Neues zu Marx
Eine Rezension von Sebastian Klauke
Das vorliegende, auf einer 2022 abgeschlossenen Dissertation basierende Buch, ist überwältigend. Dem Autor gelingt es, der schon Jahrzehnte anhaltenden Diskussion – in kritischer Auseinandersetzung mit dieser – um die Frage nach der Bedeutung und dem Sinn der Kategorien im Werk (insbesondere im Kapital) von Marx eine originelle Darstellung hinzuzufügen. Auch der Zusammenhang von Kategorie und Begriff bei Marx wird von ihm virtuos ausbuchstabiert. Zugleich bietet er einen eigenen Beitrag zur Frage, was denn eigentlich eine materialistische Dialektik ist. Bevor er seine Interpretation und Analyse in der intensiven Auseinandersetzung mit Marx entfaltet, stellt er je ein Kapitel zu Aristoteles und Hegel voran, denn allein mit deren ‚Vorarbeiten‘ lässt sich Marx‘ spezifischer Zugang verstehen. Es empfiehlt sich, von Hegels Phänomenologie des Geistes zumindest die grundlegenden Argumentationszüge im Kopf zu haben, um den Ausführungen in Ruhe folgen zu können. Noch dringlicher: man nehme sich Zeit, das Buch ist keine Lektüre, der man sich zwischen Tür und Angel widmet. Obendrein ist es, auch seinem eigenen Anspruch nach, keine bloße intellektuelle Fingerübung oder intellektuelle Onanie in den praxisfernen Niederungen der Philosophie, sondern zielt mit all den Überlegungen auf das ‚richtige‘ Verständnis, die durchdringende Analyse der kapitalistischen Welt ab, immer mit dem Ziel, diese Gegenwart auch zu verändern. Kein Furcht also vor philosophischen Abenteuern wie diesem – man staunt, lernt viel und ist auch als Kapital-Leserin gehörig irritiert. So einige Sätze hätten deutlich weniger kompliziert formuliert sein können, um das Nachvollziehen des ohnehin herausfordernden Gedankenreichtums nicht unnötig zu verkomplizieren.
Franz Heilgendorff: Kategoriale Kritik. Zur Bedeutung von Kategorie und Begriff in der dialektischen Methode bei Marx; Karl Dietz Verlag, Berlin 2023, 298 Seiten, 30 Euro.
Eine leicht abweichende Fassung erschien zuerst in analyse & kritik Nr. 701, 20. Februar 2024, S. 32.
Konflikte um Infrastrukturen
Eine Rezension von Herbert Klemisch
Die Diskussion um Mängel der öffentlichen Daseinsvorsorge entzündet sich aktuell an vielen Gegenstandsbereichen. Da ist das marode Straßen- und Schienennetz, schlechte Luft und fehlende Wohnungen besonders in den Metropolen, die mangelhafte Gesundheitsversorgung sowie die Defizite der Mobilität im ländlichen Raum oder die mangelhafte Versorgung mit Kindergarten-, Schul und Ausbildungsplätzen. Die Gesellschaft ist in eine Phase zugespitzter Infrastrukturkonflikte eingetreten.
Die Autor*innen präsentieren in diesem Buch die Ergebnisse des Forschungsprojektes «Gemeinwohl-relevante öffentliche Güter», das an der Universität Tübingen von 2020 bis 2023 durchgeführt wurde. In den Beiträgen wird aus sozialwissenschaftlicher Sicht rekonstruiert, wie de Politisierungs- und Transformationsprozesse in einzelnen Handlungs- oder Politikfeldern verlaufen. Im abschließenden Kapitel wird ausgelotet, wie die Perspektive einer staatlichen Gewährleistung bestimmter Leistungen bei Infrastrukturkonflikten aussehen kann. Dabei werden insbesondere die Beteiligungs- und Einflussmöglichkeiten sogenannter schwacher Interessen diskutiert.Read more
Klassismus in der politischen Bildung
Eine Rezension von Bernd Hüttner
Die Debatte um Klassismus ist nun auch in der politischen Bildung angekommen: zum einen als Gegenstand und Thema in der Bildung, zum anderen als Herausforderung für die Praxis. Das heißt, es werden Fragen gestellt nach Zielgruppen, Methoden und auch nach dem Selbstverständniss der Dozent*innen. Der hier vorliegende Band enthält nach einer Einleitung 14 Beiträge und widmet sich vorrangig der Bedeutung von Klassismus in der außerschulischen politischen Bildung.
