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Es lebe die sozialistische Volksrepublik! (Foto: Karl Dietz Verlag Berlin)

Hinter Petrograd und anderen Zentren des Russischen Reiches liegt am 1. März (14. März) 1917 eine stürmische Woche: Am 23. Februar begann die Revolution mit Demonstrationen und Streiks, am 27. Februar findet die erste Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiterdeputierten statt. In diesen Tagen bildet sich zwischen ArbeiterInnen und Soldaten (damit mit den Bauern) eine neue politische Allianz. Arbeiter und Bauern, durch den Krieg als Soldaten Gleiche geworden, finden ihre gemeinsamen Interessen im gemeinsamen Handeln:

23.02.17: Demonstration und Streik in den Putilow-Werken mit 128 Tsd. TeilnehmerInnen, vor allem auch Frauen, die nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Internationalen Frauentag aktiv wurden. Unmittelbarer Auslöser war die Aussperrung von 40 Tsd. ArbeiterInnen durch die Unternehmensführung als Reaktion auf Streikversammlungen am Abend zuvor.

24.02.17: Es streiken mindestens 200 Tsd. Beschäftigte. Generalstreik.

25.02.17: Zusammenstöße mit der Polizei mit Toten und Verwundeten, Kosakenregimenter und Infanterieeinheiten laufen zur Revolution über.

26.02.17: Nachdem die Geheimpolizei Massenverhaftungen vorgenommen hatte, geht der Streik zum Aufstand über, Arbeiter bewaffnen sich und weitere Teile der Armee treten auf die Seite der Aufständischen, Kämpfe mit der Polizei.

27.02.17: Die Petersburger Garnison mit 60 Tsd. Soldaten schließt sich der Revolution an – damit hat der Zarismus seine Machtbasis verloren. Bildung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Vorsitzender wird der Menschewik Nikolos Tschcheidse.

Diese einfache Erzählung, wie sie sich etwa in der „Geschichte der KPdSU“ (vgl.Ponomarjow et al. 1978, 206f.), die über Jahrzehnte das Bild der Revolution in weiten Teilen der kommunistischen Bewegung prägte, präsentiert wurde, legt eine Folgerichtigkeit nahe, die es in Umbrüchen nicht gibt. Bis heute unübertroffen beschreibt Trotzki die Brisanz dieser Tage, auch wenn er nur Berichte aus zweiter Hand zur Grundlage hatte. Er selbst war noch in Nordamerika. „Der psychologische Moment des Überschwenkens der Soldaten auf die Seite der Revolution wird durch einen langen molekularen Prozess vorbereitet, der, wie alle Naturprozesse, einen kritischen Punkt hat… Ein Truppenteil kann für den Anschluss an das Volk völlig reif sein, aber von außen den Anstoß nicht erhalten… In ihrer Masse sind die Soldaten umso fähiger, die Bajonette zur Seite zu wenden oder mit ihnen zum Volk überzugehen, je mehr sie sich davon überzeugen, dass die Aufständischen sich wirklich erhoben haben; dass es nicht nur eine Demonstration ist, nach der man wieder in die Kaserne wird zurückkehren und Antwort stehen müssen; dass es ein Kampf auf Leben und Tod ist; dass das Volk zu siegen imstande ist, wenn man sich ihm anschließt…“ (Trotzki 2010 [1930], 107)

Diese gefundene Gemeinsamkeit, dieses gemeinsame Interesse stand nicht nur dem des zaristischen Apparates, sondern auch dem der bürgerlichen Opposition entgegen. Die bürgerliche Opposition existiert in diesen Tagen praktisch nicht, sie ringt in den Kabinetten um einen Ansatz, politisch wieder offensiv werden zu können.

Die Duma diskutiert…

23.02.17: Die Duma diskutiert die Lage der Arbeiter und verfaßt einen Antrag, der – mit den Worten Kerenskis – „unglücklicherweise“ zu spät kam. (vgl. Kerenski 1989, 211)

24.02.17: Die Duma setzt ihre Debatte fort…

25.02.17: Die Duma diskutiert ein Gesetz zur Reorganisation der Nahrunsmittelversorgung.

26.02.17: Der Zar hebt die Frühjahrssitzung der Duma auf.

