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Rezension: JusoLinke

Sascha Vogt (Hg.): JusoLinke. 40 Jahre theoretische Orientierung der Jusos – Vom Hannoveraner Kreis zum Netzwerk linkes Zentrum; spw-Verlag, Dortmund 2011, 184 Seiten, 11,90 EUR
Mit diesem vom derzeitigen Vorsitzenden der Jusos herausgegebenen Buch liegen Beiträge zur Geschichte der sog. „Juso-Linken“ vor, die sich 1971 als „Hannoveraner Kreis“ gründete. Das Buch gliedert sich in drei Teile: Im ersten werden bewusst subjektive Beiträge mehr oder minder prominenter Jusos dokumentiert. Danach folgen eher strategische Beiträge mit aktuellem Bezug, denen sich im dritten Teil drei theoretische Artikel zu Wirtschaftspolitik, Internationalismus und zum Verhältnis von Individualisierung und Solidarität anschließen. Abwesender gemeinsamer Hintergrund ist die bemerkenswerte Tatsache, dass die SPD seit 1998 ein Drittel ihrer Mitglieder und die Hälfte ihrer Wähler_innen verloren hat.
Im Hannoveraner Kreis, der sich später dann Juso-Linke nennt, sammeln sich innerhalb der Jusos die Anhänger_innen der Theorie des  staatsmonopolistischen Kapitalismus. Uwe Kremer und Reinhold Rünker steigen detailliert in die programmatischen Debatten und Modifikationen der Strömung vor und nach 1989 ein und führen die Leserin in den Dschungel der Strömungen und geografischen Zuordnungen der Jusos der 1970er und 1980er Jahre. Die Juso-Linke kann sich innerparteilich stabilisieren, etliche Vorsitzende stellen und nennt sich dann ab 1997 „Netzwerk Linkes Zentrum“, was schon im Namen die geänderte Selbstdefinition andeutet.

Nebenbei wird dann noch die Bedeutung der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus angedeutet. Einer nicht nur von Jusos geteilten Metatheorie, die „dem Staat eine entscheidende Rolle in der aktuellen Ausgestaltung der kapitalistischen Formation zurechnete, und daher auch auf die Besetzung der staatlichen Institutionen durch eine sozialistische Linke mit dem Ziel, den nur noch durch die Stützung des Staates weiter existierenden Kapitalismus in eine sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsform zu überführen, setzte“ (Scholle/Schwarz, S. 83). Der Staat sollte die wissenschaftlich-technische Entwicklung moderieren, und die Linke dessen Kommandohöhen erobern.

Das Buch zeigt, dass die Juso-Linke, ebenso wie andere Strömungen der Linken (oder der LINKEN), sich mit den Herausforderungen der Gegenwart schwertut – und dies mühsam und tendenziell nachholend diskutiert: Was ist die technisch/energetische Grundlage der nächsten Basisinnovation, ist ein ökologischer Kapitalismus möglich? Wie wirkt sich die postfordistische Individualisierung auf die Organisationen der arbeitenden Menschen aus? Wie geht eine moderne sozialistische Linke damit um, dass es frei nach Robert Castel heute zwei Arten von Individuen gibt: Zum einen diejenigen „nutzenmaximierenden“ Individuen, bereits im Überfluss lebend, die in ihrer übersteigerten Subjektivität meinen auf soziale Regeln verzichten zu können, zum anderen diejenigen „bloßen Individuen“, denen die Voraussetzungen für individuelle Freiheit in Form von sozialem und kulturellem Kapital fehlen. Durch diesen Prozess wird die Linke programmatisch und vermutlich auch personell zerrieben. Die Jusos reagieren darauf mit einer Art Milieutheorie, die davon ausgeht, dass das politische Bewusstsein nicht aus der Klassenlage ableitbar sei und – für einen Jugendverband weit wichtiger – auch Jugend zusehends kein biographischer Abschnitt ist, aus dem zwingend gemeinsame Interessen resultieren.

Gleichzeitig bleibt das Buch seltsam blutleer. Was es persönlich bedeutet, Juso-Linke/r zu sein, wird nicht recht deutlich. Hauptsächlich scheint Papier produziert worden zu sein. Indirekt macht das Buch deutlich, dass das, was heute als das golden age des rheinischen Kapitalismus angesehen wird, seinerzeit Gegenstand von Kritik war.
Online Quellen:
53 Thesen – Projekt Moderner Sozialismus, April 1989 (PDF, 55 Seiten)
Für eine Linke der Zukunft. Thesen zu jungsozialistischer Politik, Juni 2008 (PDF, 30 Seiten)
Forum Demokratische Linke 21

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