EuroMemo 2020: Ein Green New Deal für Europa – Möglichkeiten und Herausforderungen.

Das EuroMemo 2020 legt seinen Schwerpunkt auf die Klimakrise und andere ökologischen Grenzen des Planeten. Auch vor dem Hintergrund der Vertiefung sozialer Ungleichheiten, dem Wiedererstarken autoritärer Nationalismen und der Krise der globalen Governance werden umfassende politische Gegenmaßnahmen dringend benötigt. Das EuroMemorandum wird von der Gruppe European Economists for an Alternative Economic Policy (EuroMemo Group) herausgegeben und von mehr als 220 Ökonom_innen und Sozialwissenschaftler_innen aus ganz Europa und darüber hinaus unterstützt (Liste als PDF).

Das EuroMemo zum Download als PDF in Englisch.


Dörre, Schickert (Hrsg.): Neosozialismus, München 2019 [Rezension]

Von Herbert Klemisch

Im ersten Band der Buchreihe «Bibliothek der Alternativen» diskutieren Sozialwissenschaftler*innen die von dem Jenaer Soziologen Klaus Dörre unter dem Etikett «Neosozialismus» vorgelegten Thesen zur Reaktivierung der Sozialismusdebatte.
Zentral ist die Frage, welche Begrifflichkeit sich eignet, um Alternativen zum Kapitalismus zu beschreiben. Die Autor*innen sind sich weitgehend einig, dass die kapitalistischen Wachstumsökonomien überwunden werden müssen, da sie sich in einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise befinden. Der Weg dorthin führt in eine Postwachstumsgesellschaft. Allerdings ist der Begriff, folgt man Dörre, ungeeignet, um als Orientierung für eine bessere Gesellschaft zu dienen.
Im ersten Teil des Sammelbandes wird das Für und Wider einer Erneuerung des Sozialismus diskutiert. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit konkreten Ansätzen und Strategien für einen gesellschaftlichen Wandel. Er bezieht sich vor allem auf den marxistischen amerikanischen Soziologen Erik Olin Wright, dem dieser Band auch posthum gewidmet ist. Wrights Ansatz realer Utopien ist es, in den Nischen und Rissen der herrschenden Produktionsweise nach alternativen Projekten und Praktiken zur Transformation der Gesellschaft zu suchen. Dörre selbst formuliert fünf Kernprojekte der gesellschaftlichen Transformation. Er fordert: Eine gesellschaftliche Regulationsweise, die ökologische und soziale Zerstörung und deren Folgekosten sichtbar macht, zweitens eine Politik der Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen durch demokratisches Teilen und Umverteilen, eine radikale Demokratisierung der Wirtschaft, viertens die Entwicklung von kollektiven Eigentumsformen, die Beschäftigte zu Miteigentümern machen – dies zumindest in den strategischen Schlüsselsektoren wie z.B. Energie oder digitale Technologien – und fünftens politisch eine handlungsfähige sozialistische Linke in Europa.Read more


Eine neue linke Erzählung? [Rezension]

Das Jahr 2018 war gekennzeichnet von vergleichsweise großen Protestbewegungen. Im Hambacher Forst demonstrierten 50000 Menschen, bei unteilbar in Berlin weit über 200000, zu antirassistischen und antifaschistischen Demonstrationen kommen durchaus auch 30000 oder, wie bei dem «Wir sind mehr»-Konzert in Chemnitz, doppelt so viele zusammen. Die Hegemonie rechtspopulistischer und rassistisch-völkischer Themen in der Öffentlichkeit und den Medien scheint aber weiterhin ungebrochen.

Das Buch der 1983 geborenen Journalistin Julia Fritzsche hat zwei Ebenen. Fritzsche sucht zum einen Orte und Zusammenschlüsse auf, an denen sich diese neuen Bewegungen materialisieren und an denen jetzt an einer anderen, besseren Zukunft gearbeitet wird: Antirassistische Aktivist_innen in München, Streikende im Krankenhaus und queerpolitisch engagierte. Zum anderen stellt sie vier aktuelle, dazugehörige politische, «theoretische» Ansätze in begreiflichen Worten vor: Care Revolution, Buen Vivir, Antirassismus und queere Politiken. In diese werden schon heute neue Begehren formuliert und auch neue Formen der Beteiligung und ausprobiert.

