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Die Mosaik-Linke

Die Mosaik-Linke

Linke Medienarbeit im Online-Zeitalter
von Bernd Hüttner und  Christoph Nitz

Mit freundlicher Genehmigung der HerausgeberInnen entnommen aus: Bernd Hüttner/Christiane Leidinger/Gottfried Oy: Handbuch AlternativMedien, Neu-Ulm 2011, www.agspak-buecher.de, 22 EUR, 280 Seiten

I.
Viel ist derzeit von einer Mosaik-Linken, ja von einer Neuerfindung der Linken die Rede (vgl. Urban 2009). Ein gegenhegemonialer Block aus Gewerkschaften, GlobalisierungskritikerInnen, weiteren NGOs, sozialen Gruppen und Selbsthilfeinitiativen, kritischen Teile der kulturellen Linken, der Kirchen, und, so wäre hinzuzufügen, Teilen der radikalen Linken sei notwendig. Dieser Block müsse nach dem Prinzip der autonomen Kooperation nach gemeinsamen politischen Projekten und Zielen fahnden, neue Begriffe und neue Ansätze, vor allem innerhalb der Gewerkschaften, seien notwendig. Eine Kultur der gegenseitigen Toleranz und der Akzeptanz der spezifischen Bewegungs- und Organisationskulturen wäre die Schlüsselressource eines solchen „Bündnisses“, das dann, so die These einiger DiskutantInnen, kein Bündnis im klassischen Sinne mehr wäre.

Offen muss an dieser Stelle bleiben, wie institutionelle Akteure, wie Parteien und Gewerkschaften mit den nach ganz anderen Mechanismen funktionierenden Bewegungslinken „autonom kooperieren“ können, und ob die Parteiform Teil einer Mosaik-Linken sein sollte oder überhaupt sein kann und will, und ob die Mosaik-Linke nicht viel mehr ist, als das bewegungsnahe Diskurs-Beiwerk einer rot-rot-grünen Koalition (vgl. Korah 2010).

Hinzu kommt, dies zeigt sich jeden Tag, zuletzt bei den Herbstprotesten 2010: Es gibt keinen Mechanismus des wachsenden Protestes, unabhängig davon, was auf der realen Ebene an Ereignissen passiert: Normal- und Ausnahmezustand („Krise“) sind längst zusammengeschmolzen. Proteste und Alternativen müssen organisiert und ein solcher (gegenhegemonialer) Block geschaffen werden. Neben Begegnungen im realen Leben, in der politischen Arbeit oder in Kampagnen oder auf Kongressen, spielen dabei die Medien eine große Rolle. Welche Rolle können die linken Medien bei einem solchen cross-over zwischen Gewerkschaften und Bewegungslinken spielen? Können die Unterschiede im Habitus der Angehörigen der verschiedenen Milieus überwunden und die programmatischen Differenzen und Widersprüche produktiv gewendet werden?

II.

Linke und alternative Medienmacher/-innen nutzen heute eine immens gewachsene Vielfalt an Medienformaten. Das Repertoire reicht von der klassischen Printpublikation, die kostenlos oder im bezahlten Abonnement vertrieben werden, über die verschiedenen Formate des WorldWideWeb (Website, E-Mail, Social Web,Weblogs) bis zu den verschiedenen Strategien, die eigenen kritischen Inhalten in den herkömmlichen Medien vorkommen zu lassen.

Die linke Medienlandschaft und das linke Handeln in den Medien ist von zwei großen, sich überlagernden Widersprüchen gekennzeichnet: Der eine sind die Zielgruppen – und damit die Funktion und das Selbstverständnis linker Medien. Der andere sind die Unterschiede in der generationenspezifischen Nutzung von Medien.

