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Am 23. Februar, also am 8.März 1917 nach heutiger Rechnung, kam es in Petrograd, der Hauptstadt des Russischen Imperiums zu Massenstreiks und –demonstrationen. Die Revolution hatte begonnen. Es waren zuerst vor allem von Arbeiterinnen, die gegen schlechte Versorgungslage und Lebensbedingungen protestierten. Am 27. Februar telegrafiert der Kriegsminster Beljajew: „Die Lage in Petrograd wird sehr ernst. Der militärische Aufruhr kann mit den wenigen Truppen, die ihrer Pflicht treu geblieben sind, nicht unterdrückt werden; im Gegenteil, viele Einheiten gehen allmählich zu den Rebellen über. Brandstiftungen haben begonnen, und es gibt keine Mittel, sie zu bekämpfen. Es ist unumgänglich, daß wirklich zuverlässige Truppen hierher geschickt werden, dazu in genügender Anzahl, um für gleichzeitige Aktionen in verschiedenen Stadtteilen zur Verfügung zu stehen.“ (Beljajew 1964 [1917]) Freilich – diese Truppen gab es kaum noch.

Nur eine Woche später, am 1. März (14. März) hatte die Revolution in den meisten wichtigen Städten gesiegt. Einen weiteren Tag später wurde die neue Provisorische Regierung unter Fürst G.J. Lwow gebildet. Der Zar dankte ab. Der Regierung gehörten Vertreter der „Konstitutionellen Demokraten“ (Kadetten), ein „Oktobrist“, ein Sozialist-Revolutionär (der frühere Trudowik Alexander Kerenski), ein „Zentrist“ und zwei Parteilose an. Es war also eine bürgerliche Regierung mit konservativem Einschlag. Geboren war sie, wie z.B. der rechte Duma-Abgeordnete V.V. Šul’gin in seinen Erinnerungen berichtet, nicht als Frucht strategischer Überlegungen, sondern völliger Ratlosigkeit angesichts der Massenbewegung. (vgl. Dimitriev and Ėmontova 1970, 516ff.)

Betrachtet man nur diese nüchternen Fakten erscheinen die Ereignisse des Februar eigentlich harmlos im Vergleich zu den im Oktober 1917 beginnenden Prozessen.

Nicht einfach Vorspiel der Oktoberrevolution

Stellt man aber die Vorgeschichte der bäuerlichen und proletarischen Kämpfe, das politische und kulturelle System des Zarismus sowie die wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten in Rechnung, wie wir sie in den früheren Beiträgen skizziert haben, ist der Februar der entscheidende Durch- und Aufbruch. Die Massen brachen mit alldem, was ihnen durch Intellektuelle zugeschrieben wurde und im Ausland (auch in der internationalen Sozialdemokratie) das Bild Russlands prägte: Langmut, Duldsamkeit, Konservatismus. „Entgegen den Vorstellungen der Ereignishistoriographie erweist sich nicht der „bolschewistische“ Oktober, sondern der „demokratische“ Februar als der kritische Punkt im Jahre 1917. Für die im paternalistischen Denken verhafteten Massen war die Tatsache des Sturzes der Macht von außerordentlicher Bedeutung und wichtiger als ihre Übernahme, einerlei durch welche Kraft… Außerdem stellte der Februar jenen realen Erfolg der Idee der „Gerechtigkeit“ in der sozialen Massenbewegung dar, die sofort, ohne Verzug, auf höchster Ebene heiligzusprechen war, und sei es in Form der Konstituierenden Versammlung.“ (Wolobujew und Buldakow 1997, 52)

Der Sachverhalt, dass keine Partei diese Entwicklung vorhergesehen hatte – bestenfalls wurde das Herannahen einer Katastrophe gefühlt – bestätigt die Bedeutung des Februar nur. Selbst bolschewistische AktivistInnen unter den ArbeiterInnen waren überrascht. Ein Zeitzeuge berichtet, dass er noch am Abend zuvor auf einer Versammlung mit Arbeiterinnen über die Bedeutung des 8. März, dem Kampftag für die Rechte der Frauen diskutiert habe und nichts darauf hindeutete, dass praktisch wenige Stunden später der Streik ausbrechen würde. (vgl. Dimitriev und Ėmontova 1970, 505ff.) Arbeiterinnen und Arbeiter, gemeinsam mit den Bauern im Soldatenrock, hatten die Zarenherrschaft selbst aus eigenem Wollen umgestoßen. Sie waren selbst ein Bündnis eingegangen, indem sich Soldaten an den Protesten beteiligten oder den Befehl, Proteste niederzuschlagen, verweigerten. Die Macht übernahm ein Bürgertum, das sich geduckt unter einem spätfeudalen Regime hatte entwickeln müssen und gleichzeitig mit diesem Regime vielfältig verquickt war. Soweit man von einer bürgerlich-demokratischen Opposition sprechen konnte war das weniger das Unternehmertum, sondern vor allem die Welt der Intellektuellen, auch wenn in den Parteien Unternehmer engagiert waren und das Kapital international verflochten war. Die Zeit eines modernen Unternehmertums, so jedenfalls Heller, sei wegen der spezifischen russischen Bedingungen vorbei gewesen, bevor sie richtig begonnen hatte. (vgl. Heller 2006, 17ff.) Damit war aber auch klar, dass früher oder später die Gegensätze zwischen Bürgertum und Massen eskalieren würden. Wer aber waren die Arbeiterinnen und Arbeiter, die trotz ihrer geringen Zahl in diesen Auseinandersetzungen die zentrale Rolle spielen werden?

