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Folgender Text aus “den Reihen des IfG” lädt seit kurzem zur Mitwirkung an einem neuen Projekt ein:

 „’Schulden’, ‘Landnahme’ und ‘Eigentum’ – die mit diesen Begriffen verbundenen Kämpfe und Debatten werden angesichts globaler Finanz- und Wirtschaftskrise, der Ernährungs-, Klima/Umweltkrisen, der Energie- und Ressourcenkrisen erbittert weiter und auch neu geführt.

Eine praktisch-politische Frage ist, ob mit einer Debatte zu dieser Trias neue Akteurs- bzw. Kräftekonstellationen gegen die global Herrschenden und Hauptverursacher der Krisen befördert werden können. Die mit ihr verknüpfte wissenschaftliche Frage ist, inwiefern bzw. welche neuen Einsichten zur modernen kapitalistischen Produktionsweise und für die Arbeit an Strategien zu sozialökologischer Transformation gewonnen werden können. Damit sind

Wirtschaftswissenschaftler/innen – auch und insbesondere jene, die sich nachhaltiger Entwicklung und/oder dem Erbe Marxscher politischer Ökonomie kritisch verbunden sehen – besonders gefordert.

„Schulden“, „Landnahme“ und „Eigentum“ sind unterschiedlich interpretierte und interpretierbare Begriffe, nicht zuletzt ökonomische Kategorien. Über die Jahrtausende hinweg waren, sind in unserer jüngsten Gegenwart und werden in weiter Zukunft mit ihnen dramatische individuelle, kollektive, gesellschaftliche und globale Probleme verknüpft sein. Vertreibungen, Kriege, Mord, unermessliche Leiden, ungeheurer Reichtum in wenigen Händen, familiäre, gesellschaftliche und globale Spaltungen, Kolonialismus und moderner Neokolonialismus in vielfältigen Formen, Unterdrückung indigener Kulturen und traditioneller Lebensweisen, Zerstörung von Natur … – die Aufzählung ist endlos … Endlos ist auch die Aufzählung der Kämpfe, Aufstände, Revolutionen, Taten von Entrechteten, Aktionen von Menschen, die sich gegen mit „Schulden“, „Landnahme“ und „Eigentum“ verbundenes Unrecht gewehrt haben und wehren – die Freiheit, Emanzipation, Gerechtigkeit, Anerkennung ihrer Werte, Gleichheit und Solidarität als Werte und Ideale ausprägten und um menschliche Würde ringen.

Damit sind Begriffe aus Religionen, geistigen, kulturellen und politischen Strömungen verknüpft, darunter „Kommunismus“, „Sozialismus“, „Unabhängigkeit“, „Anti-Kolonialismus“, „links“, „Globalisierungskritik“, „Alterglobalismus“ …

Vielfältig und zahlreich sind die sich auf „Schulden“, „Landnahme“ und „Eigentum“ beziehenden Losungen, unter denen in der Vergangenheit und heute Menschen zusammengekommen sind bzw. zusammenkommen, um für ein selbstbestimmtes Leben, für die Zukunft ihrer Kinder und für lebenswerte gesellschaftliche Zukünfte  zu streiten. „Jubilee 2000“, „Schulden des Nordens gegenüber dem Süden“, „Ökologische Schulden“, „Umweltgerechtigkeit“, „Reparationen zahlen“, „Schuldenaudit“, „Gemeingüter“, „Anti-Privatisierung“ ,„Wiederaneignen“, „die Natur gehört allen“, „Landgrabbing stoppen“, „Bürgerentscheide“ gegen Privatisierung oder für Rekommunalisierung, „Eure Sparprogramme könnt Ihr euch sparen“, „Wir zahlen nicht für Eure Krisen“ … sind nur einige Beispiele.