Zum ersten Thema: Sollen die von den Linken selbst produzierten Medien nach innen interne Kommunikation leisten und der Selbstverständigung dienen oder sollen sie nach außen wirken, andere ansprechen und überzeugen? In welchem Format sie sich gerade bewegen, welche AdressatInnen sie erreichen wollen, ist vielen linken AutorInnen nicht recht klar. Hierzu gehört auch das unklare Verhältnis zu den herrschenden und etablierten Medien: Lehnt man diese ab, oder will man in ihnen vorkommen, und wenn ja, wie? Während viele hier noch Verschwörungstheorien anhängen um das Nichtvorkommen zu erklären, versuchen andere, in der Regel mit wechselndem Erfolg, linke Sichtweisen in den Medien zu platzieren. Geht es also um die bei LINKEN und Linken weit verbreitete Medienkritik oder gar Medienschelte, oder darum Medienkompetenz zu vermitteln und zu erlangen, und zwar als ProduzentIn eigener wie als KonsumentInen aller Medien? Konkret würde das die Aneignung von Differenzierungs- und Selektionskompetenz, von Orientierungs-, Produktions- und Gestaltungskompetenz bedeuten.

Stärken hat die Linke bei ihren nach innen gerichteten „eigenen Medien“, dies zeigen allein die entsprechenden Teile der Adressenübersicht in diesem Buch. Ein Kern sind die Titel, die auf dem Portal www.linksnet.de versammelt sind. Ihre Auflagen dürften zwischen 400 und 8.000 liegen. Viele von ihnen beschäftigen sich mit der Partei DIE LINKE oder programmatischen Fragen, die die gesamte Linke betreffen. Hier sind etwa die schon länger erscheinenden Titel wie SoZ, Sozialismus, ak. analyse und kritik oder auch die Blätter für deutsche und internationale Politik zu nennen. Es sind im Zuge der Fusion von WASG und PDS sogar Neugründungen erfolgt, die teilweise auch Strömungsorgane sind: lunapark (gegründet 2008), prager frühling (Mai 2008), marx21 (seit 2007, vorher als Sozialismus von unten/Linksruck) und zuletzt die von der Rosa Luxemburg Stiftung herausgebene Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis (Herbst 2009). Hinzu kommen diejenigen linken Tages- und Wochenzeitungen, die dem rot-rot-grünen Milieu zuzuordnen sind: Deren Auflagen sind – angesichts von 4 bis 5 Millionen WählerInnen allein nur der LINKEN – aber gravierend gering: taz 60.000, ND unter 40.000, junge Welt 15.000. Hinzu kommen jungle world und der Freitag als Wochenzeitungen. Die jungle verortet sich eher in einem antiinstitutionellen Milieu, das zwischen Antinationalismus und kulturlinken Themen osziliert. Der neue Freitag ist sehr heterogen, und sorgte vor allem mit seiner Verbindung von Online und Print für Aufsehen. Die jetzt als Wochenzeitung erscheinende Unsere Zeit – UZ der Deutschen Kommunistischen Partei erscheint in einem alltagskulturellen und politisch-programmatischen Paralleluniversum und ist deshalb für die hier interessierenden Fragen zu vernachlässigen. Summa summarum: Es dürften unter fünf Prozent der WählerInnen der LINKEN von deren eigenen Medien erreicht werden. Die Mitgliederzeitschrift der LINKEN namens DISPUT wird nicht etwa jedem Mitglied zugesendet, sie muss extra abonniert werden und erreicht vermutlich circa zehn Prozent der derzeit knapp 80.000 Mitglieder der Partei. Die Bundestagsfraktion gibt mit clara ein Publikumsmagazin heraus, das über die Arbeit der Fraktion informiert und kostenlos abonniert werden kann.

Ein nicht ganz unwichtiger Nebenaspekt ist, dass die WählerInnen der LINKEN nicht als interessante Zielgruppe für Anzeigen in Printmedien wahrgenommen werden, was dann wiederum Folgen für die Finanzierung von Medien hat. Wir können nur vermuten, dass dies daran liegen könnte, dass sie als „arm“ gelten. Was nur zur Hälfte stimmt, denn die andere Hälfte der WählerInnen der LINKEN, dies beweisen alle Untersuchungen, gehört dem sich lila-rot-grün definierenden Teil des oberen Drittels der Gesellschaft an.

