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Das Land wird immer mehr zum Sehnsuchtsort, gerade für gestresste Kreative und andere Selbst-Unternehmer*innen aus den immer teurer werdenden Großstädten. Die vier Autor*innen dieses klugen Buches dokumentieren und reflektieren zum einen diese Debatte zwischen Ziegenherde und digitalem Start-up; und beschreiben zum anderen zehn reale Projekte im Berliner Umland. Sie verbinden so «Theorie» und «Praxis» auf die angenehmste Weise.

Den Großteil des Buches nehmen Reflektionen zur Enzwicklung «des Landes» und der Bilder von ihm ein, kontrastiert und ergänzt mit einigen statistischen Daten. Heutige wie historische Motive der Landsehnsucht, ebenso wie die besondere Geschichte des ostdeutschen ländlichen Raumes, hier: Brandenburg, lassen ein umfangreiches Bild der gegenwärtigen Situation entstehen, welches das lange Zeit dominante Bild der abgehängten (und konservativen) Provinz relativiert. Es gäbe sie noch, so die Autor*innen, die Freiräume für alternative und solidarische Lebens- und Arbeitsentwürfe. Sie böten Raum und Möglichkeiten für die auch von Teilen der lokalen Verwaltungen begrüßten Impulsgeber*innen für veränderte Lebensstile und Hoffnungsträger einer neuen Dorfentwicklung.

Die Autor*innen beschreiben aber auch die Motive der Städter*innen und zum Beispiel die verschiedenen Misch-Stufen bzw. -Formen des Stadt-Land-Wohnens: Landlustige, Ausschwärmer, Sinnsucher, Wochenendpendler, Dauergäste, Multilokalisten, Tagespendler, Aussteiger, Nomaden. In zwölf Glossareinträgen werden weiter auf jeweils einer Seite für die Debatte wichtige Begriffe erklärt, von Beschleunigung über Wachstum bis zu Ernährung und Gemeinschaft. Die vorgestellten Landprojekte und Gemeinschaften umfassen ein weites Spektrum. Dieses reicht vom 1000 Hektar Bio-Bauernhof bis zum fragilen Wohnprojekt mit einem hohen Anteil an Wochenendpendler*innen. Sie alle werden nach einem ähnlichen Raster in ihrer Geschichte, ihrem Selbstverständnis, ihrer inneren Verfasstheit und ihrer Eingebundenheit in soziale und dörfliche Netzwerke vorgestellt.

Nur am Rande angesprochen wird die Gefahr einer durch die Raumpionier*innen ausgelösten Gentrifizierung auf dem Lande, etwa durch steigende Grundstückspreise. Hier hätte man sich noch etwas mehr Informationen gewünscht. Dass auch die meisten Dörfer, grade im Umland der Städte heute «urbanisiert» sind, ist den Autor*innen bewusst und auch der Umstand, dass auf dem Dorf nicht vorhandenes schnelles Internet für viele die Bedingung für die Gründung einer wirtschaftlichen Existenz ist.

Das ansprechend mit sehr schönen Fotografien gestaltete Buch lädt sowohl Planer*innen als auch (potentielle) Land-Pioniere und Pionierinnen und alle interessierten Leser*innen ein, sich ein neues, fundiertes Bild vom «Land» zu machen, jede und jeder wird neues erfahren. Ein nützlicher Serviceteil mit Literatur und Adressen rundet den interessanten und lesenswerten Band ab.

Bernd Hüttner

Mathias Burke, Eleonore Harmel, Leon Jank, Sabeth Kerkhoff: Ländliche Verheißung. Arbeits- und Lebensprojekte rund um Berlin; Ruby Press, Berlin 2019, 276 Seiten, 19,90 EUR

Copyright Illustration: Fotografie von Bernd Hüttner, 2018
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