Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales [Rezension]
Eine Rezension von Bernd Hüttner
«Der Sozialstaat ist unbezahlbar.» «Die Löhne sind zu hoch.» «Wachstum kommt allen zugute.» «Private Unternehmen sind effizienter als der Staat.» «Hohe Steuern bremsen die Wirtschaft.» Derlei Behauptungen sind überall in den Medien und der Politik zu lesen und zu hören. Sie haben mehr Markt zum Ziel, und sie sind Ausdruck eines seit mindestens Anfang der 1980er zunehmend politisch gewollten und staatlich durchgesetzten neoliberalen «Zeitgeistes», der auf unternehmerische «Freiheit», Konkurrenz, Privateigentum und «Eigenverantwortung» setzt. Als Resultate hatte er für sehr viele vor allem mehr Ungleichheit und mehr Vereinzelung und weniger soziale Sicherheit und gesellschaftlich weniger Umverteilung «nach unten» zur Folge.
Das hier vorliegende Buch besteht, gegliedert in acht Kapitel, gut zur Hälfte aus Kolumnen, die von 2015 bis 2019 in der Zeitschrift lunapark21 bzw. von 2020 bis 2023 dann in der Zeitschrift OXI. Wirtschaft anders denken erschienen sind. In diesen wurden neoliberale Behauptungen über Arbeit, Staat, Finanzen und Soziales unter die Lupe genommen. Verfasst wurden sie von den hauptamtlichen Gewerkschaftern Schreiner und Eicker-Wolf, die jahrelang zusammen auch den Blog Blickpunkt WiSo verantwortet haben. Die beiden wollten mit ihren Texten aufzeigen, weshalb diese Behauptungen falsch sind oder in die Irre führen; wem sie schaden und wem sie nutzen und auch, welche Denkmuster und Annahmen hinter ihnen stehen. Es lohnt sich, gegen derlei Behauptungen und Feindbilder zu streiten. Und zwar auch und gerade dann, wenn sie im vermeintlich objektiven Gewand der Wissenschaft daherkommen. Die Dominanz des Neoliberalismus und des Kapitals ist, das haben die letzten Jahre gezeigt, angreifbar. Es ist möglich und nötig, neoliberale Märchen anzugreifen, wie sie in Bildern vom zu teuren Hängemattenstaat, von halsstarrigen Gewerkschaften oder von faulen Armen existieren.Read more
[CfP] Care in Bewegung; Jena 23./24. Mai 2024
Sarah Uhlmann (Uni Kassel) und Mike Laufenberg (Uni Jena) organisieren am 23./24. Mai 2024 den Workshop Care in Bewegung: Strategien, Organisierung und Kämpfe um soziale Reproduktion an der Uni Jena. Ziel des Workshops ist, die Verbindung von Care-Forschung, Social Reproduction Theory und sozialer Bewegungsforschung systematischer voranzubringen. Eine Publikation ist geplant. Die Deadline für die Einreichung von Beitragsvorschlägen ist der 1. Dezember 2023. Details im PDF des CfP Care in Bewegung_23-24. Mai 2024
Degrowth - CfA des Widerspruch (Zürich)
Die Schweizer Zeitschrift «Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik» sucht für Ihre Nr. 82 kürzere und längere Beiträge, Essays, Thesenartikel, Statistiken, Karten usw. (von 3000 bis max. 25'000 Zeichen) sowie Tagungsberichte und Rezensionen zum Thema «Degrowth». Vorschläge sind bitte bis 30. Oktober 2023 einzureichen. Alles weitere im sog. PDF_Aufrisspapier.
Linker Aufbruch über Prigozhin hinaus?
