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Die Revolution im Februar kam nicht nur für die bürgerliche und „höfische“ Opposition überraschend. Obwohl sich die Bolschewiki im Verlaufe des Jahres 1916 reorganisieren (vor allem in den Fabriken und in der Armee) und auch andere linke Parteien sich konsolidieren können, scheint eine Revolution noch nicht unmittelbar bevor zu stehen. Führungen und viele AktivistInnen der unterschiedlichen linken Gruppen sind über die Welt verstreut. Ein bevorzugtes Ziel der Emigration von Linken verschiedener Richtung war die Schweiz, einige verschlug es nach Skandinavien, in die USA, nach Italien … Nur einige Beispiele zu Personen, die wenige Wochen später wichtige Rollen spielen sollten: Der Bolschewik Lenin und der Menschewik Martov waren in der Schweiz. Trotzki hatte es in die USA verschlagen. Der Tschernov von den Sozialisten-Revolutionären lebte in England. Die bolschewistischen Funktionäre Stalin und Kamenev (sie werden dann vor Lenins Rückkehr die starke petrograder Parteiorganisation führen) waren in sibirischer Verbannung. Die Rückkehr nach Russland bzw. in die Zentren revolutionärer Aktionen ab März 1917 zog sich über mehrere Monate, z.T. bis in den Herbst hin.

Betrachtet man die Aktivitäten der russischen SozialdemokratInnen im Exil, so deutet im Januar trotz der Unruhe im Lande (in den ersten zwei Monaten 1917 soll es über 1.000 politische Streiks gegeben haben) nichts darauf hin, dass sie mit einem kurz bevorstehenden revolutionären Sturm rechnen. Lenin sagt in einer Rede Anfang Januar: „Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben. Aber ich glaube mit großer Zuversicht die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß die Jugendlichen, die so ausgezeichnet in der sozialistischen Bewegung der Schweiz und der ganzen Welt arbeiten, daß sie das Glück haben werden, nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu siegen in der kommenden proletarischen Revolution.“ Diese Einschätzung mag auch mit der russischen Informationspolitik zu tun haben: Ab 20. Januar dürfen wegen einer Regierungskrise keine Zeitungen mehr ins Ausland geschickt werden.

Der Schwerpunkt des praktischen Wirken Lenins liegt zu diesem Zeitpunkt in den Auseinandersetzungen um die Position der internationalen linken Sozialdemokratie zum Krieg, zum Pazifismus und zur These der „Vaterlandsverteidigung“. In engem Zusammenhang damit engagiert er sich auch in der schweizerischen Sozialdemokratie. Sein Briefwechsel zu diesem Zeitpunkt zeigt, dass er hier viel Zeit und Kraft investiert. Zwar hält er es für unwahrscheinlich, dass die Schweiz unmittelbar in den Krieg hineingezogen wird – trotzdem bittet er am 16.01.1917 Ines Armand in Genf, die Parteikasse zu übernehmen. Genf würde im Kriegsfall von Frankreich besetzt, und damit hätte man noch Verbindung zu Russland. Am gleichen Tage hatte die Regierung der Schweiz eine Verstärkung des Grenzschutzes vorgenommen.

Es ist eine Zeit des Studierens. In den Jahren seit 1914 hatte Lenin sich intensiv mit philosophischen und ökonomischen Fragen befasst. Das Manuskript zu „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ war 1916 abgeschlossen worden. Nun studiert er Marx und Engels zu Fragen des Staates. Die entstehende Materialsammlung betitelt er „Marxismus und Staat“. Sie wird zur Grundlage der im August und September 1917 entstehenden Schrift „Staat und Revolution“. Sowohl der Kampf um eine eindeutige Position gegen den imperialistischen Krieg als auch die Auseinandersetzung mit theoretischen Fragen sind auf die Vorbereitung einer Revolution gerichtet.

Lenins späterer Gegenspieler Alexander F. Kerenski, erst Minister der künftigen Provisorischen Regierung, dann Ministerpräsident, hatte im Lande bleiben und politisch aktiv sein können. Kerenski war seit der Revolution 1905-1907 mit der Arbeiterbewegung verbunden, war Mitglied der Partei der Trudowiki geworden, hatte als Rechtsanwalt und Parlamentarier (seit 1912 bis 1917 erst stellvertretender, dann Fraktionsvorsitzender der Trudowiki, dann der Sozialisten-Revolutionäre) gewirkt, hatte noch 1914 gegen den Krieg gestimmt, wurde danach aber zum Kriegsbefürworter. Weder er noch andere legal arbeitenden Politiker hatten eine Revolution im Kalkül, wie sie dann ausbrach. Kerenski war der einzige Minister der ersten Provisorischen Regierung, der nicht schon unter dem Zaren hohe Posten innehatte. Auch das bestätigt, dass der Januar den Planungen des „Umsturzes von oben“ gehörte. Die ebenfalls an Veränderungen, wenn auch weniger grundsätzlichen, interessierte bürgerliche Opposition einschl. der rechten Sozialdemokratie hatten so das Personal für einen Neuanfang. Es mag dahingestellt sein, ob die Massen ihre einzige Hoffnung in der Duma, dem Parlament, sahen – so stellt es Kerenski in seinen Memoiren dar. Fakt ist, dass Kerenski und andere Funktionäre verschiedener mehr oder weniger linker Parteien und natürlich der Opposition aus Bürokratie und Bürgertum eben „da waren“, andere nicht.

Niemand anders als „die Massen selbst“ werden also einen Monat später die politischen Formen des Sturzes der Zarenherrschaft finden müssen. Die revolutionären Prozesse würden dann zeigen, ob und in welcher Weise die jahrelange meist illegale Arbeit der verschiedenen linken Strömungen langfristig Früchte trägt…

 

Quellen:

Hedeler, W. 2016. Die Rückkehr der Emigranten nach der Februarrevolution 1917 nach Russland, Pankower Vorträge Heft 205. Berlin: Helle Panke e.V. Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin.

Chonos. Vsemirnaja istorija v internete/Biografičeskij ukazatel’; www.hrono.ru/biograf/index.php

Lenin, W.I. 1957. „Ein Vortrag über die Revolution von 1905.“ In W.I. Lenin Werke Bd. 23 August 1916-März 1917, 244-262. Berlin: Dietz Verlag.

Kerenski, Alexander. 1989. Die Kerenski-Memoiren. Rußland und der Wendepunkt der Geschichte. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Zu Lenins Arbeit in den schweizerischen Bibliotheken und Archiven: www.sozialarchiv.ch/2016/03/16/vor-100-jahren-lenin-im-sozialarchiv/

Hedeler, Wladislaw, and Volker Külow. 2016. „Die Entstehung und Veröffentlichung von Lenins Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“.“ In Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. Kritische Neuausgabe mit Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke, herausgegeben und kommentiert von Wladislaw Hedeler und Volker Külow, 195-296. Berlin: Verlag 8. Mai.

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