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Aus Anlaß der Revolution 1905

Luxemburg bezeichnet im 1. Kapitel ihres Manuskripts „Zur russischen Revolution“ die Revolution(en) des Jahres 1917 als „Frucht der internationalen Entwicklung und Agrarfrage“ und sie verweist auf die „Sturmflut in den Jahren 1911 bis 1913“ in Russland. (vgl. Luxemburg 1974 [1918], 332)  Was meint sie damit?

Die Zeit nach der Revolution 1905 bis 1907 war durch Unterdrückung jeglicher Opposition und gleichzeitig wachsender Unzufriedenheit mit den Verhältnissen auf allen Seiten des politischen Spektrums in Russland geprägt: Die Reaktionäre waren mit den aus ihrer Sicht überzogenen Reformen unzufrieden, die Grundbesitzer erwarteten Förderung seitens der Regierung, die Unternehmer beklagten das Steuersystem und die Konkurrenz von Staatsbetrieben, die Intelligenz verurteilte Repressionen gegen akademische Einrichtungen, die Bauern forderten die Liquidation des Grundbesitzes (1910 bis 1913 kam es zu mehr als 13.000 Aufständen von Bauern) und die Arbeiter griffen immer öfter zum Streik als Mittel der Durchsetzung ihrer Interessen. Zwischen 1907 und 1909 wurden „mehr als 26.000 Menschen in politischen Prozessen verurteilt, darunter 5086 zum Tode. 1909 befanden sich rund 170.000 Gefangene hinter Kerkermauern. Die legalen Gewerkschaftsorganisationen waren unaufhörlichen Repressalien ausgesetzt; ihre Mitgliederzahl sank von 246.000 bis 250.000 im Jahre 1907 auf 13.000 (Ende 1909).“ (vgl. Laveryčev 1977, 244) Hagen meint gleichzeitig in dieser Zeit das Entstehen einer demokratischen Öffentlichkeit ausmachen zu können. Dies ist sicher nicht ganz unberechtigt. Das war sicher auch dadurch bedingt, dass der Staatsapparat, hier vor allem die Zensur, gar nicht in der Lage war, alles zu kontrollieren, so dass Milderungen eher Nachvollzug der Realität war.

Die Auseinandersetzungen sowohl innerhalb der russischen Oberschichten als auch zwischen Kapital und Arbeit spitzten sich zu, als der Streik auf den Goldfeldern im Lena-Gebiet (April 1912) blutig niedergeschlagen wurde. 170 Arbeiter wurden getötet, 196 verwundet.

Dabei waren Forderungen simpel und berechtigt; dazu gehörten: Lohnerhöhungen, Verbesserung der Lebens-, vor allem Wohnbedingungen, Einführung des Achtstundentages, nicht mehr mit „DU“, sondern mit „SIE“ angesprochen zu werden, schließlich die Entlassung einer Reihe von Leitern, die sich durch besonders schikanöses Verhalten hervorgetan hatten und Garantien für die Freiheit der Betätigung von durch die Arbeiter gewählten Vertretern (wie das Streikkomitee). (ausführlich: Lena-Goldarbeiter 1912)

Der Streik endete schließlich nach acht Monaten damit, dass 18.000 Arbeiter und ihre Familien die Goldminen verließen. (vgl. Dimitriev and Ėmontova 1970, 445) Gleichzeitig seien, so Kerenski (im Jahr 1917 nach der Februarrevolution kurzzeitig Minister und dann Ministerpräsident der Provisorischen Regierung), die Macht des Unternehmens beschnitten und die Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiter verbessert worden. (vgl. Kerenski 1989, 105) Die Legitimität der Forderungen wurde durch die Presse verschiedener politischer Orientierungen weitgehend bestätigt. Die Empörung in der bürgerlichen Öffentlichkeit über die Ereignisse an der Lena war groß. In der Presse wurde das Vorgehen der Lena-Gold-Gesellschaft und des Staates gleichermaßen als völlig inakzeptabel betrachtet. Hagen zitiert Pressestimmen, wie diese: „Die bestürzende Leichtigkeit, mit der die Waffen zur Anwendung gebracht werden zeigt, dass die Administration bei uns an die Tatsache des ökonomischen Kampfes mit völlig ungeeigneten, antiquierten Mitteln herangeht.“ (Hagen 2002, 249) Hintergrund war, dass das Unternehmen in der Region faktisch alle Seiten des gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens beherrschte. Die gesamte Infrastruktur, der Handel, die Zulieferer, die Verwaltung waren von ihm abhängig. Kerenski nannte die Lena-Goldfelder daher ein „kapitalistisches Utopia“. (vgl. Melancon 1994, 773)

