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Luxemburg-BildEin Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus“ – ein Jahrhundertwerk bleibt aktuell, provokativ und produktiv

Unter dieser Überschrift hatten wir Anfang Februar 2013 einen Call for papers ausgelöst. Die Arbeit mit ihm und vor allem mit seinen Früchten, den eingereichten Texten, hat zunächst eigenes und gemeinsames Lernen, neue Arbeitskontakte, Absprachen zu weiteren Vorhaben und häufig nachgefragte Videomitschnitte erbracht.

Das klingt zunächst technisch, obwohl Lernen, Kooperation und die Herstellung von Öffentlichkeit keineswegs zuerst technische Angelegenheiten sind. Es sind soziale Prozesse, die emanzipativ-solidarische Gegenmacht zu den Herrschenden stärken sollen. Es sind Elemente im Kampf um Hegemonie. Zu diesem gehört, um das Bild, den Platz, den Umgang mit Rosa Luxemburg zu streiten.

Wenn Paul Zarembka, Jan Toporowski und Michael Krätke sich dafür engagieren, dass Rosa Luxemburg in der Wissenschaftsgeschichte, insbesondere in der Geschichte der politischen Ökonomie, in der universitären Lehre und vor allem in der Tradition linker Bewegungen gewürdigt wird, dann handelt es sich um wesentlich mehr als um Vollständigkeit: es handelt sich um eine andere Wissenschaftsgeschichte, eine andere Geschichte der politischen Ökonomie, eine andere Lehre und um eine andere Art politischen Lernens. Schließlich hat Luxemburg sich bemüht, Marx’s Historismus und Dialektik aufklärerisch fortzusetzen. Es ging ihr darum, das marxsche Prinzip der Kritik gesellschaftspolitisch wirksam zu machen. Daher hat sie viel Energie aufgebracht, um vor allem die Arbeiter/innen von den eigenen Erfahrungen ausgehend zu suchendem Lesen und selbständigem Denken zu ermutigen, ihnen politische Orientierungshilfen zu geben. Weil sie die freie Entfaltung der Einzelnen als die Bedingung für die freie Entfaltung Aller ansah und erstrebte, hat sie mit Marx und über ihn hinaus aufgedeckt und bekämpft, was das Ideal verfälscht und seine Realisierung behindert. Immer wieder hat sie gefragt, wie das Verfälschende in Ideologie, Wissenschaft, Alltagsdenken und Alltagspraxis entstanden ist und sich entwickelt; wie jene, die das Interesse an Freiheit und Gleichheit haben (können), fähig werden, die Verfälschungen zu durchschauen und zu überwinden.

Luxemburg wollte Marx einer veränderten wie sich verändernden Wirklichkeit näher bringen, ihn auf seine Forschungsergebnisse anwenden, seine Methode gebrauchen. Diese Wirklichkeit war voller Widersprüche. Luxemburg wollte sie begreifen und die Gesellschaft verändernde politische Strategien entwickeln. Entsprechend waren die Empirie, die Analyse der konkreten wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Entwicklungen in der Welt wie auch die ideologischen und wissenschaftlichen Reflexe dieser neuen Wirklichkeit für sie zugleich Bezugspunkt wie Gegenstand der Kritik. Dabei hat sie auch methodische Probleme, neu entstandene und entstehende Widersprüche deutlich gemacht; z. B. hat sie Marx’s Theorie gepriesen, aber im ersten Band des „Kapital“ vermeintliche Hegelsche Rococo-Elemente ausgemacht[1]. Wenngleich sie hoch sensibilisiert für die Probleme der Proletarierfrauen war, hat sie emanzipatives Potenzial der bürgerlichen Frauenbewegung unterschätzt. Als radikale Demokratin hat sie die Interessen der kleinen Bauernschaft wie die nationale Frage im Leben der Ausgebeuteten ernstgenommen, aber in der praktischen Politik nicht konsequent berücksichtigt … Dass solche Widersprüche produktiv gemacht werden können, beweisen Tove Soiland und Frieder Otto Wolf mit ihren Texten und Vorträgen.

Weil Luxemburg in der geistigen wie politischen Auseinandersetzung mit ihren Mitstreiter/innen, Kontrahenten und Gegnern keine Autoritäten gelten ließ, alle vorgeblichen Wahrheiten infrage stellte, blieb und bleibt sie als Intellektuelle attraktiv. Weil sie auf die selbständige Suche ihrer Genossinnen und Genossen nach Erkenntnissen und Möglichkeiten emanzipativ-solidarisch zu handeln, setzte , bleibt sie als Lehrende faszinierend. Für sie waren die Tätigkeit an der Parteischule, die Forschung und die praktische Parteiarbeit gleichwertige Elemente im politischen Leben. Dies erwartete bzw. forderte sie von ihren Kolleginnen, Kollegen wie von ihren Schüler/innen. Weil sie die „Einheit von Wort und Tat“ so rückhaltlos verkörperte, so leidenschaftlich lieben, natürliche und menschliche Schönheit so tief empfinden konnte, wird sie als Politikerin so gemocht.

Die Politikerin und Lehrerin Luxemburg hat die Wissenschaft bereichert: Indem sie das Kolonialsystem am Vorabend des ersten Weltkrieges historisch und logisch aus der Entwicklung und aus der „ganz normalen“ Akkumulation des Kapitals erklärte, hat sie die politische Ökonomie der kapitaldominierten Globalisierung begründet: jedes Kapital hat eine Geschichte; das Kapital der wirtschaftlich Mächtigsten hat eine trans- und internationale Geschichte. Seine Akkumulation hat im doppelten Sinne eine politische Dimension: zum einen verlangt die Akkumulation des Finanzkapitals die Partizipation von Akteuren im Staatsapparat und vor allem im Militär. Zum anderen wird diese Akkumulation auch politisch von eben diesen Akteuren forciert. So wird Expansion betrieben – zulasten vorkapitalistischer Milieus in den Sitzländern des Finanzkapitals und zulasten der vorkapitalistischen wie schwächeren kapitalistischen Milieus in der internationalen Arena. Die Akkumulation und insbesondere die Expansion des Finanzkapitals sind immer mit Auslandskrediten und Gewalt verknüpft. Luxemburg hat deren Bewegung analysiert. Sie hat über Engels hinausgehend die Geschichte, Praktiken und die Reproduktion von Kapitaloligarchien – auf Kapitalgesellschaften von großem Ausmaß gestützte Kooperationen der in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien Mächtigsten – erklärt. Dabei hat sie zugleich einen Schlüssel für die Beantwortung von zwei Fragen geliefert: Warum es den Herrschenden in den Zentren der kapitalistischen Produktionsweise immer wieder gelingt, ihre Hegemonie zu reproduzieren und: warum eine politische Ökonomie, die diesen Konsens durch die emanzipativ-solidarischen Kräfte aufkündigen, sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung einleiten helfen will, sich den Lebensweisen der Menschen und der Demokratisierung gesellschaftlicher Verhältnisse zuwenden muss. Sie hat entwickelt, warum gerade in den Widersprüchen der Kapitalakkumulation, der Finanzialisierung solidarische und ökologische Handlungsmöglichkeiten und –optionen aufgespürt und genutzt werden müssen und vor allem können. Das gelingt nur, wenn die Wirtschaftswissenschaftler/innen im Marxschen und Luxemburgschen Sinne die komplexe Wirklichkeit statt überkommene ökonomische Kategorien in den Fokus nehmen.


[1] Dazu auch die Beiträge von Frieder Otto Wolf und Peter Hudis auf dem Workshop Blog

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