Über welche Medien verfügen die anderen Parteien? Am bemerkenswertesten ist die Situation bei den Grünen, die derzeit um die 50.000 Mitglieder haben. Sie verfügen neben den direkt von der Partei (Schrägstrich) oder den von der Heinrich Böll-Stiftung herausgegebenenen Periodika, den Mitgliedermagazinen auf Landesebene (z.B. stachlige ARGUMENTE, Berlin) oder der eher langweiligen und grafisch schlichten Fachzeitschrift Alternative Kommunalpolitik, kaum über relevante Medien. In diesem Feld hat sich zwar 2006 mit dem Magazin polar eine Art Theorie-Magazin etabliert, sonst verfügt dieser Diskursraum nur noch über die schon 1983 gegründete Kommune, die aber zunehmend irrelevanter und wasd die Themensetztung angeht, obskurantistischer zu werden scheint.

Nicht viel besser sieht es bei den Gewerkschaften aus. Sicher, einige Einzelgewerkschaften verfügen über gut gemachte Mitgliederzeitschriften, die jedes der vielen Mitglieder erreichen (M. Menschen machen Medien, metallzeitung , ver.di publik). Dann gibt es mit den WSI-Mitteilungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans Böckler Stiftung ein wissenschaftliches Magazin und mit Mitbestimmung und böckler impuls zwei Printorgane der Hans-Böckler-Stiftung, die sich an ein größeres Publikum richten. Die Gewerkschaftlichen Monatshefte hingegen wurden 2004 geschlossen, mit www.gegenblende.de ist neuerdings ein Debattenblog online, der vom DGB verantwortet wird.

Die SPD verfügt über eine Mitgliederzeitung, die monatlich allen ungefähr 500.000 Mitgliedern zugesendet wird: den vorwärts. Mit Berliner Republik und der spw gibt es zwei parteiunabhängige Richtungs-, wenn nicht Strömungsorgane; zu nennen sind noch regionale Periodika, wie etwa perspektive21 (aus Brandenburg) und die von der Friedrich-Ebert-Stiftung herausgegebene Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte.

Nach diesem Exkurs in die realexisterende „eigene“ Medienlandschaft des rot-rot-grünen Milieus kehren wir nun wieder zurück zur zweiten großen Frage, die linkes Medienhandeln bestimmt: Welche Mediennutzung gibt es heute, gerade auch generationenspezifisch?

Die Medienlandschaft der letzten Jahre war von zwei grossen Trends bestimmt: Der vor allem durch die Verluste aus Anzeigeneinnahmen resultierende finanzielle Krise der Qualitätszeitungen und dem Aufkommen des Social Web.

72 Prozent aller über 14-jährigen in der Bundesrepublik sind heute online, in der Gruppe der 14- bis 29-Jährigen ist das Internet mit einer Nutzungsrate von nahezu 100 Prozent praktisch allgegenwärtig geworden. In der Generation 50plus nutzt annähernd die Hälfte das Internet, die größte Zuwachsrate bei der Netznutzung war im Jahr 2008 bei 60- bis 69-Jährigen zu verzeichnen: Jüngere und – unabhängig vom Alter – , besser ausgebildete sind internetaffiner. Jüngere lesen fast keine Tages- oder Wochenzeitungen mehr, ein Trend der auch in der Bewegungslinken bemerkbar ist und z.B. die Infoläden oder die wenigen noch existierenden linken Buchläden vor Probleme stellt. Ähnlich, wie historisch der Buchdruck, verändert die internetbasierte Informations- und Kommunikationswelt nicht nur die Art und Weise, wie Medien im breiteren Sinne genutzt werden. Eine Prognose, wie die Medienlandschaft in zehn Jahren aussieht, ist derzeit wohl schwer zu machen. Ihr Zentrum wird aber das Internet und alles was sich daraus noch entwickeln wird, sein. Das Netz hat bereits die Ökonomie sowie den Alltag der Gesellschaft tief greifend verändert – und dies wird sich fortsetzen. Was bdeutet dies nun für die LINKE bzw. die Linke?