Care verweist darauf dass, entgegen den Bildern des Marxismus, zwei Drittel der gesellschaftlichen Arbeit unbezahlt, dezentral und unter anderem deswegen «unsichtbar» geleistet wird. Buen Vivir darauf, dass Wachstum für eine moderne Linke kein positiv besetzter Begriff mehr sein kann, und Natur, Konsum und Ernährung heute zu einem umfassenden Verständnis von Befreiung dazu gehören. Hier findet dann die Kritik an Extraktivismus und die positive Vision solidarischer Ökonomien ihren Ort. Queerness bedeutet eine Vielfalt und Gleichwertigkeit geschlechtlicher Lebensweisen, die sich allesamt gegen die toxische Gewalt von Männern richten. Das schwierigste und umstrittenste Feld dürfte derzeit das des Antirassismus sein. Wie geht eine Linke damit um, dass es Gewinner_innen und viele Verlierer_innen in der Passlotterie, in der Lebenschancen vor allem nach dem Geburtsort zugeteilt werden, gibt? Wie kann die vielzitierte Willkommenskultur zu einer aktiven Kultur des Ankommens und Miteinanders weiterentwickelt und gestaltet werden? Können «solidarische Städte» dabei ein Instrument sein?Read more


Landprojekte in der Digitalmoderne [Rezension]

Das Land wird immer mehr zum Sehnsuchtsort, gerade für gestresste Kreative und andere Selbst-Unternehmer*innen aus den immer teurer werdenden Großstädten. Die vier Autor*innen dieses klugen Buches dokumentieren und reflektieren zum einen diese Debatte zwischen Ziegenherde und digitalem Start-up; und beschreiben zum anderen zehn reale Projekte im Berliner Umland. Sie verbinden so «Theorie» und «Praxis» auf die angenehmste Weise.

Den Großteil des Buches nehmen Reflektionen zur Enzwicklung «des Landes» und der Bilder von ihm ein, kontrastiert und ergänzt mit einigen statistischen Daten. Heutige wie historische Motive der Landsehnsucht, ebenso wie die besondere Geschichte des ostdeutschen ländlichen Raumes, hier: Brandenburg, lassen ein umfangreiches Bild der gegenwärtigen Situation entstehen, welches das lange Zeit dominante Bild der abgehängten (und konservativen) Provinz relativiert. Es gäbe sie noch, so die Autor*innen, die Freiräume für alternative und solidarische Lebens- und Arbeitsentwürfe. Sie böten Raum und Möglichkeiten für die auch von Teilen der lokalen Verwaltungen begrüßten Impulsgeber*innen für veränderte Lebensstile und Hoffnungsträger einer neuen Dorfentwicklung.

Die Autor*innen beschreiben aber auch die Motive der Städter*innen und zum Beispiel die verschiedenen Misch-Stufen bzw. -Formen des Stadt-Land-Wohnens: Landlustige, Ausschwärmer, Sinnsucher, Wochenendpendler, Dauergäste, Multilokalisten, Tagespendler, Aussteiger, Nomaden. In zwölf Glossareinträgen werden weiter auf jeweils einer Seite für die Debatte wichtige Begriffe erklärt, von Beschleunigung über Wachstum bis zu Ernährung und Gemeinschaft. Die vorgestellten Landprojekte und Gemeinschaften umfassen ein weites Spektrum. Dieses reicht vom 1000 Hektar Bio-Bauernhof bis zum fragilen Wohnprojekt mit einem hohen Anteil an Wochenendpendler*innen. Sie alle werden nach einem ähnlichen Raster in ihrer Geschichte, ihrem Selbstverständnis, ihrer inneren Verfasstheit und ihrer Eingebundenheit in soziale und dörfliche Netzwerke vorgestellt.Read more


[CfP] Weitermachen! Konferenz zu Marcuse am 22. Juni 2019 in Hannover

„Ich denke, um wirklich global und erfolgreich zu sein, muss sie, wie Marx es vorhersah, im höchstentwickelten Industrieland der Welt auftreten […].

Einer Sache bin ich mir absolut sicher, dass, wenn Sie nicht jetzt dafür arbeiten, sie nicht in 75 Jahren, nicht in 100 Jahren kommen wird, sie vielleicht überhaupt nicht kommen wird“

(Marcuse, 1974/2017: Kapitalismus und Opposition, S. 76).

