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Rezension: 10 Jahre ver.di

[1]Martin Kempe: 10 Jahre verdi – Die Chancengewerkschaft. Ein Essay; 113 Seiten, 9,90 EUR, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2011

Der 1943 geborene Martin Kempe [2] war Mitgründer und lange Jahre Redakteur bei der Tageszeitung taz [3] und danach von 2001 bis 2007 Redakteur von PUBLIK [4], der Mitgliederzeitung der Gewerkschaft ver.di. Im Oktober 2010 veröffentlichte er das Buch “Ermutigungen für den aufrechten Gang im Betrieb [5]“. In seinem neuen Buch reflektiert er anlässlich des 10-jährigen Jubiläums die Realität rund um die 2001 gegründete Gewerkschaft.
Die Zahlen sprechen für eine mindestens ausgewogene, wenn nicht ernüchternde Bilanz der seinerzeit mit viel Vorschusslorbeeren versehenen Fusion: 2001 hatte ver.di 2,7 Millionen Mitglieder, heute noch knapp 2,1 Millionen. Hatte ver.di anfangs über 5.000 Beschäftigte, sind es jetzt, bei einem Etats von 400 Millionen im Jahr 2007, noch 3.500. Ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Trends darf vermutet werden. Ver.di hat heute 13 Fachbereiche, von Medien über Sozialversicherungen bis zu Gesundheit und Wissenschaft. Ver.di beansprucht die Organisationshoheit über zwei Drittel aller lohnabhängig Beschäftigten in der Bundesrepublik, hat aber, so Kempe, in den Bereichen mit den höchsten Beschäftigtenzahlen, wie Handel oder Medien den niedrigsten Organisationsgrad. Dies gilt auch umgekehrt: Der Organisationsgrad ist in den Bereichen mit vergleichsweise wenigen Beschäftigten, wie z.B. Verkehr und Entsorgung am höchsten. Der durchschnittliche gewerkschaftliche Organisationsgrad im Zuständigkeitsbereich von ver.di beträgt knapp zehn Prozent. Die Hälfte der Mitglieder von ver.di sind Frauen.

Die organisationspolitische Klemme, in der ver.di steckt, rührt unter anderem daher, dass ver.di vor allem Beschäftigte organisieren will, die nicht in den Sektoren arbeiten, die vom Exportboom der deutschen Volkswirtschaft profitieren. Im Gegenteil: Ver.di und seine (potentiellen) Mitglieder sind überproportional von der allumfassenden Prekarisierung und sozialen Desintegration betroffen. Die sinkenden Einnahmen verstärken, so Kempe, den Druck auf die Gewerkschaft, ihre Strategie zu verändern: Die Zeit der Stellvertreterpolitik sei vorbei, die Mitglieder müssten nun selbst ihre Interessen vertreten und sich aktivieren (lernen). Kempe reflektiert auch politische Kampagnen von ver.di, so zum Mindestlohn, gegen Leiharbeit, oder zu Lidl und Schlecker. Immer wieder kommt er auf Aspekte der Organisationslogik zurück. So ist der wichtigste Indikator für Erfolg bei ver.di die Anzahl der neu eingetretenen Mitglieder. Dies ist vor dem Hintergrund der oben von Kempe beschriebenen finanziellen Schere verständlich. Gleichzeitig werde aber innerhalb der Organisation nicht genügend und gezielt in die Ansprache neuer Mitglieder investiert, würden strukturkonservativ viele weisse Flecken in ihrem Zustand belassen.

Kempes vom Gedanken des social movement unionism [6] inspirierter Essay ist ein Plädoyer für engagierte Gewerkschaften, die eine soziale Bewegung und nicht mehr nur in erster Linie ein Dienstleister für ihre Mitglieder sind. Denn das Dienstleisterselbstverständnis sei in einer Zeit, in der die Gegenseite die Sozialpartnerschaft eh aufgekündigt hat und sich soziokulturell vieles in der Gesellschaft verändert habe, überholt. Die einzige Multibranchengewerkschaft steht vor großen Herausforderungen und, so könnte nach der Lektüre spekuliert werden, muss sich vielleicht bald neu erfinden.