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Rosa Luxemburg (um 1910)

Mit der offenen aber sympathie bekundenden Frage nach einem Neuanlauf mit Luxemburg schließt Gerhard Hanloser in den Grundenrissen (einer in Wien erscheinenden Theoriezeitschrift, die leider zum Ende des Jahres eingestellt wird) seinen lesenswerten Überblick über die Luxemburg-Rezeption der letzten Jahre. Er hebt vor allem auf die geschichtsphilosophische Neuausrichtung ab, die Luxemburg in ihrem Werk „Die Akkumulation des Kapitals“ (1913) vorgenommen habe:

Luxemburg, Lenin, Marx und Engels betonen allesamt die Vorzüge eines mit harter Knute vereinheitlichten Staates, weil sie einschätzten, dass ein solcher das Zusammenwachsen der Arbeiterschaft und somit die Bedingungen für eine sozialistische Revolution fördern würde. Karl Korsch bezeichnete diesen Glauben ab den 1950er Jahren nur noch als mythische Identifizierung der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie mit der sozialen Revolution der Arbeiterklasse. Und kein anderer als der Marxist und Antistalinist Roman Rosdolsky sprach in diesem Zusammenhang von einer idealistischen, hegelianischen Seite der Position von Engels von 1849 mit seinem barbarischen Konzept der ‚geschichtslosen‘ Völker, die staatlichen Großterritorien einfach zu weichen hätten. Auch durch Rosa Luxemburgs Text von 1908/09 weht dieser Geist – und bis zu ihrer Kommentierung der Russischen Revolution bleibt sie darin ungebrochen. Rosdolsky empört sich so über die „grotesk-doktrinäre Einstellung“ Rosa Luxemburgs, die den russischen Revolutionären „die selbstmörderische Politik empfahl, die ‚separatistischen Bestrebungen (innerhalb der Ukraine, G.H.) mit eiserner Hand … im Keime zu ersticken’“. (Rosdolsky 1979)

Dagegen präsentiert der Sammelband „Rosa Luxemburgs ‚Akkumulation des Kapitals’. Die Aktualität von ökonomischer Theorie, Imperialismuserklärung und Klassenanalyse“ von 2013 eine Marxistin, die sich weitgehend von der geschilderten Geschichtstheorie befreit habe. Vor allem Michael Löwys Aufsatz „Westlicher Imperialismus gegen Urkommunismus“ macht auf ihren Kampf gegen die zerstörerischen Formen der kapitalistischen Durchdringung vormals nicht-kapitalistischer Milieus aufmerksam. Sie spricht vom Kampf des Kapitalismus mit „naturalwirtschaftlichen Gesellschaften“ und „vom hartnäckigen Krieg des Kapitals gegen die sozialen und ökonomischen Zusammenhänge der Eingeborenen“, wobei sie detailreich die kolonialistische und imperialistische Politik in Asien, dem Osmanischen Reich oder Lateinamerika und Afrika darstellt. Die Auflösung subsistenzwirtschaftlicher Gemeinschaften ist hier nicht mehr notwendige und im Sinne einer höheren Geschichtsphilosophie wünschenswerte Auflösung alter, antiemanzipatorischer Verhältnisse, sondern stets ein Prozess der Destruktion gemeinschaftlicher Lebensformen, der neue Abhängigkeiten hervorbringt. Löwy konstatiert: „Indem sie die kapitalistische industrielle Zivilisation mit der kommunitären Vergangenheit der Menschheit konfrontiert, bricht Rosa Luxemburg mit dem linearen Evolutionismus, dem positivistischen Glauben an den ‚Fortschritt’ und all den banalen ‚Modernisierungs’-Interpretationen des Marxismus, die bis zu ihrer Zeit vorherrschten.“ Sie beschreibt dabei ähnlich präzise und klar die Trennung von Produktionsmittel und unmittelbaren Produzenten als Grundbedingung einer modernen kapitalistischen Wirtschaft wie Marx dies in seinem bekannten Kapitel zur „ursprünglichen Akkumulation“ tat. Sozialismus ist für Rosa Luxemburg am Ende ihrer Schrift „Die Akkumulation des Kapitals“ von 1913 „zugleich von Hause aus Weltform und harmonisches System, weil sie nicht auf die Akkumulation, sondern auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschheit selbst durch die Entfaltung aller Produktivkräfte des Erdrundes gerichtet sein wird“. Elemente der vorkapitalistischen Wirtschaftsformen, so zeigt Löwy, sind nicht mehr schlicht zur Strecke gebracht, sondern in veränderter Form Momente einer vollkommen neuen Gesellschaftlichkeit, die natürlich den Kapitalismus zu beerben weiß, aber die Produktion für die wirklichen Bedürfnisse zum Zweck hat.

„Die Akkumulation des Kapitals“ war aus Anlass ihres 100jährigen Erscheinens Gegenstand zweier internationaler Workshops.

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