Neben den zu Lebzeiten publizierten Werken hat uns Marcuse für eine Fortsetzung von Gesellschaftskritik sowie Analyse sozialer Bewegungen Vorträge, Manuskripte, Briefe und andere Materialien hinterlassen. Peter-Erwin Jansen hat einiges davon im Verlag zu Klampen herausgegeben. Anlässlich des 40. Todestages Marcuses laden wir nach Hannover ein, um bei einem Vortrag, vier Panels und einem Podium zu klären, welche Relevanz die darin behandelten Themen für uns heute haben können. Neben den fest stehenden Referent*innen – Prof. Dr. Ingrid Gilcher-Holtey, Prof. Dr. Rolf Pohl, Dr. des Roger Behrens, Maria Tsenekidou – wünschen wir uns weitere Beitragende, ob Akademiker*innen und/oder Aktivist*innen.

Wir freuen uns über Bewerbungen für die folgenden Panel, die wir an den Nachgelassenen Schriften ausgerichtet haben, die sich daher auch gerne im Inhalt wiederfinden können:

1. Kunst und Befreiung (vgl. Nachgelassene Schriften Band 2)

2. Philosophie und Psychoanalyse (vgl. Nachgelassene Schriften Band 3)

3. Die Studentenbewegung und ihre Folgen (vgl. Nachgelassene Schriften Band 4)

4. Ökologie und Gesellschaftskritik (vgl. Nachgelassene Schriften Band 6, hier möchten wir uns insbesondere auf das Themengebiet Technik/Technologie fokussieren)

5. Abschlusspanel zum Thema „Erneuter Versuch über die Befreiung – Herbert Marcuse und soziale Bewegungen heute“

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Marx, Gerechtigkeit, Demokratie

Der Tagungsband

Vor einem Jahr fand im Rahmen der Projekte des Instituts für Philosophie der Vietnamesischen Akademie für Gesellschaftswissenschaften (VASS) aus Anlass der Marx-Jubiläen in Buon MeThuot eine erste Konferenz zur Rolle der sozialen Gerechtigkeit im Werk von Karls Marx statt. Sie stand unter dem Titel „Karl Marx‘ Ideen zur Verteilungsgerechtigkeit und ihre Relevanz für die Gegenwart“ und wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt. Für die diesjährige Konferenz, unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, wählten die VeranstalterInnen einen fast gleichlaufenden Titel: „Karl Marx zum Verhältnis von sozialer Gerechtigkeit und Demokratie und eines Bedeutung für die Gegenwart“. Tatsächlich waren es dann aber doch zwei verschiedene Veranstaltungen, die aufeinander aufbauten und sich ergänzten. Unter verschiedenen Blickwinkeln wurde versucht, die Widersprüche der vietnamesischen Gesellschaft zu verstehen und darauf aufbauend nachhaltige Lösungen zu finden. Der Gini Index als Maß der Ungleichheit für Vietnam liegt nach Angaben für das Jahr 2014 bei 34,8; das scheint günstig. Allerdings wurde vermerkt, dass dies kein realistisches Bild sei, Schattenwirtschaft und Korruption würden Umverteilungsprozesse in Gang setzen, die kaum sichtbar werden.Read more


Dunkerque folgt Tallinn

Die Haushaltsausgaben der ca. 89.000 Bürger/innen von Dunkerque und der etwa 110.000 Einwohner/innen im Nahbereich der Stadt erfahren eine „September-Revolution“, denn bisher folgte hier „Mobilität“ auf Platz 2 den Lebens- und Genussmitteln. Damit ist jetzt Schluss: seit dem 1.9.2018 gilt der Nulltarif im ÖPNV mehr


Zeitschrift WIDERSPRUCH digitalisiert!

Seit 1981 erscheint zweimal jährlich in der Schweiz die Zeitschrift WIDERSPRUCH als unabhängige sozialistische Theoriezeitschrift. Im letzten Jahr hat die ETH-Bibliothek in Zürich alle Ausgaben digitalisiert. Nun sind 37 Jahre linke Debatte online frei zugänglich – das sind über 13.000 Seiten.

Das Archiv ist über e-periodica.ch abrufbar: http://www.e-periodica.ch/digbib/volumes?UID=wis-001
Volltextsuche zu einzelnen Artikeln: www.widerspruch.ch/archiv
Wir wünschen viel Spass beim digitalen Stöbern und Lesen!