Eine nichthegemionale Formation wie die Linken oder eine nichthegemoniale Partei wie DIE LINKE ist stark auf eigenen Zugang zur Öffentlichkeit angewiesen, durch eigene Medien, und durch kluges Auftreten in den anderen. Die „herrschenden Medien“ sind zwar nicht direkt feindlich, aber – im Vergleich – hatten die Grünen in ihren Anfangsjahren wohl mehr Sympathisant_innen in den etablierten Medien (wie ZEIT, Stern, Spiegel, Frankfurter Rundschau) als die LINKE heute. Die LINKE als Partei hat vermutlich zudem wenig SympathisantInnen unter MultiplikatorInnen und kommunikationsstarken AkteurInnen. Gleichzeitig muss eine Präsenz oder auch nur in den etablierten Medien oder in Formaten der politischen Talkshows zitiert oder genannt zu werden, nicht automatisch steigende Auflagen bedeuten. Dies zeigt das Beispiel der taz: Sie verfügt über eine lange Geschichte, ist nahezu überall verbreitet und erhältlich, sie hat eine hohe Medienpräsenz, auch im Fernsehen, trotzdem bleibt ihre Auflage seit Jahren gleich. Die Gründe dafür müssen an dieser Stelle offen bleiben.

Bezüglich der etablierten Medien hat die Linke, und noch weniger DIE LINKE, aber keine ausreichend fundierte und integrierte Strategie. Öffentlichkeitsarbeit ist auch Politik. Die Linke streitet viel über Inhalte, und die LINKE noch mehr über Personen. Wie sie in einer Mediengesellschaft kommuniziert werden, dafür gibt es wenig Bewusstein und kein ausreichendes Bemühen. Das berühmte Diktum von Niklas Luhmann „Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben wisssen, wissen wir durch die Massenmedien“ stimmt heute erst recht (Luhmann 1996). Wir plädieren nun nicht dafür, dass sich die Linke (und DIE LINKE) der Privatisierung und Personalisierung von Politik unterwirft, aber zumindest dafür die Tatsache anzuerkennen, dass der herrschenden zweistufige Fluss der Kommunikation von der Politik zu „den Medien“ und erst von da zu den BürgerInnen geht und dass dies vielerlei Auswirkungen hat, die in Rechnung zu stellen sind.

Die öffentliche Kommunikation, und das nicht als Einbahnstrasse verstanden, wird in der LINKEN als nachrangig angesehen, dabei sollten doch heute mindestens ein Fünftel der Ressourcen -wenn nicht mehr – für die kluge Kommunikation einer Botschaft aufgewendet werden (vgl. dazu u.a. auch Nitz 2008).

Alternative Medienarbeit mit Printmedien hat gegenwärtig nur geringe Bedeutung. Die „Alternativpresse“ war ein publizistisches Phänomen einer Zeit, in der gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen eine Gegenöffentlichkeit herausforderten und entsprechende politische Ressourcen vorhanden waren. Unbestreitbar gibt es auch einen Funktionsverschiebung der alternativen Medien: (Ehemals) alternative Themen erhielten Einzug in den etablierten Medien. Zweitens sind heute mit dem Internet ganz andere Formen – von zumindest netz-öffentlichem Auftreten – möglich. Nicht zuletzt haben die Professionalisierung und Kommerzialisierung ehemals alternativer Themen die Gesellschaft stark verändert. Ein Merkmal alternativer Medien, wie z.B. die angestrebte Zweiwege-Kommunikation, wird heute besser durch das Internet umgesetzt als jemals von alternativen Printmedien.

Das Ergebnis einer 2006 durchgeführten Untersuchung zum Zustand alternativer Printmedien (vgl. Hüttner 2006) zeigt, dass die Szene der alternativen Stadtzeitungen, die als die klassischen alternativen Medien galten, tot ist. Die klassische, lokal und regional ausgerichtete Form der Stadt- und Stattzeitung der 1980er und 1990er Jahre gibt es schon länger nicht mehr. Diese lokale Form konnte bislang auch nicht von Projekten, egal ob Print oder Online, die der LINKEN nahestehen, ausgefüllt werden. Immerhin wäre DIE LINKE zumindest theoretisch ein Akteur, der zumindest personell wirklich flächendeckend in der Bundesrepublik agieren könnte.