Die Formate der Texte sind unterschiedlich: Sie reichen von dialogischer (Selbst-)Reflexion über klassische Theorietexte und Prosa bis zu Berichten aus der Praxis einzelner Vorhaben an Hochschulen oder der Jugendarbeit. Inhaltlich werden dabei verschiedene Themen bzw. Praxisfelder ausgeleuchtet: sexuelle Bildung, queere Jugendbildung, Geschlechterbildung und Heteronormativität, Antisemitismus und Heteronormativität, Rassismus, (Dis-)Ability, Klassismus und Kinder.
Immer wieder, wenn auch nicht durchgängig, geht es implizit um das Selbstverständnis von Politischen Bildner*innen und ihre eigene Politisierung, etwa indem Einblicke in ausgewählte Empowerment-Projekte oder in die eigene Biografie gewährt werden («Die Klassenposition verändert sich im Laufe unseres Lebens, die Klassenherkunft bleibt jedoch unveränderbar»).
Die Sprache des Bandes ist sehr akademisch, obwohl das Buch nach den Worten der Herausgeber*innen «kein akademisches» sein will (S. 16). Leser*innen, die sich für Klassismus und/oder kritische politische Bildung interessieren, werden reichhaltige Impulse finden. Zudem werden sie dazu ermutigt, das Thema Klassismus in die eigene Praxis aufzunehmen, das eigene Handeln zu reflektieren und weiter zu entwickeln.Read more
"Bonzos Auge"
Es ist zweifellos ein Verdienst der Rosa-Luxemburg-Stiftung und wesentlich ihres Referenten für Antisemitismus und jüdisch linke Geschichte und Gegenwart, Florian Weis, die drei Bände „Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken“ herausgegeben zu haben. Im 2. Band ist u. a. von Paul Friedländer die Rede (S. 35, 36). Doch das ist nicht jener Paul Friedländer, der im Zentrum des Buches „Bonzos Auge“ steht. Aber auch dieser mit dem Kosenamen Bonzo gehört zu den Jüdinnen und Juden in der internationalen
Warum Klasse zählt [Rezension)
Von Sebastian Klauke
Gelegentlich bekommt man in den verschiedenen, vor allem akademischen geprägten Diskussionen schon den Eindruck, dass Deutschland und andere westliche Staaten keine Klassengesellschaften seien oder Klasse eine weniger folgenreiche analytische Ebene für das Verständnis der gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse sei. Umso erfreulicher und überaus nützlich ist die vorliegende Übersetzung eines Artikels und eines Interviews des 2019 viel zu früh an Krebs verstorbenen US-amerikanischen marxistischen Soziologen Erik Olin Wright.
In sprachlich wunderbarer Klarheit legt er seinen eigenen Ansatz der Klassenanalyse dar, der für eine integrative Perspektive dreier Ebenen wirbt: Klasse aus individueller Sicht, Klasse verstanden als ‚Chancenhortung‘ und schließlich Klasse ‚als Ausbeutung und Herrschaft‘. Hier verbindet Wiright die Marxsche Perspektive mit der von Max Weber. Das anschließende Interview gibt Aufschluss über seinen eigenen Werdegang, insbesondere in intellektueller Hinsicht und verdeutlich nochmals die wichtigsten Punkte seiner Klassentheorie. Deutlich wird, dass Wright ganz offen als Marxist die soziologische Klassenforschung vorantrieb und dennoch in den Vereinigten Staaten durchaus anerkannt war. Den Band beschließt ein Nachwort des Soziologen Oliver Nachtwey, der Wright in bestem Sinne kritisch würdigt und auch klar die Lücken seiner Theorie benennt: das sind in erster Linie die Geschlechterverhältnisse. Zugleich bietet Nachtwey einen biographischen Abriss, der auch die analytische Entwicklung Wrights umfasst. Alles in allem ein gelungener, lesenswerter Band, der plausibel den Stellenwert von Klassentheorie und -analyse vor Augen führt. Das Buch ist gleichermaßen als Diskussionsgrundlage für akademische wie auch bewegungsorientierte Zusammenhänge geeignet. Dass das Buch im Suhrkamp Verlag erschienen ist, lässt an frühere Zeiten denken, als der Verlag die Heimat vieler solcher Veröffentlichungen war. Möge der Band große Verbreitung finden, er hat es in jeder Hinsicht verdient.