Während in den Medien die Folgen der Prigozhin-Affäre verhältnismäßig breit dargestellt werden, bleiben die Kriegsgegner*innen und die Linken weitgehend außer Betracht. Nun sind die spektakulären Seiten, wie etwa die Entlassung eines Generalmajors nach Kritik an der Armeeführung, attraktiver als Berichte über die Kleinarbeit von Gruppen, die unter ständig wachsendem Druck der Sicherheitsorgane stehen. Neben kleinräumigen (und oft kreativen) Protesten ist die Unterstützung von politisch Verfolgten, politischen Gefangenen, Wehrdienstverweigerern und Kriegsopfern ein wichtiges Feld der Tätigkeit der verschiedensten Antikriegsbewegungen. Die Auslandssektionen des Feministischen Widerstands organisieren alleine oder mit Partner*innen in ihren jeweiligen Gastländern Protestaktionen gegen den Krieg. Gleichzeitig wird versucht, abhängig von der politischen Verortung der jeweiligen Organisation, die Debatten zu grundsätzlichen Fragen alternativer bzw. linker Politik und Theorie weiter zu führen. In den letzten Wochen wurden z.B. die Auseinandersetzungen im Iran, in Israel und in Frankreich aufmerksam verfolgt.
Aus den damit verbundenen Debatten stechen ein Ereignis und eine Analyse hervor, die die Situation der russländischen Linken gut auf den Punkt zu bringen scheinen.Read more
Feministische Ökonomiekritik [CfP für Prokla 214]
Die feministische Diskussion rund um den Zusammenhang von Vergeschlechtlichung, Patriarchat und Kapitalismus hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschoben. Das lässt sich anhand des Zeitraums zwischen unserem 2014 erschienenen Heft zum Materialistischen Feminismus (Heft 174) und heute gut nachvollziehen: Noch vor knapp zehn Jahren diagnostizierten wir, dass sich antifeministische Strategien und Kämpfe verschärfen, gleichzeitig aber das gesellschaftstheoretische Handwerkszeug, das zu deren Analyse herangezogen wurde, vorwiegend von kulturalistischen, eher poststrukturalistisch gefärbten Zugangsweisen und liberalen Feminismen beeinflusst schien. Häufig, so wurde kritisiert, geriet der Zusammenhang von Geschlecht und kapitalistischer Produktionsweise aus dem Blick.
Wir finden heute eine andere Situation vor. Nicht erst im Kontext der Coronapandemie (siehe bereits PROKLA 197 zu Krisen der Reproduktion) wurde deutlich, dass die krisenhafte gesellschaftliche Ungleichverteilung der Reproduktions- und Care-Arbeit als integraler Bestandteil von gesellschaftlichen Krisendynamiken gelesen werden muss. Auf der theoretischen Ebene verbinden materialistisch-feministische Theorien eine Kritik an patriarchalen Strukturen und Geschlechterverhältnissen in der Regel mit einer spezifischen Analyse der mit ihnen vermittelten ökonomischen Verhältnisse und der Strukturlogik des Kapitals. Zuletzt sind etwa im Zuge der Debatten um soziale Reproduktion, Care und feministische Kapitalismuskritiken auch im deutschsprachigen Raum vermehrt Arbeiten in Anschluss an die Social Reproduction Theory entstanden, die wiederum zu postkolonialen, ökologischen und intersektionalen Zugängen produktive Bezüge herstellen.
Die PROKLA 214 will zur Klärung des Ökonomieverständnisses und der Ökonomiekritik innerhalb des feministischen Denkens beitragen: Was leisten sie, welche Leerstellen und welche Grenzen weisen sie auf?
Hier geht es zum ausführlichen Call for Papers für PROKLA 214 (1/2024). Frist für die Exposees ist der 7. August 2023.
Care ins Zentrum rücken [Rezension]
Das Buch gibt einen Überblick über die Vielzahl zivilgesellschaftlicher Care-Initiativen im deutschsprachigen Raum, an einigen davon sind die Herausgeberinnen selbst beteiligt. Die vorgestellten Initiativen sind in verschiedenen Feldern aktiv, in der Forschung, in der Politik, als Aktivist*innen oder Praktiker*innen, was sich häufig auch überschneidet. Gemeinsam ist ihnen das Anliegen, die Bedeutung von Care-Tätigkeiten aufzuzeigen, dazu gehört etwa auch die Erfassung der dafür verwendeten Zeit. Über 60 Prozent aller geleisteten Arbeitsstunden entfallen auf – bezahlte und unbezahlte – Carearbeit. Diese Tätigkeiten seien unerlässlich für die menschliche Existenz, trotzdem kämen sie in den herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften kaum vor und das gelte es zu ändern, worauf bereits der Titel des Buches hinweist. «Care-Arbeit für sich selbst, für andere und für die natürliche Mitwelt muss in die Mitte des ›Ganzen der Wirtschaft›.»
