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Antonio Gramsci zum 1.1.

occupationDer nachfolgende Text ist dank e-communication und vor allem der Arbeit von Thomas Sablowski schon verschiedenartig gekreist, aber er passt so richtig gut zu mehring1. Daher also auch hier:

Ich hasse den Neujahrstag

Jeden Morgen, wenn ich unter der Decke des Himmels wieder aufwache, fühle ich, dass für mich Neujahr ist.

Deshalb hasse ich diese Jahreswechsel mit unverrückbarer Fälligkeit, die aus dem Leben und dem menschlichen Geist ein kommerzielles Unternehmen mit seinem braven Jahresabschluss, seiner Bilanz und seinem Budget für die neue Geschäftsführung machen. Sie führen zum Verlust des Sinns für die Kontinuität des Lebens und des Geists. Man endet dabei, ernsthaft zu glauben, dass es vom einen Jahr zum anderen eine Auflösung der Kontinuität gäbe und dass eine neue Geschichte begänne, und man entwickelt Vorsätze und bereut Fehler, usw., usf. Das ist allgemein eine Unbill der Daten.

Sie sagen, dass die Chronologie das Gerüst der Geschichte ist; und das kann man zugestehen. Aber man muss auch zugeben, dass es vier oder fünf fundamentale Daten gibt, die jede anständige Person im Kopf eingehämmert behält, die der Geschichte Streiche gespielt haben. Auch das sind Jahreswechsel. Das Neujahr der römischen Geschichte, oder des Mittelalters, oder der Neuzeit. Und sie sind so zudringlich und so versteinernd geworden, dass wir uns selbst dabei ertappen, bisweilen zu denken, dass das Leben in Italien im Jahr 752 begonnen hätte und dass 1490 oder 1492 wie Berge wären, die die Menschheit auf einmal überschritten hat, um sich in einer neuen Welt wiederzufinden und in ein neues Leben einzutreten. So erfüllt das Datum den Raum und wird zu einem Geländer, das verhindert, zu sehen, dass die Geschichte sich auf derselben grundlegenden unveränderten Linie weiter entwickelt, ohne plötzlichen Halt, wie wenn im Kino der Film reißt und es eine Pause mit gleißendem Licht gibt.

Deshalb hasse ich Neujahr. Ich möchte, dass jeder Morgen für mich ein Neujahr ist. Jeden Tag will ich mit mir selbst abrechnen, und jeden Tag mich erneuern. Keinen für die Ruhe eingeplanten Tag. Die Pausen wähle ich mir selbst, wenn ich mich betrunken fühle vom intensiven Leben und eintauchen will in die Tierhaftigkeit, um daraus neue Kraft zu schöpfen. Kein geistiger Konformismus. Ich möchte, dass jede Stunde meines Lebens neu sei, auch wenn sie sich mit den vergangenen verbindet. Kein
Tag des Jubels im gezwungenen kollektiven Reim, zu teilen mit all den Fremden, die mich nicht interessieren. Weil die Großeltern unserer Großeltern usw. gejubelt haben, sollen auch wir das Bedürfnis zu jubeln verspüren. All das ist ekelerregend.

Ich warte auch aus diesem Grund auf den Sozialismus. Weil er all diese Daten auf den Müllhaufen schleudern wird, die schon jetzt keinen Widerhall mehr in unserem Geist haben, und wenn er andere schaffen wird, so werden es wenigstens unsere sein, und nicht jene, die wir ohne Nutzen aus dem Inventar unserer äußerst törichten Vorfahren akzeptieren sollen.

Erschienen in Avanti!, 20. Jg., Nr. 1, 1. Januar 1916. Wiederabgedruckt in: Antonio Gramsci, Cronache torinesi
1913-1917. A cura di Sergio Caprioglio, Turin: Einaudi 1980, S. 47f. Übersetzung aus dem Italienischen: Thomas
Sablowski.

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