Eric Olin Wright: Warum Klasse zählt. Mit einem Nachwort von Oliver Nachtwey, aus dem Amerikanischen von Philipp Hölzing, Suhrkamp, Berlin 2023, 111 Seiten, 16 Euro.
Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales [Rezension]
Eine Rezension von Bernd Hüttner
«Der Sozialstaat ist unbezahlbar.» «Die Löhne sind zu hoch.» «Wachstum kommt allen zugute.» «Private Unternehmen sind effizienter als der Staat.» «Hohe Steuern bremsen die Wirtschaft.» Derlei Behauptungen sind überall in den Medien und der Politik zu lesen und zu hören. Sie haben mehr Markt zum Ziel, und sie sind Ausdruck eines seit mindestens Anfang der 1980er zunehmend politisch gewollten und staatlich durchgesetzten neoliberalen «Zeitgeistes», der auf unternehmerische «Freiheit», Konkurrenz, Privateigentum und «Eigenverantwortung» setzt. Als Resultate hatte er für sehr viele vor allem mehr Ungleichheit und mehr Vereinzelung und weniger soziale Sicherheit und gesellschaftlich weniger Umverteilung «nach unten» zur Folge.
Das hier vorliegende Buch besteht, gegliedert in acht Kapitel, gut zur Hälfte aus Kolumnen, die von 2015 bis 2019 in der Zeitschrift lunapark21 bzw. von 2020 bis 2023 dann in der Zeitschrift OXI. Wirtschaft anders denken erschienen sind. In diesen wurden neoliberale Behauptungen über Arbeit, Staat, Finanzen und Soziales unter die Lupe genommen. Verfasst wurden sie von den hauptamtlichen Gewerkschaftern Schreiner und Eicker-Wolf, die jahrelang zusammen auch den Blog Blickpunkt WiSo verantwortet haben. Die beiden wollten mit ihren Texten aufzeigen, weshalb diese Behauptungen falsch sind oder in die Irre führen; wem sie schaden und wem sie nutzen und auch, welche Denkmuster und Annahmen hinter ihnen stehen. Es lohnt sich, gegen derlei Behauptungen und Feindbilder zu streiten. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie im vermeintlich objektiven Gewand der Wissenschaft daherkommen. Die Dominanz des Neoliberalismus und des Kapitals ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, angreifbar. Es ist möglich und nötig, neoliberale Märchen anzugreifen, wie sie in Bildern vom zu teuren Hängemattenstaat, von halsstarrigen Gewerkschaften oder von faulen Armen existieren.Read more
Was kommt nach Corona? [Sammelbesprechung]
Andreas Nölke, Professor für Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie an der Universität Frankfurt/Main hat in Neue Politische Literatur. Berichte aus Geschichts‐ und Politikwissenschaft, Ausgabe 2/2023 in einem Aufsatz 26 Bücher zur Corona-Krise und ihren Folgen besprochen. Das Abstract:
"Die Corona-Pandemie hat zum tiefsten wirtschaftlichen Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg geführt. Wirtschaftliche Krisen haben in der Vergangenheit häufig einen Richtungswechsel in der Entwicklung des Kapitalismus bewirkt. Was sind die Folgen der Corona-Krise? Der Rezensionsaufsatz nimmt eine Bestandsaufnahme von 26 Büchern vor, die seit 2020 zum Thema Corona und Wirtschaft in Wirtschaftswissenschaft, kritischer Gesellschaftsforschung, Politischer Ökonomie und verwandten Disziplinen erschienen sind. Auch wenn die meisten Bücher klare Aussagen zur weiteren Entwicklung unseres Wirtschaftssystems vermeiden, lässt sich in der Zusammenschau der Beiträge ein gemeinsames Leitmotiv identifizieren. Sehr deutlich ist, dass in der nahen Zukunft ein weniger liberales Wirtschaftssystem erwartet wird. Deutlich gestärkt sehen die meisten Analysen jedenfalls den Staat, der in Zukunft wieder stärker in die Wirtschaft eingreifen wird, nicht nur zur sozialen und ökonomischen Stabilisierung nach der Pandemie, sondern auch bei der Bekämpfung des Klimawandels. Ob sich dieser Wandel auch in mehr sozialer Sicherheit und weniger Ungleichheit ausdrücken wird, bleibt aber unklar".
Der Text ist hier als PDF online.