In der Duma wurden die Ereignisse Gegenstand scharfer Angriffe auf die Regierung. Der Zustand der Verwaltungen war so desolat, dass Duma-Abgeordnete vor der Regierung Kenntnis von den Ereignissen hatten. (vgl. Hagen 2002, 256) Dies, obwohl die Geschäftsführung einen direkten Draht in die verschiedenen Ministerien hatte. Der Versuch des Innenministers, die Schuld für die Ereignisse den Arbeitern zuzuschieben, wurde von einem großen Teil der Abgeordneten und der Presse mit Empörung quittiert. In einem Artikel der bolschewistischen „Prawda“ vom 25.04.1912 wurde starke Verwirrung, Uneinigkeit und Schwanken konstatiert. Selbst die Polizei soll bezüglich der Proteste gegen das Massaker an der Lena in völlig unterschiedlicher Weise reagiert haben. Weiter heißt es, dass, obwohl das Proletariat kaum über eigene Organisationen verfügte und seine Zeitungen nicht offen sprechen konnten, ein hohes Maß an Einheit im Handeln und Einmütigkeit in der Beurteilung der Situation zu beobachten sei. (vgl. Dimitriev and Ėmontova 1970, 446)

Durch den Zaren selbst wurde schließlich Senator Manuchin zur Untersuchung der Vorgänge eingesetzt und mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet. Gleichzeitig setzte die Duma unter Leitung von Kerenski eine eigene Untersuchungskommission ein. In seinem Bericht wurden die Zustände in der Region „als menschenunwürdig, die Praktiken der Gesellschaft als gesetzwidrig bezeichnet, der Streik der Arbeiter als rein ökonomisch und friedfertig und das Schießen als unprovoziert scharf verurteilt.“ (Hagen 2002, 266) Die von der Regierung veröffentlichte Stellungnahme war dann sehr abgemildert und übernahm die Behauptung des Unternehmens und des verantwortlichen Offiziers, dass Kräfte mit „politisch zerstörerischen Absichten“ hinter den Streikenden gestanden hätten. (Hagen 2002, 273)

Entgegen der Empörung, die das Massaker in der Öffentlichkeit und in der Duma hervorrief, verhielten sich die Unternehmer in ihrer überwiegenden Mehrheit kühl berechnend und in den Konsequenzen nicht weniger brutal als ihr Pendant an der Lena: der Unternehmerverband von St. Petersburg bestimmte bezüglich der Forderungen von protestierenden Arbeitern, dass vor allem Forderungen nach Mitbestimmung konsequent abzulehnen seien. Zudem sollten streikende Arbeiter nach ihrer Entlassung in anderen Firmen nicht mehr angestellt werden. (vgl. Haimson 2005, 211) In der Kernfrage der Akzeptanz der Arbeiter als Wesen mit eigenen Rechten und eigener Würde klaffte zwischen den bürgerlich-medialen Verlautbarungen und der Wirklichkeit eine große Lücke. Sowohl die in den Ereignissen präsente Verflechtung von Staatsgewalt und Unternehmen wie auch die Reaktion des Unternehmertums zeigten, dass der ökonomische Kampf der Arbeiter immer mehr politischen Charakter annehmen musste – besser gesagt: Unternehmertum und Staat betrachteten ihn unabhängig von den Intentionen der Arbeiter als politisch. Lenin sieht in dem Massaker (nur) „den Anlaß für das Umschlagen der revolutionären Stimmung der Massen in einen revolutionären Aufschwung…“  (Lenin 1974 [1912], 92) – die Ursache lag viel tiefer. Bezugnehmend auf die Revolution 1905 schreibt er weiter: „Die Ereignisse zeigen, dass die Tradition des revolutionären Massenstreiks unter den Arbeitern lebendig ist und dass die Arbeiter diese Tradition sofort aufgegriffen, neu belebt haben.“ (Lenin 1974 [1912], 94)

So ist es nicht verwunderlich, dass das Massaker zu einem der Auslöser nicht nur kurz aufflackernder, sondern von sich dann bis 1914 hinziehenden Unruhen wurden. Haimson konstatiert für die unmittelbare Zeit nach dem Massaker, dass es vor allem jüngere und besser ausgebildete Arbeiter waren, die der revolutionären Stimmung zuneigten. Es ging ihnen neben materiellen Forderungen auch darum, dass sie ihre Menschenwürde geachtet sehen wollten. (vgl. Haimson 2005, 190ff.) Als Beispiel führt er Siemens&Halske in St. Petersburg an – ein Unternehmen, in dem überdurchschnittliche Löhne gezahlt wurden, dessen Belegschaft aber zu den ersten gehörte, die gegen die Ereignisse an der Lena protestierten.