Lokale Kommunikation setzt sich heute eher durch Online-Angebote um. Hier gibt es, bis hin zu Kleinstädten interessante lokale und regionale Angebote, die partizipativ organisiert sind und zeitnah agieren können. Die Tatsache, dass es immer weniger Menschen gibt, die ehrenamtlich an einem Printmedium mitarbeiten können und wollen, ist gravierend. Der Zwang zur Existenzsicherung führt zunehmend dazu, dass die für ehrenamtliches Engagement notwendigen Freiräume kleiner werden. Viele Medienprojekte scheitern nicht deswegen, weil sie zu wenig Geld haben (zu wenig Geld hat man immer), sondern weil es niemand mehr gibt, der die Arbeitmachen will. Diskutabel wäre auch, inwiefern die wenigen derzeit existierenden alternativen Medien auch etwas mit einem weniger an Bewegungen zu tun haben und dem Umstand dass viele in den Bewegungen Medien und Medienarbeit im Vergleich als nicht so wichtig ansehen.

 

III.

Heute wäre es angebracht, dass alternative und linke (Print)Medien ein Umfeld schaffen, in dem und durch das die Leser/ -innen sich selbst belehren, sich aufklären können oder zur Selbstbildung angeregt werden. Damit verbunden ist der Aspekt, dass in den historischen alternativen Medien die Wirkungsmacht von Information überschätzt wurde – und dies auch heute noch wird. Information führt eben nicht automatisch zu Bewusstsein oder gar Handlungen. Hilfreich wäre ein stärkeres Besinnen auf die eigenen Wurzeln. Eine Stärke der alternativen Medien war ihre Politisierung des Subjekts, war, dass sie den Alltag diskutieren, wenn nicht gar revolutionieren wollten und sich damit vom klassisch-linken Revolutionsmodell abwandten. Eine weitere, dass sie wirklich vernetzt waren, ohne dies zur Ideologie zu erheben, wie es später dann geschah. Die Forderung, dass Leser/-innen auch Produzent/-innen sein sollten, lässt sich heute im Netz verwirklichen, vor allem über Weblogs, Wikis und die anderen Formen des SocialWeb (vgl. Ebersbach/Glaser/Heigl 2011).

Das Internet ist schnelllebig, und trotz allem technikzentrierten Hype: intransparent. Wie wird denn die Bedeutung einer Informationen im Internet sichtbar, oder gar geschaffen? Wie kann der Nutzer und die Nutzerin die Relevanz einer Internetseite erkennen und bewerten? Schafft die Tatsache, dass potentiell jede/-r Beiträge einsenden kann, wirklich mehr Qualität? Schafft der höhere Grad an Partizipation wirklich mehr Einsicht, oder führen die alternativen elektronischen Medien nicht eher zu einer Form der relativ bedeutungslosen Vielleser- und -wisserei? Siegt wirklich die vielzitierte „Weisheit der Vielen“ über den Wahnsinn des (digitalen) Mobs? Vom ökonomischen Aufwand her betrachtet, haben sich die Kosten für die „netz-öffentliche“ Darstellung „alternativer“ Inhalte im Vergleich zum Druck einer Zeitschrift ja ungeheuer verringert, sie gehen bei Online-Formen sozusagen gegen Null. Gleichzeitig ist potentiell (aber eben auch nur das) eine unbegrenzte Zahl von Leser/-innen erreichbar.

IV.

Das Internet verringert die Bedeutung von Printmedien. Politisches Handeln entsteht aber nicht in virtuellen Räumen, sondern an realen Orten. Politisches Handeln erfordert reale Akteur/-innen, erfordert Begegnung und Bildung statt Halbwissen oder Polemik. Die alternativen Medien müssten sich heute angesichts der Informationsflut weiterentwickeln und neu erfinden, z.B. als vertrauenswürdiger gatekeeper, als zuverlässiger Informationsselektor und als Initiator von Debatten. Gerade diese letztgenannten Funktion scheuen aber Parteimedien sehr stark, und auch fast alle anderen hier genannten Medien sind auf ihre Linie, ihre Schule festeglegt, was ihre Inhalte dann vorhersehbar und die Lektüre gelegentlich zur Anstrengung werden lässt. Die Medien der Zukunft, auch die der Linken werden eh von einer Kombination aus Print- und Online-Praktiken gekennzeichnet sein. Bei der LINKEN und in ihren vielen lokalen Publikationen gibt es noch zu wenig Reflektion über die eigene Medienarbeit. Will man nun vor Ort Betroffenenberichterstattung machen, oder – aus Sorge um die Demokratie – eine eher ergänzende Funktion zur sonst ja stark umworbenen Tagespresse einnehmen? Oder soll den eigenen Medien eine emanzipatorische Funktion zukommen, sollen sie den Leser/ -innen ein Instrument zur Selbstermächtigung und zur Reflektion der eigenen Lebenswelten und ihrer Bedingungen sein? Will man die Öffentlichkeit erreichen, oder die eigenen Mitglieder ansprechen?