Care ins Zentrum rücken [Rezension]
Das Buch gibt einen Überblick über die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Care-Initiativen im deutschsprachigen Raum, an einigen davon sind die Herausgeberinnen selbst beteiligt. Die vorgestellten Initiativen sind in verschiedenen Feldern aktiv, in der Forschung, in der Politik, als Aktivist*innen oder Praktiker*innen, was sich häufig auch überschneidet. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Bedeutung von Care-Tätigkeiten aufzuzeigen, dazu gehört etwa auch die Erfassung der dafür verwendeten Zeit. Über 60 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden entfallen auf – bezahlte und unbezahlte – Carearbeit. Diese Tätigkeiten seien unerlässlich für die menschliche Existenz, trotzdem kämen sie in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften kaum vor und das gelte es zu ändern, worauf bereits der Titel des Buches hinweist. «Care-Arbeit für sich selbst, für andere und für die natürliche Mitwelt muss in die Mitte des ›Ganzen der Wirtschaft›.»
Der erste der drei Abschnitte des Buches handelt unter der Überschrift «Anfangen» von den Pionierinnen der Carebewegung. So feierte etwa das «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften» im Vorjahr sein 30-jähriges Jubiläum. Auch Initiativen wie «Care Revolution», «Wirtschaft ist Care» oder das österreichische Netzwerk «fair sorgen! Wirtschaften fürs Leben» haben sich bereits etabliert.Read more
Lohn für Hausarbeit. Chronik eines internationalen Frauenkampfs (1972–1977) [Rezension]
Rezension von Nadine Gerner
Mit «Lohn für Hausarbeit» gibt Friederike Beier die Übersetzung einer umfangreichen feministischen Forschungsarbeit von Louise Toupin heraus, welche nicht stimulierender für aktuelle feministische Debatten rund um Care Arbeit sein könnte. Die Chronik zeichnet nicht nur die Hochzeit der Kampagne um einen Lohn für Hausarbeit nach, sondern auch die internationale soziale Bewegung um eine damals wie heute radikale, feministische Forderung. Das Buch beleuchtet die Jahre 1972-1977 des Internationalen Feministischen Kollektivs (IFK), ein transnationales Netzwerk, das Bündnisse über Differenzen hinweg schmiedete. Mit der Allianzbildung der damaligen Frauenbewegung mit Schwarzen Frauen oder Lesben praktizierte und theoretisierte das IFK bereits das, was später dann unter Intersektionalität verstanden werden sollte.
Das erste Kapitel dient zur Einordnung in den historischen Kontext und die politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit. Besonders herausragend ist der Überblick über die Vordenker*innen der Hausarbeitsdebatte (z.B. Christine Delphy oder Margaret Benston). Das zweite Kapitel stellt die scheinbar materielle reformistische Forderung nach einem Lohn in den Mittelpunkt und begründet deren durchaus revolutionäres Potential mit Hilfe marxistischer Theorie. Kapitel drei widmet sich explizit dem IFK, welches von Padua aus, über England bis in die USA und nach Québec in Kanada florierte und so zu einem transnationalen Netzwerk bzw. einer »Keimzelle einer Fraueninternationale« (S. 150) heranwuchs. Read more
Wie Vergesellschaftung gelingt
Eine Rezension von Gisela Notz
Am 26. September 2021 stimmte eine Mehrheit der Berliner*innen in einem Volksentscheid für die Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer Immobilienkonzerne. Das ist ein klares Votum, das nun der Berliner Senat umzusetzen hat. Das Ergebnis von 59,1 Prozent Ja-Stimmen für den Vorschlag der Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen war das Ergebnis von Wohnungsnot und Immobilienspekulation. Das unlängst erschienene Buch «Wie Vergesellschaftung gelingt – Zum Stand der Debatte» fragt: Ist Vergesellschaftung eine Alternative zum Marktradikalismus? Und wie kann sie gelingen? Darüber, dass die Vergesellschaftung verfassungskonform, machbar und legal ist, besteht kein Zweifel mehr. Sie ist auch eine Antwort auf die gegenwärtigen Versorgungskrisen.