Das aktuelle Heft ist die Nummer 71. Deren Schwerpunkt ist Souveränität, Föderalismus und Autonomie. Themen sind u.a. Schweizer Föderalismus; Selbstermächtigung von Frauen; Migration und politische Partizipation; Bildungsfödera­ lismus; Munizipalismus; Volkssouveränität; Autonomie­ bestrebungen in Schottland, Nordirland, Katalonien und Rojava; Demokratischer Konföderalismus; Lokalpolitik.


„Nachhaltige Infrastruktur-Investitionen“

Dass in jüngster Zeit soziale Bewegungen und NGO vielfältige Aktivitäten in Sachen Finanzen (vor allem Schulden und Regulierung der Finanzmärkte), öffentlich-private Partnerschaften und Infrastrukturinvestitionen starteten, hat folgenden Grund: 10 Jahre nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise werden deren Ursachen noch immer nicht konsequent bekämpft und vielfach sogar neu befördert. more


Wohlstand auf Kosten anderer [Rezension]

Von Brigitte Kratzwald (www.commons.at)

Das von einem Schreibkollektiv verfasste Dossier ist die zweite Publikation des oekom Verlags zum Thema imperiale Lebensweise innerhalb weniger Monate. Nach der von Brand/Wissen vorgelegten theoretischen Abhandlung bricht das Dossier das Konzept auf alltägliche Handlungen herunter. Es möchte »die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Missständen und beunruhigenden Tendenzen aufzeigen und untersuchen«, jedoch auch Auswege zu einem guten Leben für alle weisen.
Der Begriff der imperialen Lebensweise verweist darauf, dass es tief in unserem Alltag, in unserem Denken, in materiellen Infrastrukturen und in politischen Institutionen verankerte Praktiken sind, die verhindern, dass das weit verbreitete Wissen um die Auswirkungen unserer Handlungen auch zu einer entsprechenden sozial-ökologischen Transformation führt. Im ersten Abschnitt wird dieses Konzept erläutert und marktorientierte Lösungsansätze wie die Green Economy als nicht ausreichend verworfen.
Darauf folgt ein historischer Rückblick auf die Entstehung der imperialen Lebensweise seit dem Beginn des Kolonialismus im 16. Jahrhundert, der zeigt, wie wir heute alle in diese Zusammenhänge verstrickt sind, oft genug als Opfer und TäterInnen. In je einem Kapitel zu den Themenfeldern Digitalisierung, Sorgearbeit, Geld und Finanzen, Bildung und Wissen, Ernährung und Landwirtschaft und Mobilität wird untersucht, wie sich die imperiale Lebensweise in unseren Alltagshandlungen äußert und welche Faktoren sie stabilisieren. Dem Bereich Bildung und Wissenschaft kommt dabei besondere Bedeutung zu. Das Wissen, das an unseren Schulen und Universitäten gelehrt und in die ganze Welt exportiert wird, ist wesentlich für die Ausbreitung der imperialen Lebensweise verantwortlich. Ergänzt werden die Erläuterungen durch großflächige, farbige Grafiken und Infokästen. Die hochformatige Broschüre bekommt dadurch ein ansprechendes Aussehen und weckt Neugierde auf die Lektüre.
Am Ende jedes Kapitels werden Vorschläge für Alternativen und politisches Engagement gemacht. Das letzte Kapitel fasst noch einmal die Erkenntnisse aus allen Themenbereichen zusammen und fragt, wie zu einem guten Leben für alle zu kommen sei. Es wird untersucht, wo »Hebelpunkte und Strategien sichtbar sind, um die imperiale Lebensweise zu überwinden«. Ein Glossar und ausführliche Literaturhinweise ergänzen die geballte Ladung an Information. Zusätzlich wird nach jedem Kapitel auf die Webseite aufkostenanderer.org mit weiteren Beispielen und Handlungsvorschlägen verwiesen, ebenso wie auf Initiativen, die sich mit den jeweiligen Themen beschäftigen. Insgesamt ein informatives Nachschlagewerk für Menschen, die sich in dem einen oder anderen Bereich für ein gutes Leben engagieren.

