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Call for Papers: Plattformkapitalismus und die Krise der sozialen Reproduktion

Werbeplakat Helpling, CC BY 2.0 photoheuristic.info [1]

Wir laden zur Einsendung von Abstracts für den Sammelband „Plattformkapitalismus und die Krise der sozialen Reproduktion“ ein. Der Sammelband interessiert sich für den Aufstieg digitaler Plattformen im Kontext einer Transformation und Krise der sozialen Reproduktion. Auch wenn selten in diesem Kontext diskutiert, intervenieren Plattformen wie Helpling, Deliveroo, Care.com [2], Airbnb, Uber und viele weitere direkt oder indirekt in das Feld der sozialen Reproduktion. Dies betrifft verschiedene Bereiche wie Pflege, Ernährung oder Betreuung von Kindern ebenso wie die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung oder die gesamtgesellschaftliche Organisation sozialer Reproduktion. Das Buchprojekt versammelt vielfältige theoretische und empirische Beiträge, die unterschiedliche Perspektiven auf den Zusammenhang digitaler Plattformen und die Krise sozialer Reproduktion werfen.

Das Thema der sozialen Reproduktion bzw. von Care wird seit vielen Jahren von einem Krisendiskurs beherrscht. Nicht nur im Bereich der ‚privat‘ geleisteten Sorgeverantwortungen, auch entlang von transnationalen und globalen Verschiebungen von Care ebenso wie im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge kommt es aktuell zu Krisenerscheinungen. Zum einen nehmen finanzielle und zeitliche Ressourcen im ‚Privaten‘ ab. Zum anderen verschärfen sich aber auch die Bedingungen der (bezahlten) Sorge durch eine Aushöhlung öffentlicher Daseinsvorsorge sowie ihren markteffizienten Umbau, zunehmende Privatisierungen, Wettbewerb und Profitstreben. Der Versuch, die entstehenden Lücken zu kompensieren oder zu delegieren, führt wiederum zu (subjektiven) Erschöpfungen, Burnout, Frust oder Überlastungen, aber auch zu strukturellen Lücken, Mängeln oder einem Verlust an Qualität der Versorgung. ‚Krise‘ meint folglich eine Gefährdung reproduktiver Ressourcen der Subjekte auf der einen sowie einen Mangel der Versorgung auf der anderen Seite. Zwischen dieser multidimensionalen Krise der sozialen Reproduktion und dem Aufstieg digitaler Plattformen lässt sich ein Zusammenhang vermuten.

Der Begriff des Plattformkapitalismus (Srnicek) verweist auf den Aufstieg einer spezifischen, im Detail jedoch sehr heterogenen Unternehmensform. Plattformen beschreiben sich selbst meist als datengetriebene Intermediäre, die den Austausch (von Dienstleistungen, Waren, Wohnungen, Fotos) zwischen verschiedenen Akteuren ermöglichen. Praktisch zeigt sich, dass Plattformen selten reine Vermittlungsakteure sind, sondern die auf ihnen stattfindenden Transaktionen stark strukturieren und kontrollieren, als Unternehmen nach Marktdominanz streben und oft als verdeckte Arbeitgeber*innen agieren. Dieses Modell der Plattformarbeit in der sogenannten „Gig Economy“ basiert meist auf der Vergabe kurzfristiger Arbeit an scheinbar selbstständige Arbeiter*innen und ist aufgrund der Aushöhlung von Arbeitsstandards und Prekarität rechtlich umkämpft und politisch umstritten.

Der Abbau staatlicher Leistungen im Bereich der sozialen Reproduktion bei gleichzeitig geringen Zeitressourcen im „Privaten“ wird von ebensolchen Plattformen und anderen Unternehmen als Lücke identifiziert, die ein profitables Geschäftsfeld versprechen. Zugleich reißt auch die Vermarktlichung von Care neue Lücken auf, die letztlich durch prekäre, schlecht bezahlte oder unbezahlte Arbeit sowie überproportional von Frauen* kompensiert werden. Digitale Plattformen spielen in beiden Bewegungen eine Rolle: Einerseits bieten sie flexible Reproduktionsarbeit für die Erschöpften an. Plattformen wie helpling.com [3] und care.com [4] etwa vermitteln Haushalts-, Pflege- und Betreuungsdienstleistungen und intervenieren damit in zentrale Bereiche der sozialen Reproduktion. Sie verschieben Sorgearbeit aus dem ‚privaten‘ Bereich familiärer Zuständigkeit heraus. Gleichzeitig aber wird diese zu einer bezahlten Dienstleistung nur für diejenigen, die es sich leisten können.