Der erste der drei Abschnitte des Buches handelt unter der Überschrift «Anfangen» von den Pionierinnen der Carebewegung. So feierte etwa das «Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften» im Vorjahr sein 30-jähriges Jubiläum. Auch Initiativen wie «Care Revolution», «Wirtschaft ist Care» oder das österreichische Netzwerk «fair sorgen! Wirtschaften fürs Leben» haben sich bereits etabliert.Read more
Grundrechte-Report 2023 erschienen
Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren erscheint der „Grundrechte-Report: Zur Lage der Bürger-und Menschenrechte in Deutschland“. Die 38 Einzelbeiträge im mittlerweile 27. Grundrechte-Report widmen sich aktuellen Gefährdungen der Grundrechte und zentraler Verfassungsprinzipien anhand konkreter Fälle des Jahres 2022 (Inhaltsverzeichnis). Der Report analysiert und kritisiert Entscheidungen von Parlamenten, Behörden und Gerichten, aber auch von Privatunternehmen.
Der Report erscheint im FISCHER Taschenbuch Verlag und ist ein gemeinsames Projekt von: Humanistische Union, vereinigt mit der Gustav Heinemann-Initiative • Bundesarbeitskreis Kritischer Juragruppen • Internationale Liga für Menschenrechte • Komitee für Grundrechte und Demokratie • Neue Richtervereinigung • PRO ASYL • Republikanischer Anwältinnen-und Anwälteverein • Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen • Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung • Gesellschaft für Freiheitsrechte.
Der "Grundrechte-Report 2023", der ab 24. Mai 2023 im Handel erhältlich ist, thematisiert verfassungsrechtlich relevante Fragen aus dem vergangenen Jahr. Hierzu gehören grundrechtliche Auswirkungen der Maßnahmen anlässlich des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine und die wachsende Armut in Deutschland. Darüber hinaus werden im Report tödliche Polizeigewalt, rassistische Polizeikontrollen und Grundrechtsverletzungen an geflüchteten Menschen thematisiert sowie Einschnitte in die informationelle Selbstbestimmung und Probleme in der deutschen Justiz besprochen.
Grundrechte-Report 2023 – Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland S. Fischer Verlag, Frankfurt/M., Juni 2023, ISBN 978-3-596-70882-6, 224 Seiten, 14.00 Euro.
Klimakrise und Weltuntergang - Call for Articles
Ein Call der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Berliner Debatte Initial, Berlin
Einsendeschluss: 20.05.2023
"Schwelle zum globalen Klimakollaps", "Kipppunkte erreicht", "letzte Generation" - die Warnungen werden drängender: Der Klimawandel stellt die Menschheit vor existentielle Fragen. Das Ende einer für Menschen bewohnbaren Welt ist nicht auszuschließen. Sind wir noch zu retten? Wie ernst ist die Lage? Sind die Untergangswarnungen lediglich Teil des medial vermittelten Kampfs um Aufmerksamkeit? - Und irgendwie geht es weiter, auch wenn wir noch nicht wissen, wie? Die Rede vom Weltuntergang ist nicht neu und jede Generation hat auf ihre Art ihre eigene Untergangs-erzählung. Sind solche Erzählungen vielleicht vor allem ein Symptom unserer mangelnden Phantasie, uns ein "Danach" historischer Umwälzungen vorzustellen? Oder ist die Situation jetzt doch ganz anders und der Wandel, der uns bevorsteht, unterscheidet sich fundamental von den Umbrüchen der letzten Jahrzehnte, Jahrhunderte, Jahrtausende? Weil diesmal tatsächlich die natürliche Existenzgrundlage der Menschheit global auf dem Spiel steht?
