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Per Ideenwettbewerb zur linken Hegemonie
Eine Rezension / Von Gottfried Oy

»Links« zu sein verwies früher einmal auf die parlamentarische Sitzordnung, war nahezu zweihundert Jahre fester Bestandteil politischer Auseinandersetzungen und scheint sich seit gut zwanzig Jahren in Beliebigkeit aufzulösen.
So oder so ähnlich klingt der Befund von Philosophen und Zeitdiagnostikern angesichts des Zerfalls klassischer politischer Strömungen. Das Erstaunen darüber, dass sich trotz Ende des Staatssozialismus und neoliberaler Wende heute mehr als die Hälfte der bundesrepublikanischen Bevölkerung politisch links verortet, veranlasste eine Forschergruppe aus Jena, Chemnitz und Berlin, sich der Thematik empirisch zu nähern: Was macht heute »Links sein« aus?
Ihre These ist, dass die heutige politische Kultur von einer Ambivalenz geprägt sei: Auf der einen Seite gebe es eine eindeutige kulturelle Hegemonie des Neoliberalismus und auf der anderen Seite sei eine deutliche »Persistenz linker Positionen und Denkmuster« (S. 10) zu beobachten. Ihr politisches Projekt geht auf die Hegemonietheorie Gramscis und den Versuch, kulturelle Hegemonie zu erlangen, zurück. Ihnen geht es darum, in einer Art Bestandsaufnahme zu klären, »was ‘linke’ Positionen kennzeichnet, wer sie vertritt und welche politischen Praxen hervorgebracht werden « (S. 11) – um sich auf Grundlage dieser Daten mit der Frage auseinanderzusetzen, wie ein solches Spektrum zu einer politischen Strömung gebündelt werden könnte. Sie knüpfen damit an die Debatte um die so genannte Mosaiklinke an.
Kartografierung der Linken
Hintergrund sind dabei drei empirische Einzelstudien, die in der vorliegenden Publikation zusammengeführt werden. An den qualitativen Gruppendiskussionen, Fokusgruppen- und Einzelinterviews sowie einer standardisierten Telefonumfrage nahmen nahezu 1.700 Befragte teil.
Da es keinen feststehenden Kanon gibt, wie politische Ausrichtungen gemessen werden könnten, stellt sich zunächst einmal die Frage nach der eindeutigen Bestimmung der Kategorie. Die Autoren der Studie verknüpfen in ihrer Definition die Selbsteinschätzung der Befragten mit ihrer Haltung zu den Parteien SPD, Linke und den Grünen und bestimmen so linksaffine, rechtsaffine und tendenzlose Bevölkerungsgruppen.
So kommen sie umhin, allein die Ausrichtung an Parteien noch die bloße Selbsteinschätzung der Befragten in den Mittelpunkt zu stellen.
Jenseits der Definitionsfragen geht es aber um weit mehr. Im Mittelpunkt stehen »lebensweltlich verankerte(r) politische(r) Praxen (…) in linksaffinen Milieuzusammenhängen « (S. 12) und wie diese in individuellen Biografien verankert sind. Kern der Studie ist somit eine »Kartografierung« (ebd.) des linksaffinem Spektrums. Dabei werden neun »exemplarische, linksaffine Alltagsmilieus« (ebd.) skizziert: Milieus, die durch Alter, Beruf, Arbeitslosigkeit oder politisches Engagement geprägt sind. Bei dieser Milieubildung sticht heraus, dass Migranten – untersucht wird eine Gruppe »beruflich integrierter Migranten« – als eigenes Milieu skizziert werden, ohne zu hinterfragen, dass damit die Reproduktion von staatsbürgerlichen Zuordnungen betrieben wird: Pass oder Herkunft allein ergeben nunmal kein »linksaffines Alltagsmilieu«. Schließlich spielen diese Kategorien in der Darstellung der anderen Milieus auch keine Rolle.
Einstellungen, Bezugnahmen, Orientierungen
In den Interviews wurden bestimmte Einstellungen, Bezugnahmen und Orientierungen abgefragt. Themen sind lebensweltliche Grundeinstellungen, die Bezugnahme auf den Kapitalismus oder die Einschätzung der Rolle der Wirtschaft in politischen Prozessen.
Die Bandbreite der Antworten ist dabei sehr groß, dennoch sehen die Autoren der Studie verbindende Elemente. Wie etwa beim Thema Erwerbsarbeit machen die Empiriker Positionen von einer deutlichen Erwerbsarbeitszentrierung bis zu radikaler Ablehnung aus. Dennoch sehen sie in der Gruppe der Linksaffinen ein gemeinsames Element: Arbeit habe für eine Mehrheit der Linken einen »über den reinen Gelderwerb hinausgehenden Zweck« (S. 82). Das wiederum sei Hinweis auf eine »immanente Sinnzuschreibung« (ebd.).
Eindeutig auch der Befund in Sachen Veränderungswillen: »Einerseits werden die wahrgenommenen Auswirkungen der ökonomischen Verwerfungen in den letzten Jahren kritisch bewertet, andererseits wird aber die kapitalistische Grundordnung allenfalls von einem Teil (noch) grundsätzlich in Frage gestellt « (S. 123). Als Stütze der Gesellschaft betätigt sich die Linke auch in ihrem bürgerschaftlichen Engagement: Niemand betätigt sich so intensiv zivilgesellschaftlich wie die sich als »links« verstehende Bevölkerungsgruppe. Nicht nachvollziehbar ist somit vor diesem Hintergrund die Schlussfolgerung, dass »die wirtschaftliche Ordnung« um Akzeptanz ringe, »weil sich nicht nur die Linksaffinen in kritischer Distanz [zu ihr; G.O.] verorten« (S. 134).