I.L.A. Kollektiv: Auf Kosten anderer? Wie die imperiale Lebensweise ein gutes Leben für alle verhindert. Oekom Verlag, München 2017, 128 S., 19.95 EUR


Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft [Rezension]

Peter Streiff (Stuttgart) rezensiert das neue Buch von Frank Adler und Ulrich Schachtschneider

Die beiden Herausgeber benennen die »Crux mit der ewigen Wachstumsorientierung« als Auslöser für ihr Buch, das verschiedene alternative Wege zur immer tiefer werdenden sozialen Spaltung westlicher Gesellschaften aufzeigen will. Denn für viele Menschen hätten die Entwicklungen der letzten Jahre zu einem Dilemma geführt, in dem sie derzeit nur die zwei Möglichkeiten »ökonomisch Wachsen mit ökologischem Desaster« oder »Nicht-Wachsen mit völkischem Nationalismus« sehen würden.

Ihre Sammlung von dringend benötigten gesellschaftlichen Alternativen bezeichnen die Herausgeber Frank Adler und Ulrich Schachtschneider als »Postwachstumspolitiken«, wobei es ihnen um demokratische Übergänge zu einem Leben und Wirtschaften geht, »deren Qualität und Stabilität nicht vom permanenten ökonomischen Wachstum abhängen«. Dafür zeigen 30 AutorInnen in 22 Beiträgen unterschiedliche konzeptionelle Ansätze und thematische Schwerpunkte auf. Einige der Beiträge machen Strategien von unten wie Tauschläden oder Initiativen des Selbermachens zum Thema, andere haben den Anspruch, grundlegende Reformen des gesamten institutionellen Rahmens vorzuschlagen, um eine notwendige Transformation hin zu einer Postwachstumsökonomie in Gang zu setzen.

Diese Umwandlung und eine Chance auf Verbreiterung in der Gesellschaft könne aber laut Adler und Schachtschneider nur gelingen, wenn es eine wechselseitige Befruchtung von beiden Strategien, also »von treibender Mikro-Praxis und stützender Bewegungs- und Makropolitik« geben werde. Neben diesem wertvollen Ansatz überzeugen inhaltlich vor allem jene Beiträge, deren Nähe zur Degrowth-Bewegung unverkennbar ist und die für mehring1-LeserInnen viel Bekanntes beinhalten. Den formulierten Anspruch, »grundlegende Reformen vorzuschlagen«, lösen jedoch leider mehrere, eher theoretische Aufsätze kaum ein. Auch wenn bereits bekannte Konzepte wie das Grundeinkommen in neuem Licht erscheinen, wenn sie als »gastliches Umfeld für ein (Arbeits-)Leben jenseits des Produktivismus« benannt werden.

Vor allem der kompakt und anregend formulierte Ansatz des in Frankreich populären Konvivialismus sowie die Überlegungen zur »Wirtschaftsförderung 4.0«, die ein solides Geschäftsmodell mit sozialen Innovationen verknüpfen will, haben jedoch das Potenzial, für politische Debatten mit dem notwendigen Praxisbezug zu sorgen. Das Buch bietet, obwohl oft in wissenschaftlicher Sprache verfasst, eine lesenswerte Übersicht dadurch, dass die Beiträge ähnlich strukturiert sind und der Einstieg jeweils durch eine inhaltliche Zusammenfassung erleichtert wird.

Frank Adler/Ulrich Schachtschneider: Postwachstumspolitiken, Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft; 328 Seiten, oekom Verlag, München 2017, 328 Seiten, 24,95 Euro


Ökosozialismus - und seine Defizite [Rezension]

Der Begriff „Ökosozialismus“ hatte in den 1980er Jahren einen guten Klang. Sein Denkgebäude war aus einer Verknüpfung ökologischer Kritik an der Industriegesellschaft mit einer Revision marxistischer Grundannahmen entstanden. Nach dem Ende des Realsozialismus und dem Austritt der ÖkosozialistInnen aus der Partei „Die Grünen“ wurde dieses Konzept nur noch von Einzelpersonen vertreten.

