herrschaftsförmige Ausrufung von Graz als „City of Design“ 2011 entscheidend transformiert. Da sind zweitens die Interviewten, die, so die Autorin, durchgängig das unternehmerische Denken verinnerlicht hätten, wenn nicht überhöhen würden und (deswegen?) wenig Bereitschaft zur Selbstreflektion zeigen würden.
Bezugnehmend auf Foucault, Bourdieu, Isabell Lorey und Boltanski/Chiapello kompiliert Fuchs nun den theoretischen Rahmen ihrer Forschung bzw. unternimmt mit dessen Hilfe die Interpretation ihrer Interviews. Ihr geht es um das Künstlersubjekt und seine Transformation und um das Verhältnis von Erfolg, Risiko und Freiheit. Bemerkenswert sei, so Fuchs, dass der Künstler auch historisch mit vielen, teilweise widersprüchlichen Eigenschaften beschrieben worden sei: Genie, schöpferisch, verrückt, eigensinnig, subversiv, auf jeden Fall „anders“ als der Mainstream.Read more