Die „Arbeiterfrage“ in Russland (die auch schon eine Arbeiterinnenfrage war)

Die russische Arbeiterbewegung entwickelte sich spät. Martow, langjähriger Mitstreiter und Opponent Lenins und einer der führenden Menschewiki datiert die Trennung der „Arbeiterfrage“ von der „Bauernfrage“ auf die Zeit um 1885. (vgl. Martow 1973 [1926], 12) Eine Vorstellung von den Lebensverhältnissen und den Bedingungen der Politisierung dieser neuen Schicht gibt der Roman „Die Mutter“, den Maxim Gorki Anfang des 20. Jahrhunderts verfasste.

Vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit bereits deutlich zugespitzt. Die ökonomischen Forderungen nach menschenwürdiger Behandlung, nach dem Acht-Stunden-Tag und einer sozialeren Politik begannen, die politische Ordnung in Frage zu stellen. Allerdings war das gar nicht die Absicht der Masse der ProletarierInnen. Es war die blanke Not, die sie das politische System des Zarismus zum Einsturz bringen ließ. Allerdings eben eine Not, die mit einer Mischung von sozialistischen (bei den erfahreneren Arbeiterschichten) und bäuerlich-gleichmacherischen Emanzipationserwartungen verbunden war. Die in der Februarrevolution deutlich werdende Fähigkeit zur Selbstorganisation und selbstständigem Handeln wurde später vor allem auf der propagandistischen Ebene oft gegenüber dem scheinbar planvollen Handeln der Bolschewiki abgewertet, bestenfalls paternalistisch-wohlwollend gewürdigt. Wenn für diese Zeit von „unter Führung der Bolschewiki“ gesprochen wird, dann ist das als „unter Beteiligung bolschewistischer ArbeiterInnen“ zu lesen, nicht eines Apparates, wie es später oft verstanden wird. Auf der anderen Seite widerspricht diese Dynamik auch Vorstellungen, die Februarrevolution sei nichts weiter als eine Hungerrevolte gewesen, die dann durch eine wohlmeinende bürgerliche Regierung wieder hätte eingefangen werden können und müssen. Angesichts der inneren Widersprüche des russischen Systems und der durch den Krieg verstärkten Einbindung der russischen Gesellschaft in die globalen Auseinandersetzungen ergab sich eine völlig neue Konstellation voller Möglichkeiten, die sich ja dann in den Auseinandersetzungen der folgenden Monate zeigen sollten.

Politisch organisiert war nur ein kleiner Teil der Arbeiterschaft. Für die überwiegende Masse der ArbeiterInnen paarte sich der Heroismus des Umsturzes und das unbändige Streben nach Gerechtigkeit mit archaischen Einstellungen: Religiösität sowie eine enge Verbindung mit den bäuerlichen Wurzeln und den gleichmacherischen Werten der Dorfgemeinde hatten viel größeres Gewicht als die sozialistischen Vorstellungen der Bolschewiki und anderen Linken. Viele ArbeiterInnen – oder ihre Familien – verfügten über eigene Häuser und ein Stückchen Land. Das mussten sie auch nutzen, da im vorrevolutionären Russland nur 9,7 Prozent der Arbeiter durch ein Tageseinkommen von zwei Rubel und mehr ihre Familien ohne Defizit erhalten konnten. (vgl. Postnikov and Felʹdman 2009, 57) Die Verbindung zum Dorf war allgegenwärtig, zumal mit Fortdauer des Krieges die an die Front abgezogenen Arbeiter durch Frauen, Jugendliche und ehemalige Bauern ersetzt wurden – also ArbeiterInnen der ersten Generation. Dementsprechend hatten die Sozialisten-Revolutionäre, die sich ja ausdrücklich auf das Bäuerliche bezogen, auch unter den ProletarierInnen kaum weniger großes Gewicht als die Bolschewiki. Selbst im Ural, einem der Industriezentren, so das Ergebnis von Forschungsarbeiten, trug das Proletariat eher vorindustriellen Charakter. Industrialisierung und Klassenentwicklung fielen also, so eine weitere Schlussfolgerung, keinesfalls völlig zusammen. Insofern hat die Analyse der Entwicklungen des Jahres bis heute Bedeutung, um Prozesse in China, Vietnam, Indien und anderen Teilen der Welt zu verstehen.