Die Zahl der Streiks im Lande stieg von 222 im Jahr 1910 auf 466 (1912) und 1.671 (1913, Januar bis September), die der Streikenden im gleichen Zeitraum von 46.623 auf 725.491 und erreichte dann 678.564. Andere Quellen sprechen von jeweils über einer Millionen Streikenden. Dabei nahm die Bedeutung politischer Forderungen immer mehr zu: im Jahr 1913 erhoben 910 Streiks (vorrangig) wirtschaftliche Forderungen, 761 politische. Außerdem wuchs unter den Soldaten die Unzufriedenheit.

Diese Tendenz setzte sich auch 1914 fort. Die Streikwelle reichte von den Industriezentren Petersburg und Moskau bis nach Baku (Aserbaidschan) und Tiflis (Georgien). Zu den Forderungen der Erdölarbeiter von Baku gehörten: Erhöhung des Arbeitslohnes, Verbesserung der Ernährungs- und Wohnungssituation, Bau von Arbeitersiedlungen, Einführung des Achtstundentages, Abschaffung von (unbezahlter) Überstundenarbeit, die offizielle Anerkennung des 1. Mai als Feiertag, die Einführung allgemeiner Schulbildung u.a. Forderungen, um die es im Kern auch an der Lena gegangen war. (vgl. Dimitriev and Ėmontova 1970, 453ff.)

Die Situation, so hieß es in einer Rede im russischen Parlament (Duma) erinnere an den Vorabend der Revolution von 1905. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschob nur den Ausbruch dieser neuen Revolution. Und es war auch klar, dass diese Revolution von zwei Komponenten geprägt sein würde – vom Widerspruch zwischen den verschiedenen Fraktionen des herrschenden (und sich zunehmend zersetzenden) Blocks von Kapital, Staat und Adel auf der einen und dem schon mit Schärfe entfalteten Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit(erbewegung!) auf der anderen Seite. Die Prozesse 1917 und die Vielschichtigkeit der Auseinandersetzungen bis hin zum Oktober 1917 sind hier schon angelegt. In diesem Sinne war die Situation reif für eine Revolution; Verlauf und Ergebnisse waren schon keine Frage der Theorie mehr, sondern der Praxis. Die „Sturmflut in den Jahren 1911-1913“ wurde so zum Bindeglied zwischen der Revolution 1905-1907 und den Revolutionen 1917. Sie und die gewaltige Entwicklung des europäischen Kapitalismus machten die Fortsetzung der 1905er Revolution möglich. (vgl. Luxemburg 1974 [1918], 334)

 

Quellen und zum Weiterlesen

Dimitriev, S.S., and R.G. Ėmontova, eds. 1970. Chestomatija po istorii SSSR 1861-1917 Moskva Prosveščenie.

Hagen, Manfred. 2002. „Das Lena-Blutbad 1912 und die russische Öffentlichkeit.“ In Die russische Freiheit. Wege in ein paradoxes Thema, edited by Manfred Hagen, 242-277. Stuttgart: Steiner.

Haimson, Leopold H. 2005. Russia’s revolutionary experience, 1905 – 1917 : two essays, Studies of the Harriman Institute of Columbia University. New York: Columbia Univ. Press.

Kerenski, Alexander. 1989. Die Kerenski-Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Laveryčev, Vladimir Jakovlevič. 1977. „Die revolutionäre Bewegung in Rußland zwischen den beiden bürgerlich-demokratischen Revolutionen.“ In Klassenkampf und revolutionäre Bewegung in der Geschichte Russlands. Von den Anfängen bis zur Oktoberrevolution, edited by V.I. Bulganov, P. Hoffmann, V.T. Pašutov and G. Voigt. Berlin: Akademie-Verlag.

Lena-Goldarbeiter. 1912. „Требования бастующих рабочих Лензото, выработанные 3 марта и принятые общим собранием. 3 марта 1912 г. (Die Forderungen der Arbeiter von LENZOTO, erarbeitet am 3. März und angenommen auf einer allgemeinen Versammlung am 3. März 1912).“ accessed 16.01.2017. www.doc20vek.ru/node/2185. Eine Vorstellung über die Arbeitsbedingungen dieser Zeit gibt eine Fotoserie über die Geschichte der Region.

Lenin, W.I. 1974 [1912]. „Der revolutionäre Aufschwung.“ In W.I. Lenin Werke Bd. 18 April 1912 – März 1913, 91-99. Berlin: Dietz Verlag.

Luxemburg, Rosa. 1974 [1918]. „Zur russischen Revolution.“ In Rosa Luxemburg Gesammelte Werke Bd. 4 August 1914 bis Januar 1919, 332-365. Berlin: Dietz Verlag.

Melancon, Michael. 1994. „The Ninth Circle: The Lena Goldfield Workers and the Massacre of 4 April 1912.“  Slavic Review 53 (3):766-795. doi: 10.2307/2501519.

 

 

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