27.02.17: Der Duma-Präsident schickt an den Zaren ein Telegramm, in dem er ihn zur Wiedereinberufung der Duma drängt. Auf einer inoffiziellen Sitzung konstituiert sich ein Provisorisches Komitee „mit uneingeschränkter Vollmacht“, an dem alle Duma-Parteien, außer den Rechtsextremisten, beteiligt waren. (Bolschewiki und andere Linke waren zu diesem Zeitpunkt nicht bzw. nicht mehr in der Duma vertreten.) Die alte Regierung soll verhaftet werden, was erst einmal scheitert.

02.03.17: Abdankung des Zaren, auch sein Bruder lehnt die Fortführung der Dynastie ab, und Bildung der Provisorischen Regierung.

Die Macht liegt „auf der Straße“

Als die ArbeiterInnen und Soldaten die Kruste des politischen Systems des Zarismus zerbrechen, kommt nicht etwa eine vitale bürgerliche Schicht, die initiativ die Macht ergreift, zum Vorschein, sondern ein ängstliches, im entscheidenden Moment der absoluten Schwäche des Zarismus immer noch obrigkeitshöriges Bürgertum. Dessen vornehmstes Ziel sind die Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung der Ordnung durch Reformen und die erfolgreiche Fortführung des Krieges. Wenn Stadelmann meint, dass das zögerliche Handeln der oppositionellen Duma-Abgeordneten und die mehrfachen Versuche, den Zaren zu Zugeständnissen zu bewegen aus „staatsrechtlichen Konstellationen“ (denn die Mehrheit dieser Abgeordneten sei schließlich juristisch gebildet gewesen) und aus der Überraschung über den Gang der Dinge zu erklären sei (vgl. Stadelmann 2016, 42), verdeckt das das tatsächliche Problem. Natürlich war die Entscheidung der Duma- Abgeordneten, die Regierung abzusetzen und aus den eigenen Reihen ein Provisorisches Komitee zu konstituieren, streng genommen ein Staatsstreich, wie Stadelmann zutreffend vermerkt. Aber das haben Revolutionen, auch bürgerliche, so an sich. Jedenfalls steht diese Entscheidung am Ende des Umsturzes, nicht am seinem Anfang. Sie gibt den neu geschaffenen Verhältnissen eine „staatsrechtliche“ Form, ohne noch auf die realen Machtverhältnisse Einfluss haben zu können. Wenn Kerenski meint, das Provisorische Komitee und damit die Duma „habe die Revolution ausgelöst [!], einfach weil die Zeit dafür reif war“ (Kerenski 1989, 221) widerspricht das schlichtweg dem Gang der Ereignisse.

Damit wird aber auch klar, wie eng der Februar und der Oktober zusammenhängen. Der Zarismus wurde im Namen scheinbar einfacher Forderungen – Frieden, Brot, Land, Demokratie – gestürzt; aber diese simplen Forderungen überforderten das russische Bürger- und Unternehmertum völlig. Das hat in Russland Tradition. Es ist wenigstens grob ungenau, wenn Behrends u.a. behaupten, im Jahre 1906 habe die liberale Opposition „eine Verfassung erzwungen“. (vgl. Behrends, Katzer, and Lindenberger 2017, 12) Sie wurde von den ArbeiterInnen und Bauern „zum Jagen getragen“.

Dieses Bürgertum verhielt sich nun 1917 nicht anders und vermied jeden radikalen Schnitt. Dass Russland für ein halbes Jahr das freiste Land der Welt gewesen sein dürfte, wurde ihnen wieder von den ArbeiterInnen und Bauern abgetrotzt. Wenigstens hier hat Kerenski annähernd recht, wenn er in seinen Memoiren schreibt, dass die Duma „ihre Fähigkeit, die Stimmung des ganzen Volkes zu reflektieren, eingeschränkt hatte“ und dies mit „einem exklusiven Wahlrecht der Oberklasse“ verbindet. (Kerenski 1989, 217f.)