Eine Infragestellung der Verhältnisse findet sich auch bei der Bewertung des neoliberalen Sozialstaatsumbaus nur in homöopathischen Dosen, die Forscher sprechen davon, dass in die »Ränder des linksaffinen Spektrums« neoliberale Deutungsmuster eindringen würden, die die »Bewertung des Sozialstaats beeinflussen « (S. 185). Beispielhaft sei hier eine diskursive Orientierung an schlechteren Sozialsystemen: »Damit wird systematisch die Frage ausgeblendet, ob in Deutschland die Gestaltungsmöglichkeiten vor dem Hintergrund des vorhandenen gesellschaftlichen Reichtums tatsächlich ausgeschöpft sind« (S. 185f.). In Frage steht damit allerdings auch das Deutungsmuster der vorliegenden Studie: Muss nicht statt einer starren Konfrontation zwischen Neoliberalismus und linksaffinen Spektrum davon ausgegangen werden, dass auch ehemals linke Ideen den Neoliberalismus mitgeprägt haben? Dass die so genannten postmaterialistischen Werte des grünen Bürgertums genau das widerspiegeln?
Linke Familie
In ihrem Resumee betonen die Autoren der Studie, dass es trotz Abgrenzungsbemühungen durchaus »Familienähnlichkeiten « im linksaffinen Spektrum gebe, sie sprechen von der »Einheit in der Vielfalt« (S. 249). An feststehenden inhaltlichen Positionen benennen sie die sozioökonomische Perspektive in der Betrachtung von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die weiterhin Bestand hat. Insofern könne auch trotz der geringen Bereitschaft, die kapitalistische Grundordnung in Frage zu stellen, von einer Kapitalismuskritik gesprochen werden. Darüber hinaus werde auch die Verknüpfung von Arbeit und Würde, Solidarität als zentraler Wert, wie die Forderung nach einer materiellen Existenzsicherung Aller und einer angemessene Beteiligung am gesellschaftlichen Reichtum nicht aufgegeben. Es gebe allerdings über diese Punkte hinaus eine »Vielfalt an Einstellungen und Orientierungen«, eindimensionale Definitionsversuche müssten deshalb scheitern. Links sein sei ein »offenes, dynamisches Feld von Denk- und Praxismustern« (S. 251). Die Inhalte der Verortung »Links sein« sind somit, so die Forschergruppe, »doppelt fluide« (ebd.): weil sie sich im Laufe des Lebens ändern würden und weil es immer wieder neue politische Konstellationen in der Gesellschaft gebe.
Potenziale bündeln
Schließlich möchten die Verfasser der Studie mit ihren empirischen Befunden auch Politik machen. Im linken Spektrum sei ein großes Potenzial vorhanden, der »kulturellen Hegemonie« des Neoliberalismus etwas entgegenzusetzen: »Dieses Potenzial in Form von politischen Orientierungen und damit verknüpften Praxen gilt es zu einer gesellschaftlich-politischen Bewegung zu bündeln« (254). Ein »Ideenwettbewerb verschiedener linker Akteure« (256) soll dem linken Projekt neue Antriebskraft geben. Auch hier zeigt sich, wie unbedarft sie mit dem arg monolithisch konzipierten Neoliberalismus umgehen. Erst einmal müsste nachvollzogen werden, wie sich neoliberale Politikkonzepte als Amalgam aus liberalen Wirtschaftskonzepten und Forderungen sozialer Bewegungen, die sich beide in ihrem Antietatismus trafen, bilden konnten. Schließlich war der Neoliberalismus eine Antwort auf die Krise des Fordismus, und zu dieser Krise haben auch die sozialen Kämpfe der Sechziger und Siebziger beigetragen. In der trotzig ironischen Formel der italienischen Operaisten von der Revolution, die gesiegt habe, liegt mehr Wahrheit, als manch einer eingestehen möchte. Die erste rot-grüne Bundesregierung hat davon gezeugt, die kommenden grün-roten Regierungen werden die Verhältnisse weiter zuspitzen.

Matuschek, Ingo/ Krähnke, Uwe / Kleemann, Frank / Ernst, Frank 2011: Links sein: Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus (VS-Verlag, Wiesbaden 2011, 29,90 EUR)

Diese Rezension erschien in Contraste 327 (Dezember 2011) und Forschungsjournal Soziale Bewegungen 1/2012

Dr. Gottfried Oy lebt in Frankfurt/Main und hat mehrere Publikationen zur Geschichte sozialer Bewegungen veröffentlicht. Er ist ua. Mitglied des Gesprächskreises Geschichte der RLS.
Wir danken für die Erlaubnis zur Veröffentlichung auf mehring1.

Hinweis: Eine kürzere Fassung mit Ergebnissen des RLS-Projektes „Analysen zur politischen Meinungsbildung in Deutschland. Studien zu Zielgruppen linker Bildung“ liegt als Politische Praxen und Orientierungen in linksaffinen Alltagsmilieus (rls-paper, Herbst 2008) vor.

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