Die Medien der Partei weiterentwickeln sollen die zumeist ehrenamtlichen Aktiven, die mindestens einmal im Monat eine Zeitung des Kreisverbandes oder ein Blatt für den Ortsteil herausbringen (vgl. die Liste des Archiv Demokratischer Sozialismus 2010). Hier ist zu beobachten, dass zwar in den neuen Bundesländern immer noch relativ mehr Titel erscheinen, es aber auch in den alten mittlerweile viele Titel gibt.

Besonders mit den neuen Möglichkeiten des Internets hat es DIE LINKE nicht leicht. Online-Arbeit wird vor allem als ein weiterer Kanal der Einwegkommunikation verstanden. Mit dem, was sich unter dem Begriff „Web 2.0“ subsumiert, tut sich DIE LINKE noch sehr schwer. Neue Angebote wie Wikis, Blogs – meist unzutreffend mit dem deutschen Begriff „Tagebücher“ übersetzt –, Foto- und Videoportale sowie die so genannten sozialen Netzwerke wie XING, Facebook, twitter oder StudiVZ verändern die bis dahin auch im Internet übliche Form der Medienrezeption. Professionelle AkteurInnen erstellen Medienprodukte, die über verschiedene Kanäle dann beim Endverbraucher landen, der bestenfalls darüber entscheiden kann, was er zur Kenntnis nehmen möchte und was nicht – und verlässt sich dabei zunehmend auf die Empfehlungen seines individuellen Online-Netzwerkes. Das neue Netz verweigert sich der linearen Sender-Empfänger-Perspektive und schafft neben den bekannten Nachrichten-Emittenten neue Akteure, die sich an neue Publika richten. „Die Deutschen verändern ihre Mediengewohnheiten“ – meldete der Branchenverband BITKOM im Oktober 2008, nur DIE LINKE ändert ihre Gewohnheiten nicht. Entsprechend nüchtern fallen die Urteile über die Bemühungen der Partei mit der neusten Mediengeneration aus: „Die Partei ist bisher fast nicht im sozialen Netz aktiv, wenn man von den Aktivitäten der Linksfraktion absieht“ – so das Resümee von Markus Beckedahl in der 5. Kurzstudie „Politik und Web (newthinking communications GmbH 2009).

Ob das im Rahmen der Programmdebatte der LINKEN im Herbst 2010 lancierte Papier „It´s the internet, stupid“ (Ramelow et al. 2010) hieran grundsätzlich etwas ändern kann, bleibt zu hoffen. Immerhin ist es das erste Dokument, das die Problematik und einige ihrer Facetten aufgreift und Analysen und deren Bedeutung für die LINKE stark macht.

Notwendig ist es auch, gerade im parteiaffinen Milieu Medienproduktions- und –Gestaltungskompetenz aufzubauen, schon allein auch als Strategie gegen die Übermacht des eigenen Apparates. Die Bewegungslinken verfügen über diese Kompetenzen bereits und eignen sie sich selbsttätig an, was ein Blick auf verschiedene gut gemachte websites wie labournet.de oder dazwischengehen.org sofort deutlich macht.

