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Eine Rezension von Brigitte Kratzwald (Graz)

Community Organizing (CO) entstand um 1900 in den USA und hat sich in Europa kaum etabliert, wohl auch, weil durch die Sozialstaaten die sozialen Konflikte wesentlich abgemildert wurden. Wichtige
Impulse kamen aus radikalen Gewerkschaften, der Bürgerrechtsbewegung und der Frauenbewegung. Mit
diesem Buch steht erstmals ein Gesamtüberblick über CO einer deutschsprachigen Leserschaft zur Verfügung, beschränkte sich doch bisher die deutsche Literatur auf sozialarbeiterische Fachliteratur
und einige wenige Bücher, die eher der Strömung nahestehen, die Maruschke als »liberal« bezeichnet. CO
wird verstanden als Konzept, »das Menschen zusammenbringt und organisiert, ihnen Auswege aus der
eigenen Ohnmacht bietet, ihren Einfluss auf die eigene Lebensrealität erhöht und auf diese Weise die Gesellschaft aus den alltäglichen Lebenszusammenhängen heraus politisiert«. Ein Ziel, das wohl alle in sozialen Bewegungen engagierten Menschen teilen, das aber selten genug erreicht wird. Für sie bietet dieses Buch wertvolle Denkanstöße. Obwohl hauptberufliche Organizer wesentlicher Bestandteil von CO sind, können auch selbstorganisierte Initiativen Anregungen finden, wie sie über ihre »Szene« hinaus jene Menschen erreichen können, die von gesellschaftlicher Ausgrenzung und Diskriminierung am meisten betroffen sind.
Im ersten Teil des Buches beschreibt Maruschke die historische Entwicklung des liberalen und revolutionären oder transformativen CO und konkretisiert den Unterschied zwischen beiden Ansätzen, nämlich: ob die strukturellen Aspekte alltäglicher Probleme und damit die verschiedenen in der Gesellschaft vorhandenen Konfliktlinien sichtbar gemacht werden. Revolutionäres CO betont den »Zusammenhang von konkreten Forderungen und umfassender Herrschaftskritik sowie von gesellschaftlicher Transformation und Selbstveränderung «. Liberales CO hingegen blendet diese strukturellen Ursachen aus und geht vom Vorhandensein gemeinsamer Interessen in Stadtteilen aus, die jedoch häufig die Interessen der Mittelschicht sind.
Den Hauptteil des Buches bildet die Beschreibung der Eckpunkte des revolutionären CO an Hand von vier
aktuellen Beispielen aus den USA, von denen drei Teil der auch bei uns bekannten »Right to the City«-Bewegung sind, und die Anwendung dieses Analyserasters auf zwei Initiativen in Deutschland, nämlich Kotti & Co und das Bündnis »Zwangsräumungen verhindern«. Sympathisch macht das Buch, dass keine fertigen Lösungen angeboten werden, sondern transformatives CO immer als unabgeschlossene »Suchbewegung« beschrieben wird. Revolutionäre Basisorganisationen könnten nach Maruschke wichtige Puzzlesteine schlagkräftiger sozialer Bewegungen sein, deren Stärke vor allem in ihrer Vielfalt liege. Gerade diese Wertschätzung der Vielfalt spricht aus meiner Sicht gegen die strikte Abgrenzung zwischen revolutionärem und liberalem CO. Ich würde es eher als eine Art Kontinuum sehen in dem die verschiedenen Aspekte unterschiedlich stark ausgeprägt sind, was auch strategisch sinnvoll sein kann. Wichtiger erscheint mir die klare Unterscheidung von den Formen neoliberaler Governance, die durch Pseudo-Beteiligungsprozesse die Durchsetzung von Kapitalinteressen legitimieren, wie sie im letzten Kapitel behandelt werden. Diese Kritik schmälert Maruschkes Verdienst in keiner Weise, im Gegenteil: wenn es gelingt, genau solche Diskussionen im deutschsprachigen Raum anzustoßen, hätte dieses spannende und interessante Buch seinen Zweck erfüllt.

Robert Maruschke: Community Organizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung. Verlag edition
assemblage, Münster 2014. ISBN 978-3-942885-58-4, 9,80 EUR.

Wir danken Brigitte Kratzwald für die Erlaubnis zur Zweitpublikation ihrer zuerst in CONTRASTE Monatszeitung für Selbstorganisation (Juli/August 2014) erschienenen Buchbesprechung.

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