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte: Warum vergesellschaften?, rechtlicher Rahmen und drittens Finanzierung von Vergesellschaftung. Es versammelt alle relevanten Beiträge der jüngeren Vergesellschaftungsdebatte. Die Initiative hat seit 2018 eigene Modelle zur Sozialisierung von Wohnraum entwickelt. Read more
Neues Buch: Marxistische Theorie und demokratisierende Reformvorschläge fürs Internet
Christian Fuchs
ist schon alleine als marxistischer Professor zu Internet, Digitalisierungs- und Plattformfragen eine Anomalie. Jetzt ist er nach zehn Jahren an der Uni Westminster zur Uni Paderborn gewechselt, ans dortige Institut für Medienwissenschaften, wo er als Professor of Media Systems and Media Organisation geführt wird.
Das feiert er mit einem weiteren Buch: Christian Fuchs: Digital Democracy and the Digital Public Sphere, London (Routledge) 2023.
Auf 320 Seiten setzt sich der sechste Band der Reihe Media, Communication and Society basierend auf dem Ansatz der Kritik der politischen Ökonomie und der dialektischen Philosophie kritisch auseinander mit Fragen rund um die digitale Öffentlichkeit und die Herausforderungen und Chancen der digitalen Demokratie heute. Read more
Die Verhandlung von Diversität im Weltsozialforum [Rezension]
Eine Rezension von Sarah Binz
Was bedeutet «Solidarität» in der Praxis der seit 2001 regelmäßig stattfindenden Weltsozialforen (WSF), bei denen sich Akteur:innen aus sozialen Bewegungen versammeln, um Mittel und Wege alternativer globaler Kommunikation und Zusammenarbeit zu entwickeln? Der Anthropologe Nikolas Schall untersucht diese Frage mit Mitteln der engagierten, eingebetteten Ethnografie: bereits im Vorfeld des WSF 2016 in Montreal nahm er an Organisationstreffen teil, er war in digitale Kommunikationskanäle eingebunden und schließlich bei der Veranstaltung vor Ort aktiv; Feldnotizen wechseln sich ab mit Interviewpassagen, methodologischen und theoretischen Reflexionen. Dies ergibt ein gut lesbares, abwechslungsreiches Buch, was bei Dissertationen nicht immer vorausgesetzt werden kann.
Schalls Umgang mit Solidarität, einem notorisch schwierig zu bestimmenden Forschungsgegenstand, ist pragmatisch-praktisch. So vermeidet er eine normative Definition des Begriffes und kann sich stattdessen ganz den vielfältigen Diskussionen und Praktiken widmen, welche von Akteur:innen des WSF mit Solidarität verbunden werden. Zentral sei für diese ein implizites Verständnis von Solidarität als Prinzip des präfigurativen Handelns – das bedeutet, dass Solidarität zunächst in den alltäglichen Umgangsweisen der Organisator:innen und Teilnehmer:innen verankert und gefördert werden soll, etwa über quotierte Redelisten, die Vermeidung von Repräsentation, kooperative Arbeitsweisen, die Festschreibung diskriminierenden Verhaltens und, im Fall beobachteter Übergriffe, Aufforderungen zur Intervention an alle Anwesenden. Solidarität ist damit im Kontext des Weltsozialforums eher als Mittel zu betrachten, um bestimmte Verständigungsweisen zu ermöglichen, denn als ein Zweck im Sinne konkret formulierbarer inhaltlicher Forderungen. Diskurse und Praxisformen, wie Schall sie schildert, sind denen hiesiger aktivistischer Kreise sehr ähnlich, was vor allem mit dem wenig diversen, überwiegend weißen akademischen Hintergrund fast aller Organisator:innen des WSF zu tun haben mag.Read more
Ende Gelände: We shut shit down; Hamburg 2022 [Rezension]
2015 besetzte Ende Gelände erstmals den Kohletagebau in Garzweiler. Seit diesem Zeitpunkt tritt der in Ortsgruppen und thematischen Arbeitsgemeinschaften organisierte Zusammenschluss unter diesem Namen auf – inzwischen ist er schon fast eine Marke geworden ist. 2016 fanden Proteste in der Lausitz statt, 2017 wieder in Garzweiler, hier erstmals mit thematisch definierten Aktionen auch über den vermeintlich eigentlichen Gegenstand (die praktische Kritik an der aktuellen Energiewirtschaft) hinaus, unter anderem zu Sexismus und Ko(h)lonialismus.