„Auf die Frage, wer die Februarrevolution ganz Russlands »gemacht« habe, antwortete der Volkssozialist W. A. Mjakotin in Frühjahr 1917: Zweifel an der bedeutenden Rolle des Proletariats könnte es nicht geben, es habe die Erhebung begonnen, wie schon 1905, aber »diesen Kampf nicht allein geführt«. Erst als sich die Bauernschaft und die revolutionäre Intelligenz anschlossen, »erzitterte die Zarenmacht«. Im »letzten Moment« hätten dann auch »bürgerliche Schichten einen bescheidenen Anteil« genommen. Diese sozial breit gefächerte Umsturzbewegung sei demzufolge keine »proletarische« Revolution. Sie sei jedoch auch keine »rein bürgerliche« Revolution, »weil unsere Bourgeoisie« – allzu fest mit der Zarenmacht verbunden – »nicht fähig ist, sie zu vollbringen«. Gewiss habe die »russische werktätige Masse« selbst nicht die Reife, eine »völlig neue soziale Ordnung« zu errichten. Doch sie werde, so prognostizierte der Zeitzeuge, sich auch weiterhin keinesfalls mit der »Zuschauerrolle« begnügen. Diese Aussagen konkretisieren den abstrakten Begriff der »bürgerlich-demokratischen Revolution«. Sie machen deutlich, dass die Februarrevolution als ein Resultat von Massenbewegungen zu begreifen ist, deren Sprengkraft mit dem Sturz der altstaatlich-autoritären Macht keineswegs erschöpft war.“ (Bock 2007, 298)

Die politischen Einstellungen waren also unter den ArbeiterInnen sehr differenziert. Das bestätigen die hier angesprochenen Untersuchungen, die schon zu Zeiten der Sowjetunion durchgeführt, allerdings im Ausland, gerade in weiten Teilen der kommunistischen Bewegung, praktisch nicht zur Kenntnis genommen wurden. Letzteres beförderte die Vorstellung einer linearen Entwicklung, in der sich die Massen kraft welcher Umstände auch immer den Bolschewiki und nur den Bolschewiki annähern mussten. Der Suchprozess, der ablief, wurde unsichtbar und jegliche Aktion der Bolschewiki, auch die, die Lenin dann als Fehler bezeichnete, heilig gesprochen.

Wie es dazu kam, dass aus der skizzierten Gemengelage der Umsturz im Oktober zur Oktoberrevolution werden kann, wird an Hand der Ereignisse und Diskussionen zwischen Februar und Oktober 1917 nachzuzeichnen sein. Dem ist auch eine Veranstaltung am 17. und 18. März 2017 in der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewidmet: „Die russische Linke zwischen März und November 1917“

 

Quellen und zum Weiterlesen

Beljajew, M.A. 1964 [1917]. „Telegramm des Kriegsminsters an General Alexejew.“ In Die russische Revolution 1917. Von der Abdankung des Zaren bis zum Staatsstreich der Bolschewiki, hrsg. von Manfred Hellmann, 121. München: dtv.

Bock, Helmut. 2007. „Was tun? Russlands Februarrevolution und Lenins »April-Thesen«“ Utopie kreativ (Heft 198):297-308.

Dimitriev, S.S., und R.G. Ėmontova, (Hrsg.) 1970. Chestomatija po istorii SSSR 1861-1917 Moskva Prosveščenie.

Heller, Klaus. 2006. Geschichte des modernen Unternehmertums in Russland bis 1917. In Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas (www.vifaost.de/).

Martow, Julius. 1973 [1926]. Geschichte der russischen Sozialdemokratie. Erlangen.

Postnikov, Sergej Pavlovič, und Michail Arkadʹevič Felʹdman. 2009. Sociokulʹturnyj oblik promyšlennych rabočich Rossii v 1900 – 1941 gg, Ėkonomičeskaja istorija : Dokumenty, issledovanija, perevody. Moskva: ROSSPĖN.

Wolobujew, Pawel Wassiljewitsch, und Wladimir Prochorowitsch Buldakow. 1997. „Oktoberrevolution – neue Forschungszugänge.“ In Die Russische Revolution 1917. Wegweiser oder Sackgasse?, hrsg. von Wladislaw Hedeler, Horst Schützler und Sonja Striegnitz, 48-56. Berlin: Dietz Verlag.

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