Unter dem Stichwort "Weltuntergang" wollen wir Untergangsszenarien und -ängste im Zeichen der Klimakrise analysieren. Es geht uns dabei einerseits um den Blick auf die existentiellen Probleme des Klimawandels und seiner Folgen, und andererseits um die Diskursmuster und -strategien zur Wahrnehmung und Bewältigung dieses Problems. Dies auch im historischen Vergleich mit früheren Warnungen vor der Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit. Read more
Rosa Luxemburg: der Krieg ist das Problem, nicht Sieg oder Niederlage
In der Vergangenheit wurde Rosa Luxemburg auch und teilweise vor allem wegen ihrer konsequenten Gegnerschaft zu Militarismus und Krieg gewürdigt. Im Umfeld ihres diesjährigen Geburtstages ist es bemerkenswert still um diese Seite ihres politischen Vermächtnisses geblieben. Nun mag dies daran liegen, dass auch diese Seite ihres Denkens und Handelns kaum an den Originalquellen studiert wird. Ihr diesjähriger Geburtstag soll deshalb als Anlass dienen, die Entwicklung ihrer Vorstellungen über das Verhältnis von Krieg, Kapitalismus und Frieden in Erinnerung zu rufen.
Rosa Luxemburg wirkte in einer Zeit, in der es zwar in Zentraleuropa ruhig war, aber in anderen Weltteilen, auch im Süden Europas, kriegerische Konflikte an der Tagesordnung waren. Die Ruhe im Verhältnis zwischen den Großmächten England, Frankreich, Deutschland und Russland war zwar nur eine scheinbare, aber immerhin blieb diese Region von unmittelbaren kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Vor diesem Hintergrund, der weiter unten noch zu charakterisieren ist, entwickelte Rosa Luxemburg eine Position zu Krieg und Frieden, die sich in folgenden sechs Prämissen zusammenfassen lässt.
- Krieg ist ein Kulturbruch, ein Ausdruck von Barbarei.
- Krieg ist ein Ausdruck der dem Imperialismus eigenen Widersprüche und als solcher nicht durch Abkommen und andere Formen der Diplomatie zu verhindern. Ein dauerhafter Frieden ist unter imperialistischen Verhältnissen nicht möglich, soweit ihn nicht das Proletariat erzwingt.
- Das erfordert aber eben ein handlungsfähiges Proletariat. Man muss einen Krieg konsequent aus den Interessen des Proletariats heraus beurteilen, nicht unter dem Gesichtspunkt nationaler Interessen, die im gegebenen imperialistischen Milieu(!) von vornherein die Klasseninteressen der Bourgeoisie darstellen.
- Man muss immer hinter die ideologischen Phrasen und die Propaganda schauen, wenn man eine seriöse Beurteilung entstehender Kriege vornehmen will. Dabei spielt die Analyse des Werdens der Widersprüche, die sich in einem Krieg entladen, eine zentrale Rolle. Phrasen, wie Vaterlandsverteidigung, Selbstbestimmungsrecht der Nation, Verteidigung der Demokratie usw. sind in einem imperialistischen Milieu immer ein Mantel imperialistischer Expansionsinteressen. Krieg bringt keine Demokratie, daher muss man sich der Scheinalternative Sieg oder Niederlage entziehen. Bei der Analyse von Kriegsursachen und der Bestimmung von Auswegen geht es um die „geschichtliche Erfassung des Ganzen und seiner Weltzusammenhänge.“[1] Wer sich einer Analyse der Kriegsursachen entzieht, arbeitet imperialistischen Tendenzen in die Hände.
- Die Aufgabe der Partei besteht darin, die Massen zu befähigen, ihre eigenen Interessen zu erkennen und damit sich ihr eigenes Handeln zu ermöglichen. Auch in Kriegszeiten ist nicht der Parteiapparat die entscheidende Instanz, sondern die Partei. Die „Parteiinstanzen“ sind nicht zuletzt durch ihre soziale Stellung und ihre Einbindung in das politische System keine unkritisierbare und schon überhaupt nicht unfehlbare Institution.
