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Pfingsten mit FOW (I)

friederIDer hier erneut vorgestellte Text von Frieder Otto Wolf wurde 2009 veröffentlicht, also drei Jahre vor unserem Buch „Den Krisen entkommen. Sozialökologische Transformation“. Dies erklärt, warum der hintere Teil noch nicht die „Drei Wege, die zugleich gegangen werden müssen“ enthält“. Darauf kommt es hier nicht an. Worauf es hingegen ankommt, sind zwei nach wie vor hochaktuelle Fragen: Erstens, ob mit dem Begriff „kapitalistische Gesellschaft“ unsere historische Realität gefasst werden kann. Zweitens, ob die wissenschaftliche und politisch-konzeptionelle Arbeit an gesellschaftlichen Alternativen von der Idee der grundlegenden Umwälzung der „kapitalistischen Gesellschaft“ und der Frage nach dem Subjekt dieser Umwälzung ausgehen sollte. Frieder Otto Wolf (FOW) erklärt nicht nur das dreifache „Nein!“, sondern begründet zum einen warum ein transformatorisches Herangehen vor allem auf die Schaffung von Bündnissen emanzipativ-solidarischer Kräfte fokussieren muss. Zum anderen entwickelt er die Bedingung für transformatorische Bündnisse. Diese Gedanken werden in unserem Buch weiterentwickelt, aber ihre notwendige Fortsetzung muss neu von Wolfs Marx-Reflexionen ausgehen. Nach FOW ist es ein Imperativ, die Marxsche Unterscheidung zwischen „kapitalistischer Produktionsweise“ und „moderner bürgerlicher Gesellschaft“ wie die Marxsche Entwicklung von Kapital als einem Herrschaftsverhältnis ernst zu nehmen. FOW hält es für eine Konfusion, das Kapitalverhältnis als die Basis der Gesellschaft, die letztendlich ihren Überbau bestimmt, anzusehen. Schließlich kann gesellschaftliches Leben nicht einzig über die Akkumulation des Kapitals reproduziert werden. Unentwegt finden Stoffwechselverhältnisse mit der Natur und Bewegung von Geschlechterverhältnissen statt. Dies bedeutet allerdings keinesfalls, die herrschende Produktionsweise als Zusammenspiel von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und integralen Bestandteil der gesellschaftlichen Basis zu relativieren. Die kapitalistische Produktionsweise strebt nach formeller und realer Unterordnung der Arbeit unter das Kapital. Das geschieht in dem Sinne, dass sie sich in anderen Produktionsweisen und Lebensbereichen geleistete Arbeitsprozesse und –ergebnisse unterwirft als auch in dem Sinne, dass sie neue Produkte in Waren und zusätzliche Arbeit in Kapital verwertende Lohnarbeit verwandelt. „Dort geleistete Arbeitsprozesse und –ergebnisse“ schließt sehr wohl koloniale bzw. imperiale Verhältnisse ein. Ergo: Gesellschaftsanalyse muss sowohl Stoffwechselprozesse mit der Natur, Geschlechterverhältnisse, Produktions- und andere gesellschaftliche Verhältnisse in lokalen, regionalen, nationalen, inter- und transnationalen Kontexten analysieren, will sie gesellschaftliche Reproduktion, gesellschaftliche Wirklichkeit begreifen und verändern helfen. Das setzt nicht erst zuletzt die Analyse historischer wie theoriengeschichtlicher Entwicklungen voraus. Die komplexe Analyse, die FOW an Hand des Entwicklung der Grundrente erklärt, offenbart eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, die in der vielfältigen Auseinsersetzung mit gesellschaftlicher Realität sehr unterschiedliche Dynamiken hervorbringen. Soll Gesellschaft zunehmend mehr Emanzipation, Solidarität, Ökologie ermöglichen und strukturell sichern, müssen Interessenübereinstimmungen aufgespürt, organisiert, realisiert und erneuert werden – es müssen nachhaltige gesellschaftspolitische Bündnisse zustande kommen, erhalten und weiterentwickelt werden. Das kann nur dann nachhaltig gelingen, erlangen die Akteure über die radikale Kritik der kapitalistischen Produktionsweise eine Konvergenz von Transformationsperspektiven. Es geht zum einen um eine Änderung der Richtung und der Art und Weise, in der sich gesellschaftliche Entwicklung vollzieht. Zum anderen geht es um die Schaffung einer neuen Produktionsweise als Bestandteil gesellschaftlicher Basis im Zusammenspiel mit solidarisch-emanzipativen Lebensweisen. Ohne die Selbstveränderung und Veränderung von Akteuren läuft da nichts.

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