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fem_oek[rezensiert von Rahel Wusterack]

Die Möglichkeit einer wertfreien Wissenschaft wird in weiten Teilen der Sozialwissenschaften aus guten Gründen bezweifelt. Die Mainstream-Ökonomie allerdings ziert sich meist, ihre normativen Grundlagen kritisch zu reflektieren und versteht sich als rein objektive und rationale Wissenschaft.
Anders die feministische Ökonomie: Mit explizit normativem Anspruch macht sie sich daran, die von traditionellen ÖkonomInnen ausgeblendeten Macht- und Ausbeutungsstrukturen unseres Wirtschaftssystems zu analysieren und das von einem männlichen Blickwinkel geprägte Wissenschaftsbild der Ökonomie zu hinterfragen. Beate Haidinger und Käthe Knittler legen mit dem schmalen Band »Feministische Ökonomie« eine fundierte Einführung in Geschichte, Theorie und Selbstverständnis derselben vor. Die feministische Ökonomie ist keine homogene theoretische Richtung, sondern setzt sich aus unterschiedlichen Ansätzen zusammen. Gemeinsam ist ihnen die Kritik am strategischen Schweigen der klassischen Ökonomie gegenüber den von Frauen dominierten Bereichen der »Wirtschaft«. Dieses strategische Schweigen hat Tradition:
Es gab neben den männlichen Ökonomen immer auch Ökonominnen, die bedeutende Beiträge zur  Theoriegeschichte geleistet haben. Doch kaum jemand spricht von ihnen und in den Lehrbüchern der Ökonomie sind sie nicht oder nur schwer zu finden. Ähnlich erging es den Frauen als Untersuchungsgegenstand: Die männlichen Pioniere der Wirtschaftswissenschaften ordneten Frauen der privaten, außerhalb der Ökonomie stehenden Sphäre zu. Ihre Arbeitsleistung in Form von Haus- und Reproduktionsarbeit wurde als nicht produktiv und damit irrelevant für Wirtschaftsmodelle angesehen. Als »produktiv « galt nur die Mehrwert-schaffende Lohnarbeit.
Die Ökonomie-Diskurse der Gegenwart sind nach wie vor von Ignoranz gegenüber geschlechtsbedingten ökonomischen Ungleichheiten sowie der Sphäre der Reproduktions- bzw. Care-Arbeit durchzogen.
Feministische ÖkonomInnen hingegen setzen die Kategorie Geschlecht als zentral für Fragen nach der ungleichen Verteilung verschiedener Arbeitsformen sowie der ungleichen Verfügung über Ressourcen, Zeit und Geld im globalen Kapitalismus. Aber auch andere Kategorien, anhand derer sich Ungleichverteilungen vollziehen (wie Herkunft oder Klasse), werden in ihren Ansätzen mitbedacht.
Der Band liefert einen Rundumschlag quer durch die Thematiken der feministischen Ökonomie: Neben der grundlegenden Kritik an der neoliberalen Ideologie des ökonomischen Mainstreams findet sich die kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Strömungen der feministischen Theorie. Die Folgen der zunehmenden
kapitalistischen Vermarktlichung von Care-Arbeit sowie die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Austeritätspolitik infolge der Finanzkrise werden beleuchtet. Zudem werden feministische Konzepte der
Wiederaneignung von Zeit, zum Beispiel durch ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert. Schlussendlich
wird klar: Das Private ist nicht nur politisch – es ist ökonomisch.

Bettina Haidinger/Käthe Knittler: Feministische Ökonomie. INTRO. Eine Einführung, mandelbaum kritik &
utopie, Wien 2014, 168 Seiten, 12 EUR, ISBN 978-3- 85476-629-2

Dieser Text erschien zuerst in CONTRASTE, März 2014. CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.

Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur, Neugründungen von Projekten, Kultur von „unten“ und viele andere selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge. Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.

CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhängig. Die  RedakteurInnen sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten ehrenamtlich und aus Engagement.

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