Anderseits müssen alle anderen, die sich diese Dienstleistungen nicht leisten können, nach neuen flexiblen Kombinationsmöglichkeiten von Lohnarbeit und unbezahlter Sorgearbeit suchen. Auch in diesem Kontext spielt die Gig Economy eine Rolle, und zwar durch andere Plattform-Typen, die einen eher verdeckten Einfluss auf die Reorganisation der sozialen Reproduktion und der ihr innewohnenden vergeschlechtlichten Arbeitsteilung ausüben: So zum Beispiel Crowdwork-Plattformen, die digitale Arbeit an Menschen vor ihren heimischen Computern vermitteln. Eine neue Form der digitalen Heimarbeit, die insbesondere Menschen entgegenkommt, die zum Beispiel aufgrund von Pflegearbeit an ihr Zuhause gebunden sind. Viele Crowdworker verbinden ihre Plattformarbeit mit Sorgetätigkeiten und versuchen, zusätzliches Einkommen für sich selbst oder ihren Haushalt zu erwirtschaften – darunter nicht überraschend auch zahlreiche Frauen*. Crowdwork gewinnt also insbesondere in solchen Kontexten an Bedeutung, in denen ohnehin kein oder ein mangelhaftes öffentliches Gesundheits- oder Rentensystem existiert; wo der Abbau öffentlich finanzierter sozialer Infrastrukturen, die Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge und die Externalisierung von Sorgearbeit zunehmen – und präsentiert sich hier als ideale Lösung [5].

Dies sind nur einige Beispiele eines multidimensionalen Verhältnisses zwischen neuen Formen digital vermittelter und organisierter Arbeit und der Krise sozialer Reproduktion. Der geplante Sammelband versucht sich an einer ersten Vermessung dieses Verhältnisses. Darin interessieren uns Beiträge, welche die Krise der sozialen Reproduktion, aber auch den Begriff des Plattformkapitalismus sowohl in ihren theoretischen als auch ihren empirischen Dimensionen in den Blick nehmen. Explizit interessiert sind wir dabei an empirischen Fallstudien aus verschiedenen Sektoren und Lokalitäten. Widerstand, Arbeitskonflikte und alternative Plattformenentwürfe, die mit Blick auf Aspekte sozialer Reproduktion beleuchtet werden sind ebenfalls herzlich willkommen.

Uns interessieren dabei u.a. folgende Fragen:

  • Was verstehen wir unter sozialer Reproduktion? Ist damit „Sorgearbeit“ im engeren Sinne gemeint oder beispielsweise auch Reinigung oder Nahrungsmittelversorgung?
  • Wie wird soziale Reproduktion gegenwärtig gesellschaftlich organisiert, warum und wo entstehen hier Widersprüche?
  • Wie definieren wir die „Krise“ der sozialen Reproduktion? Wie lässt sich unterscheiden zwischen einer gegenwärtigen Krisenphase und der generellen Krisenhaftigkeit von Reproduktion im Kapitalismus?
  • Was lässt sich aus der Perspektive der sozialen Reproduktion über den Aufstieg digitaler Plattformen lernen? Und was sagen uns umgekehrt diese Plattformen über die Krise der sozialen Reproduktion und ihre verschiedenen Bearbeitungsformen?
  • Welche Tendenzen der Vermarktlichung und (Re-)Privatisierung sozialer Reproduktion gibt es gegenwärtig? Wie stehen diese im Zusammenhang mit dem Aufstieg digitaler Plattformen?
  • Inwiefern knüpfen die Geschäftsmodelle verschiedener Plattformen an die Krise der sozialen Reproduktion an?
  • Wie organisieren Plattformen Reproduktionsarbeit? Wie können aber auch Subjektivierungsprozesse analysiert werden, die mit neuen Formen prekärer Arbeit oder auch ‚Sorge‘ einhergehen?
  • Wie gelingt es Plattformen, hier Subjektivierungsstrategien zu entwickeln, die ihre Angebote flexibler, teils niedrig entlohnter und unsicherer Arbeit attraktiv erscheinen lassen?
  • Wie organisieren Plattformarbeiter*innen ihre eigene Reproduktion? Wie lässt sich das Zusammenspiel von Plattformarbeit und Reproduktion konzeptionalisieren?
  • Welche (neuen) Formen von Arbeitskämpfen und Widerstand entstehen im Plattformkapitalismus?
  • Was sind die Bedingungen für erfolgreiche Gegenentwürfe zur kommerziellen Nutzung von Plattformen?

Herausgeber*innen: Moritz Altenried, Stefania Animento, Julia Dück, Mira Wallis

Die Herausgeber*innen laden zur Einsendung von Exposés von 1-2 Seiten bis zum 20. April 2020 ein. Die fertigen Artikel sollen bis zum 31. August 2020 vorliegen und einen Umfang von 45.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen, Fußnoten und Literaturverzeichnis) nicht überschreiten. Zusendung bitte als word- oder odt-Datei mit Angabe des Autor*innennamens an:

Moritz Altenried: moritz.altenried@leuphana.de [6]

Stefania Animento: stefania.animento@leuphana.de [7]

Julia Dück: julia.dueck@rosalux.org [8]

Mira Wallis: mira.wallis@leuphana.de [9]