- Ihre grundsätzliche Position zu imperialistischen Kriegen formuliert sie in dieser Weise:
Es ist eben der Krieg als solcher und bei jedem militärischen Ausgang, der die denkbar größte Niederlage für das europäische Proletariat bedeutet, es ist die Niederkämpfen des Krieges … durch die internationale Kampfaktion des Proletariats, die den einzigen Sieg für die proletarische Sache bringen kann.[2]
Vor allem die Aussage, dass der Krieg als solcher das Problem ist, ist in der heutigen Linken nicht mehr unumstritten. Daher soll nun die Frage behandelt werden, wie Rosa Luxemburg eigentlich zu dieser weitreichenden und für die gegenwärtige Linke offensichtlich unerhörten Position kommt, dass Kriege kein Mittel von Politik sein können.Read more
Kasakow über die Linke in Russland
Zu Beginn des Ukraine-Krieges schien es, als ob eine starke Antikriegsbewegung entstehen könnte. Demonstrationen, Erklärungen und andere Formen des Widerstandes wurden von Linken und Neoliberalen gleichermaßen getragen. Die Idee gemeinsamen Handelns lag wenigstens zeitweise in der Luft. Derartige Versuche erschöpften sich freilich in den folgenden Monaten. Auch die Hoffnungen einiger Organisationen, dass es in Folge der Verschlechterung der Lebensbedingungen zu sozialen Protesten kommen würde, blieb bloße Hoffnung. Bisher ist es der Regierung gelungen, die soziale Stabilität trotz aller Turbulenzen durch Sanktionen, der Teilmobilmachung und wachsender Aufwendungen für den Krieg zu sichern. Seit April 2022 bedeutet Kampf gegen den Krieg zähe und gefährliche Kleinarbeit.
Ewgeniy Kasakow hat nun im Unrast-Verlag einen Band unter dem Titel „Spezialoperation und Frieden. Die russische Linke gegen den Krieg“ veröffentlicht. Er stellt einen Teil der Akteure des Widerstandes gegen den Krieg vor und macht eine Reihe von Quellen zu diesem Thema zugänglich.
Lohn für Hausarbeit. Chronik eines internationalen Frauenkampfs (1972–1977) [Rezension]
Rezension von Nadine Gerner
Mit «Lohn für Hausarbeit» gibt Friederike Beier die Übersetzung einer umfangreichen feministischen Forschungsarbeit von Louise Toupin heraus, welche nicht stimulierender für aktuelle feministische Debatten rund um Care Arbeit sein könnte. Die Chronik zeichnet nicht nur die Hochzeit der Kampagne um einen Lohn für Hausarbeit nach, sondern auch die internationale soziale Bewegung um eine damals wie heute radikale, feministische Forderung. Das Buch beleuchtet die Jahre 1972-1977 des Internationalen Feministischen Kollektivs (IFK), ein transnationales Netzwerk, das Bündnisse über Differenzen hinweg schmiedete. Mit der Allianzbildung der damaligen Frauenbewegung mit Schwarzen Frauen oder Lesben praktizierte und theoretisierte das IFK bereits das, was später dann unter Intersektionalität verstanden werden sollte.
Das erste Kapitel dient zur Einordnung in den historischen Kontext und die politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit. Besonders herausragend ist der Überblick über die Vordenker*innen der Hausarbeitsdebatte (z.B. Christine Delphy oder Margaret Benston). Das zweite Kapitel stellt die scheinbar materielle reformistische Forderung nach einem Lohn in den Mittelpunkt und begründet deren durchaus revolutionäres Potential mit Hilfe marxistischer Theorie. Kapitel drei widmet sich explizit dem IFK, welches von Padua aus, über England bis in die USA und nach Québec in Kanada florierte und so zu einem transnationalen Netzwerk bzw. einer »Keimzelle einer Fraueninternationale« (S. 150) heranwuchs. Read more
Wie Vergesellschaftung gelingt
Eine Rezension von Gisela Notz
Am 26. September 2021 stimmte eine Mehrheit der Berliner*innen in einem Volksentscheid für die Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer Immobilienkonzerne. Das ist ein klares Votum, das nun der Berliner Senat umzusetzen hat. Das Ergebnis von 59,1 Prozent Ja-Stimmen für den Vorschlag der Initiative Deutsche Wohnen & Co. enteignen war das Ergebnis von Wohnungsnot und Immobilienspekulation. Das unlängst erschienene Buch «Wie Vergesellschaftung gelingt – Zum Stand der Debatte» fragt: Ist Vergesellschaftung eine Alternative zum Marktradikalismus? Und wie kann sie gelingen? Darüber, dass die Vergesellschaftung verfassungskonform, machbar und legal ist, besteht kein Zweifel mehr. Sie ist auch eine Antwort auf die gegenwärtigen Versorgungskrisen.