Mit den Diskussionen zu „Rio+20“, Green Growth bzw. Wachstum treten erneut drei Aspekte der Problematik zu Tage: Bei der Armutsbekämpfung und im Ringen um den Erhalt der natürlichen Lebensbedingungen geht es um Land für Lebensmittel, Biokraftstoffe und den Erwerb von Verschmutzungsrechten; um die Möglichkeiten und Grenzen von Technologien zur Lösung sozialer, ökologischer und globaler Probleme; um die Tragfähigkeit des „ökonomischen Kalküls“ und seiner Folgen wie zerstörerisches Wachstum, noch forciert mit Verweis auf notwendigen Schuldenabbau und neue Staatskredite für angeblich notwendige Großprojekte wie Staudämme, Prestigebauten, Objekte für mehr „Sicherheit“. Zugleich geht es um Finanzialisierung und die Reproduktion von Kapitaloligarchien – besonderen Netzwerken von Eigentümern und Repräsentanten hochkonzentrierten und in den Metropolen zentralisierten Kapitals – von Managern, politischen, militärischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Eliten des Nordens und ihrer Ableger im Süden – die sich mittels der Finanzmärkte unentwegt Einkommen und Ressourcen breiter Teile der Bevölkerung aneignen. Diese Prozesse stehen nicht nebeneinander. Sie stützen und verstärken einander, gehören zur gesellschaftlichen Reproduktionsweise.

Uns interessieren insbesondere zwei Fragen:

1)      Inwiefern und wie Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler, die mehr oder weniger unmittelbar zu „Schulden“, „Landnahme“ und „Eigentum“ arbeiten, gezielt solidarische emanzipative Bewegungen, die mit diesen Problemkreisen verbundenen gesellschaftlichen Konflikten erwachsen sind, unterstützen und ihre dabei gewonnenen Erfahrungen reflektieren (können). Wir fragen konkreter was dies für die in der Europäischen Union an linker/sozialistischer Politik Arbeitenden bedeutet – sowohl in einer innereuropäischen Perspektive“ (die zwischen „Europäischer Union“ und „Europa“ unterscheidet) als auch gleichzeitig in einer globalen Perspektive. Schließlich sehen wir die europäischen Konzerne und Kapitaloligarchien, die EU, ihre Mitgliedsländer und hier Lebende zugleich als mit den Problemen „Schulden“, „Landnahme“, „Eigentum“ und „Wachstum“ konfrontiert und als Akteure, die – teils unbewusst, teils uninteressiert – weltweit soziale, ökologische und globale Probleme zuspitzen. Wo sind die Schnittpunkte der verschiedenen Krisenprozesse und wo bündeln sich die Interessen jener, deren Interessen verletzt werden? Unter welchen Bedingungen kann eine gegenseitige Bestärkung bzw. eine Verstärkung der verschiedenen sozialen (Abwehr)Kämpfe gelingen?

2)      Ob über einen gezielten offenen Austausch unter Wissenschaftler/innen in den weltweiten Bewegungen für Gerechtigkeit /Umweltgerechtigkeit neue Erkenntnisse, Diskussionen und/oder gar Kommunikations- und Kooperationszusammenhänge zustande kommen können; welche Konsequenzen das bzw. diese Einsichten für die Arbeit an gesellschaftlichen Alternativen und so auch für Methoden wissenschaftlicher Forschung haben. Welche Anforderungen stehen dabei sowohl vor den Wirtschaftswissenschaftler/innen als auch vor den (anderen) Sozialwissenschaftler/innen und jenen in den angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen? Inwieweit sind sie in der Lage, Argumentationen zivilgesellschaftlicher Akteure in ihrem „disziplinären Kanon“ angemessen zu bearbeiten, und was fehlt ggf., um dies zu können?

Wir möchten mit Interessierten in einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch treten und planen drei konkrete erste Höhepunkte: ein Expertengespräch zur Europäischen Union am 2.-4.11.2012, einen internationalen Workshop der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu Fragen der politischen und ökologischen Ökonomie am 30.11.-2.12.2012, eine gemeinsame Veranstaltung mit EJOs (Environmental Justice Organisations) und anderen am Thema Interessierten während des nächsten Weltsozialforums im November 2013.

Wir freuen uns auf Post:

Lutz Brangsch, Judith Dellheim, Joachim Spangenberg, Frieder Otto Wolf

Kontakt: dellheim@rosalux.de

 

 

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