Das hier vorliegende Buch mit größtenteils 2020 verfassten Texten soll Bewegungsgeschichte festhalten und die vielen gemachten Erfahrungen teilen. Die Texte stammen von einer (anonymen) Arbeitsgruppe, die ausdrücklich nicht für die Bewegung sprechen kann und will. Im ersten Kapitel werden die verschiedenen Aktionen vorgestellt und nacherzählt. Im zweiten die politischen Strategien, die «Ende Gelände» verfolgt. Hier ist zum einen die professionelle und aktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu nennen, und ebenso der zivile Ungehorsam, der unter dem Motto «Nicht legal, aber legitim» blockierend in die Abläufe des fossilen Kapitalismus eingreift. Nach «innen» wird auf eine gute Gruppenstruktur und ein förderliches Gruppenklima geachtet, und auf Vorbereitung auf und den solidarischen Umgang mit Repression.Read more
Barrieren auf der «Klassenreise» [Rezension]
Universitäten seien «eine der letzten feudalistisch geprägten männerbündlerischen Bastionen unserer Gesellschaft». Einrichtungen also, die bestimmte Menschen bevorzugen und andere, eher unangepasste, ausschließen würden. Was die 1954 geborene Erziehungswissenschaftlerin und Geschlechterforscherin Elke Kleinau hier beschreibt, bezieht sie wohl in erster Linie auf das soziale Geschlecht. Genauso könnte es aber auf die soziale Herkunft bezogen werden.
Die Zahlen des Bildungstrichters sind bekannt. So ist die Akademikerrate an der Erwerbsbevölkerung gar nicht so hoch wie viele immer denken, sie betrug 2017 z.B. (nur) 22 Prozent (S. 14). Gleichzeitig kommen aber über 52 Prozent aller Studierenden aus Akademikerhaushalten. Es gibt für Angehörige aus Haushalten der Armuts- und ArbeiterInnenklasse also eine objektive Ungleichheit im Zugang zu Hochschulen einerseits und ebenso zum Arbeitsmarkt an Universitäten und in der Wissenschaft andererseits. Gleichzeitig ist die Zahl der Studierenden regelrecht explodiert. Studierten 1960 sechs Prozent eines Jahrgangs, sind es heute 56 Prozent (S. 12).
Der hier vorliegende Band diskutiert die Themen Ungleichheit und soziale Herkunft in seiner ausführlichen Einleitung (S. 9 bis 63) und in fünf Beiträgen, u.a. von Michael Hartmann, Andrea Lange-Vester und Aladin El-Mafaalani, aus. Hier geht es immer wieder um die verschiedenen institutionellen, wenn nicht diskriminierenden Barrieren im Hochschul- und Wissenschaftsbereich, die dazu führen, dass Chancengleichheit schlichtweg eine Illusion ist.Read more
Enteignen fürs Gemeinwohl – Widerspruch, H. 75 [Rezension]
Als Enteignung wird meist die kapitalistische Praxis verstanden, mittels gewaltsamer Methoden oder trickreicher Handelsverträge kommunalen Besitz in Privateigentum umzuwandeln. Aber auch die antikapitalistischen Auseinandersetzungen und Kämpfe, die auf Vergesellschaftung von Privateigentum setzen, könnten als Enteignung verstanden werden. Dies schreibt die «Widerspruch»-Redaktion in der Einleitung zu ihrem neuen Heft und skizziert damit ein breit angelegtes Themenfeld.
In insgesamt 20 Beiträgen diskutieren unterschiedliche AutorInnen sowohl methodisch als auch theoretisch verschiedene Ansätze zur Eigentums- und Enteignungsfrage. Dabei wird inhaltlich unter anderem auf Karl Marx, Rosa Luxemburg und die Commons-Forscherin Elinor Ostrom Bezug genommen, mit David Harvey die «Akkumulation durch Enteignung» diskutiert und feministische Debatten gegen die Aneignung des weiblichen Körpers und der unbezahlten Sorgearbeit beleuchtet.
Bei den vorliegenden «Beiträgen zu sozialistischer Politik», wie es im Untertitel heißt, sei bewusst eine möglichst offene Perspektive gewählt worden, um Enteignung als «vielschichtiges Phänomen» zu diskutieren. Dass Enteignungskämpfe immer noch primär von oben geführt werden, widerspiegle sich zwar im Verhältnis der vorliegenden Beiträge, so die Redaktion, denn erfolgreiche «Kämpfe und Zukunftsvorstellungen von Selbstermächtigung und anderen Eigentumsverhältnissen» seien doch noch eher dünn gesät.Read more
