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte: Warum vergesellschaften?, rechtlicher Rahmen und drittens Finanzierung von Vergesellschaftung. Es versammelt alle relevanten Beiträge der jüngeren Vergesellschaftungsdebatte. Die Initiative hat seit 2018 eigene Modelle zur Sozialisierung von Wohnraum entwickelt. Read more
GSW23: Immer noch nicht zurückgeschenkt!

Mein Beitrag zur großen Vergesellschaftungskonferenz sei eine kleine Geschichte aus dem Mieten- und Privatisierungswahnsinn. Ich verrate nicht zu viel: Sie hat kein gutes, aber ein utopisches Ende. Denn es waren einmal 23 Häuser in Berlin-Kreuzberg. Sie befanden sich (und befinden sich zum großen Teil bis zum heutigen Tage) im sog. Zeitungsviertel und in SO36. Auf einer Landkarte markierten die Bewohnerinnen und Bewohner die Standorte ihrer Häuser.
Um diese 23 Häuser trug sich einstmals, in anderen Zeiten, in einem anderen Jahrtausend, Unerhörtes zu: 1993 wurden sie verschenkt! Mit einer Schenkungsurkunde belegten die Fürsten der Stadt ihren Großmut und überantworteten der GSW, einer ihrer damals noch für treu gehaltenen kommunalen Haushälterinnen, das Eigentum an den Häusern und damit auch die Verantwortung für die Häuser und die darin lebenden Menschen. ((vgl. den GSW23-Blogbeitrag zum "Einbringungsvertrag" 1993)) Allein: Die GSW erwies sich als ebenso böse Zauberin wie alle anderen großen Haushälterinnen. Nicht nur kümmerte sie sich nicht um die Häuser und ihre Bewohner. Nein, sie bemühte sich nach Kräften, die Mieterinnen auszusagen, ihnen abzupressen, was abzupressen war und ihnen nichts zurückzugeben oder gar zugutekommen zu lassen. Doch reibungslos lief das nicht ab. Read more
Gewerkschafts-Newsletter
Liebe Kollegin, lieber Kollege,
mit unserem September-Newsletter wollen wir euch über die aktuelle Arbeit der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Themenfeld Gewerkschaften informieren. (Der Newsletter in Email-Form lässt sich hier bestellen.)
Mit solidarischen Grüßen,
Fanny Zeise, Fanni Stolz und Florian Wilde
PROKLA 207 ist erschienen
In Zeiten sich häufender und zuspitzender Krisen tun kritische Analysen Not, die über gesellschaftliche und geopolitische Kräfteverhältnisse informieren und ein im progressiven Sinne eingreifendes Handeln bewirken können. Die PROKLA würdigt mit dieser Ausgabe ein ehemaliges Redaktions- und heutiges Mitglied des Beirats, das sich seit Jahrzehnten um eine solche Praxis verdient macht: Alex Demirović, der am 17. Mai 2022 seinen 70. Geburtstag feierte. Die in einem starken Sinn demokratische und damit vernünftige Einrichtung von Gesellschaft ließe sich als sein politisches Leitmotiv bezeichnen.
Die Redaktion hat deshalb Freund*innen und Weggefährt*innen gebeten, Alex zu seinem 70. Geburtstag mit Beiträgen zu würdigen, die zentrale von ihm bearbeitete Themen aufgreifen, sich dabei auf seine Arbeiten beziehen, eine kritische Zeitdiagnose beinhalten und strategische Fragen der gesellschaftlichen und politischen Linken diskutieren.
Joachim Hirsch würdigt in seinem Beitrag, der frei zugänglich ist, das Engagement von Alex Demirović für die Kritische Theorie, die materialistische Staatstheorie und die sozialistische Utopie. Demirović hat durch seine Poulantzas-Rezeption wesentlich zur Rekonstruktion einer materialistischen Staatstheorie beigetragen. Neben der theoretischen Orientierung hat er sich für eine linkssozialistische Parteipolitik eingesetzt. Dabei hält er an der sozialistischen Vision einer freien und humanen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus fest.
Das Editorial zum Heft 207 «Der nonkonformistische Intellektuelle. Gesellschaftstheorie und sozialistische Strategie» und das Inhaltsverzeichnis finden sich hier online.








