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Peter Streiff (Stuttgart) rezensiert das neue Buch von Frank Adler und Ulrich Schachtschneider

Die beiden Herausgeber benennen die »Crux mit der ewigen Wachstumsorientierung« als Auslöser für ihr Buch, das verschiedene alternative Wege zur immer tiefer werdenden sozialen Spaltung westlicher Gesellschaften aufzeigen will. Denn für viele Menschen hätten die Entwicklungen der letzten Jahre zu einem Dilemma geführt, in dem sie derzeit nur die zwei Möglichkeiten »ökonomisch Wachsen mit ökologischem Desaster« oder »Nicht-Wachsen mit völkischem Nationalismus« sehen würden.

Ihre Sammlung von dringend benötigten gesellschaftlichen Alternativen bezeichnen die Herausgeber Frank Adler und Ulrich Schachtschneider als »Postwachstumspolitiken«, wobei es ihnen um demokratische Übergänge zu einem Leben und Wirtschaften geht, »deren Qualität und Stabilität nicht vom permanenten ökonomischen Wachstum abhängen«. Dafür zeigen 30 AutorInnen in 22 Beiträgen unterschiedliche konzeptionelle Ansätze und thematische Schwerpunkte auf. Einige der Beiträge machen Strategien von unten wie Tauschläden oder Initiativen des Selbermachens zum Thema, andere haben den Anspruch, grundlegende Reformen des gesamten institutionellen Rahmens vorzuschlagen, um eine notwendige Transformation hin zu einer Postwachstumsökonomie in Gang zu setzen.

Diese Umwandlung und eine Chance auf Verbreiterung in der Gesellschaft könne aber laut Adler und Schachtschneider nur gelingen, wenn es eine wechselseitige Befruchtung von beiden Strategien, also »von treibender Mikro-Praxis und stützender Bewegungs- und Makropolitik« geben werde. Neben diesem wertvollen Ansatz überzeugen inhaltlich vor allem jene Beiträge, deren Nähe zur Degrowth-Bewegung unverkennbar ist und die für mehring1-LeserInnen viel Bekanntes beinhalten. Den formulierten Anspruch, »grundlegende Reformen vorzuschlagen«, lösen jedoch leider mehrere, eher theoretische Aufsätze kaum ein. Auch wenn bereits bekannte Konzepte wie das Grundeinkommen in neuem Licht erscheinen, wenn sie als »gastliches Umfeld für ein (Arbeits-)Leben jenseits des Produktivismus« benannt werden.

Vor allem der kompakt und anregend formulierte Ansatz des in Frankreich populären Konvivialismus sowie die Überlegungen zur »Wirtschaftsförderung 4.0«, die ein solides Geschäftsmodell mit sozialen Innovationen verknüpfen will, haben jedoch das Potenzial, für politische Debatten mit dem notwendigen Praxisbezug zu sorgen. Das Buch bietet, obwohl oft in wissenschaftlicher Sprache verfasst, eine lesenswerte Übersicht dadurch, dass die Beiträge ähnlich strukturiert sind und der Einstieg jeweils durch eine inhaltliche Zusammenfassung erleichtert wird.

Frank Adler/Ulrich Schachtschneider: Postwachstumspolitiken, Wege zur wachstumsunabhängigen Gesellschaft; 328 Seiten, oekom Verlag, München 2017, 328 Seiten, 24,95 Euro

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