Der 1938 geborene Michael Löwy skizziert in seinem zuerst 2011 in Frankreich erschienenen Buch die von ihm und anderen vertretene, trotzkistisch inspirierte Version des Ökosozialismus. Diese kritisiert den Produktivismus anderer Strömungen der (staatlichen) Linken und stellt dieser Orientierung an mehr Waren jene an mehr verfügbarer Zeit entgegen. Marx habe das, so die hier propagierte Lesart, auch so gesehen und sei sozusagen der erste Ökosozialist gewesen. Hier finden sich also viele nützliche Gedanken, etwa jener, dass die Quantifizierung von allem und jedem einer der Grundprinzipien des expansiven Kapitalismus sei (und nicht etwa der Tauschwert…). Nach Löwy und anderen sei, so die zweite grundlegende Prämisse ökosozialistischen Denkens, die Arbeiterbewegung (was immer das heute dann genau sein soll) zentral für eine ökologische Transformation.

Auf einer tagespolitischeren Ebene ist das Buch eher eine Enttäuschung. Zwar werden z.B. Literatur und Denkanstöße einer ökologischen Linken im globalen Kontext vorgestellt, aber die praktischen Forderungen sind dann doch z.B. sehr von einer letztendlich kulturpessimistischen Kritik an Werbung, Gier und „Gewinnsucht“ geprägt oder weitergehend von der Vorstellung „Planung“ setze der „Verschwendung“ ein Ende. Wie nun definiert wird, was „Verschwendung“ ist und wer in welchem Umfang an dieser „Planung“ einer ja globalisierten Ökonomie beteiligt ist, dazu findet sich erstaunlich wenig. Frappierender noch ist die nicht genauer begründete und ja nicht minder zentrale Vorstellung „Kapitalismus“ und „Ökologie“ seien unvereinbar. Demnach wäre also ein ökologischer Kapitalismus per Definition nicht möglich. Hier war die Debatte vor 25 bis 20 Jahren weiter und sie ist es auch heute, wenn z.B. die Propaganda für einen solaren, oder grünen, CO2 reduzierten Kapitalismus von links kritisiert wird. Hier nur ein Beispiel.

Eine weitergehende Auseinandersetzung mit etwa ökofeministischen Ansätzen fehlt in dem Buch ebenso wie eine mit den psychologischen Aspekten kollektiven und individuellen Verhaltens. Beides wäre bei dem selbstgesetzten Anspruch des Buches aber unabdingbar.

Im Anhang werden noch diverse ökosozialistische Manifeste aus den letzten 20 Jahren dokumentiert.

Michael Löwy: Ökosozialismus – Die radikale Alternative zur ökologischen und kapitalistischen Katastrophe, LAIKA Verlag, Hamburg 2016, 978-3-944233-63-5, 192 Seiten, 21 EUR


Streiterin der Care-Revolution

Rezension der kleinen Festschrift für Gabriele Winker zum 60. Geburtstag

Wer Gabriele Winker einmal persönlich erlebt hat, und sei es nur bei einem Vortrag, wird kaum glauben, dass sie Anfang November ihren 60. Geburtstag feiern konnte. Winker ist seit 2003 Professorin für Arbeitswissenschaft und Gender Studies an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und leitet u.a. dort die Arbeitsgruppe Arbeit–Gender–Technik. Zuvor war sie in der Verwaltung des Landes Bremen und danach fast zehn Jahre als Professorin an der Fachhochschule Furtwangen tätig. Heute ist sie vor allem als engagierte Streiterin in Sachen Care und »Care-Revolution« - und als Verfechterin des theoretischen Konzepts der »Intersektionalität« bekannt. Sie ist bekennende Feministin, Marxistin; und nicht zuletzt politische Aktivistin. Sie ist sich auch nicht zu schade, in Neuköllner Kneipen mit autonomen KommunistInnen vom »Ums Ganze«-Bündnis zu diskutieren, oder vor 25 traditionsmarxistischen BesucherInnen bei der MASCH in Bremen engagiert über die Grundlagen des Care-Gedankens zu erzählen.

MitstreiterInnen und SchülerInnen haben jetzt überraschend eine kleine Festschrift zusammengetragen, die in einer Art Bricolage thematisch den Weg umreißt und illustriert, den Winker theoretisch, politisch und wissenschaftlich gegangen ist: Von der (feministischen) Technikforschung zur Intersektionalität. Heute treten sie und andere AutorInnen dafür ein, gleichrangig Identität, symbolische Repräsentation und Sozialstruktur zu untersuchen und zu reflektieren und alle miteinander verwobenen Unterdrückungsverhältnisse in den Blick zu nehmen. Das Buch enthält zehn Beiträge zu feministischen Analysen und Strategien und je fünf zum Thema »Care« bzw. zu Technik als Feld feministischer Auseinandersetzungen. Alle sind auf der Höhe der Zeit, in der die Forderung nach Selbstbestimmung längst in die neoliberale Selbstverantwortung umgedreht wurde.Read more


Marx im Jahre 2016

Am vergangenen Wochenende fand in Stockholm die Konferenz Marx2016 statt. Zu den Mitveranstaltern gehörte auch das Zentrum für marxistische Studien Stockholm (CMS), ein langjähriger Partner der RLS im Netzwerk transform.