Das bestätigt sich auch, wenn man die Äußerungen von Zeitzeugen verfolgt. Fedor Stepun, nach dem Februar in der Provisorischen Regierung als Propagandachef im Kriegsministerium tätig, charakterisiert sein Handeln und das seiner Schicht so: „Ich kann sie [seine politische Tätigkeit an der Front] nur bedingt als revolutionär bezeichnen, da ich von Anfang an bestrebt war, der sogenannten Vertiefung der Revolution entgegenzuarbeiten.“ (Stepun 1961 [1943], 268) Den Auftritt eines Duma-Abgeordneten an der Front charakterisiert er so: „Seine Erzählung [über die Ereignisse in Petrograd und die Abdankung des Zaren] verriet mehr Fügung in das revolutionäre Schicksal als den Schwung des Revolutionärs.“ Er setzt dann fort: „Bis jetzt kann ich nicht ohne Gewissensbisse an meine Frontreden zurückdenken, die ich häufig mit dem effektvollen Satz abschloß: ‚Petersburg hat uns die Freiheit gegeben, wir werden Rußland den Sieg erkämpfen!‘“ (Stepun 1961 [1943], 270f.) Im Jahr 1924 wird er rückblickend von einem „unverzeihlichen Revolutionsjubel“ schreiben. (vgl. Stepun 2004 [1924], 9) Ganz ähnlich betrachtet Nabukov die Proteste gegen die Fortführung des Krieges von April 1918 als das „abstoßende, wutverzerrte Gesicht der Anarchie“ dem er den „Triumph der Revolution“ entgegenstellt. (vgl.Nabokov 1992 [1918], 15)

Die Pole der Doppelherrschaft von Sowjets auf der einen und Provisorischer Regierung auf der anderen Seite sind damit beschrieben.

Der Durchbruch – Blick von „außen“

Für die Linken im Ausland war der Februar ein unwahrscheinliches und befreiendes Erlebnis. Victor Serge beschreibt die Wirkungen der Nachrichten aus Russland so:

„Mein nächster Artikel kommentierte den Sturz des Zarentums. So sehr erwartet, daß man schließlich kaum mehr dran glauben wollte, erschien endlich die Revolution. Das Unwahrscheinliche wurde Wirklichkeit. Wir lasen die Telegramme aus Rußland und fühlten uns verwandelt. Die Bilder, die sie uns übermittelten, waren einfach, konkret… Die Spanier, sogar die Arbeiter in meiner Werkstatt, die keine Aktiven waren, begriffen instinktiv die Tage von Petrograd, weil ihr Geist sie sofort auf Barcelona und Madrid übertrug… Der Horizont erhellte sich wirklich von Woche zu Woche… Der Kampfgeist nahm, zu… Drei Monate nach Verkündung der russischen Revolution begann das Comité Obrero (Arbeiterausschuß) den Generalstreik vorzubereiten, der gleichzeitig Aufstand werden sollte.“ (Serge 1967, 64f.)

 

Quellen und zum Weiterlesen

Behrends, Jan Claas, Nikolaus Katzer, und Thomas Lindenberger. 2017. „100 Jahre Roter Oktober. Versuche zur Historisierung der Russischen Revolution.“ In 100 Jahre Roter Oktober: Zur Weltgeschichte der Russischen Revolution, hrsg. von Jan Claas Behrends, Nikolaus Katzer und Thomas Lindenberger, 9-27. Berlin: Links Christoph Verlag.

Kerenski, Alexander. 1989. Die Kerenski-Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Nabokov, Vladimir D. 1992 [1918]. Petrograd 1917: der kurze Sommer der Revolution. Berlin: Rowohlt.

Ponomarjow, B.N., I.I. Minz, A.D. Pedossow, W.I. Popow, W.S. Saizew, L.A. Slepow, A.I. Sobolew, K.I. Suworow, B.S. Telpuchowski, und M.S. Wolin. 1978. Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Berlin: Dietz Verlag.

Serge, Victor. 1967. Beruf: Revolutionär. Erinnerungen 1901-1917-1941. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag.

Stadelmann, Matthias. 2016. „Der Fall der Monarchie.“ In 1917. Revolutionäres Russland, hrsg. von Helmut Altrichter, Jörg Baberowski, Winfried Dolderer, Guido Hausmann, Manfred Hildermeier, Dietmar Neutatz und Matthias Stadelmann, 35-50. Darmstadt: Theiss Verlag (WBG).

Stepun, Fedor. 1961 [1943]. Das Antlitz Rußlands und das Gesicht der Revolution. Aus meinem Leben. München: Kösel.

Stepun, Fedor. 2004 [1924]. „Das Problem der Demokratie in Rußland.“ In Fedor Stepun: Russische Demokratie als Projekt: Schriften im Exil 1924-1936, hrsg. von Christian Hufen, 7-54. Berlin: BasisDruck.

Trotzki, Leo. 2010 [1930]. Geschichte der Russischen Revolution: Februarrevolution. Bd. 1, Geschichte der russischen Revolution / Lev Davidovič Trockij. Essen: Mehring-Verlag.

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