IV. Neuerfindung der Linken

Kooperation, Kreativität, Gleichheit – die Schlüsselbegriffe für eine neue progressive Ära (vgl. Misik 2010) werden bislang kaum mit der parteipolitischen Linken assoziiert. Zu einer Mosaik-Linken ist es noch ein weiter Weg, wenn man diesen Begriff nicht einfach beschönigend und positivistisch zur Beschreibung der realexistierenden Vielfalt oder des unverbindlichen Nebeneinander benutzen will. Nötig ist immer noch eine Transformation des Alltagsbewusstseins, ein Abschied von Leistungs- und Nützlichkeitsrassismus, von Wachstums- und Mobilitätswahn, und die Ermöglichung neuer Geschlechterverhältnisse. Gerade DIE LINKE sollte sich den internetaffinen Milieus des kreativen Prekariats öffnen, ihr Politikmodell ein Stückweit ändern: Statt immer nur Forderungen zu stellen, und das eigene individuelle Leben so weiterzuleben wie bisher, sollte DIE LINKE die kulturelle Modernisierung der Gesellschaft wahr- und aufnehmen. Zumal die Gesellschaft und die Bewegungen immer schon weiter ist/sind, als das tendeziell strukturkonservative politische System. Dies wäre ein kleiner Beitrag zur Neuerfindung der Linken und dies wäre das – noch zu schaffende und zu organisierende und zu kommunizierende – kulturelle und politische Hinterland, das die alltagsrelevante Basis des neuen hegemonialen Blocks einer Mosaik-Linken bilden würde (vgl. dazu auch Korah 2010). Ohne das ist alles nichts.

Literatur

  • Archiv Demokratischer Sozialismus 2010: Archiv Demokratischer Sozialismus der Rosa Luxemburg Stiftung: Kleine Zeitungen der Partei DIE LINKE und ihres Umfeldes, Stand August 2010 (online unter: www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/ADS/Kleine_Zeitungen_der_LINKEN_2011.pdf, abgerufen 26.1.2011; die Liste enthält auch nicht mehr erscheinende Titel)
  • Ebersbach/Glaser/Heigl 2011: Anja Ebersbach, Markus Glaser und Richard Heigl: Social Web, Konstanz (2. verb. Auflage)
  • Hüttner, Bernd, 2006: Verzeichnis der Alternativmedien, Neu-Ulm
  • Hüttner, Nitz 2010: Bernd Hüttner/Christoph Nitz: Linke Medien vor und nach der Internetrevolution, in Gabriele Hoofacker: Bürgermedien, Neue Medien, Medienalternativen, München 2009, S. 33-50
  • Korah 2010: Walter Korah: Leerformel oder politischer Aufbruch?, in Luxemburg H. 1/2010, S. 38-42
  • Luhmann 1996, Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, Wiesbaden, zitiert nach Thymian Bussemer: Politik, Presse, Publikum. Zum Zustand der öffentlichen Kommunikation, in vorgänge, Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftspolitik H. 192 (Wandel der Öffentlichkeit, Dezember 2010), S. 66-74
  • Misik 2010, Robert Misik: ANLEITUNG ZUR WELTVERBESSERUNG. Das machen wir doch mit links; Berlin
  • newthinking communications GmbH 2009: newthinking communications GmbH: Politik im Web 2.0. Welche Parteien und Spitzenpolitiker nutzen das Social Web für sich?; Stand 8.7.2009 (online unter www.netzpolitik.org/wp-upload/kurzstudie-politik-im-web-2-auflage5.pdf, 8.1.2011)
  • Nitz 2008: Christoph Nitz: It’s the Werte, stupid! Die Chancen und Fehler politischer Kommunikation. rls-Standpunkte 26/2008 www.rosalux.de/publication/27727/its-the-werte-stupid.html
  • Ramelow et al. 2010: Bodo Ramelow, Perta Sitte etc.: „It’s the internet, stupid“. DIE LINKE sollte mit ihrem Programm nicht im 20. Jahrhundert stehen bleiben Diskussionsbeitrag zum Programmentwurf (7. November 2010) (online unter: www.bodo-ramelow.de/fileadmin/bodoramelow/Dokumente/It%27s-the-internet_Programmdiskussion2010.pdf, 26.1.2011)
  • Urban 2009, Hans-Jürgen Urban: Die Mosaik-Linke. Vom Aufbruch der Gewerkschaften zur Erneuerung der Bewegung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 5, 71-78 (online unter: hans-juergen-urban.de/archiv/literatur/2009_mosaik_linke_bfduip.pdf; 26.1.2011)
  • Winter 2010: Rainer Winter: Widerstand im Netz. Zur Herausbildung einer transnationalen Öffentlichkeit durch netzbasierte Kommunikation; Bielefeld 2010

Die Autoren: Bernd Hüttner leitet das Regionalbüro Bremen der RLS und ist Vorsitzender von LIMA e.V., Christoph Nitz lebt in Berlin und ist Geschäftsführer von Linke Medienakademie e.V.

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