Die Veranstaltung bot einen umfangreichen Überblick über die Diskussionen, in denen die Marxrezeption eine mehr oder weniger große Rolle spielt. Wie oft bei derartigen Treffen nutzten Promovierende die Möglichkeit, ihr Arbeiten zur Diskussion zu stellen. Dabei ging es vorrangig darum, wie anschließend an die marxschen Erkenntnisse gegenwärtige Probleme zu verstehen und zu lösen sind. Fragen der Veränderung von Klassenkonstellationen im Zuge der Digitalisierung, der Rolle des Staates, der Charakteristik der gegenwärtigen Epoche, der Rolle der Debatten um Race, Class und Gender für einen modernen Marxismus – das sind nur einige der behandelten Themen; kurz – in den zwei Tagen wurde die ganzen Breite vorrangig der akademischen Marx-Diskussion präsentiert. Von der RLS stellte Judith Dellheim ein gemeinsam mit Frieder Otto Wolf verfasstes Papier zum Thema "Intersectionality in working on socio-ecological Transformation” in einer eigenen Session. Sie plädierte dafür, anschließend an den feministischen Diskurs zur Intersektionalität eine Erweiterung des Verständnisses vorzunehmen. Der „Intersektionalität von oben“ müsse die „Intersektionalität von unten“ entgegengestellt werden. Betrachtet man Themen, Beiträge und Debatten der Konferenz, so bestätigen sie eigentlich diese Notwendigkeit. Vor allem dann, wenn es um die Konsequenzen z.B. der sich entwickelnden neuen sozialen Strukturen ging, wurde die Begrenztheit eines zu engen Herangehens aus jeweils nur traditionell-ökonomischer, traditionell-politischer, queerer usw. Sicht mehr oder weniger deutlich artikuliert. Wie oft auf derartigen Veranstaltungen war man sich einig, dass aus jeder dieser Einzelsichten alles zur Überwindung des Kapitalismus drängt. Gegenüber der Frage, wie man ihn aber überwinden kann und wie die eigentlich auf der Tagesordnung stehenden Bündnisse tatsächlich geschaffen werden können, bleibt man weitgehend hilflos. Nicht nur die Praxis ist schwer - es fällt auch sehr schwer, dieses „Ganze“ zu theoretisieren. Der Beitrag von Dellheim/Wolf ist ein Versuch, hier Ansätze zu entwickeln.

 


The Great (Re-)Transformation – was man von Karl Polanyi über Klimapolitik lernen kann

Karl Polanyis Hauptwerk „The Great Transformation“ entfaltet auch 70 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung große Erklärungskraft für die heutigen multiplen Krisen des Kapitalismus. Die Folgen der Austeritätspolitik im EURO-Raum und anderswo bspw. gleichen denen des „goldenen Bandes“, des Goldstandards, mit dem die Länder des beginnenden 20. Jahrhunderts auf Gedeih und Verderb verknüpft waren.

Aber auch ein Bezug zur Klimakrise lässt sich herstellen: Polanyi schrieb nicht nur über die „fiktiven Güter“ Arbeit und Geld, sondern auch Land, worunter er alle Natur fasste. Dass diese der Preisbildung, Angebot und Nachfrage unterworfen würden, sah Polanyi als Ausgangspunkt eines selbstzerstörerischen Prozesses. Heute wird dieser im Klimawandel in einem Maße deutlich, das er nicht vorhersehen konnte. Seine Forderung: Die Ökonomie, deren Systemlogik sich über die gesamte Gesellschaft ausgebreitet habe, müsse in diese wieder eingebettet und die „fiktiven Güter“ dem Markt entzogen werden. Der in einer „doppelten Bewegung“ gegen die Liberalisierung gerichtete Protektionismus scheitere, wenn das nicht gelingt.Read more