Andreas Knie, Professor für Soziologie an der TU Berlin, hat einen fulminanten kleinen Band vorgelegt. Darin geht er der Frage nach, wie in Deutschland eine Automobilgesellschaft entstanden ist und wie sie bis heute durch die Politik am Leben erhalten wird. Dabei weist er nach, dass es die gesellschaftlichen Einstellungen sind, die neben den Rahmenbedingungen zum Erfolg des Autos beitragen. Knie lässt uns teilhaben an den Erkenntnissen seines Berufslebens als Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin und mit Praxiserfahrungen, die er als Geschäftsführer des mittlerweile aufgelösten Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) gesammelt hat.
Anschaulich wird am Beispiel einer Familie, deren Einstellung zu Auto und Mobilität seit dem Beginn der 1990er Jahre er schildert. In dieser Beschreibung wird deutlich, wie stark das Auto den Alltag einer typischen Familie prägt, die zunächst im Kreuzberger Kiez und dann an der Peripherie Berlins wohnt. Hier wird deutlich, dass Familie, Arbeit, Urlaub und Großeinkauf nur mit dem Auto funktionieren. Allerdings mit dem Effekt, dass immer mehr Verkehr und parkende Autos die Straßen verstopfen, was das Autofahren eigentlich unattraktiv macht.
Spannend zu lesen sind die Kapitel über das «Auto und die Nationalsozialisten» und das «Auto und die Massenmotorisierung», die zeigen, dass das Auto in Deutschland mit einer
Fülle von staatlichen Unterstützungsleistungen rechnen konnte.. Auch die NSDAP vernachlässigte die Reichsbahn zu Lasten des Aufbaus einer Infrastruktur für das Auto u.a. durch den Autobahnbau. Daran habe sich bis heute nichts verändert, denn die heutige Verkehrspolitik habe es laut Knie «noch nicht geschafft sich von den Bestrebungen der Nationalsozialisten zu lösen».
Aber der Verfasser stellt natürlich auch die Frage, was man daran ändern kann. Denn durch die große Anzahl an Fahrzeugen verliert das Auto allmählich seine eigentliche Funktion: Es wird unpraktisch und stellt zudem eine erhebliche Belastung für Mensch und Umwelt dar. Chancen für eine Verkehrswende sieht er vor allem in Lösungen, die von unten nach oben betrieben werden. Hierbei spielen die Kommunen eine große Rolle. So könnten die Parkgebühren und die Gebühren für das Bewohner*innenparken deutlich angehoben werden, um eine Vorfahrt für Fußgänger*innen und Radfahrer *innen in den Innenstädten zu gewährleisten. Chancen sieht Knie auch in der Kombination von verschiedenen Komponenten wie ÖPNV, Carsharing, Rad etc., die durch die Verbreitung von Smartphone und die Nutzung entsprechender Apps den Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft mit ihrer Tendenz zum Individualismus entgegenkommt.
Sehr gewinnbringend zu lesen ist nicht nur das letzte Kapitel unter dem Titel «Verkehrswende?», in dem die Umsetzung von Alternativen andiskutiert wird, sondern auch die Zusammenstellung von Quellen und Nachweisen, die ein kommentiertes Kompendium für Alle am Thema Interessierten darstellt.
Herbert Klemisch
Andreas Knie: Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los? Alexander Verlag, Berlin 2025, 196 Seiten, 20 Euro
