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Die Entwicklung in der deutschen Sozialdemokratie gehört untrennbar zur Vorgeschichte der Revolutionen in Russland. Als wichtigste linke Partei der Vorkriegszeit hatte sie immer noch einen großen Einfluss auf die internationale Sozialdemokratie. Mit den Entwicklungen in Deutschland werden die Akteure der Revolutionen bis zum Anfang der 1920er Jahre hohe Erwartungen verknüpfen: es geht um die Unterstützung Sowjetrusslands durch eine Revolution in Deutschland.

Allgemein herrscht das durch die Burgfriedenspolitik der SPD-Führung geprägte Bild der Verhältnisse in Deutschland. Bereits seit Kriegsausbruch aber wurde die Opposition gegen diesen Kurs in der Arbeiterbewegung immer stärker. Am Beginn stand die kleine „Gruppe Internationale“ mit Rosa Luxemburg an der Spitze, der spätere Spartakus-Bund. Karl Liebknecht, dann auch Otto Rühle hatten mit ihrem Nein zu den Kriegskrediten ein wichtiges Zeichen gesetzt, dass die SPD-Führung mit Repressionen, Ausschluss aus Partei und Reichstagsfraktion beantwortete. Gleichzeitig begann sich ein geheimes Netz von betrieblichen Obleuten zu etablieren, das die Proteste der Arbeiter koordinieren wollte – das war die entscheidende Quelle der Rätebewegung in der deutschen Novemberrevolution. Sie waren es, die Mitte 1916 gegen die Position der SPD-Führung die Proteste im Zusammenhang mit der Verhaftung Karl Liebknechts bei einer Antikriegsdemonstration organisierten. Ihre Bedeutung wuchs dann schnell in dem Maße, in dem die Versorgungslage schlechter und der Druck auf die Beschäftigten größer wurde. Mit dem „Hindenburg-Programm“ und dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“ wurde das gesellschaftliche Leben weitgehend militarisiert. Deutschland sollte nach den Worten Gustav Stresemanns „eine einzige Munitionsfabrik“ werden. Gegen das „Hilfsdienstgesetz“ stimmte im Reichstag lediglich die „Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft“. Achtzehn Abgeordnete der SPD um Georg Ledebour und Hugo Haase, die den weiteren Kriegskurs der SPD nicht mehr mittragen wollten, hatten sich Ende 1915 in ihr zusammengeschlossen.

Das Gewicht der Opposition innerhalb der SPD zeigt sich z.B. bei der Entscheidung der örtlichen Parteiorganisation, die Nachwahl zu einem frei gewordenen Reichstagsmandat im Wahlkreis Grimma-Oschatz-Wurzen zu einem Bekenntnis gegen die Burgfriedenspolitik zu machen: Sie nominiert einen Gegner des Krieges, Richard Lipinski, als ihren Kandidaten. Er unterliegt gegen den konservativen Kandidaten mit 6288 zu 7974 Stimmen. Lipinski sieht in der Unterstützung seiner Position durch die Parteibasis eine „Probe aufs Exempel der Neuordnung der Partei“. (Lipinski 1917, 410)

Am 07. Januar 1917 trifft sich die inner-sozialdemokratische Opposition, um über ihr weiteres parlamentarisches und außerparlamentarisches Vorgehen zu beraten. Sie will die SPD wieder auf den Kurs einer antikapitalistischen Partei bringen. In der Entschließung der Konferenz heißt es: „Die während des Krieges vom Parteivorstand betriebene Politik ist damit unvereinbar, weil sie die Bourgeoisie stärkt, bei ihrer Machterweiterung stützt, die Arbeiterklasse dagegen noch mehr spaltet und in der Verfolgung des sozialistischen Zieles hemmt.“ (Reichskonferenz 1958 [1917], 527) Die SPD-Führung reagiert am 18. Januar mit dem Ausschluss der AbweichlerInnen. Damit tritt der Zerfall der alten SPD in eine neue Phase. (hier einige Zeitungsberichte aus dieser Zeit) Die Oppositionskonferenz vom 7. Januar wird zum Ausgangspunkt der Gründung der USPD im März 1917, die schnell zu einer Massenpartei wird.

Materna faßt für 1917 die Entwicklungen (mit dem Fokus auf Berlin) so zusammen: „… die allmähliche Formierung der Linken mit Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches u.a. zur Spartakusgruppe; ihr Verbleiben in der zentristischen Gruppierung um Georg Ledebour, Hugo Haase, Ernst Däumig u. a., der Führung der USPD und deren Reichstagsfraktion; der fortschreitende Meinungsumschwung in den Betrieben und die Herausbildung der Bewegung oppositioneller Gewerkschaftsfunktionäre, die als Ob- und Vertrauensleute in den Rüstungsfabriken, den Branchenkommissionen, schließlich auch in der mittleren Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV) als wichtigster Berliner Gewerkschaftsorganisation einflussreiche Positionen gewannen.“ (Materna 2009, 93)

Allerdings ist das Verhältnis zur Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft seitens der Spartakusgruppe – sicher aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre heraus – distanziert. Rosa Luxemburg hält es für eine Illusion, dass die SPD wieder so werden könnte, wie sie vor 1914 war. Franz Mehring beschreibt eine andere Seite der Situation im Februar 1917 so: „Es ist wohl begreiflich, dass vielen alten Genossen, denen die Partei zur wahren Heimat geworden ist, die Entscheidung schwergefallen ist oder schwerfällt, dass sie aus den Trümmern zu retten gesucht haben und suchen, was irgend zu retten ist. Allein alles auf der Welt hat seine Grenze.“ (Mehring 1973 [1917], 703) Aber dies ist eine andere Geschichte, die allerdings schon auf die neuen Spaltungen im Zuge der revolutionären Ereignisse 1918-1919 verweist.

Die Situationen in Russland in Deutschland unterscheiden sich also gar nicht so stark, wie man vielleicht meinte und meint. Mit dem Beginn des Krieges hatten die Herrschenden in Politik und Ökonomie gleichermaßen selbst die Systemfrage gestellt, worauf die tatsächlichen Massen, nicht etwa nur kleine Zirkel von BerufsrevolutionärInnen oder PolitikerInnen, mit ihrer eigenen Revolutionierung antworten.

 

Quellen und zum Weiterlesen

Lipinski, Richard. 1917. „Die Nachwahl in Grimma-Oschatz-Wurzen.“ Die Neue Zeit Jg. 35 (1. Band Nr. 17 vom 26. Januar 1917):405-410. (siehe auch die Quelle in der online-Bibliothek der FES)

Materna, Ingo. 2009. „Berlin – das Zentrum der deutschen Revolution 1918/1919.“ In Die November Revolution 1918/1919 in Deutschland. Für bürgerliche und sozialistische Demokratie. Allgemeine, regionale und biographische Aspekte. Beiträge zum 90. Jahrestag der Revolution, hrsg. von Ulla Plener, 92-103. Berlin: Karl Dietz Verlag. (siehe auch die Quelle im online-Angebot der RLS)

Mehring, Franz. 1973 [1917]. „Ein Schritt vorwärts.“ In Franz Mehring Gesammelte Schriften Bd. 15 Politische Publizistik 1905-1918, hrsg. von Thomas Höhle, Hans Koch and Josef Schleifstein, 703-704. Berlin: Dietz Verlag.

Reichskonferenz. 1958 [1917]. „Entschließung der Reichskonferenz der Parteiopposition vom 7. Januar 1917 über die Aufgaben der Opposition.“ In Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung Reihe II Band 1 Juli 1914 – Oktober 1917, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, 526-527. Berlin: Dietz Verlag.

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