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Im ersten Band der Buchreihe «Bibliothek der Alternativen» diskutieren Sozialwissenschaftler*innen die von dem Jenaer Soziologen Klaus Dörre unter dem Etikett «Neosozialismus» vorgelegten Thesen zur Reaktivierung der Sozialismusdebatte.
Zentral ist die Frage, welche Begrifflichkeit sich eignet, um Alternativen zum Kapitalismus zu beschreiben. Die Autor*innen sind sich weitgehend einig, dass die kapitalistischen Wachstumsökonomien überwunden werden müssen, da sie sich in einer ökonomisch-ökologischen Zangenkrise befinden. Der Weg dorthin führt in eine Postwachstumsgesellschaft. Allerdings ist der Begriff, folgt man Dörre, ungeeignet, um als Orientierung für eine bessere Gesellschaft zu dienen.
Im ersten Teil des Sammelbandes wird das Für und Wider einer Erneuerung des Sozialismus diskutiert. Der zweite Teil des Buches befasst sich mit konkreten Ansätzen und Strategien für einen gesellschaftlichen Wandel. Er bezieht sich vor allem auf den marxistischen amerikanischen Soziologen Erik Olin Wright, dem dieser Band auch posthum gewidmet ist. Wrights Ansatz realer Utopien ist es, in den Nischen und Rissen der herrschenden Produktionsweise nach alternativen Projekten und Praktiken zur Transformation der Gesellschaft zu suchen. Dörre selbst formuliert fünf Kernprojekte der gesellschaftlichen Transformation. Er fordert: Eine gesellschaftliche Regulationsweise, die ökologische und soziale Zerstörung und deren Folgekosten sichtbar macht, zweitens eine Politik der Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Menschen durch demokratisches Teilen und Umverteilen, eine radikale Demokratisierung der Wirtschaft, viertens die Entwicklung von kollektiven Eigentumsformen, die Beschäftigte zu Miteigentümern machen – dies zumindest in den strategischen Schlüsselsektoren wie z.B. Energie oder digitale Technologien – und fünftens politisch eine handlungsfähige sozialistische Linke in Europa.
Aus dem globalisierungskritischen Spektrum kommt dazu die Kritik einer eurozentristischen Sichtweise. Von Ulrich Brand und Kristine Schickert wird der «Neosozialismus» mit einem Plädoyer für den auch nicht ganz neuen «Ökosozialismus» gekontert. Einigkeit besteht zumindest unter den Kritikern des Ansatzes von Dörre, dass Sozialismus sich nicht als identitätsstiftender Sammelbegriff für die Projekte eignet, die aktuell im Anschluss an Wright als «Reale Utopien» oder «Halbinseln im Strom»
diskutiert werden. Benannt werden die gesellschaftlichen «Versorgungsfelder» wie Wohnen, Mobilität oder Kommunikation mit Initiativen und Vorschlägen wie Energiedemokratie, Recht auf Stadt,
soziale Mobilität und Ernährungssouveränität als gesellschaftliche Leitbilder. Für diese Zukunftskonzepte gibt der Sozialismusbegriff nur bedingt eine verbindende Perspektive.

Herbert Klemisch

Klaus Dörre, Christine Schickert (Hrsg.): Neosozialismus – Solidarität, Demokratie und Ökologie vs. Kapitalismus; oekom Verlag, München 2019, 215 Seiten, 22 Euro

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